Die Woche danach

Mein Geburtstag ist vorüber und eine Woche danach ist alles wie vorher. Nur das Wetter ist irgendwie schöner. Wie immer zu dieser Jahreszeit animiert mich der blanke blaue Himmel zu einem Frühjahrsputz – in Ansätzen, um es nicht zu übertreiben. Während also Engelchen den sonnigen Vormittag bei der Arbeit verbringt habe ich nach dem Aufstehen zunächst für wahnsinnig viel Unordnung gesorgt. Die Regale und Tische aus dunklem Holz abgeräumt, das silberne Spülbecken leergemacht, rote Sofakissen im Raum verteilt und die grauen Mülleimer irgendwohin gestellt (wo war das noch gleich…?). Dann fing ich an, ordentlich Staub aufzuwirbeln, um ihn hinterher mit dem knallgrünen Turbostaubsauger wegzusaugen.

Inzwischen glänzt die Küche, die Regale sind wieder eingeräumt, die Kater sind aus ihren Verstecken wieder hervorgekommen und ärgern sich, dass ich all die sorgsam in der ganzen Wohnung verteilten Katzenhaare weggeklaut habe! Aber egal, werden sie sich denken, wir haben ja noch viiiel mehr… Sie wissen ja noch nicht, dass sie übermorgen ihrer Manneskraft beraubt werden… Da fällt mir ein, dass ich eigentlich den Tierarzt anrufen sollte um zu fragen, was der Spaß kostet und wie das zeitlich von Statten gehen wird… Schatzi muss nämlich allein mit den beiden Rackern dort hin, weil ich Montag arbeiten muss. Den Anruf habe ich verpennt… Sorry Liebling.

Die Geburtstagsparty am vergangenen Samstag war sehr schön – wenn auch mit viel Arbeit verbunden… Ich stand mehrere Stunden in der Küche um ein anständiges und ein klein wenig ausgefallenes Abendessen vorzubereiten. Bihun-Suppe vorweg, gefüllte Cherrytomaten und Käse-Hackbällchen für nebenbei, mexikanische Wraps als Hauptgericht und Vanilleeis mit Kürbiskernöl und frisch gerösteten Mandelsplittern als Dessert. Die Mühe hatte sich gelohnt, das Essen war ziemlich lecker!Nachdem ich es doch recht lange hinausgezögert hatte begann gegen zehn oder halb elf die Geburtstagsbescherung. Engelchen hatte mich schon gegen Mittag beschert. Die Geburtstagsbilanz: Zwei halbe Serienstaffeln („Star Trek – Deep Space Nine“ und „Heroes“), eine Geburtstagstorte (Töröööö), bunte iPod-Socken uuuund *Trommelwirbel* einen iPod-Touch! Eine von den Serienstaffeln hatte ich mir gewünscht, der Rest war eine gelungene Überraschung von meinem Engel! Von den geladenen Gästen bekam ich außerdem einen Einkaufsgutschein für ein großes Elektronikkaufhaus, einen Schweden-Reiseführer, eine Tasche von einem schwedischen Modehaus, schwedische Kekse und einen Starbucks-Becher für unterwegs. Ganz schön üppige Ausbeute für einen einzigen Geburtstag!

Morgen kommt Chris aus Hamburg zu Besuch. Wir kennen uns seit dem gemeinsamen Wehrdienst. Das ist schon elf Jahre her (oh Mann… jetzt fühle ich mich doch alt!). Damals war er noch nicht schwul und ich noch längst nicht geoutet. Jahre später liefen wir uns zufällig an einer U-Bahn-Station in Hamburg über den Weg und halten seither regelmäßigen, wenn auch sporadischen Kontakt. Morgen lernt er meinen Engel kennen.

So, viel mehr ist nicht passiert in dieser Woche. Ich habe ein Zeugnis angefordert, damit ich Bewerbungen verschicken kann, die Arbeit geht mir grad etwas auf den Sack und ich freu mich auf den Frühling. Aber das wars auch schon. Jetzt werde ich schnell in die Dusche springen, damit ich frisch bin, wenn mein Hase gleich von der Arbeit heim kommt.

 

Stationen

Da geht es hin, das Wochenende. Gestern noch tanzten verspielte Schneeflocken vom Himmel und lösten sich am Boden in kalte Wassertropfen auf. Heute wischte die Sonne den Himmel blitzblank und erinnerte mich daran, dass die Fenster dringend geputzt werden müssten.

