Allein

Sollte man’s glauben – nach dem sonnigen Start heute Morgen ist es nun schon wieder dunkel. Ich hab meine Familie besucht. Einfach nur ein Besuch.

Dummerweise bin ich immer deprimiert, wenn ich wieder nach Hause fahre. Nicht etwa wegen meiner Familie, sondern weil ich weiß, dass ich zu Hause wieder allein sein werde. Im Radio spielen sie Julis „geile Zeit“ und ich fahre vorbei an der Stadt mit den weißen Hochhäusern und den vielen Lichtern, die dunkle Straße entlang bis zu mir nach Hause. Kalt ist es heute, und sternenklar. Am Himmel steht der Mond. Zunehmend. Und ein Verkehrsflugzeug dreht eine Warteschleife vor Hamburg. Es ist ruhig draußen. Hinter den vielen Fenstern brennt Licht. Ich betrete unseren Aufzug, drücke die „6“ und die Türen schließen sich geräuschvoll. In meiner Wohnung ist es still und dunkel. Ich knipse das Licht im Flur an, schließe die Wohnungstür und drehe den Schlüssel im Schloss. Meine Fellkragenjacke hänge ich in die Garderobe und die Ausgehschuhe tausche ich gegen die bequemeren Hausschuhe.

Da stehe ich nun inmitten der vielen Stille, wo eigentlich jemand hätte sein müssen.

All die Gefühle und die ganze Leere steigen wieder in mir auf. Es nervt, dass mich der Gedanke daran immer wieder so runterzieht. Ich schaue traurig aus dem Fenster, rüber zu der anderen Stadt, aber niemand schaut zurück. Draußen ist nur Dunkelheit.

Als ich meinen Rechner anschalte und das Tagebuch aufschlage, sehe ich, dass jemand was nettes geschrieben hat. Danke fussel, das heitert mich zumindest ein bisschen auf!

Und was tue ich? Schaue deprimiert drein und versinke in Selbstmitleid. Welch krönender Abschluss für dieses Wochenende!

Aber morgen geht die Sonne zum Glück wieder auf, und dann ist die beschissene Depristimmung vorerst wieder vergessen. Versprochen.

 

Wer sind wir?

Seit zwei Tagen verbringe ich jede freie Minute in diesen verflixten Tagebüchern. Ich sehe nach, ob jemand einen Kommentar zu meinen Einträgen dagelassen hat, freue mich, wenn die Zahl meiner Favoriten steigt und blättere durch dieses und jenes fremde Tagebuch. An dem einen oder anderen bleibe ich hängen, um es intensiver zu lesen, ja ich gebe zu, eines hat mich sogar ganz besonders gefesselt.

Ich lasse zu, dass mich diese Tagebücher so vereinnahmen, dass ich alles um mich herum zu vergessen scheine.

Hin und wieder hinterlasse ich selbst einen Kommentar zu fremden Einträgen, ich maße mir sogar manchmal an, Ratschläge zu erteilen. Wer bin ich, dass ich dieses Recht habe? Ich kenne doch niemanden hier, geschweige denn, dass ich weiß, welchen Einfluss mein Ratschlag auf diese Person haben wird…

Durch das viele Lesen habe ich schnell festgestellt, dass hier die innersten Gedanken und Gefühle niedergeschrieben werden. Intime Dinge, bei denen diese Gemeinschaft dabei helfen soll, sie zu verstehen und zu verarbeiten. Wenn ich mit etwas nicht umgehen kann, dann schreibe ich es auf und sehe, wie andere damit umgehen. In der Auflistung aktueller Texte lese ich gerade Headlines wie „Fehler“, „Schön sein“, „Gefühle“ oder „Große Angst“. Es ist wie eine große Gesprächsrunde, an der jeder teilnehmen und seinen Senf dazugeben kann. Das ist doch nicht schlecht oder? Manche zahlen viel Geld für ihren Frisör.

Ich werde auch weiterhin hier meine Gefühle, Ängste, glückliche und unglücke Erlebnisse aufschreiben. Und wenn ich’s recht betrachte, habe ich es grad schon wieder getan – so wie alle anderen. Willkommen in der Gemeinschaft.

