Manifestation

Vor Kurzem erzählte ich von meinem Ausflug auf die Eisbahn in Hamburg. Am selben Tag wurde etwas ausgelöst, das schon viele Jahre in mir schlummerte…

Während wir darauf warteten, dass der Regen nachließ, suchten wir Unterschlupf und Zeitvertreib in verschiedenen Kaufhäusern. Dabei gerieten wir in einen Spielwarenladen und dort in die Modellbahn-Abteilung. Unzählige Eisenbahn-Nachbauten, Mini-Lokomotiven, Waggons und Bahnhöfe waren fein säuberlich aufgereiht. Schon als kleiner Junge wollte ich unbedingt eine Modelleisenbahn haben und die Züge, die ich kannte, durch kleine Landschaften fahren lassen. Matthias, ein Nachbarjunge, hatte eine gewaltig große Modellbahn-Anlage, mit der ich hin und wieder spielen durfte. Am liebsten gefielen mir die ganz kleinen Züge. Leider waren Modelleisenbahnen damals sehr teuer und Geld sowieso chronisch knapp. Und so blieb der große Traum von einer eigenen Eisenbahn unerfüllt.

Bis jetzt. In jener oben erwähnten Modelleisenbahn-Abteilung wurden in mir ein paar Rädchen in Gang gesetzt, die jetzt soviel Fahrt aufgenommen haben, dass ich damit begonnen habe, mir eine eigene Eisenbahn zuzulegen – und zwar die ganz kleine! Die Modelle sind seit damals wohl nicht unbedingt günstiger geworden (im Gegenteil). Jetzt zahlt es sich aus, dass wir den Glastisch noch nicht gegen einen Holztisch ersetzt haben, denn auf der Ablage unter der Glasplatte ist die neue Eisenbahn vor den neugierigen Katern einigermaßen sicher. Übrigens sind die Kater mindestens genau so begeistert wie ich selbst! Jedoch sind sie mit den derzeitigen Ausmaßen schon zufrieden, während ich natürlich nach und nach eine komplette Anlage erstellen möchte (im Moment fährt der ICE über Gleise, die auf einer Pappe liegen).

Ein bisschen bremsen muss ich mich aber schon. Bei ebay ist das Angebot gewaltig, aber die Preise sind gesalzen und gepfeffert. Und so hole ich mir nun Stück für Stück ein paar Kindheitserinnerungen zurück…

Eisenbahnromantik

Von Geburt an bis zur sechsten Klasse bin ich an einer Eisenbahnstrecke aufgewachsen. Genauer gesagt an einem kleinen Abschnitt der Strecke Hamburg-Westerland. Wir sind damals alle paar Jahre umgezogen, tatsächlich wohnte ich in jenem Zeitraum in sieben verschiedenen Wohnungen. Aber nie war eine weiter als einen Kilometer von den anderen entfernt, und jede lag direkt an dieser Bahnstrecke.

Die Gleise der Verkehrsstrecke waren nur durch einen alten Maschendrahtzaun und einen kleinen, verdreckten Graben von den Häusern getrennt, in denen ich aufwuchs. Kein besonders wirkungsvolles Hindernis, das ich das eine oder andere Mal überwunden habe, um den Nervenkitzel zu verspüren, wenn eine brüllende rote Diesel-Lokomotive um die Kurve gerast kam. Erwischt wurde ich dabei nie – weder von der Lok noch von meinen Eltern. Wenn ich direkt an dem Maschendrahtzaun diesseits des Grabens stand, musste ich mir meine kleinen Kinderohren zuhalten, wenn ein Zug kam. So ein Eilzug machte einen Höllenlärm, jedenfalls, bis die tonnenschwere Lokomotive vorüber war.

