Heiß-kalte Nacht

Meine Schuhe versinken bis weit über die Knöchel im Schnee, als ich aus dem Taxi steige und wie ein Storch zur Haustür stakse. Ein paar Stunden hat die Nacht noch, bevor sie vom Licht eines neuen Tages abgelöst wird. Ich wanke die Stufen hinauf, krächze meinen Katern liebgemeinte Worte zu und verschwinde müde unter der Dusche…

Acht Stunden zuvor:
Mein Freund steht bereits unter der Dusche, während ich noch nach Motivation suche, mich von der bequemen Couch zu erheben. Der Winter ist zurück und hat tagsüber ganze Arbeit geleistet. Es schneit ununterbrochen und der Winterdienst hat alle Hände voll zu tun. Es ist acht Uhr abends. In einer halben Stunde werden wir abgeholt. Mein Freund hat mich dazu überredet, ihn und seine Arbeitskollegen in einen Club zu begleiten. Die Diskothek auf der anderen Seite der Stadt ist für sein sehr junges Publikum bekannt und wir haben es in all den inzwischen sieben Jahren, die wir hier leben, nicht einmal betreten und meine Lust, mit dieser Tradition zu brechen, ist gering. Dennoch sind wir pünktlich fertig und sitzen bald im Font eines Ford. Für den Club ist es noch zu früh und wir treffen uns alle bei Jasmin. Zu zwölft verteilen wir uns in ihrem Wohnzimmer und schröpfen den zusammengetragenen Vorrat an Bier, Wodka, Sambuca und Caipi – behutsam natürlich, damit der Abend kein vorschnelles Ende nimmt. Mit diesen Getränken und netten Leuten geht die Zeit schnell vorbei und schon machen wir uns auf den Weg in die winterliche Nacht. Wer nichts getrunken hat, gibt den Fahrer, wer übrig bleibt, nimmt ein Taxi.

Erst vor der Diskothek in der Nähe der Autobahn treffen wir uns alle wieder. Ein bisschen nervös bin ich schon, mein letzter Clubbesuch liegt inzwischen einige Jahre zurück. Wir halten uns einfach an die Profis, lächeln brav in die Kamera und sind flugs drin. An den Wänden hängen Gemälde in verzierten goldfarbenen Rahmen und altmodische Leuchter hängen von den Decken. Schon an der Garderobe ist es wühlig und scheinbar unübersichtlich. Kurz darauf betreten wir den ersten Barbereich und machen da weiter, wo wir in Jasmins Wohnzimmer aufgehört haben: bei kalten Getränken. So präpariert wechseln wir wenige Meter weiter auf den ersten Dancefloor. Laser schneiden die Luft in feine Scheiben und die Beats massieren das Trommelfell. Dann passiert etwas Seltsames: Irgendwie gefällts mir. Entgegen der strikten und bei jeder Gelegenheit wiederholten Ankündigung, keinesfalls und unter überhaupt gar keinen Umständen zu tanzen, wippen meine Füße rhythmisch, meine Schultern beginnen sich wie von Geisterhand zu bewegen und bald hat es mich doch voll erwischt. Schon fallen die Hüllen – na ja, mehr als den warmen Pullover ziehe ich hier nicht aus – und dann gibt es auch kein Halten mehr.

Nach gefühlt kurzer Zeit wechseln wir den Floor und ich finde mich in rustikaler Kulisse wieder. Keine Laser mehr. Und die mitreißenden Beats von eben sind überwiegend deutscher Musik der Achtziger und Neunziger (und ich glaube Sechziger und Siebziger) gewichen. Hier ist es voller, großartig bewegen kann man sich nicht. Die Luft ist so mit Zigarettenqualm geflutet, dass mir das Atmen schwer fällt. Da hilft nur eins: Ich kämpfe mich zur Bar durch und versorge mich mit einem kühlen Getränk. Ab einem gewissen Pegel finde ich die Musik erträglich, gestatte meinen Füßen wieder zu wippen (zu mehr ist auch kein Platz) und genieße die Gesellschaft. Als sich unsere Mitfahrgelegenheit irgendwann auf den Heimweg machen möchte, beschließen mein Freund und ich, noch zu bleiben.