 

Lacarian auf Shoppingtour

Vor einer Woche noch auf die lange Bank geschoben habe ich heute meinen Geiz in die nächstgelegene Mülltonne geworfen, mein Sparkonto geplündert *je ne regrette rien!* und bin schnurstracks nach Hamburg in die City gefahren. Hab meinen Kleinwagen (immer noch grau) beim Tierpark abgestellt, ein Tagesticket gelöst und mich in die U-Bahn gefläzt. Erstes Ziel: Hauptbahnhof. Will ich doch die Mönckebergstraße unsicher machen!

Raus aus der U-Bahn, mit der Rolltreppe zurück ans Tageslicht und bloß nicht anmerken lassen, dass es hier für mich Landei viel zu viele Ausgänge gibt. Da es eh niemand nachprüfen kann behaupte ich einfach, ich hätte den Ausgang zur Mö auf Anhieb gefunden.

Als erstes machte ich mich auf die Suche nach einem Frisör. Die Zottel auf meinem Haupt waren doch schon wieder anderthalb Monate alt. Bald fand ich einen Salon in irgendner Einkaufspassage. War so gut versteckt, dass ich gleich drankam. Sehr nett übrigens: Kaffee inklusive. Nachdem das erledigt ist (bei Männern geht das ja in der Regel schnell) kann’s losgehen. Ich suche einen ansprechenden Laden, in dem ich meine Garderobe aufpeppen kann. Was für ein Glück, auf der Mö gibt es ja so einiges an Auswahl. Die grobe Richtung hatte ich zum Jahreswechsel bereits in unserer Hauptstadt auf’m Ku’Damm abgecheckt, wusste also in etwa, wonach ich eigentlich suchte. H&M, anson, Esprit, Kenvelo, Karstadt, New Yorker – die Auswahl war so ergiebig wie die Preise.

Als Appetitanreger nutzte ich anson. Coole Klamotten, aber gesalzene Preise. Nichts für mein Budget also. Esprit hatte nicht das Passende anzubieten und bei H&M suchte ich zunächst vergeblich nach meinem Geschmack. Bei Kenvelo finde ich grundsätzlich immer irgendwas, leider halten die Sachen nie lange. New Yorker trifft meinen Geschmack überhaupt nicht und Karstadt wähle ich immer als letzte Alternative, weiß auch nicht recht wieso. Ist schon nicht leicht mit mir – zum Glück war ich allein unterwegs, das kann man ja keinem antun!

Einmal um den Block und ich stoße auf H&M – war ich da nicht grad schon? Ne, war’n anderer. Also hinein, ich geb ja so schnell nicht auf. Mit der Rolltreppe ins Untergeschoss, und da gibt’s schon gleich viel zu sehen. Und die Klamotten sehen auch ansprechender aus *fg*. Einmal zwecks Überblick durch die Gänge, mal hier anfassen, dort drücken – perfekt, hat fast alles, wonach ich suche. Da mich mein Rucksack tierisch nervt gehe ich zur Kasse und frage die nette Dame, ob man seine Tasche hier irgendwo lassen kann. Als Antwort kriege ich ein nüchternes „Nein.“ … Klasse, ich mag klare Verhältnisse. Etwas perplex angesichts des ergiebigen Gesprächs ziehe ich brav mit meinem Rucksack von dannen, um nach und nach meine Beute einzusammeln. Da wäre als erstes eine Strickjacke (gibt es eigentlich ein modernes Wort dafür?? Irgendwas, das cooler klingt als „Strickjacke“??). Jedenfalls ist sie dunkelblau, hat zwei Zipper (*g*) und weiße Streifen, die hoch zur Schulter führen. Gefällt mir.

Nicht weit davon entfernt sehe ich ein paar Shirts. Ich möchte ein hellblaues zur Jacke. Nehm ich nun das mit weißer Schrift (irgendwas mit „bay…“ – nicht „…watch“) oder lieber das mit „Lapland“? Hab mich für Letzteres entschieden, finde, es passt gut zur Strickjacke.