Schneeweißer Kater

Aber nicht heute, denn Engelchen und ich genossen am Nachmittag den Sonnenschein in der Innenstadt. Ich bewaffnete mich mit meiner Kamera, Mütze und Handschuhen und bald darauf saßen wir im Café bei White Chocolate Mocca und Orange Spice Latte. Vor uns am Fenster aß eine Familie ihren Kuchen, während der Jüngste im Kinderstuhl an einem Reis-Cräcker knabberte und in die Sonne blinzelte. Als ich vorschlug, eine der Marzipankirchen zu erklimmen und von der Aussichtsplattform Photos zu schießen, schauderte meinem Freund bei dem Gedanken an den eisigen Wind, der dort oben wehen musste. Allem Schaudern zum Trotz löhnte jeder von uns drei Euro, stieg in den Aufzug und schon waren wir oben. Bei dem Wetter ist die Aussicht wirklich klasse!

Zur einen Seite sahen wir zwei Kirchen und unsere Wohngegend, zur anderen eines der Gewässer, das die Innenstadt umfließt. Überall kleine Häuschen, dicht an dicht mit kleinen Innenhöfen und schmalen Gängen, in denen im Sommer wieder Wein rankt und kleine hölzerne Bänke an die Wand gestellt werden. Ein Stücken sind am Ufer waren drei moderne Wohngebäude inzwischen fertiggestellt – nicht hübsch, aber sicher sehr teuer. Zugegeben, lange hielten wir es dort oben nicht aus, denn der Wind, der ungebremst auf die Aussichtsplattform traf, war wirklich sehr eisig.

Und so waren wir schon bald wieder zu Hause, um uns zu wärmen.

Während für meinen Engel erst morgen Wochenende ist, darf ich wieder früh hoch und zur Arbeit fahren. Da fällt mir ein, ich habe die Stelle, auf die ich mich im Dezember beworben hatte, nicht bekommen. Damit geht auch der Optimismus baden, dass mein Vertrag verlängert wird. So bleibt mir nichts anderes übrig, als im Februar – also jetzt – zum Arbeitsamt zu gehen und mich arbeitssuchend zu melden. Zum ersten Mal. Irgendwie aufregend, wenn auch nicht besonders schön…

Am kommenden Samstag habe ich schon wieder Geburtstag. Einunddreißig zu werden erscheint mir gar nicht mehr ganz so schlimm wie der Dreißigste. Mit zwei befreundeten Pärchen werden wir bei uns zu Hause einen gemütlichen Abend verbringen und uns an handgemachtem Fingerfood gütlich tun.

Zu guter Letzt für diesen Tag gibt es ein kleines Update auf die beiden Katerchen. Sie wachsen so schnell, und wenn man nicht aufpasst, vergisst man, die einzelnen Stationen festzuhalten. Also hier ist Neelix, neuneinhalb Monate nach seiner Geburt:

Kater Neelix, 2008

 

Winter vorm Balkon

Als ich das kuschlige Bett mit dem kuschligen Engel heute früh verlassen musste, hatte ich meinen Wecker schon auf den späteren Bus vertröstet. Die kleinen Kater hatte ich gegen vier Uhr ausgesperrt – ihre Nacht ist irgendwie andauernd früher zuende als meine – und als ich vier Stunden später im Schlafanzug und mit winzig kleinen Augen aus dem Schlafzimmer kam begrüßten sie mich mit einem Miau-Konzert und verlangten nach frischem Wasser, leckerem Futter und viel Liebe. Da ich glaubte, wegen ihnen noch totmüde zu sein, zischte ich nur, um ihnen zu bedeuten, dass sie Schatzi nicht wecken sollten. Dann verschwand ich unter der heißen Dusche. Normalerweise sehen sie gern zu, wenn ich dusche, weil sie das viele Wasser total fasziniert (doch, es sind kleine Kater…), aber heute wollte ich keines der Fellknäuel sehen, die mich mitten in der Nacht um meinen Schönheitsschlaf gebracht haben. Also warteten sie geduldig grinsend vor der Tür und waren immer noch da, als ich wieder herauskam – nicht viel weniger müde als zuvor. Dann gab ich ihnen das bestellte Wasser, füllte die Futternäpfe und war ihnen schon nicht mehr böse, als sie zufrieden schnurrten und mich unschuldig anguckten… Es sind kleine Monster, aber sie sind so verdammt süß!