Gegen vier Uhr sammeln wir unsere Klamotten an der Garderobe wieder ein und treten hinaus in die kalte Nachtluft. Meine Stimme ist dank Qualm und Sangeskünsten für heute dahin, mehr als ein kakophonisches Krächzen kann ich meiner Kehle nicht mehr entlocken. Es schneit noch immer heftig und es sieht so aus, als hätte es die ganze Zeit über auch nicht aufgehört. Wir schnappen uns ein Taxi und lassen uns durch den vielen Schnee nach Hause kutschieren. Zufrieden, überrascht, stinkend und müde.

Ansichtssachen

Der gestrige Samstag hatte es in sich. Zunächst fuhren wir am frühen Nachmittag über die Autobahn nach Hamburg, um John und Becky einzusammeln. Ursprünglich wollte ich unbedingt ins Museum für Hamburgische Geschichte. Wie wir leider feststellen mussten, schließt das Museum täglich schon um 17 Uhr – außer sonntags, was ich ziemlich blöd finde. Weil wir keine Lust hatten, durch die Ausstellungen zu rennen, entschieden wir uns kurzerhand für die Alternative: Eine Fotoausstellung in den Deichtorhallen. Das Haus der Photographie war zuletzt 2011 mein Ziel gewesen, wo ich mir Interpretationen von Traummännern ansehen durfte. Leider darf man in der Ausstellung selbst keine Fotos schießen. Nachdem wir mit der U-Bahn angereist waren und das letzte Stück durch eisige Kälte liefen, löste Becky unsere Tickets für nach wie vor 9 Euro pro Person. Da die bisherige Ausstellung der Fotografien von Albert Watson verlängert und sich gleichzeitig seit gestern die Räumlichkeiten mit einer weiteren Ausstellung teilt, vermischen sich die Eindrücke, zumal es keine wirkliche optische Trennung gab. Während Watson Aufnahmen von Prominenten aus Musik und Film inszenierte, stellen sieben weitere Fotografen ihre Werke in der Reihe “Gute Aussichten – junge deutsche Fotografie” aus, die mal abstrakt, mal nachdenklich, erschütternd und anmutig daherkamen.

Als wir die Ausstellung nach einer guten Stunde wieder verließen, war die Dämmerung bereits über die Stadt hereingebrochen und verhüllte alles mit einem intensiven Blauschleier. Wir hatten noch ein weiteres Ziel an diesem Nachmittag, bevor wir uns auf die Jagd nach etwas Essbarem machen wollten: Die U4! Die U-Bahn-Linie 4 führt direkt in die HafenCity und ist erst vor kurzem eröffnet worden. Dabei interessierten mich zwei Dinge ganz besonders: Die beiden neuen Haltestellen und die neuen Züge. Letzteres blieb uns leider verwehrt, weil der neue DT5 außer zu Testzwecken noch nicht im öffentlichen Schienennetz unterwegs ist. So fuhren wir also vom Hauptbahnhof aus im DT4 zunächst zur Haltestelle “Überseequartier” und waren – aufgrund verwirrender Auskünfte – gespannt, ob der Zug noch eine Station weiter fahren würde. Diesmal hatten wir Glück, die U-Bahn setzte sich in Bewegung und fuhr wenig später in die wohl designstärkste Haltestelle ein, die Hamburg derzeit zu bieten hat: “HafenCity Universität”. Alle Fahrgäste verließen hier den Zug, weil die Strecke noch nicht weitergeht. Am auffälligsten in dieser Station sind die Lichtcontainer, die an der Decke hängen und wechselnde Farben an die Wände werfen. Die Wände selbst bestehen aus waagerechten Rechtecken in Bronzeoptik, was der Station ein edles Aussehen gibt, wie ich finde. Wenn man die Treppen hinaufsteigt, gelangt man links und rechts zu Aussichtsplattformen, deren Glasfronten einen Einblick in die gesamte Haltestelle gewähren.