OK, was haben wir noch? Ich will unbedingt eine neue Jacke haben, eine mit so Futter am Kragen. Da hätten wir die Cord-Jacke, die mir bis in die Kniekehlen hängt…. ne. Oder die Flauschjacke mit der Pelzkapuze… ähh, nö. Gewonnen hat eine dunkelblaue Jacke mit Futterkragen. Sehr warm und – sollte man’s glauben -sie passt zur Strickjacke und zum Shirt.

Mit Strickjacke, Shirt, Fellkragen und Rucksack tapere ich zur Anprobe. Hui, warm hier. Jacke aus, Pulli aus, Shirt aus – schon besser. Neues Shirt an, neue Strickjacke an, Fellkragen drüber – HALLO! Kann ich’s gleich anbehalten?!

OK, der Anfang wär‘ gemacht. Alles wieder aus- und angezogen und mit Sack und Pack an die Kasse. Wie schön, meine nette Gesprächspartnerin von vorhin. Sie scannt die Ware ein – 79 Euro – und ich zahle mit meinem guten Namen. Sie wünscht mir einen schönen Tag und ich fahre die Rolltreppe wieder nach oben.

Ich hab noch keine Hose bekommen, außerdem brauch ich noch ne Tasche und ein bissel Kleinkram. Ein paar Minuten später stehe ich im Eingang von Karstadt und studiere den Wegweiser, der mich dann ins 5. Obergeschoss führt. Fünf Rolltreppen später suche ich die unzähligen Regale nach einer Cord-Hose mit Schlag ab. „Kann ich Ihnen helfen“ zirpt ein Stimmchen hinter mir. „Schülerpraktikant“ steht auf dem Schild an der Brust des blonden Knaben, der mich höflich anlächelt. Weil ich gerade erst angekommen bin, lehne ich dankend ab und erforsche weiter auf eigene Faust das Überangebot an Hosen. Meinen Schülerpraktikanten habe ich damit dazu verdammt, weiter Kartons auszupacken. Sorry Kleiner!

Zur Strafe dauert es eine halbe Ewigkeit, bis ich eine Hose gefunden habe, die meinen Vorstellungen entspricht. Glück muss man haben, sie ist um 50 % reduziert. Weil das mit den Größen nie so ganz hinhaut und weil ich mir in Bezug auf die Farbe nicht so sicher war, nehme ich drei Hosen mit in die Anprobe. Eine dunkelblaue und zwei braune. Die Dunkelblaue passt schonmal gar nicht. Weder in der Größe noch in der Farbe. Eine der beiden braunen Hosen passt dafür perfekt. Aber passt das Braun zu meiner neuen Strickjacke? Fragen wir den Experten. Der nächstbeste Verkäufer, der kein Schülerschild auf der Brust hat, bekräftigt meinen Entschluss, die braune statt der blauen Hose zu nehmen. Im Vorbeigehen greife ich noch eine weiße Mütze ab und schlendere zur Kasse. 30 Euro, diesmal bar.

Ich verlasse Karstadt mit meinem Rucksack, einer H&M- und einer Karstadt-Tüte. Fehlt noch die Tasche. Ich besuche wieder etliche Läden, gehe dreimal an so’nem Typen vorbei, der ein großes Holzkreuz trägt und lautstark das Ende der Welt ankündigt. Schlussendlich lande ich wieder bei H&M im Untergeschoss und finde plötzlich auch den Rest meiner imaginären Einkaufsliste: eine Umhängetasche, einen Gürtel, einen Cord-Hut (stand ursprünglich nicht auf der Liste…) und als Accessoir ein Kettchen. Die 33 Euro zahle ich wieder mit meinem guten Namen – die nette Verkäuferin von vorhin hat wohl schon Feierabend.

Voll bepackt mit tollen Sachen, die das Leben schöner machen, eile ich geradewegs zur U-Bahnstation „Hauptbahnhof“, wandle durch die „Wandelhalle“ und komme auf der anderen Seite wieder heraus.

Nächstes Ziel: Das Café Gnosa in der Langen Reihe. Das bei Schwulen sehr beliebte gemütliche Café liegt ziemlich am Ende der Straße und meine Füße sind schon arg gebeutelt, als ich mich an dem einzigen freien Tisch endlich niederlasse. Der nette Italiener fragt nach meinem Wunsch und ich bestelle einen Salat und einen Cappuccino. Damit läute ich dann auch das Ende meines Aufenthalts in Hamburg ein.

