Lagerkoller

So, wie meterlange Eiszapfen von Dachrinnen hängen, so hängt mir der Winter inzwischen zum Halse heraus. Der März liegt in den letzten Zügen, morgen ist Ostern und es ist immer noch grau und kalt und hin und wieder schneit es. Besonders hübsch sieht die weiße Pracht indes nicht mehr aus, Sand und Dreck mischen sich in den einst sauberen Schnee.

Die Natur ist derweil im Standby-Modus. Keine Knospen, keine Blumen, keine Schmetterlinge, keine Schnee- oder Osterglocken – nur nackte Bäume, die wie immer geduldig warten, bis es endlich wieder schön wird. Selbst unsere Kater bekommen langsam einen Lagerkoller, weil der Balkon noch nicht zu einem Sonnenbad einlädt.

Am letzten Wochenende konnten es unsere Nachbarn auch nicht mehr abwarten und haben kurzentschlossen den Startschuss zum Angrillen gegeben. Im Schnee. Es war trotzdem lecker und mündete in einen gemütlichen Filmabend.

Ich habe übrigens in dieser Woche endlich mit der Physiotherapie begonnen, um meinen Tennisarm zu kurieren. Ich hatte das ja ewig lange vor mir hergeschoben, weil ich dazu weder Zeit noch Lust hatte. Aber weil auch mir allmählich die Decke auf den Kopf fällt und mir das Auspowern beim Badminton fehlt, habe ich endlich Termine vereinbart. Die ersten beiden Behandlungen habe ich auch schon hinter mir, und wie vom Arzt versprochen, werden die Schmerzen im Arm jetzt erstmal schlimmer. Hauptsache bald ist alles wieder in Ordnung!

Heiß-kalte Nacht

Meine Schuhe versinken bis weit über die Knöchel im Schnee, als ich aus dem Taxi steige und wie ein Storch zur Haustür stakse. Ein paar Stunden hat die Nacht noch, bevor sie vom Licht eines neuen Tages abgelöst wird. Ich wanke die Stufen hinauf, krächze meinen Katern liebgemeinte Worte zu und verschwinde müde unter der Dusche…

Acht Stunden zuvor:
Mein Freund steht bereits unter der Dusche, während ich noch nach Motivation suche, mich von der bequemen Couch zu erheben. Der Winter ist zurück und hat tagsüber ganze Arbeit geleistet. Es schneit ununterbrochen und der Winterdienst hat alle Hände voll zu tun. Es ist acht Uhr abends. In einer halben Stunde werden wir abgeholt. Mein Freund hat mich dazu überredet, ihn und seine Arbeitskollegen in einen Club zu begleiten. Die Diskothek auf der anderen Seite der Stadt ist für sein sehr junges Publikum bekannt und wir haben es in all den inzwischen sieben Jahren, die wir hier leben, nicht einmal betreten und meine Lust, mit dieser Tradition zu brechen, ist gering. Dennoch sind wir pünktlich fertig und sitzen bald im Font eines Ford. Für den Club ist es noch zu früh und wir treffen uns alle bei Jasmin. Zu zwölft verteilen wir uns in ihrem Wohnzimmer und schröpfen den zusammengetragenen Vorrat an Bier, Wodka, Sambuca und Caipi – behutsam natürlich, damit der Abend kein vorschnelles Ende nimmt. Mit diesen Getränken und netten Leuten geht die Zeit schnell vorbei und schon machen wir uns auf den Weg in die winterliche Nacht. Wer nichts getrunken hat, gibt den Fahrer, wer übrig bleibt, nimmt ein Taxi.

Erst vor der Diskothek in der Nähe der Autobahn treffen wir uns alle wieder. Ein bisschen nervös bin ich schon, mein letzter Clubbesuch liegt inzwischen einige Jahre zurück. Wir halten uns einfach an die Profis, lächeln brav in die Kamera und sind flugs drin. An den Wänden hängen Gemälde in verzierten goldfarbenen Rahmen und altmodische Leuchter hängen von den Decken. Schon an der Garderobe ist es wühlig und scheinbar unübersichtlich. Kurz darauf betreten wir den ersten Barbereich und machen da weiter, wo wir in Jasmins Wohnzimmer aufgehört haben: bei kalten Getränken. So präpariert wechseln wir wenige Meter weiter auf den ersten Dancefloor. Laser schneiden die Luft in feine Scheiben und die Beats massieren das Trommelfell. Dann passiert etwas Seltsames: Irgendwie gefällts mir. Entgegen der strikten und bei jeder Gelegenheit wiederholten Ankündigung, keinesfalls und unter überhaupt gar keinen Umständen zu tanzen, wippen meine Füße rhythmisch, meine Schultern beginnen sich wie von Geisterhand zu bewegen und bald hat es mich doch voll erwischt. Schon fallen die Hüllen – na ja, mehr als den warmen Pullover ziehe ich hier nicht aus – und dann gibt es auch kein Halten mehr.

