Federweißer und Zwiebelkuchen

Der Sommer scheint vorüber. Fast jeden Tag dieser Woche ist es dem Wetter gelungen, mich zu veräppeln. Ich blickte morgens aus dem Fenster, bewunderte den blauen Sommerhimmel mit unschuldigen weißen Schäfchenwolken, trat fünf Minuten später unten aus der Tür und stand im Regen – ohne Regenklamotten. Oder es regnete, als ich aus dem Fenster sah und ich zwängte mich in meine Regenkleidung, die unterwegs von der Sonne in eine Sauna verwandelt wurde…

Da der Herbst somit eingeläutet zu sein scheint, hat auch die Traubenernte begonnen. Zeit also für eine schöne Tradition, die in diesem Jahr von uns zum ersten Mal begangen wird: Frischer Federweißer und selbstgebackener Zwiebelkuchen. Zu diesem Anlass hatten wir zwei Freunde eingeladen. Den Federweißen aus dem Rheinland habe ich unter der Woche schon gekauft. Am Freitag besorgte ich alles Nötige für einen frischen Zwiebelkuchen und machte mich am frühen Abend ans Werk. Zuerst einen Hefeteig, der mir so gut gelungen ist wie selten (gutes Rezept!). Dann machte ich mich über ein Pfund Zwiebeln her, das ich heulend in kleine Würfel zerlegte und anschließend in der Pfanne dünstete. Als ich das ziemlich kleine Häufchen Zwiebeln in der Pfanne liegen sah, vermischt mit etwas Mehl, zog ich mir eine Jacke über und fuhr erneut zum Supermarkt, um einen fertigen Zwiebelkuchen als Reserve zu kaufen…

Um kurz nach acht trafen unsere Freunde ein. Der Kuchen war bereits im Ofen und verbreitete im Haus einen köstlichen Duft von gebratenen Zwiebeln und Speck. Der Federweiße, mit dem wir kurz darauf anstießen, war unglaublich fruchtig und prickelnd. Und obwohl auf der Flasche ein Alkoholgehalt von elf Volumenprozent angegeben ist, schmeckte das Getränk wie Traubenschorle. Lecker – aber tückisch! Und dann schrillte der Küchenwecker und nur eine Dreiviertelstunde später war der Zwiebelkuchen verputzt. Er ist mir zum Glück gut gelungen und die kleine Zwiebelmenge hat sich Dank Sahne und Eiern zu einer anständigen Menge vergrößert, so dass alle satt geworden sind, ohne den Fertigkuchen aus dem Kühlschrank holen zu müssen.

Zwiebelkuchen – eine Tradition beginnt

 

 

 

Märchenhaft

Schwerin ist von der Marzipanstadt nicht weit entfernt. Eine Autostunde, um einigermaßen genau zu sein. Plakate wiesen mich schon seit Wochen auf eine Veranstaltung unter dem Motto „Gartenromantik“ hin, die quasi den Abschluss des Schweriner Gartensommers bildet. Obwohl ich ein großer Gartenfan bin und soooooooo gern selbst einen eigenen hätte, haben wir die großartige Blütenpracht des Schweriner Sommers leider versäumt.

Es ist der Geburtstag meines Engels, den wir nicht eingepfercht in unserer Wohnung verbringen wollen. Nach dem Frühstück entschließen wir uns daher, Schwerin unseren ersten Besuch überhaupt abzustatten, um einen romantisch-botanischen Tag zu zweit zu verbringen. Unterwegs begegnen uns herausgeputzte Dörfer, deren Bewohner bekleidete Strohpuppen an die neue Straße gestellt haben. Ein Stück weiter grinst uns ein großes Strohschwein zu. Offenbar ist hier etwas im Busch, das entfernt an ein Erntedankfest erinnert, wenngleich es dafür eigentlich noch zu früh ist. Das ganze Dorf scheint auf den Beinen zu sein.

Nach einer Stunde erreichen wir Schwerin. Ich bin noch nie dort gewesen. Zunächst sieht es aus, wie jede andere Stadt auch: Eine große Straße liefert den Fernverkehr an, gesäumt von mal mehr und mal weniger uralten Häusern, dazwischen Autos ohne Ende und Verkehrsschilder, die einem die Sicht nehmen. Aber dann entdecke ich eine Straßenbahn, die aus einer der Seitenstraßen um die Ecke biegt, und sofort steigt die Stadt auf meiner Interessantheits-Skala mächtig an. Straßenbahnen faszinieren mich ungemein. Nicht technisch gesehen, natürlich, aber aus unerklärlich nostalgischen Gründen. Sie verbinden funktionale, moderne Städte mit der „guten alten Zeit“, die ich zwar nicht miterlebt habe, die aber in meiner Phantasie stets etwas Strahlendes, etwas Goldenes verströmt. Dieser Eindruck wurde durch das helle Sonnenlicht verstärkt, das die Stadt und seine historische Architektur mit etwas Märchenhaftem übergoss.

Die Straßenbahn, die auf Rasen zu fahren scheint, führt uns direkt zum Schloss, das mit seinen verspielten Türmchen und Zinnen am Schweriner See aufragt. Dort liegt das Ziel unseres heutigen Ausflugs, und so manövrieren wir unser blaues Auto auf einen der zahlreichen Parkplätze und machen uns auf die Socken. Je näher wir dem Schloss kommen, desto mehr erinnert es an ein Märchenschloss und fast erwarten wir einen Drachen, tief unten im Verließ, der einen sagenumwobenen Schatz bewacht oder königliche Reiter, die über die Brücke an uns vorbei preschen.

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Aber die Reiter sind Fahrradtaxen und das Schloss beherbergt keine Königsfamilie sondern den mecklenburgischen Landtag. Und so beginnen wir zunächst mit einer Runde um das Schloss, um die vielen Winkel und Spielereien zu betrachten und die kleinen Gärten zu bewundern, die liebevoll gestaltet und auf mehreren Ebenen in das Schlossgelände arrangiert worden sind. Da das Schloss selbst auf einer Insel liegt, ist das Areal trotz seiner Größe doch irgendwann begrenzt, und als wir uns den eigentlichen Schlossgarten ansehen wollen, stellen wir enttäuscht fest, dass das Gelände zugunsten einer Veranstaltung eintrittspflichtig abgesperrt ist. Da sich hinter der Absperrung mittelalterliche Aufführungen verbergen, die heute nicht unser Interesse finden, drehen wir einfach noch eine Runde um das Schloss, essen ein Eis und beobachten eine Braut, die die historische Kulisse für das Hochzeitsfoto ausgewählt hat.

Als die Sonne sich allmählich in die Hände dicker Wolken begibt, die hinter dem Schloss aufgezogen sind, machen wir uns langsam auf den Rückweg, bewundern noch einmal die Straßenbahn und sind bald wieder zurück in der Marzipanstadt. An unseren runden Füßen können wir spüren, dass wir tagsüber doch ein ganzes Stück gelaufen sind und sinken – flankiert von zwei schnurrenden Katern – erschöpft auf die rote Couch.