Nach der relaxten Stärkung breche ich bald auf und fahre mit der U-Bahn zurück zum Tierpark, wo mein Auto brav auf mich wartet. Zu Hause angekommen muss ich natürlich all meine Schätze nochmal anprobieren und feststellen, dass es sich gelohnt hat. Wenn ich die Ausgaben dagegenhalte, bin ich zwar unter meinem Höchstmaß geblieben, aber der nächste Shopping-Schock muss wohl erstmal wieder ne Weile warten…

 

Was kann aus einem Montag werden?

… der sechs Minuten vor dem Wecker beginnt?

Kennt Ihr das? Ich liege im Bett, völlig entspannt, die Decke auf halber Höhe irgendwo zwischen Bauchnabel und Herzgegend. Es ist stockfinster und wenn ich die Augen öffne wird es auch nicht besser. Ein verrückter Traum liegt hinter mir, und während ich noch versuche mich an die Details zu erinnern verschwindet jede winzig kleine Erinnerung daran. Ich spüre meine eigene Körperwärme, als ich meinen Kopf langsam nach rechts drehe, um einen hoffnungsvollen Blick auf die vier feuerroten Zahlen meines Radioweckers zu werfen. Während der langen Zeit, bis meine Augen ihr Ziel erreicht haben, frage ich mich, wie spät es wohl sein mag, wie oft ich mich noch umdrehen und wie lange ich wohl noch schlafen darf, ehe mein Lieblingssender, den ich sowieso nicht sauber reinkriege, mich daran erinnert, dass Montagmorgen ist. Mein Blick ruht nun auf dem Licht der Flammen, das sich seinen Weg über die Netzhaut bahnt, die Nerven entlang kriecht, scheinbar quer durch meinen Kopf mit einem Umweg über die Fußspitzen und schließlich da ankommt, wo es den Reflex auslöst, die Augen entsetzt wieder zu schließen. Warum hab ich Idiot nur hingesehen?!! Als hätte ich eine Chance gehe ich in Gedanken meine Optionen durch. a) ich könnte so tun, als wär ich gar nicht aufgewacht und einfach wieder einschlafen; b) ich könnte mich in die Senkrechte begeben, die Decke mürrisch von mir stoßen und meine nackten Füße auf den kalten Laminatboden setzen; oder c) ich bleibe liegen und warte in vollem Bewußtsein auf den Anschiss meines Weckers, der mir sagt, dass ich genauso gut einfach vor sechs Minuten hätte aufstehen können. Ich steh total drauf, wenn der Tag mit schwierigen Entscheidungen beginnt!

Auf dem Weg zur Dusche begrüße ich maulig meinen zotteligen Mitbewohner im Spiegel, drehe das Wasser auf und frage mich, was ich wohl am gescheihtesten mit den gewonnenen sechs Minuten anfange. Als das lauwarme Nass meine Haut herunterrinnt schließe ich die Augen, freue mich diebisch auf die erste Tasse frisch gebrühten Kaffee des Tages, knusprigen Toast und einen kräftigen Klecks Marmelade.

Als ich die Augen wieder öffne, stelle ich fest, dass man unter der Dusche problemlos sechs Minuten mit dem Gedanken an Frühstück verbringen kann.

Was dann folgt ist die Rasur – alle Tage wieder. Ich liebe das penetrante Brummen meines Braun Syncro. Die Versuche, mein Haar zu bändigen und zu stylen lassen vermuten, dass ich meine Zeit eher als Zauberlehrling denn als Banker verbringe, aber dem ist nicht so.

Noch eine Station, bevor das Frühstück beginnen kann. Ich schlüpfe in meinen Anzug *schlüpfe – kleiner Scherz!*, öffne das Fenster, lasse die Rolloschnur achtlos zu Boden fallen, klemme ein Buch in den Fensterrahmen, das ich sowieso nicht mehr lesen werde und dann, dann betrete ich die Küche. Ich knipse das Licht der Dunstabzugshaube an, drücke den Knopf meiner Kaffeemaschine und werfe zwei Scheiben Toast in meinen Toaster. Messer, Brettchen, Butter, Marmelade und Milch auf den Tisch, noch zehn Minuten Zeit. Die Maschine gurgelt voller Vorfreude den Kaffee in meine durchsichtige Tasse und sofort duftet es in der ganzen Küche. Gibt es was schöneres? PLOPP macht der Toaster, ich hole die Kaffeetasse dazu und schütte Milch hinein. PLOPP sagt auch die klumpige Milch und ich habe nur noch fünf Minuten.