Nach gefühlt kurzer Zeit wechseln wir den Floor und ich finde mich in rustikaler Kulisse wieder. Keine Laser mehr. Und die mitreißenden Beats von eben sind überwiegend deutscher Musik der Achtziger und Neunziger (und ich glaube Sechziger und Siebziger) gewichen. Hier ist es voller, großartig bewegen kann man sich nicht. Die Luft ist so mit Zigarettenqualm geflutet, dass mir das Atmen schwer fällt. Da hilft nur eins: Ich kämpfe mich zur Bar durch und versorge mich mit einem kühlen Getränk. Ab einem gewissen Pegel finde ich die Musik erträglich, gestatte meinen Füßen wieder zu wippen (zu mehr ist auch kein Platz) und genieße die Gesellschaft. Als sich unsere Mitfahrgelegenheit irgendwann auf den Heimweg machen möchte, beschließen mein Freund und ich, noch zu bleiben.

Gegen vier Uhr sammeln wir unsere Klamotten an der Garderobe wieder ein und treten hinaus in die kalte Nachtluft. Meine Stimme ist dank Qualm und Sangeskünsten für heute dahin, mehr als ein kakophonisches Krächzen kann ich meiner Kehle nicht mehr entlocken. Es schneit noch immer heftig und es sieht so aus, als hätte es die ganze Zeit über auch nicht aufgehört. Wir schnappen uns ein Taxi und lassen uns durch den vielen Schnee nach Hause kutschieren. Zufrieden, überrascht, stinkend und müde.

Februar

Fast wäre der Februar wie ein Jahr zuvor in meinem Blog schlichtweg vergessen worden, was mich zu der Frage bringt, was am Februar anders ist als an anderen Monaten.

Zunächst einmal habe ich im Februar Geburtstag. Das war immer schon so und wird voraussichtlich auch so bleiben. Nachdem ich im letzten Jahr gleich zweimal gefeiert habe, um so viele Freunde wie möglich zu beteiligen, habe ich dieses Jahr nur mit einem gefeiert: meinem. Das war zwar nicht besonders aufregend und ganz sicher auch nicht gesellig, aber genau das habe ich mir in diesem Jahr gewünscht: Alles. Nur keine Aufregung.

Jedes Jahr ist der Februar der Monat nach Januar, das ist ja nichts Neues. Im Januar allerdings steckt das Übel aller Wurzeln, denn er ist ungeheuer anstrengend! So sehr, dass ich einen ganzen Monat brauche, um mich davon zu erholen, während die Arbeit natürlich weitergeht. Da das Wetter im Februar üblicherweise noch im leidenschaftlichsten Winter steckt und auch in diesem Jahr mit Eis, Schnee und grauen Tagen zu beeindrucken versucht, trägt es nicht unbedingt zur Erholung bei. Ebenso wenig fordert es den Fotografen in mir heraus, Künstlerisches sucht man in der 2013-Ausgabe meines Blogs bislang nahezu vergeblich.

Aber weil der Februar langsam graue Haare bekommt und wir bereits eifrig mit dem März flirten, kehrt die Energie allmählich zurück. Die Tage sind mittlerweile wieder so lang, dass man fast vom Feierabend überrascht wird, weil es immer noch hell ist.

Heute habe ich die Europa-Rede des Bundespräsidenten angesehen. Selten hat mich ein deutscher Politiker mit dem Gesagten so beeindruckt und selten habe ich eine Rede gehört, in der so viel Inhalt und Balance steckte. Szenenapplaus und am Ende stehende Ovationen würdigen ein Meinungsbild, das die Vielfalt, die Sorgen und die notwendige Arbeit an Europa unter einen Hut bringt. Wer ein Stündchen erübrigen kann, sollte sich das ansehen.