Von dreien der Wohnungen, in denen ich aufwuchs, hatte ich einen Logenblick auf einen Rangierbahnhof. Es gehörte zu den ruhigsten Momente meiner Kindheit, wenn ich einfach Zeit hatte, dem Treiben auf den vielen Gleisen zuzusehen. Noch heute höre ich das Schnaufen der roten und blauen Rangierloks und das leise Poltern von angeschubsten Güterwaggons, bis sich die metallische Kupplung mit der eines anderen Waggons vereinigte. Am Ende des Rangierbahnhofes befanden sich die Hallen des Eisenbahn-Ausbesserungswerkes, in dem mein Vater früher gearbeitet hatte.

Zu jener Zeit durfte ich meinen Vater an jedem zweiten Wochenende besuchen. Ich hatte ein paar Klamotten in einer Supermarkttüte bei mir und ging mit meinem Vater zum Bahnhof. Die Bahnhofshalle kam mir damals riesig vor, heute weiß ich, dass der Bahnhof gar nicht so sehr groß ist… Wenn der Zug kam, hielt ich mir meine Ohren zu (das war mit der Tüte in einer Hand wirklich schwierig). Mein Vater öffnete eine der roten Türen und wir stiegen ein. Ich bekam immer einen Fensterplatz in Fahrtrichtung. Mal in einem Raucher- und mal in einem Nichtraucherabteil. In meiner Geburtsstadt, ein paar Bahnhöfe weiter, stand immer ein dreiteiliger, roter Schienenbus, der – wenn ich mich richtig erinnere – zwischen Elmshorn

und Hamburg pendelte. Einmal haben mein Vater und ich auf mein Drängen den Schienenbus für die verbleibende Strecke benutzt. Das war ein großartiges Erlebnis!

Wenn wir Hamburg erreichten, ruckelte der Zug stets mit viel Getöse über unzählige Weichen, bis wir in Altona die Endhaltestelle erreichten, wo alle aussteigen mussten. Überall standen Züge. Schnaufende Lokomotiven, bunte Waggons, Autos, die auf Züge verladen wurden und Menschen, Menschen, Menschen. Mein Vater, ich und meine Supermarkttüte eilten durch den Bahnhof und fuhren mit einer silbernen Rolltreppe in die Tiefe. Und dann ging es los: Schon auf halber Höhe der Rolltreppe wehte mir der köstliche Duft von Marzipantaschen vom Bäckerstand entgegen! Mein Vater musste mir jedes Mal so eine Marzipantasche kaufen. Die machte nämlich richtig glücklich. Vom Bäckerstand aus lief ich nur ein paar Meter weiter zur Modelleisenbahn, die in einem großen Glaskasten auf mich wartete. Staunend drückte ich meine Nase an der Scheibe platt und bettelte so lange, bis mein Vater eine Münze in den Schlitz fallen ließ und ich mit den vielen leuchtenden Knöpfen die Züge fahren lassen konnte. Hoch über mir schwebte auf einem Gleisoval ein weißer, stromlinienförmiger Zug, der an seinem Heck einen schwarzen Propeller hatte. Hinter der Modelleisenbahn an der Wand hing der Querschnitt einer alten Dampflokomotive. Ich glaube, auch dort konnte man mit einer kleinen Münze ein paar Mechanismen in Gang setzen. Zu guter Letzt stiegen wir dann noch eine Etage tiefer in die U-Bahn.

Die meisten waren noch blau und hatten Holzbänke. An den Holzwänden hingen Fahndungs-fotos der meistgesuchten Ver-brecher, die mich stets dazu animierten, mir alle Fahrgäste ganz genau anzusehen. Aber keiner von denen sah irgendwie verdächtig aus.
Irgendwann wurden die alten blauen U-Bahn-Züge gegen modernere ausgetauscht. Sie waren jetzt silber und rot, und an jedem Waggon leuchtete ein rotes oder ein blaues Licht und die Sitze waren gepolstert… So waren sie, die Bahnfahrten mit meinem Vater.