Draußen sind es 13 Grad. Das ist zwar selten um diese Jahreszeit, aber nicht bedenklich hat mir die Frau aus dem Radio gesagt. Weil es nämlich so furchtbar gestürmt hat in den letzten Tagen, hatte die Luft keine Zeit sich abzukühlen, ehe sie hier ankam. Das ist so als würde ich mir eine neue Tasse Kaffee aufbrühen und sie auf dem Weg zur Arbeit trinken. Wenn ich ganz schnell laufe, ist der Kaffee noch warm, wenn ich ankomme.

Ich habe morgens keine Lust schnell zu laufen und habe deshalb keinen Kaffee mehr gemacht. Als ich auf der Arbeit durch die Tür komme und acht Leute sehe, wo auch vier gereicht hätten, überlege ich einfach wieder zu gehen, ehe wir uns heute gegenseitig auf die Füße treten. Beim Gedanken an mein Überstundenkonto, das verdammte Ähnlichkeit mit meinem Kontoauszug zum Monatsende hat, beschließe ich jedoch zu bleiben.

Mir ist, als hätt ich mich grad noch über das sonnige Wetter geärgert, dass uns den Montag versauen will, während es das ganze Wochenende […] geregnet hat. Doch schon sind neun Stunden verflogen und ich werde endlich mein kleines graues Auto in die Waschstraße fahren, damit es wieder neongelb wird wie früher. Als ich mich ans Lenkrad setze bin ich versucht hineinzubeißen. Auf der Windschutzscheibe zeichnen sich kleine runde Wassertropfen ab, die sich schnell vermehren, und ehe ich den Motor anlasse prasselt ein schöner, warmer Landregen auf mich nieder.

Ich drehe den Zündschlüssel, lasse die Waschstraße ungenutzt hinter mir und fahre nach Hause.

Was kann aus einem Montag werden, der sechs Minuten vor dem Wecker beginnt!

 

Allein, aber nicht einsam?

Es gab mal eine Zeit, in der ich mich fast täglich über fehlende Inhalte in meinem Leben beklagte. Ich saß allein zu Hause in meinem schwarzen Ledersessel, blickte den Kopf auf die linke Hand gestützt durch die Fensterscheibe hinaus auf den vorbeiziehenden Verkehr. Das Leben zog an mir vorbei, Tag für Tag.

Dann kam mein Coming Out. Erst ganz zaghaft, dann ohne Kompromisse. Nach nur einer Woche wusste jeder Mensch, der mir etwas bedeutete, was ich viele Jahre lang verschwiegen hatte.

Diese Menschen sind nach wie vor meine Freunde und sogar mehr als vorher. Nur einen Monat, nachdem die Welt wusste, dass ich schwul bin, lernte ich einen Mann kennen, der sich von anderen in der Hinsicht unterschied, dass er nicht abgehoben und oberflächlich erschien. Wir unterschieden uns darüberhinaus noch darin, dass ich die Kontrolle behalten konnte – dachte ich.

Es gab einige Stolpersteine, doch wir überwanden sie und kamen zusammen. Er zog in meine Wohnung, dann zogen wir in eine gemeinsame Wohnung. Alles war perfekt, alles wurde – jeden Tag das Selbe. Ich war mir der Stabilität dieser Beziehung so sicher, dass es mich wie ein Blitz aus heiterem Himmel traf, als die Liaison im vergangenen Spätsommer abrupt aus meinen Händen glitt. Drei Monate lang fühlte ich mich, als würde mich ein tödlicher Blitz treffen, der partout nicht enden wollte. Ich fühlte mich das erste Mal in meinem Leben einsam.

Jetzt bin ich hier, gewöhne mich schnell ans Alleinsein und die Einsamkeit gerät immer öfter in Vergessenheit – jeden Tag mindestens einmal.