Ansichtssachen

Der gestrige Samstag hatte es in sich. Zunächst fuhren wir am frühen Nachmittag über die Autobahn nach Hamburg, um John und Becky einzusammeln. Ursprünglich wollte ich unbedingt ins Museum für Hamburgische Geschichte. Wie wir leider feststellen mussten, schließt das Museum täglich schon um 17 Uhr – außer sonntags, was ich ziemlich blöd finde. Weil wir keine Lust hatten, durch die Ausstellungen zu rennen, entschieden wir uns kurzerhand für die Alternative: Eine Fotoausstellung in den Deichtorhallen. Das Haus der Photographie war zuletzt 2011 mein Ziel gewesen, wo ich mir Interpretationen von Traummännern ansehen durfte. Leider darf man in der Ausstellung selbst keine Fotos schießen. Nachdem wir mit der U-Bahn angereist waren und das letzte Stück durch eisige Kälte liefen, löste Becky unsere Tickets für nach wie vor 9 Euro pro Person. Da die bisherige Ausstellung der Fotografien von Albert Watson verlängert und sich gleichzeitig seit gestern die Räumlichkeiten mit einer weiteren Ausstellung teilt, vermischen sich die Eindrücke, zumal es keine wirkliche optische Trennung gab. Während Watson Aufnahmen von Prominenten aus Musik und Film inszenierte, stellen sieben weitere Fotografen ihre Werke in der Reihe „Gute Aussichten – junge deutsche Fotografie“ aus, die mal abstrakt, mal nachdenklich, erschütternd und anmutig daherkamen.

Als wir die Ausstellung nach einer guten Stunde wieder verließen, war die Dämmerung bereits über die Stadt hereingebrochen und verhüllte alles mit einem intensiven Blauschleier. Wir hatten noch ein weiteres Ziel an diesem Nachmittag, bevor wir uns auf die Jagd nach etwas Essbarem machen wollten: Die U4! Die U-Bahn-Linie 4 führt direkt in die HafenCity und ist erst vor kurzem eröffnet worden. Dabei interessierten mich zwei Dinge ganz besonders: Die beiden neuen Haltestellen und die neuen Züge. Letzteres blieb uns leider verwehrt, weil der neue DT5 außer zu Testzwecken noch nicht im öffentlichen Schienennetz unterwegs ist. So fuhren wir also vom Hauptbahnhof aus im DT4 zunächst zur Haltestelle „Überseequartier“ und waren – aufgrund verwirrender Auskünfte – gespannt, ob der Zug noch eine Station weiter fahren würde. Diesmal hatten wir Glück, die U-Bahn setzte sich in Bewegung und fuhr wenig später in die wohl designstärkste Haltestelle ein, die Hamburg derzeit zu bieten hat: „HafenCity Universität“. Alle Fahrgäste verließen hier den Zug, weil die Strecke noch nicht weitergeht. Am auffälligsten in dieser Station sind die Lichtcontainer, die an der Decke hängen und wechselnde Farben an die Wände werfen. Die Wände selbst bestehen aus waagerechten Rechtecken in Bronzeoptik, was der Station ein edles Aussehen gibt, wie ich finde. Wenn man die Treppen hinaufsteigt, gelangt man links und rechts zu Aussichtsplattformen, deren Glasfronten einen Einblick in die gesamte Haltestelle gewähren.

Wir stiegen weitere Stufen hinauf, um zu sehen, wo genau wir uns eigentlich befanden. Es hatte zwischenzeitlich zu schneien begonnen und war überdies auch noch vollständig dunkel geworden. Das machte aber gar nichts, denn als wir an der Oberfläche ankamen, waren wir von Baustellen umgeben. Auf der größten davon steht ein Gerippe aus mehreren Stockwerken, aus dem noch in diesem Jahr die Universität werden soll.

Weil es hier oben so schrecklich ungemütlich war, tauchten wir wieder unter, um den nächsten Zug zurück zu nehmen. An der Station „Überseequartier“ verließen wir die U4 erneut, um uns auch diesen Neubau anzusehen. Mit der letzten kann diese hier nicht mithalten. Sie ist hauptsächlich in Blautönen gehalten und wird künftig besonders für Besucher des Cruise-Centers interessant sein. Der Weg an die Oberfläche war hier ziemlich weit, drei Stockwerke mussten wir überwinden, um uns auch hier den Schnee um die Nase pusten zu lassen. Wie schon an der Uni waren wir auch hier von Baustellen umzingelt, die im Dunkeln gespenstisch verlassen dalagen. Weiter vorn konnten wir deutlich den Marco-Polo-Tower und ein Stück weiter rechts das Sumatra-Haus ausmachen. Das Überseequartier, dem die Haltestelle ihren Namen verdankt, ist auf dieser Höhe noch nicht fertiggestellt.