Wir stiegen weitere Stufen hinauf, um zu sehen, wo genau wir uns eigentlich befanden. Es hatte zwischenzeitlich zu schneien begonnen und war überdies auch noch vollständig dunkel geworden. Das machte aber gar nichts, denn als wir an der Oberfläche ankamen, waren wir von Baustellen umgeben. Auf der größten davon steht ein Gerippe aus mehreren Stockwerken, aus dem noch in diesem Jahr die Universität werden soll.

Weil es hier oben so schrecklich ungemütlich war, tauchten wir wieder unter, um den nächsten Zug zurück zu nehmen. An der Station “Überseequartier” verließen wir die U4 erneut, um uns auch diesen Neubau anzusehen. Mit der letzten kann diese hier nicht mithalten. Sie ist hauptsächlich in Blautönen gehalten und wird künftig besonders für Besucher des Cruise-Centers interessant sein. Der Weg an die Oberfläche war hier ziemlich weit, drei Stockwerke mussten wir überwinden, um uns auch hier den Schnee um die Nase pusten zu lassen. Wie schon an der Uni waren wir auch hier von Baustellen umzingelt, die im Dunkeln gespenstisch verlassen dalagen. Weiter vorn konnten wir deutlich den Marco-Polo-Tower und ein Stück weiter rechts das Sumatra-Haus ausmachen. Das Überseequartier, dem die Haltestelle ihren Namen verdankt, ist auf dieser Höhe noch nicht fertiggestellt.

Allmählich knurrte uns vieren doch deutlich der Magen. Mit dem Zug machten wir uns auf den Weg zurück, um bei “Jim Block” in der Fuhlsbütteler Straße Burger zu essen. Beim kleinen Bruder des Steak-Riesen “Block House” bin ich zuvor nie gewesen, war vom Ambiente aber ziemlich angetan, mit dem es sich – wenngleich ebenfalls ein Schnellrestaurant – von den üblichen Burger-Ketten abhob. So gesättigt an Eindrücken und mit einigermaßen vollen Mägen endete bald darauf unser Besuch in Hamburg. Durch dichtes Schneegestöber krochen wir über die Autobahn zurück in die Marzipanstadt und freuten uns auf einen entspannten Sonntag.

Reifenpanne

Happy new year! Ich bin ein bisschen spät dran, ich weiß, die erste Januar-Hälfte ist ja schon fast um. Aber es gab bisher nicht wirklich etwas zu erzählen, und wozu soll ich alle langweilen?

Ich bin mit Becky, John und Jamie und natürlich meinem Freund gut in das neue Jahr gestartet, klassisch mit Fondue, Dinner for one, Spielen und Schaumwein. Auf dem Bild ganz oben ist übrigens der Versuch von vier Freunden zu sehen, um kurz nach Mitternacht mit Wunderkerzen eine 2013 in die Luft zu schreiben, was auch fast geklappt hätte. :-)

Während die Silvesternacht noch mit Sprühregen daherkam, ist der Winter seit gestern wieder zurück. Dicke Schneeflocken fielen zu Miooon und Miaaaden herab, als ich mit dem Auto zur Werkstatt fuhr. Da hatte ich nochmal Glück, denn wenige Minuten zuvor war ich noch damit beschäftigt, einen platten Hinterreifen gegen den Reservereifen zu tauschen. Zwei Tage vorher kam Engelchen abends mit einer Reifenpanne nach Hause und ich nahm mir den Freitagnachmittag frei, um meinen allerersten komplett selbst durchgeführten Reifenwechsel noch bei Tageslicht durchführen zu können. Ich war schon ein bisschen stolz, als ich keine zehn Minuten später die Radbolzen wieder festschraubte und den kaputten Reifen in den Kofferraum legte. Kurz darauf dann der Weg in die Werkstatt, um alles Weitere zu regeln und einen neuen Winterreifen zu bestellen. Bei der Gelegenheit habe ich jetzt endlich eine Vertragswerkstatt in meiner Stadt gefunden, die mir gefällt. So muss ich nicht mehr jedesmal hundert Kilometer weit fahren, damit sich mein Freund Nate um mein blaues Auto kümmert.