Weil ich schon so spät dran war, beeilte ich mich, um zumindest den frühen der beiden späten Busse zu erwischen. Ich zog mich an, rubbelte noch etwas Gel ins Haar, küsste meinen schlafenden Engel und verschwand die Treppe runter. Es hat einen entscheidenden Vorteil, wenn man spät dran ist: man muss nicht lange auf den Bus warten. Ich hatte die Haltestelle gerade erreicht, da saß ich auch schon neben einer Omi auf dem Weg zur Arbeit und fragte mich, wie diese alten Damen es schaffen, so früh am Tag (es war immerhin erst kurz vor neun!! *räusper*) schon so munter zu sein (nicht alle freilich, manche stöhnen und ächzen, obwohl sie nicht zur Arbeit müssen).

Seit Mitte Oktober fragt mich die nette Bäckereifachverkäuferin immer und immer wieder, was es denn sein darf. Seit Mitte Oktober kaufe ich an jedem verdammten Arbeitsmorgen zwei Laugenbrötchen. Und sonst nichts. Da sie es sich nicht merken kann (Oder will? Oder darf?) ist es schon zu einem Ritual geworden, bevor ich die Straße im Zentrum überquere und kurz darauf meine Jacke über meinen türkisgrauen Bürostuhl hänge. Im Gegensatz zu gestern habe ich heute an ein entscheidendes Utensil gedacht: Taschentücher! Irgendwo habe ich mir schon wieder einen verdammten Schnupfen angelacht und mein Kopf fühlt sich an, als wäre er auf die doppelte Größe angeschwollen. Mehr schlecht als recht erledige ich meine Aufgaben am Vormittag und als er endlich vorüber ist treffe ich wieder die nette Bäckereifachverkäuferin, die sich nicht merken kann, dass ich mittags immer etwas „zum Hieressen“ bestelle. Während des Essens begleite ich Kim, den Helden meiner aktuellen Lektüre, ein weiteres Kapitel durch Märchenmond. Allmählich macht das Buch sogar Spaß. Immerhin reitet man nicht jeden Tag auf dem Rücken eines goldenen Drachen!

Der Nachmittag verging etwas schneller. Ich erledigte ein paar kleinere Aufgaben für eine Kollegin, bei denen ich nicht viel nachdenken musste. Nachdenken war bei den geschwollenen Nebenhöhlen einfach nicht drin.

Die alte Dame, die bald darauf am Abend im Bus auf den Platz neben mir geplumpst war, fragte mich an jeder Haltestelle, ob wir denn den Stadtpark schon erreicht hätten. Als sie vier Stationen später ausstieg musste ich mich unwillkürlich fragen, was sie im Dunkeln um diese Zeit im Winter im Stadtpark zu suchen hat… Ich malte mir romantische Geschichten aus, wie sie vor hundert Jahren ihrem Liebsten dort zum ersten Mal begegnet war und sie gemeinsam einen Schneemann bauten, damit er später seine durchnässte Kleidung bei ihr über den Ofen zum Trocknen hängen konnte (der Kerl, nicht der Schneemann!)… Oder aber wie sie im Sommer jeden Tag im Stadtpark die Tauben füttert und nun jeden Abend nachsieht, ob die Tauben schon wieder da sind.

Nur dass immer noch Winter ist…

Wäre kein Winter – sondern Sommer – wäre einiges anders. Die Tage wären erfüllt vom Duft der Blumen und Bäume, Cafés würden ihr Mobiliar wieder herausstellen und leicht bekleidete Menschen würden Vanilleeis schlecken. Und Engelchen und ich würden unseren neuen Balkon ausprobieren, der noch keine Tür hat… Seit einer Woche haben wir vor unserem Esszimmer einen Balkon aus Metall. Sehr wohnlich sieht er freilich nicht aus. Da fehlen Pflanzen, Holz und ein Katzennetz, damit sich die beiden Racker nicht aus dem zweiten Stock in die Tiefe stürzen, wenn weiter unten eine Maus vorbeirennt. Dann noch ein gedeckter Frühstückstisch und frische Morgensonne und der Tag wäre perfekt.

