Alarm im Supermarkt

Während in der letzten Nacht der pralle Vollmond wieder und wieder neckisch an meinem Schlaf zupfte, kitzelten mich heute früh gut gelaunte Sonnenstrahlen noch bevor ich auch nur ein Auge aufgetan hatte. Das zerwühlte Bett neben mir war bereits verwaist, im Bad rauschte die Dusche. Und für uns beide hieß es kurz darauf: Ab ins Büro! Engelchen fuhr mit dem Bus zum Bahnhof und ich mit dem Fahrrad in die Innenstadt. Um 8:40 Uhr fuhr ich meinen Rechner am Arbeitsplatz hoch, setzte frischen Kaffee auf und öffnete dem jungen Frühlingstag alle Fenster.

Am Nachmittag, als die Sonne bereits auf die andere Seite gewechselt war, packte ich meine sieben Sachen wieder in den Schrank und radelte (nach einem kleinen Abstecher zum Hobbyladen) wieder Richtung Heim und Herd. Weil der Himmel nach wie vor blankgeputzt war und die Sonne ihr Bestes gab, fuhr ich in den Supermarkt, um Grillfleisch und Salat einzukaufen. Jetzt oder nie! Auf halbem Weg durch den Laden ertönte eine energische Durchsage: „AN ALLE MITARBEITER: NEUN-HUNDERT BITTE!“ Meine Augen suchten nach einem Mitarbeiter, um zu sehen, was wohl „Neun-Hundert“ bedeuten könnte. Was auch immer, es klang irgendwie nicht gut. Eine Mitarbeiterin stand am Weinregal und sortierte gelangweilt Kartons. Nichts besonderes. Unterdessen wiederholte sich die Durchsage wieder und wieder und wieder und wieder. „AN ALLE MITARBEITER: NEUN-HUNDERT BITTE!“ Die drei Frauen am Infoschalter telefonierten und liefen hektisch durch die Gegend, während die Kunden im Laden besorgt fragten, was denn eigentlich los sei. Mit meinen Grillutensilien unterm Arm stellte ich mich an der Kasse an. Die Kassiererin musste jeden Kunden anschreien, weil die Durchsage nicht nur penetrant, sondern auch noch laut war. „AN ALLE MITARBEITER: NEUN-HUNDERT BITTE!“ Die Kundin vor mir fragte die Kassierin, was denn Neun-Hundert bedeutet. „FEUERALAAM!“ schrie ihr die Kassiererin zu und scannte die Zucchini. „IST ABER EIN FEEEEHLALAAAM!“

Vor dem Supermarkt standen Feuerwehrautos und Rettungswagen, und die nervige Durchsage ertönte selbst aus Lautsprechern auf dem Parkplatz. Ich stieg schnell in mein blaues Auto und fuhr nach Hause.

Ungeduldig erwartete ich die Rückkehr meines Engels, denn am Horizont versammelten sich schon graue Wolken, die Kurs auf die Sonne nahmen und drohten, den spontanen Grillabend zu verregnen. Schließlich entfachte ich die erste Grillflamme des Jahres 2010. Mein Freund kam gerade noch rechtzeitig, um vom Grillgut etwas abzubekommen.

Kugelrund und zufrieden sieht er sich gerade den Eurovision Song Contest an, bei dem es in Oslo ohrenscheinlich gerade mehrere Dutzend Punkte für Deutschlands Lena hagelt…

 

Drei schwule Chinesen

Die letzten beiden Wochen habe ich größtenteils im Büro verbracht, wo ich an einem Projekt arbeitete. Den ersten großen Erfolg gab es gestern sozusagen in letzter Minute mit dem Abschluss des ersten grundlegenden Projektbestandteils.

Weil ich es wieder nicht geschafft hatte, „pünktlich“ aus dem Büro zu kommen, musste ich mich nach Feierabend beeilen, denn später war ich mit meinem Engel in Hamburg verabredet. Er hat Kinotickets gekauft und ich sollte ihn von der Arbeit abholen. Zuvor fuhr ich rasch zur Post, um das Buch abzuholen, das ich für Chris gekauft hatte. Es ist zum Glück in einem wirklich guten Zustand, so dass ich es ihm sorgenfrei „zurückgeben“ kann. Dann warf ich mich – zum ersten Mal in diesem Jahr – in Shorts und Shirt, suchte meine leichten Sommerschuhe und meinen Cordhut und machte mich auf den Weg.

Flugs befuhr ich mit meinem frisch betankten Auto (das übrigens am Dienstag seine erste Inspektion tapfer ertragen hat) die Autobahn nach Hamburg. Für einen vor-pfingstlichen Freitagabend verlief die Fahrt überraschend reibungslos. Nicht einmal im Zuge der 7-Kilometer-Baustelle gab es nennenswerte Behinderungen (jedenfalls nicht in meiner Fahrtrichtung). Und so erreichte ich die S-Bahn-Station „Landwehr“ (unseren neuen, zentrumsnäheren Zugangspunkt zur Hansestadt) um halb sechs, wo wenige Minuten darauf mein Engel aus dem roten S-Bahnzug stieg.

Es schloss sich eine kleine Irrfahrt an, denn mit dem Hamburger S-Bahnnetz kenne ich mich überhaupt nicht aus, und Teile der U-Bahnstrecke sind zur Zeit gesperrt. Und so legten wir letztlich den Weg vom Jungfernstieg an der Alster entlang bis zum Dammtor zu Fuß zurück. Das Wetter war zum Glück sehr angenehm, auch wenn die plötzliche Wärme des Tages in den frühen Abendstunden bereits verflogen war.

