Vorfreude

Es ist Dienstag, der 18. August 2009. Zumindest noch für die kommende halbe Stunde. Ich habe mich gerade ins Bett gelegt und im Schein meiner weißen schwedischen Nachttischlampe mein Notebook in den Schoß gelegt. Mir gegenüber schnarcht ein schwarz-brauner Kater auf der mittleren Etage seines gigantischen Kratzbaumes, während sein weißer Bruder meinem Freund Gesellschaft leistet, der im Raum nebenan am Computer sitzt.

Obwohl es draußen dunkel und die Uhrzeit fortgeschritten ist, zeigt das Thermometer über zwanzig Grad an. Viel zu warm für mich, dabei habe ich mittlerweile alles bis auf das Allermindeste ausgezogen! Aber genau so habe ich es ja gewollt, denn inzwischen ist mein dreiwöchiger Urlaub gestartet. Aktuell befinden wir uns quasi in der Vorphase, wenn man das so nennen möchte, also in jenem Zeitraum vor unserer Urlaubsreise. Anders als sonst haben wir eine ganze Woche, um alle Vorbereitungen in Ruhe genießen zu können und die Vorfreude zu steigern. Bisher gestaltet sich dieses Vorspiel überaus verschwenderisch, denn neue Shirts, Shorts, Bücher und chinesisches Essen forderten meinen Geldbeutel in den ersten zwei Tagen schon massiv heraus. Wenn das bis zum Bettenwechsel am Samstag so weitergeht, bleibt für die Urlaubsreise nichts übrig…

Eine kurze Urlaubsreise hatten wir auch schon am vergangenen Wochenende. B. hatte U., W., meinen Hasen und mich zu sich nach Hause eingeladen. Er wohnt ungefähr 100 Kilometer von uns entfernt im ersten Stock seines Elternhauses. Flashbackartig erkannte ich seine Wohnung von früher wieder, als ich anlässlich einer Silvesterparty bei ihm war. Das ist inzwischen einige Jahre her… Aber nicht nur die Wohnung ist überarbeitet worden, auch B. hat sich ziemlich verändert, obwohl wir ihn erst vor wenigen Monaten gesehen hatten… Seine stets so drahtige Gestalt ist einer muskulösen Figur gewichen, bei der ich ganz neidisch wurde und die mich motiviert, mein Fitnesstraining nun endlich wieder aufzunehmen. Nach einem entspannten Nachmittag, der viel zu schnell in den Sonntagabend überging, fuhren wir U. und W. nach Hamburg, damit sie nicht erst auf die Bahn warten mussten. Ein wirklicher Umweg war das für uns schließlich nicht.

Jetzt schlägt es gleich Mitternacht, mein Engel macht Anstalten, zu mir ins Bett zu krabbeln und ich widme mich meiner neuen Lektüre, nachdem ich das letzte Buch entnervt abgebrochen habe. Das hat bisher kein Buch geschafft, weil ich für gewöhnlich meinem Anspruch nach Vollständigkeit nachgebe und bis zum Ende durchhalte. „Das einzige, was zählt“ hat diesen Anspruch jedoch nicht verdient und so vertiefe ich mich ab heute in „Tintenblut“ von Cornelia Funke. Da kann so viel nicht schiefgehen…

 

Gute Miene

Wenn man in der Stadt, in der man lebt, zum CSD geht und niemandem begegnet, den man kennt, ist das dann ein Zeichen dafür, dass man dort nicht zuhause ist?