Inzwischen sind ja die Winterferien vorüber, so dass eigentlich die Badminton-Saison wieder gestartet ist. Leider laboriere ich immer noch an einem Tennisarm, der mich schon seit November daran hindert, meinem wöchentlichen Sport nachzugehen. Langsam werde ich schon richtig kribbelig, aber bevor die Entzündung nicht abgeklungen ist, macht es keinen Sinn, den Arm so stark zu belasten. Ich hoffe mal, dass ich in ein paar Wochen wieder mitmischen kann.

I’m a survivor

So, hätten wir diesen Weltuntergang also auch überlebt. Mitbekommen habe ich ihn nicht, muss also mitten in der Nacht passiert sein. Na egal, der nächste kommt bestimmt. Auf jeden Fall bin ich einer von Milliarden von Überlebenden, was ziemlich cool ist!

Auch cool ist, dass wir den kürzesten Tag des Jahres hinter uns haben! Yeahh!! Ich hol die Badesachen aus dem Schrank, Sommer ich komme!!

Leider, leider hat der Winter da ein Wörtchen mitzureden und überzog die Marzipanstadt heute wieder mit Schnee. Das nenn’ ich ein Statement! Vermutlich lässt er sich also nicht allzu bald vertreiben und die Wahrscheinlichkeit für weiße Weihnachten steigt. Als gestern Nate und Joshi zu Besuch kamen, angereist aus der hundert Kilometer entfernten Stadt mit den Hochhäusern, war davon noch nichts zu sehen – wenngleich mir auf dem Weihnachtsmarkt verdammt schnell die Zehen gefroren sind.

Jetzt gerade brüte ich noch über einem einigermaßen einzigartigen Spruch für eine Geburtstagskarte. Heute Abend feiern nämlich Scully und Mulder, unsere beiden nächsten Nachbarn, ihren Geburtstag und praktischerweise sind wir eingeladen…

Die Zeit drängt

Es ist wieder passiert. Jedes Jahr um diese Zeit nehme ich mir vor, im nächsten alles anders zu machen:

  • rechtzeitig genug Geld einplanen für diverse Weihnachtsmarktbesuche
  • rechtzeitig mit allen Freunden abstimmen, wer wann wen besucht
  • rechtzeitig die Weihnachtsdeko sortieren

Und vor allem:

  • rechtzeitig an Weihnachtsgeschenke denken!

Wie jedes Jahr habe ich diese sinnvollen Vorsätze in den Wind geschossen und stehe vor dem Problem, dass mir die Zeit wegläuft. Diese Woche bleibt also noch, um meine gesamte Familie bei der Schenkerei zu berücksichtigen. Heute geht das nicht, da habe ich einen Termin zum Abendessen. Morgen geht das auch nicht, da bin ich auf dem Weihnachtsmarkt verabredet. Mittwoch vielleicht. Den Termin am Donnerstag habe ich bereits abgesagt und spätestens ab Freitag möchte ich mich in der Stadt nicht mehr aufhalten.

Das jüngst verstrichene Wochenende war – wenngleich in bester Gesellschaft – ziemlich anstrengend. Es startete am Freitagabend mit der Weihnachtsfeier im Kollegenkreis. Lecker essen, anschließend schwarzlicht-Minigolf und später der ein oder andere Umtrunk. Meine beste Freundin aus Hamburg, ihr Freund und ein weiterer Freund kamen dann am Samstag zu Besuch. Wieder lecker essen, diesmal beim städtischen Inder, dann kurz auf den historischen Weihnachtsmarkt und anschließend für den einen oder anderen Umtrunk nach Hause, was natürlich zu drei Übernachtungsgästen führte. Am nächsten Tag dann gemeinsames Frühstück und mit zweien unserer Gäste in die Therme. Ein wenig planschen und dann geradewegs in die Sauna. Entspannung pur.