In meinem 13. Lebensjahr verließen wir die Gegend, in der ich aufgewachsen war und die noch heute als „der vergessene Stadtteil“ bekannt ist. Wir zogen in ein kleines Dorf, in dem es nach Kühen roch und die Bahnstrecke (übrigens die selbe Linie wie die, an der ich aufwuchs, das wusste ich damals aber nicht) vier Kilometer von unserem Haus entfernt war. In unserem Haus wohnten jetzt außerdem nur drei statt wie bisher 18 Familien. Ich wurde an eine andere Schule in die Stadt mit den Hochhäusern versetzt. Von dem Zeitpunkt an bekam mein Leben eine ganz neue Richtung. Meinen Vater durfte ich schon seit einer ganzen Weile nicht mehr besuchen, den Grund dafür blieb man mir jahrelang schuldig. Seitdem hatte ich meinen Vater nie mehr gesehen. Die Faszination für die Eisenbahn und das nostalgische Gefühl von Kindheitsfaszination ist bis heute erhalten geblieben.

Hamburg

Am Karfreitag haben Engelchen und ich mal so richtig lange geschlafen. Die Sonne schien schon eine halbe Ewigkeit durch die weißen Stoffrollos vor unseren Schlafzimmerfenstern, als wir am späten Vormittag endlich unsere Betten verließen. Bei einem ebenso ausgiebigen Frühstück vor dem sonnigen Balkon beschlossen wir kurzerhand, die Hafencity in Hamburg zu besuchen. Ich finde das Voranschreiten des Projektes dort wahnsinnig interessant, insbesondere natürlich die Elbphilharmonie.

Und so war es zwar schon Nachmittag, als wir über die Autobahn in die benachbarte Hansestadt fuhren, aber die Sonne gab nach wie vor ihr Bestes (wenngleich es nur für elf Grad reichte). Wie üblich ließen wir das blaue Auto an der Horner Rennbahn zurück und überwanden den Rest der Strecke unterirdisch. Das Tageslicht erblickten wir erst wieder am Jungfernstieg, der zur Zeit ebenfalls als Großbaustelle von sich Reden macht. Hier entsteht nämlich der Endpunkt (oder der Anfang, je nach Standpunkt) der neuen U-Bahnlinie 4. Diese U-Bahn hat ihren Anfang (oder das Ende) mitten in der Hafencity.

Nachdem wir die Großbaustelle besichtigt und uns eine virtuelle U-Bahnfahrt auf der zukünftigen Strecke angesehen haben, fuhren wir weiter in die Hafencity. Am Baumwall stiegen wir wieder aus. Schon sahen wir, wie der Fortschritt des Elbphilharmonie-Bauwerks über die Speicherstadt aufragte. Wenn man die Baustelle mit dem Modell vergleicht, scheinen die Etagen vollzählig angelegt zu sein und sogar einige der insgesamt 1.200 geschwungenen Glasfenster sind bereits montiert.

Nur ein Stückchen weiter steht der Marco-Polo-Tower. Inzwischen ist er quasi fertiggestellt. Alle Stockwerke sind errichtet, die Fenster sind drin und ich glaube, in Kürze kann er bezogen werden. Unilever hat bereits den Gebäudekomplex zu Füßen des Towers vereinnahmt und in Betrieb genommen.

Bis hierher sind wir im letzten und im vorletzten Jahr schon gekommen. Aber jetzt geht es auch dahinter weiter. Das Überseequartier ist die nächste Großbaustelle, die sich mit großen Schritten entwickelt. Ende des Jahres dürften hier weitere Gebäude fertiggestellt sein, die der Hafencity ein Gesicht verleihen.

Kürzlich habe ich übrigens von Plänen gelesen, in Hamburg zusätzlich zu U- und S-Bahnen eine Stadtbahn einzuführen. Früher nannte man das Straßenbahn. Bin gespannt, ob und wie es damit weitergeht…

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