Es mag an den Dimensionen liegen, die den Christopher-Street-Day in Lübeck so anders erscheinen lassen als beispielsweise den in Hamburg. In der Marzipanstadt bin ich heute zum ersten Mal in der bunten Parade mitgelaufen. Um 13 Uhr setzte mich mein Engel auf seinem Arbeitsweg an der Musik- und Kongresshalle ab, wo der Umzug nur wenige Minuten später seinen Anfang nahm. Gerade fuhren zu YMCA die letzten beiden Parade-LKW vom Parkplatz, flankiert von Ordnungspersonal, Schaulustigen und ein paar Leuten, die an der Parade durch die Innenstadt teilnahmen. Ehrlich gesagt, war ich ein wenig irritiert, denn nur zwei Fahrzeuge weiter vorn konnte ich schon die Spitze des Zuges ausmachen. Wo blieben denn all die anderen mit bunten Ballons und Transparenten behangenen Trucks? Und wo war die gigantische Menschenansammlung, wo blieben die vielen Schwulen, Lesben, Bi- und Transsexuellen? Obwohl vollständig angekleidet kam ich mir ziemlich nackig vor mit soviel Platz nach links und rechts, beäugt von Leuten, die am Straßenrand standen. Ich äugte zurück in der Hoffnung, ein bekanntes Gesicht zu erspähen, um den ganzen Weg nicht allein würde zurücklegen müssen. Von dem Truck vor mir sprudelten Bässe aus den Boxen und zurückhaltend wippte der eine oder andere mal mit dem Arm im Takt.

Wir zogen von der MuK aus die Willy-Brandt-Allee hinunter, umkreisten den Lindenteller und paradierten dann an unserem etwas schiefen Wahrzeichen vorbei durch die Holstenstraße. Allmählich füllten sich die Lücken in unseren Reihen und ich lief einen Truck weiter nach vorn, dessen Passagiere gerade zu Viva Colonia tanzten. Als sich vor mir die ersten Pärchen an die Hand nahmen und sich küssten, wurde mir wieder einmal bewusst, dass CSD ohne Freund irgendwie unlustig ist. Meistens muss mein Freund samstags arbeiten, und in der CSD-Saison ganz bestimmt. Am letzten Wochenende hatte ich mich spontan entschieden, doch nicht allein zum CSD nach Hamburg zu fahren. Ich hätte es doch tun sollen, denn U. und W. suchten mich dort per SMS, während ich allein zu Hause am Rechner saß.

Unsere Parade war inzwischen so voluminös, wie man sich einen CSD eben vorstellt und ich musste nun aufpassen, wo ich hintrat, während ich die Umgebung durch das Display meiner Kamera betrachtete. Leider hat man es nicht geschafft, die Paradestrecke im Vorwege für den Verkehr zu sperren, so dass uns ständig Autos und Busse entgegenkamen, aus denen alte Frauen kopfschüttelnd die vielen Leute betrachteten, die es gewagt hatten, auf die Straße zu gehen. Auch hing nicht eine einzige Regenbogenflagge aus den Fenstern, Pride-Souvenir-Händler, die Trillerpfeifen, Anstecker oder kleine Flaggen feilboten, fehlten ganz.

Als der Trek dann die Obertrave erreichte – das Ziel der Parade – setzte ich mich ab. Obwohl es vormittags noch bewölkt gewesen war, hatte sich die Sonne längst vollständig durchgesetzt und ich fühlte mich bedröhnt und gebraten.

Spaß hat es mir nicht unbedingt gemacht. Ich hatte erwartet, das eine oder andere bekannte Gesicht aus meiner Firma zu treffen (bei rund 600 Mitarbeitern bin ich ja sicher nicht der einzige Schwule…) – aber obwohl die Parade lächerlich kurz war, erkannte ich niemanden. Wie konnte ich auch annehmen, dass Lübeck eine schwule Kultur hat…?

Klicke für mehr Bilder.

 

Illumination

Neulich verabredete ich mich mit meinem Engel in der Innenstadt zu einem Kaffee. Ich war mit meinem weißen Bike gerade von der Arbeit gekommen und hatte es an einen Fahrradständer um die Ecke angeschlossen. Das Wetter war prächtig, und weil ich noch etwas Zeit übrig hatte, lief ich eine der Altstadtgassen entlang auf dem Weg zur St.-Aegidien-Kirche – einem von Lübecks sieben Kirchtürmen. Alle anderen sechs Türme hatte ich bereits aus der Nähe gesehen, nur St.-Aegidien liegt ein Stück abseits. Sie ist nicht sehr groß (jedenfalls nicht im Vergleich mit den anderen Kirchen). Trotzdem war es mir irgendwie wichtig, auch die siebte Kirche einmal aus der Nähe gesehen zu haben. Nicht aus spirituellen Gründen natürlich. Einfach der Vollständigkeit halber.