Davon könnte ich gerade im Dezember viel mehr haben, aber stattdessen: Weihnachtsstress.

Seltener Besuch

Am gestrigen Sonntag unternahmen Engelchen und ich eine kleine Reise nach Hamburg. Anlass war der Besuch einer Schulfreundin von mir, die vor einigen Jahren an den Bodensee gezogen ist. Und so trafen sich vier Schulfreunde und mein Engel in der Hansestadt, um den Nachmittag miteinander zu verbringen. Nicht in der guten Stube, natürlich, und so zogen wir los mit etwas ähnlichem wie einem Plan.

Wir starteten in der Deichstraße. Die historische Gasse mit ihren exklusiven Häusern und Lokalitäten richtet ihren Blick genau auf die werdende Elbphilharmonie, die später noch unser Ziel sein sollte. Zunächst lechzten wir aber nach original französischen Crêpes, weshalb wir kurzentschlossen in ein Restaurant einkehrten. Weit kamen wir nicht, denn der Inhaber, ein Bretone, fing uns fünf frühzeitig ab um uns – auf französisch – zu erklären, dass das Lokal voll sei und wir unser Glück später noch einmal versuchen sollten. Etwas enttäuscht trollten wir uns, um dann eben nebenan in einer belgischen Waffelerie unseren Zuckerbedarf zu stillen. Der sehr kleine Laden war schon voll, wenn drei Leute nebeneinander am Tresen standen und so eine Waffel benötigte rund zehn Minuten Zubereitungszeit – aber sie war dafür auch unheimlich lecker.

Nach diesem kulinarischen Kurzurlaub zog es uns weiter in die HafenCity. Inzwischen waren wir schon eine zeitlang nicht mehr hier gewesen und deshalb neugierig auf die Fortschritte. Die Philharmonie, die wir ja schon von Ferne aus der Deichstraße hatten betrachten können, hat sich augenscheinlich nicht weiterentwickelt. Immerhin scheint die Stadt Hamburg als Bauherr die Baufirma davon “überzeugt” zu haben, dass die Dachkonstruktion halten wird, sodass der Bau nun nach einiger Verzögerung fortgesetzt wird.

Der Spaziergang durch die HafenCity, vorbei an kleinen Booten und nicht so kleinen Yachten, führte uns zu einem noch etwas größeren Schiff. Die Queen Mary 2 hatte sich mal wieder zu einem Besuch in ihrer Lieblingsstadt entschieden und ankerte hinter dem Marco Polo Tower unter den staunenden Augen tausender Menschen. Dank des sonnigen Wetters war dieser Stadtteil also sehr gut besucht. Ein schlauer Mann hatte eine kleine Empore errichtet, auf der er zahlungswillige Touristen vor der QM2 ablichtete. Die Idee machte sich anscheinend bezahlt, denn die Schlange anstehender Leute war beachtlich. Am Abend sollte das Kreuzfahrtschiff die Anker lichten, begleitet von einem großen Feuerwerk. Engelchen und ich nahmen das in unser Vielleicht-Abendprogramm auf, ehe wir zu fünft aufbrachen, um dem Rest unseres imaginären Planes zu folgen.

Das nächste Ziel war die Parkanlage Planten un Blomen, die vor einigen Jahrzehnten anlässlich einer Gartenausstellung entstanden war. Unsere Idee, dort Minigolf zu spielen, war leider nicht sehr originell, die Bahnen waren ziemlich voll und die voraussichtliche Dauer wäre unserem nächsten und mit Abstand wichtigsten Programmpunkt in die Quere gekommen: Essen beim Chinesen! Also ließen wir das Sportprogramm fallen und fläzten uns dafür auf die mitgebrachte Picknickdecke ans Wasser mitten im Grünen. Ein Stückchen weiter tobten sich Inline-Skater und Skateboarder auf der Bahn aus, auf der wir vor wenigen Monaten noch eislaufen waren.