Aber noch ist Winter vor unserem Balkon, und ungeduldig betrachte ich ihn vom Fenster aus, während ich darauf warte, dass mein Liebster von der Arbeit heimkommt…

 

Wacken unter Dach

Es war Freitag, als ich eine SMS von meinem Engel bekam, während ich mir noch über meinem Schreibtisch im Büro den Kopf über einen schwierigen Fall zerbrach. „Wollen wir heute doch zu meiner Schwester fahren? Sie wird 18…“.

Wir sind gefahren. Nachdem ich mir in der Stadt noch eine anständige Frisur hab schneiden lassen kamen wir rund drei oder vier Stunden später an. Zugegeben, 18 sind wir beide nicht mehr und so zogen wir den Altersdurchschnitt doch ein ganz klein wenig nach oben, aber die Party war ziemlich geil! Ich musste nicht fahren (hab mich auf der Hinfahrt schon durch Regen und Dunkelheit gekämpft) und so konnte ich getrost auch mal zulangen. Nach Mitternacht wurde uns dann das Gästezimmer angeboten, denn es hätten ansonsten noch zwei Stunden Rückfahrt vor uns gelegen. Wir zögerten nicht und nahmen das Angebot an. So konnte auch Engelchen zu Bier und Whiskey greifen (igitt!!).

Zum Wohl!

Dumm, dass er am Samstag um elf Uhr arbeiten musste, denn nachdem wir gegen halb fünf im Gästebett gelandet waren mussten wir um acht Uhr auch schon wieder aufstehen. Um mich herum drehte sich die Welt noch ziemlich und das ganze Haus schlief, als wir uns leise, um niemanden zu wecken, davonschlichen. Nur Rabbit die Hauskatze beäugte uns argwöhnisch, als wir auf Zehenspitzen durch die Küche rutschten.

Zwei Stunden später lag Wacken hinter uns und in der Marzipanstadt lag ich in meinem kuschligen Bett, während mein armes Engelchen zur Arbeit musste. Ich kletterte natürlich auch erst wieder unter der Bettdecke hervor, als er gegen Abend heimkam.

 

Arbeitsbeschaffung

Nach dem Bewerbungsgespräch vom letzten Donnerstag wurde die Entscheidung über die Stellenvergabe zunächst verschoben. Anscheinend gibt es zwei gleichstarke Bewerber, so dass sich die Herren Chefs noch etwas Bedenkzeit herausnehmen. Von mir aus… Währenddessen scheine ich diejenigen Arbeiten zu erledigen, die sonst keiner haben will. Belege durchwühlen und Ungereimtheiten feststellen – am besten so, dass am Ende alles stimmt.

Ehrlich, ich steh auf buchhalterische Ordnung, aber das Datenmaterial, das ich an die Hand bekomme, ist derart durcheinander und unübersichtlich, dass ich da wirklich nicht durchsteige. Zahllose Kürzel, die mir weniger als überhaupt nichts sagen, Zahlen, die nicht herzuleiten sind, diverse Korrekturbuchungen innerhalb diverser Fälle – ein hoffnungsloses Hin und Her. Die Dame, die das in der Fachabteilung „verzapft“ hat, macht das erst seit einem Jahr, deshalb hätten sich die ganzen Korrekturen ergeben und jetzt muss das geprüft werden, sagt mein Chef. Klar, ich bin ja auch schon ganze drei Monate in der Abteilung, da kann ich der Kollegin ja mal zeigen, was sie alles falsch gemacht hat…

Hinzu kam, dass eine andere Kollegin heute quietschvergnügt von einer Besprechung mit dem Chef kam: „Ich hab‘ ja grad meine Jahresabschluss-Unterlagen abgegeben. Der Chef hat mich gefragt, wo denn Deine Jahresabschluss-Ergebnisse bleiben.“ Hallo?! In den letzten beiden Wochen drehte sich bei uns alles um den bilanziellen Jahresabschluss und dessen Umsetzung. Und ich war derjenige, der die Ergebnisse in Rekordzeit und als allererster abgegeben hat! Meine Ergebnisse liegen seit über einer Woche auf seinem Schreibtisch, weil er es nicht schafft, sie zu prüfen und weiterzuleiten!