Im Café hatte ich fast freie Platzwahl, denn bei dem sommerlichen Wetter bildet sich eher eine Schlange vor dem Eisladen. Und weil ich immer noch ein wenig Zeit übrig hatte, vergrub ich meine Gedanken bis zum Eintreffen meines Freundes in meinem Roman. ‚Harlans Endspurt‘ ist die Fortsetzung von meinem Lieblingsroman ‚Der Langstreckenläufer‘. Das Kapitel, das ich an diesem Nachmittag im Café aufschlug, war über die Maßen spannend und ich beeilte mich mit dem Lesen, damit ich so viel wie möglich aufsaugen konnte, bis mein Freund eintraf. Ich hatte gerade drei Viertel geschafft, als ich ihn durch die Fensterfront ins Café kommen sah. Müde sah er aus. Das lag zum Einen sicher an der schwülen Wärme, die die Marzipanstadt seit Tagen im Griff hat. Zum Anderen – und das war sicher das Ausschlaggebende – lag es an seiner Arbeit, die ihn dieser Tage wieder besonders zu schaffen macht…

Nach einer knappen Stunde verließen wir das Café wieder. Engelchen machte sich auf den Weg zum Parkhaus, in dem er zuvor den blauen Wagen geparkt hatte, und ich lief zu meinem weißen Bike zurück. Gerade einmal rund anderthalb Stunden habe ich es allein gelassen, und schon war es kaputt. Der Dynamo hing auf der rechten Seite herunter, die Halterung war zerbrochen. Entschlossen griff ich nach dem schwarzen Gerät und riss es mit einem Ruck ganz vom Rahmen, verknotete die streunenden Kabelenden und fuhr ein wenig grimmig nach Hause.

Heute ist Donnerstag und nicht einmal eine Woche später hat mein Rad eine neue Beleuchtungsanlage. Ich habe einen Nabendynamo einbauen lassen, den kann man nicht so einfach abbrechen. Inklusive Einbau und neuer Lampen hat mich der Spaß über hundert Euro gekostet. Das ist in diesem Monat eigentlich ganz schlecht, denn unser großer Sommerurlaub steht vor der Tür…

Nächste Woche müssen wir noch arbeiten, und dann haben wir es geschafft. Drei Wochen lang sieht mich meine Firma dann nicht wieder, während wir in der ersten Woche zu Hause die Füße hochlegen, in der zweiten Woche ins Ferienhaus an der dänischen Nordsee fahren und gleich im Anschluss nach Kopenhagen reisen, wo wir noch einmal drei Tage verbringen werden. Die Kater bleiben währenddessen bei M. und B.

Bis dahin heißt es: unbedingt gesund bleiben. Im Moment grassiert die „Schweinegrippe“, und die wollen wir uns im Moment auf keinen Fall aufhalsen! In meiner Firma wurden schon Vorsichtsmaßnahmen getroffen. Antiseptika für alle und Notfallpläne, falls die Krankheit bei uns ausbrechen sollte und Abteilungen durch Quarantänemaßnahmen lahmgelegt werden. Tg’s Arbeitgeber sieht das alles ein bisschen lockerer und verteilt pro Tag ein Desinfektionstuch an die Mitarbeiter.

Jetzt haben wir eine neue Nachbarin. Während es zunächst hieß, hier würde eine alleinerziehende Frau mit drei zehn- bis elfjährigen Kindern einziehen, ist es tatsächlich eine alleinerziehende Frau mit zwei Kindern, von denen das eine dreieinhalb und das andere sieben Jahre alt ist. Allesamt aber sehr nett, wenn auch ziemlich lebhaft.

Inzwischen ist Tg von einem Umzug schon nicht mehr so überzeugt, ist ja auch alles eine Kostenfrage. Trotzdem gucken wir uns morgen eine Wohnung in der Gloxinstraße an, sind aber relativ fest entschlossen, sie nicht zu nehmen. Na, mal sehen…