Als wir fast eine Stunde später das winzige China-Restaurant betraten, hatten wir ziemlich runde Füße, so dass Engelchen und ich das Abendprogramm einhellig über Bord warfen. Bald nach dem Essen verabschiedeten wir uns von unseren Freunden und machten uns allmählich auf den Weg zurück in die heimatliche Hansestadt.

Public Viewing

“So sehen Sieger aus” – diesen Ausdruck liebenswerten Optimismus konnte man gestern auf zahlreichen Shirts lesen, wenn man durch die Marzipanstadt lief. Die Niederländer sollten sich mit den Deutschen auf dem Rasen messen. Nachdem die Oranjes zuvor überraschend an den Dänen gescheitert waren, musste gestern ein Sieg her, um nicht den frühzeitigen Heimweg antreten zu müssen. Das Spektakel zum Anlass nehmend verabredete ich mich mit einer Freundin. Zuerst gingen wir schlemmen bei unserem Lieblings-Chinarestaurant. Es war auch höchste Eisenbahn, die neuesten Neuigkeiten auszutauschen (beim gemeinsamen Badminton kommt kam ja kaum zum Quatschen).

Gut gesättigt wurden wir von meinem Engel abgeholt und liefen zu dritt die Engelsgrube hinunter zur Trave, um uns in einem der Hafenschuppen einen Sitzplatz beim Public Viewing zu ergattern. Der Schuppen (der größer ist, als seine Bezeichnung vermuten lässt), war schon ziemlich voll, obwohl bis zum besagten Spiel noch über eine Stunde Zeit war. Die provisorische Tribüne war schon komplett besetzt, so dass wir uns auf den Steinboden setzen mussten, der immerhin mit einer Art Teppich ausgelegt war. Es war schon richtig laut, überall wurde gebrüllt, Vuvuzeelas rüsselten durch die aufgeheizte Dunkelheit und konkurrierten mit einigen Presslufttröten. Nach einer Stunde hatte ich bereits sämtliche Sitz-, Knie- und Hockpositionen ausprobiert, aber keine Variante gefunden, die in der Enge nicht nach fünf Minuten extrem unbequem wurde. Aber was soll’s, wir wollen mal nicht meckern.

Dann wurde das Spiel endlich angepfiffen und die ersten zehn Sekunden liefen. Dann fror das Bild ein und verschwand. Entrüstete Pfiffe, wütende Schreie, die ersten erhoben sich von ihren Plätzen, bereit, den Veranstalter zu lynchen, der glücklicherweise weitere zehn bis zwanzig Sekunden später die Bildverbindung wieder herstellte. Das war knapp und die Menge beruhigte sich langsam wieder. Liedgesang erfüllte den Schuppen kurz darauf, der wohl anfeuernd wirken sollte, auf mich allerdings eher eine bedrohliche Wirkung hatte. Nichts gegen Musik, aber Sieg-Rufe, bei denen der eine oder andere rechte Arm einen verdächtigen Winkel nach oben annimmt, fand ich alles andere als witzig. Dann plötzlich Jubelschreie – aber ein Tor war nicht der Grund, nein, Niederländer Robben blutete aus einer Platzwunde am Kopf…

Nach einer weitgehend unentspannten ersten Halbzeit ergatterten wir Sitzplätze auf der Tribüne. Gut für unsere geschundenen Knochen, schlecht für mich, denn ich hatte den Platz ganz links, direkt neben den Stehplätzen, die sich nach und nach wieder füllten. Die Leute auf den Stehplätzen waren noch betrunkener und unruhiger als die auf den Steinplätzen, so dass die zweite Halbzeit nicht entspannter ablief als die erste.