Eines wird mal wieder sehr deutlich: So ganz überzeugt bin ich von meiner neuen Abteilung offenbar auch nicht mehr, und nach und nach schleicht sich das Gefühl ein, dass ich in der Firma nicht glücklich werde. Ehrlich gesagt, nach dem Bewerbungsgespräch war mein erster Gedanke: „Oh Gott, den Job will ich lieber doch nicht!“ Ich muss mich dabei auf viele Konflikte einstellen, sagte man mir. Ich wäre der „Oberboss“ während eines Projektes und hätte die volle Verantwortung, wenn es schiefgeht.

Das ist eigentlich nichts für mich… Ich will doch einfach nur in Ruhe arbeiten! Mich zu bewerben war nicht richtig durchdacht. Ich habe meinen erlernten Job hingeschmissen, weil ich mit dem Druck nicht klarkam, und was mache ich jetzt?! Ich bin echt ein Idiot.

Warum habe ich mich beworben? Na ja, wenn ich es nicht getan hätte, wäre mein Vertrag auf jeden Fall ausgelaufen im Mai, und irgendeine Option muss ich mir ja offenhalten. Außerdem hat Lacarian „früher“ vor keiner Herausforderung zurückgeschreckt. Den leichten Weg zu gehen war selten meine Art. Aber inzwischen… Ich frage mich, warum sich das so geändert hat.

Ganz egal, wie die Entscheidung ausfällt, bei beiden Möglichkeiten habe ich sowohl gewonnen als auch verloren. Vielleicht habe ich heute einfach einen miesen Tag erwischt. Zum Glück gibt es morgen einen neuen…

 

Vorstellungskraft

Der Beginn des neuen Jahres ist gleichzeitig der Anfang vom Ende meines Arbeitsvertrages. Nächsten Monat muss ich mich arbeitssuchend melden und drei Monate später läuft mein Vertrag aus.Oder doch nicht?

Am Donnerstag hatte ich mit meinem Abteilungsleiter und dem Personalchef ein Vorstellungsgespräch. Ich habe mich auf eine Stelle in der Abteilung beworben, in der ich schon bin – unbefristet. Es war das zweitanstrengendste Vorstellungsgespräch, dass ich jemals hatte. Schwierige Fragen wurden gestellt, wie ich bestimmte Situationen angehen würde, wie ich Probleme mit Mitarbeitern lösen würde, die mir für ein Projekt unterstellt wären, gleichzeitig aber Abteilungsleiter und Prokurist sind.

Das Gespräch dauerte eine Stunde. Ich weiß nicht, ob ich überzeugen konnte. Wenn ja, dann hab ich vielleicht bald einen unbefristeten Job. Wenn nicht, dann ändert sich nichts und alles nimmt seinen (halbwegs) geplanten Gang – möglicherweise in die Arbeitslosigkeit.

 

Der verirrte Wunsch

„Es ist noch eine ganze Stunde Zeit…“ sagt Engelchen, als ich um 19 Uhr getrocknet und gebügelt meine bequemen Schuhe anziehe. „Ich weiß,“ antworte ich, „aber nachher wird’s wieder so hektisch und dann vergessen wir die Hälfte.“

Die Hälfte ist’s nicht, die wir vergessen, als wir um kurz vor 20 Uhr in meinen neongelben Wagen steigen. Zwei Brettspiele, zwei Sixpacks, „Dinner for one“, Kamera und Stativ stellen unser Gepäck für den Silvesterabend dar. Bei knapp minus zwei Grad schabe ich die Windschutzscheibe frei und noch bevor der Wagen richtig warm geworden ist, erreichen wir die Wielandstraße auf der anderen Seite der Marzipanstadt. Als wir das Gepäck vom Wagen in die Wohnung von M. und B. schleppen, fällt mir der fehlende Sambuca auf, der noch immer zu Hause im Gefrierfach zittert…

Unsere Partytruppe besteht aus acht Leuten und gar nicht lange nach der Ankunft drängen wir uns um den Raclette-Grill in der kleinen Küche. Nachdem ich mein rotes Pfännchen einige Male gefüllt und wieder geleert habe sind auch schon zwei Stunden verflogen. Die Zeit bis Mitternacht verbringen wir mit Brettspielen – na ja, mehr als eins haben wir nicht geschafft… „Nobody is perfect“ ist ein irre lustiges Spiel, bei dem alle acht Anwesenden ihr Bestes geben.