Das Kino war nur mäßig besucht. ‚Prince of Persia‘ kennen mein Engel und ich als Spiel von der PlayStation. Der Film ist nicht gerade sehr empfehlenswert. Technisch eher unterirdisch, die Schauspieler glanzlos und der Humor ein Versuch, wenigstens eine Emotion hervorzurufen. Ich gebe zu, es gibt schlechtere Filme, aber die drei schwulen Chinesen, die vor uns saßen, waren fast sehenswerter…

 

Kalter Mai

Der Wonnemonat lässt in diesem Jahr stark zu wünschen übrig. Nur selten wagt sich das Thermometer in einen zweistelligen Bereich vor. Kein Wunder, wenn der Himmel ständig von grauen Wolken verhangen ist. Viele Blumen im Garten und auf unserem Balkon wagen es noch nicht, ihre Köpfe aus dem Boden zu stecken. Zu tief sitzt wohl noch der Schreck des furchtbar langen Winters.

Einen Vorteil hat der zögerliche Frühling aber: Die Bäume bleiben länger in ihrem frischen Grünton, der später im Sommer einen dunklen Anstrich bekommt. Ich mag das helle Grün, das sich gegen das Dunkelbraun der Äste abhebt. Es leuchtet so richtig kräftig. Sogar bei Regen.

Erst gestern habe ich eine der Regenpausen genutzt, um den Rasen zu mähen und die Beete von Unkraut und Brombeerranken zu befreien. Viel ist zwar noch nicht dabei rumgekommen, aber es war trotzdem ein gutes Gefühl, mal wieder die Hände in die Erde zu stecken und sich an der frischen Luft zu beschäftigen. Nachmittags kam Nate aus der Stadt mit den Hochhäusern. Zusammen tauschten wir die Winter- gegen die Sommerreifen und machten den montebelloblauen Wagen fit für seine erste Inspektion am kommenden Dienstag.

In zwei Stunden brechen mein Freund und ich auf nach Hamburg. Chris hat Geburtstag. Er hat förmlich darauf bestanden, dass wir ihm nichts schenken. Folgsam, wie wir sind, haben wir also kein Geschenk gekauft. Blödes Gefühl irgendwie. Dafür wollte ich ihm ein Buch mitbringen, das er mir vor ungefähr zehn Jahren geliehen hat, bevor der Kontakt für längere Zeit abgerissen war. Aber wie ich feststellen musste, hat das Buch in den letzten Jahren bei insgesamt sechs Umzügen ziemlich gelitten. Also habe ich im Internet ein Exemplar bestellt, das hoffentlich besser aussieht. Ich werde es ihm in der kommenden Woche per Post nachschicken.

Jetzt muss ich mich beeilen, in die Dusche steigen, meinen Engel von der PlayStation loseisen und dann gehts auf die Autobahn…

Wo soll ich anfangen?

Heute haben wir meine Familie besucht. Meine Mum organisierte ein großes Wiedersehen, nachdem mein Bruder, der Soldat, am Mittwoch nach einem halben Jahr aus Afghanistan zurückgekehrt ist. Äußerlich unversehrt. Die Erlebnisse, die er im Gepäck hatte, waren zwar oberflächlich geschildert, dafür aber nicht minder schrecklich. Ich selbst bin nach den wenigen Brocken an Information tief bestürzt über die Dinge, die er erleben musste. Wie muss es wohl erst in seinem Inneren aussehen?! Äußerlich zumindest hat er sich fast nichts anmerken lassen…

Vor und auch nach dem Besuch bei meiner Familie haben wir die 20-jährige Schwester meines Engels in der Reha-Klinik besucht. Am Mittwoch vor zwei Wochen war sie mit Verdacht auf einen Schlaganfall ins Krankenhaus eingeliefert worden. Nach verschiedenen Untersuchungen fanden die Ärzte eine Entzündung, die auf die linke Hirnhälfte drückte. Kein Schlaganfall also, aber die gleichen Auswirkungen. In den ersten Tagen konnte sie kaum sprechen, eine Körperhälfte war taub. Seitdem die Entzündung bekämpft worden ist, macht sie zum Glück große Fortschritte, kann inzwischen wieder sprechen (wenn auch noch nicht so wie früher), und gerade lernt sie wieder zu laufen. Ein intensives Trainingsprogramm soll die beschädigten neurologischen Verknüpfungen in ihrem Kopf wieder herstellen.

An dem selben Mittwoch vor zwei Wochen rief mich meine Schwester im Büro an. Ihre dreijährige Tochter sollte am nächsten Tag in die Hamburger Uniklinik eingeliefert werden. Es bestand der Verdacht auf Leukämie aufgrund stark erhöhter Leukozyten. Meine Schwester war natürlich total fertig. Zum Glück gab es schon am folgenden Tag Entwarnung. Die hohen Leukozytenwerte rührten von einer Lungenentzündung her, die die Kleine seit drei Wochen von Arzt zu Arzt geschleppt hatte, die es bis dahin für eine Bronchitis gehalten haben. Heute war die Kleine schon wieder wohlauf. Nur meine Schwester hat sich von dem Schock noch nicht so ganz erholt.

Auch ich bin seit dem Horror-Mittwoch ziemlich angeschlagen. Und auch wenn ich froh bin, dass mein Bruder wieder hier ist, mache ich mir Sorgen um meine Familie. Da ist vieles im Argen, das ich von der Marzipanstadt aus nicht richtig bewegen kann. Das gibt mir ein ziemlich hilfloses Gefühl und ich fühle mich noch weiter von allem entfernt, als ich es so schon bin.