Allmählich knurrte uns vieren doch deutlich der Magen. Mit dem Zug machten wir uns auf den Weg zurück, um bei „Jim Block“ in der Fuhlsbütteler Straße Burger zu essen. Beim kleinen Bruder des Steak-Riesen „Block House“ bin ich zuvor nie gewesen, war vom Ambiente aber ziemlich angetan, mit dem es sich – wenngleich ebenfalls ein Schnellrestaurant – von den üblichen Burger-Ketten abhob. So gesättigt an Eindrücken und mit einigermaßen vollen Mägen endete bald darauf unser Besuch in Hamburg. Durch dichtes Schneegestöber krochen wir über die Autobahn zurück in die Marzipanstadt und freuten uns auf einen entspannten Sonntag.

fast forward

Es ist typisch für den Januar, dass seine Tage in besonders hoher Geschwindigkeit zu verfliegen scheinen. Vielleicht liegt es an den kurzen Tagen, die umso düsterer wirken, je dicker die graue Wolkenschicht ist, die sie umspannt. Oder an der vielen Arbeit, die ein junges Jahr üblicherweise mit sich bringt. Sie macht, dass ich abends, wenn ich vom Büro heim geradelt bin, erschöpft auf unserer roten Couch zusammensinke, den Haushalt gern Haushalt sein lasse und mich in stumpfsinnige Reality-Shows flüchte, bei denen man getrost den Kopf und alles andere abschalten kann.

Heute Morgen – der Januar war schon fast rum – fuhr ich mit meinem anthrazitfarbenen City-Fahrrad über die Burgtorbrücke, als links von mir die Sonne aufging. Ich stoppte, zückte mein Smartphone und hielt es in die Richtung, in der das gleißende Licht aufstieg. Das Wasser unter mir, das unsere Altstadtinsel umschließt, wird allmählich von einer Eisschicht eingenommen, einem Zeugnis der kalten Tage, die mir langsam lästig werden. Es ist also wieder Zeit, sich auf den Frühling zu freuen, zu hoffen, dass sich die Krokusblüte im Stadtpark in ein paar Wochen entfalten wird und zwei oder drei Kleiderschichten überflüssig werden. Heute habe ich gerade erfahren, dass es in fünf Tagen, also am kommenden Mittwoch, ca. 15 Grad wärmer werden soll als heute. Das werden dann vielleicht wieder Frühlingstage im Eiltempo…

Morgen ist Wochenende und mein Freund und ich werden mit Becky und John ein bis zwei Hamburger Museen besuchen. Zur Auswahl stehen das Museum für Hamburgische Geschichte und eine Fotoausstellung in den Deichtorhallen.

Reifenpanne

Happy new year! Ich bin ein bisschen spät dran, ich weiß, die erste Januar-Hälfte ist ja schon fast um. Aber es gab bisher nicht wirklich etwas zu erzählen, und wozu soll ich alle langweilen?

Ich bin mit Becky, John und Jamie und natürlich meinem Freund gut in das neue Jahr gestartet, klassisch mit Fondue, Dinner for one, Spielen und Schaumwein. Auf dem Bild ganz oben ist übrigens der Versuch von vier Freunden zu sehen, um kurz nach Mitternacht mit Wunderkerzen eine 2013 in die Luft zu schreiben, was auch fast geklappt hätte. 🙂

Während die Silvesternacht noch mit Sprühregen daherkam, ist der Winter seit gestern wieder zurück. Dicke Schneeflocken fielen zu Miooon und Miaaaden herab, als ich mit dem Auto zur Werkstatt fuhr. Da hatte ich nochmal Glück, denn wenige Minuten zuvor war ich noch damit beschäftigt, einen platten Hinterreifen gegen den Reservereifen zu tauschen. Zwei Tage vorher kam Engelchen abends mit einer Reifenpanne nach Hause und ich nahm mir den Freitagnachmittag frei, um meinen allerersten komplett selbst durchgeführten Reifenwechsel noch bei Tageslicht durchführen zu können. Ich war schon ein bisschen stolz, als ich keine zehn Minuten später die Radbolzen wieder festschraubte und den kaputten Reifen in den Kofferraum legte. Kurz darauf dann der Weg in die Werkstatt, um alles Weitere zu regeln und einen neuen Winterreifen zu bestellen. Bei der Gelegenheit habe ich jetzt endlich eine Vertragswerkstatt in meiner Stadt gefunden, die mir gefällt. So muss ich nicht mehr jedesmal hundert Kilometer weit fahren, damit sich mein Freund Nate um mein blaues Auto kümmert.

Inzwischen sind ja die Winterferien vorüber, so dass eigentlich die Badminton-Saison wieder gestartet ist. Leider laboriere ich immer noch an einem Tennisarm, der mich schon seit November daran hindert, meinem wöchentlichen Sport nachzugehen. Langsam werde ich schon richtig kribbelig, aber bevor die Entzündung nicht abgeklungen ist, macht es keinen Sinn, den Arm so stark zu belasten. Ich hoffe mal, dass ich in ein paar Wochen wieder mitmischen kann.