Dass unsere Mannschaft einen Sieg gegen die Holländer einfuhr, war immerhin ein Trost. Ich war einfach nur froh, dem Moloch entfliehen zu können. Das war dann aber auch wieder nicht so einfach. Die siegestaumelnden Fans ergossen sich aus dem Schuppen auf die vierspurige Straße, den Verkehr ignorierend, durch lautes Gehupe in ihrem Jubel bestätigt. Flugs traf die Polizei ein und sperrte kurzerhand den Straßenzug für den Verkehr, um dem Ausbruch der Freude den notwendigen Platz zu gewähren. Als dann Böller durch die Menge flogen, suchten wir drei endgültig das Weite.

Insgesamt ein stressiger Abend, bei dem man neben dem Fußballspiel ständig wachsam sein musste, was gerade um einen herum passierte. Die Menge war gar zu aufgeheizt, Alkohol und Testosteron im Überfluss, das ganze gepaart mit einer aggressiven Gruppendynamik, die immer kurz vor dem Ausbruch stand und zum Teil bedrohliche Züge annahm. Für mich also keinesfalls wiederholungswürdig. EM sehr gern, aber das mach ich lieber zu hause.

Wenn das jetzt gar zu spießig oder humorlos rüberkam, hab ich noch zwei:

Welches Tier schießt keine Tore? Robben!

Was macht der Niederländer, wenn er die EM gewonnen hat? Er macht die PlayStation aus und geht zu Bett!

 

Lenz

Heute ist ein richtig fauler Urlaubstag. Bis jetzt habe ich das Haus noch nicht einmal verlassen – und es ist schon mittelspäter Nachmittag! Ich werde demnächst zumindest mal die zwei Stockwerke hinunterlaufen und einen Blick in den Briefkasten werfen.

Heute Vormittag hat mich Nate angerufen. Am Freitag geht mein Wagen zu ihm in die Inspektion und wir haben noch ein paar Details abgesprochen. Nach dem Preis hätte ich dann aber lieber nicht gefragt… *schluck* Um mich davon abzulenken werde ich dann währenddessen meine Schwester und meine kleine Nichte besuchen, die ganz in der Nähe wohnen.

Vorgestern haben wir übrigens unsere neuen Nachbarn bei einem Gläschen Rotwein kennen gelernt. Zum Glück sind die beiden supernett. Erwähnte ich schon, dass wir jetzt die Ältesten im Hause sind? Die “Neuen” sind gute zehn Jahre jünger als wir… Sobald das Wetter es zulässt, werden wir wohl mal den Grill wecken. Die Terrasse habe ich gestern schon freigeschnitten, nachdem die Kirschlorbeer-Hecke fast vier Jahre lang ausufernd wuchern durfte. Da ist ne Menge von abgekommen. Aber wo lass’ ich den Kram jetzt bloß…?!

A propos, ich hatte ja auf einen schnelleren Frühling gehofft, aber irgendwie lässt der sich mächtig viel Zeit in diesem Jahr. Und wenn ich mir meine Wetter-App so ansehe, dann wird das in den kommenden Tagen nicht anders werden: Regen und bestenfalls kühle Temperaturen, umrahmt von knuddeligen Schmuddelwolken. Bäh!

Das kann ja fast nur besser werden!

Aprilfrische

So ein paar freie Tage sind schon was Besonderes. Während Engelchen jetzt eine ganze Woche Urlaub hat, muss ich noch die letzten vier Tage nach Ostern arbeiten. Dann wechseln wir uns ab – etwas blöd gelaufen in diesem Jahr mit unseren Urlauben.

Der April macht derweil seinem Namen alle Ehre, zumindest, was das Aprilwetter betrifft. Gestern hatten wir abwechselnd strahlend blauen Frühlingshimmel und Schneestürme mit dicken weißen Flocken. An den Zweigen der Bäume vor unserem Haus und im ganzen Stadtpark in der Nähe bilden sich bereits tausende kleiner Knospen, die frisches und sattes Grün für Frühling und Sommer versprechen. Die farbenprächtige Krokuswiese ist ja längst wieder verblüht, nur die weißen und gelben Narzissen stehen noch in voller Blüte.