Plötzlich ist es kurz vor null Uhr. Krischie hat Champagner mitgebracht, der nun sorgsam auf acht Gläser verteilt wird. Hastig ziehen wir schon mal Schuhe und Jacken an. Noch zwei Minuten! Noch eine Minute! Noch zehn Sekunden, neun, acht, ohje, Engelchen verträgt doch keinen Sekt…fünf, vier, egal, zwei, eins…

Der Champagner tut gut. Engelchens Küsse auch. Als mir grad so richtig schön warm wird stiefeln wir hinaus in die (noch) klare Nachtluft. Keine Sekunde zu früh, denn augenblicklich starten zischend überall die Feuerwerksraketen aus ihren leeren Sektflaschen und am dunkelblauen Nachthimmel über der Marzipanstadt blühen die seltenen Neujahrsblumen auf. Hellrot, leuchtend-blau, frühlingsgrün und gold- und silberfarben, bevor sie nur Sekunden später wieder verblühen.

Same procedure as every year? Von wegen: Sowas hab ich noch nie gesehen – M. und B. hantieren an der Straße mit einer großen weißen Papiertüte und einem Feuerzeug. Es dauert eine Weile, bis der Funke in der kalten Nacht überspringt, aber dann leuchtet die Wunschlaterne auf, füllt sich mit heißer Luft und steigt kurz darauf langsam, ganz langsam in die Luft und trägt M. Wunsch hinauf in den wolkenlosen Himmel. Acht Partypeople und mindestens so viele Neujahrsnachbarn stehen und schauen dem Wunsch staunend hinterher, der immer höher steigt, bis er von den vielen Sternen, die bestimmt auch alle mal Wünsche waren, nicht mehr zu unterscheiden ist. Der zweite Wunsch ist schon in Arbeit und gehört B. Wieder hantieren die beiden mit dem Feuerzeug in der weißen Laterne. Inzwischen hat sich eine kleine Menschenansammlung gebildet. Der Atem kondensiert, als sie gebannt die Vorbereitungen bestaunen. Aber was ist das, hat M. grad das böse „Sch…“-Wort gesagt? Anscheinend sind Löcher im Laternenpapier! Die Spannung nimmt zu. Wird Bs Wunsch abheben und dem von M. folgen? Eine halbe Minute später ist es soweit: Ein bisschen wackelig aber pflichtbewusst schwebt die weiße Laterne aus Bs Händen, arbeitet sich mühsam nach oben, weiter und weiter… am besten mehr links, liiiiiinks…

Das frühe Ende einer Reise…

Ein bisschen nervös sieht der Mann schon aus, als er seinen dunkelblauen Wagen unter dem Baum wegfährt, in dessen nackten, dünnen Zweigen eine brennende weiße Laterne hängt. Auch die umstehenden Leute haben ihren kondensierten Atem angehalten und der Wunschbesitzer wirkt ein wenig ratlos. Hätte er sich doch nur eine Leiter gewünscht…

Wir werfen ausgediente Feuerwerkskörper nach der Laterne, aber nach dem zweiten Treffer steht sie vollends in Flammen. Das hauchdünne Papier verbrennt in Sekundenschnelle und ehe der Baum Feuer fangen kann fällt der Metallring klirrend zu Boden, während sieben Meter weiter oben das Wunschpapier zu glimmender Asche wird und sich in der Nacht verteilt.

Ungetrübt dieses missglückten Flugmanövers schießt B. noch ein paar bunte Raketen in den Himmel. Vielleicht hat er einer von ihnen einen neuen Wunsch mit auf den Weg gegeben. Manchmal muss man eben ein bisschen nachhelfen.

Als wir wieder in die warme Stube zurückkehren ist fast eine Stunde vergangen. Artig liegt das lustige Brettspiel noch auf dem gläsernen Couchtisch, mein gelber Spielstein steht seit dem letzten Jahr ganz vorn und wartet darauf, in den letzten Zügen als erster in das Ziel zu laufen. Es ist vier Uhr nachts, als sich die Partyrunde nach einem weiteren Spiel, ein paar Gläsern Cuba libre, Weißwein und Salzstangen allmählich an weiche Betten erinnert.

Um kurz nach halb fünf versinke ich zu Hause in tiefen Schlaf und stelle beim Aufwachen neun Stunden später wehmütig fest, dass es schon fast wieder dunkel wird…

Allen ein frohes neues Jahr, in dem hoffentlich all Eure Wünsche Flügel bekommen!