Am Donnerstagabend waren wir zu einem chinesischen Abendessen von Ann & Yogi eingeladen, unseren Ex-Nachbarn und frischgebackenen Haus-Eigentümern. Erwartungsgemäß sehen wir uns seit ihrem Auszug tatsächlich häufiger als während der Jahre, in denen sie direkt unter uns wohnten. Aber das ist sicher kein Grund zur Beschwerde.

Am Freitag waren mein Freund und ich zu Bettys Geburtstag eingeladen. Nach Ente am Vorabend gab es am Freitag frisch Gegrilltes. Wenn die Frühlingsferien erst einmal rum sind, gehe ich mit Betty wieder Badminton spielen. Dann werde ich die Schlemmerpfunde bestimmt ganz schnell wieder los.

Am gestrigen Samstag mussten wir dann tatsächlich wieder selbst für uns kochen. Tagsüber sind unsere neuen Nachbarn unter uns eingezogen. Dem ersten Eindruck nach scheinen sie sehr nett zu sein. Zumindest sind sie etwas jünger als wir – was uns inzwischen zu den ältesten Bewohnern dieses Hauses macht… Demnächst lernen wir sie sicher noch genauer kennen. Abends trafen wir Emma im Fünününü zum Billard. Oh Mann, da waren drei am Werk, die sowas von überhaupt nicht (mehr) Billard spielen können! Nach drei Runden haben wir’s dann auch sein lassen. Aber egal, es geht ja eher um’s Quatschen als um den “Sport”.

Für heute steht nur noch Kino auf dem Programm. Nachdem ich den ersten Band der Tribute von Panem vorgestern zuende gelesen hatte, bin ich auf den Film schon sehr gespannt. Mir hat das Buch so gut gefallen, dass ich gestern mit dem zweiten Band begonnen habe…

Ohana

Am letzten Sonntag gab es seltenen Besuch: Meine Eltern sind mit meiner Schwester und meiner Nichte angereist. Zu diesem Anlass habe ich eine Backmischung angerührt und daraus einen Schokoladenkuchen gebacken – handgerührt immerhin, weil mir zu spät einfiel, dass vor einiger Zeit mein Mixer seinen Geist aufgegeben hatte…

24 Stunden zuvor waren mein Engel und ich und unsere Nachbarn und deren Familie und Freunde noch am Möbelpacken, denn nachdem Yogi und Ann vor ein paar Monaten zu Häuslebauern wurden, sind sie jetzt stolze Eigenheimbesitzer in der Marmeladenstadt, gar nicht so weit weg von hier. Was eigentlich nur ein paar Schränke sein sollten, wuchs dann in Windeseile zu einem Komplettumzug heran, von dem unsere Nachbarn wohl am meisten überrascht waren. Nicht, dass wir sie hätten loswerden wollen, aber wenn schonmal vierzehn Hände oder so da waren… Jetzt sind sie weg *schnüff* und packen “drüben” alles wieder aus, um es ihrer wachsenden Familie heimisch zu machen. Immerhin einen Vorteil hat das Ganze: Mein Auto hat jetzt einen eigenen Stellplatz!

Während der März so langsam wieder in der Box verschwindet ist hier nun aber wirklich der Frühling ausgebrochen. Heute Mittag saß ich mit einem Arbeitskollegen im sonnigen Innenhof der Ohana-Bar, tief in der Marzipanstadt. Unter einem Sonnenschirm und in ziemlich reichlicher Gesellschaft genossen wir unser Mittagessen bei Frühlingsluft und 15 Grad.

Morgen werde ich mir meine Kamera und meinen Engel schnappen und mich aufmachen, die Krokuswiese im Stadtpark zu besuchen. Wie in jedem Jahr hat sie einen richtigen Teppich aus den bunten Frühblühern sprießen lassen, die unbedingt abgelichtet werden wollen…