Vollbracht

Heute steht uns ein warmer, sonniger Tag bevor. Auf dem Dach des Nachbarhauses flimmert die Luft und durch den nächtlichen Regen scheint das Grün ringsherum förmlich zu explodieren. Es ist endlich Frühling!

Meinem Engel geht es besser. Wenn auch noch nicht alles wieder wie früher ist, so sieht er zumindest wieder fröhlich aus und langsam, ganz langsam, kehren seine Kräfte zurück. Ab Montag versucht er wieder zu arbeiten. Gestern Morgen bekam ich eine SMS von meinem Schatz: ‚Hallo Maus, dein Paket aus China ist angekommen :-)‘. Es ist soweit, meine im März ersteigerten Raumschiffmodelle sind da! Gerade noch rechtzeitig, denn heute wollte ich bei PayPal einen „Konflikt“ melden, um die Frist des Käuferschutzes einzuhalten. Inzwischen stehen die Schiffe wohl geordnet in meiner Vitrine im Esszimmer. Zwischenzeitlich sind auch alle Voyager-Staffeln eingetroffen. Die erste Star-Trek-Serie, die ich komplett habe.

Circa zwei Stunden nach der SMS von meinem Freund erhielt ich einen Anruf aus meiner Personalabteilung. Frau K. teilte mir mit, dass man sich für die Stelle, auf die ich mich beworben hatte, für jemand anderen entschieden hätte. Allerdings würde ich mich viel mehr freuen über das, was sie mir als nächstes sagen würde: ich wurde entfristet! Und ich bleibe im Kreditsekretariat! Noch ist allerdings alles top secret, weil noch nicht jeder der Bewerber informiert wurde. Pech, dass ich im Großraumbüro sitze: alle Kollegen um mich herum haben mir die gute Nachricht angesehen…

Abends habe ich meiner Mum eine SMS geschickt und sie rief mich an um zu gratulieren. Damit wird ihr Wunsch, dass Torge und ich wieder zurückkommen, zwar nicht erfüllt, aber sie freut sich trotzdem für mich. Gestern Abend haben wir noch unsere Gartenmöbel lasiert, damit wir sie auch mal draußen stehen lassen können. Ziemliche Sauerei, blöderweise kamen wir nicht auf die Idee, Schutz-Handschuhe anzuziehen. Auch die Steinplatten auf der „Terrasse“ haben wir eingesaut. Na ja, egal.

Seit vorgestern sind mein Engel und ich zwei Jahre ein Paar. Eigentlich wollte ich ihm den Arbeitsvertrag als Überraschung präsentieren, aber die Zusage erhielt ich ja erst gestern und den Vertrag gibt’s erst später. Eigentlich hätte ich nächste Woche Urlaub, aber weil ich jetzt das ganze Jahr Arbeit habe, verteile ich den lieber so, dass Engel und ich gemeinsam urlauben können. Vielleicht im Ferienhaus im September?

 

Ein olympischer Gedanke

Das Kind hat endlich einen Namen. Mein Freund leidet an einer akuten Sarkoidose. Das ist so etwas Ähnliches wie Tuberkulose, nur ohne Bakterien und ohne, dass man die Ursache kennt. Bekannt ist die Krankheit schon sehr lange, aber wie man sie bekommt ist noch ein Rätsel. Die Anfälligkeit dafür scheint jedoch genetisch zu sein. Eine Behandlung gibt es anscheinend nicht, wir müssen auf die Selbstheilungskräfte vertrauen, die durch die lange Verzögerung der Diagnose schon arg geschwächt sind. Währenddessen werden die Symptome mit Kortison unterdrückt. Nicht unumstritten – zu Recht, denn die Pillen hauen ziemlich rein. Aber meinem Engel scheint es besser zu gehen. Er kann wieder laufen, schläft einigermaßen durch und das Fieber ist auch erst einmal verschwunden. Nach der Kortison-Behandlung können die Symptome allerdings wiederkommen…

Durchhalten!

Was meinen Job angeht gibt es noch nichts Neues. Ich spiele ohne Netz und doppelten Boden, kein Plan B. Aber weil sich ja bis Ende April etwas ergeben sollte, ist die Zeit überschaubar. Das Warten nervt trotzdem ziemlich!

Auch auf eine Paketlieferung aus China warte ich – und zwar schon seit Wochen! Als bekennender Star-Trek-Fan habe ich mir ein paar Miniaturmodelle berühmter Raumschiffe im umstrittenen Olympialand über Ebay ersteigert. Das war vor fünf Wochen! Ich stehe mit dem Verkäufer in sporadischem Mailkontakt, demnach wurde die Sendung schon Ende März verschickt. Aber bisher: nichts! Das ist frustrierend und ich werde nur noch eine weitere Woche warten. Wenn sich dann nichts tut ist Schluss.

Ein Leckerbissen für eingefleischte Trekkies ist auch die 14. „Heroes“- Episode, die ich mit Engelchen gerade gesehen habe: George Takei, der als „Sulu“ in den 1960er- und 70er Jahren das Raumschiff Enterprise steuerte, tritt in einer Gastrolle auf und steigt gegen Ende der Episode in eine Limousine mit dem Kennzeichen NCC 1701! Da ist mir doch glatt ein hysterischer Jubel entfahren…

 

tief durchatmen

Der April hat wettertechnisch alles im Griff. Morgens rückt die Sonne etwas näher an den Frühstückstisch, doch gegen Mittag verlässt sie die warme Kraft und sie haut sich wieder aufs Ohr. Freies Feld für dicke schwere Regenwolken, die alle Farben zu verschlucken scheinen und klatschend große Wassertropfen nach uns werfen. So ist er, der April.

Weniger wechselhaft geht es bei meinem Liebsten vor sich. Langsam entwickelt sich zur Odyssee, was anfangs für einen relativ harmlosen grippalen Infekt gehalten wurde. Ich rekapituliere:
Husten und Fieber zwingen meinen Engel vor Wochen zum Doc. Der Doc hält das für eine Grippe und verordnet Bettruhe. Eine Woche später: die Grippe will nicht enden. Der Doc entnimmt eine Blutprobe und tauscht vielsagende Blicke mit seiner Assistentin. Mein Schatz hat Todesangst, während ich versuche, ihn zu beruhigen. Am nächsten Tag das Ergebnis: „Na ja, ist alles in Ordnung…“. Aber nichts ist in Ordnung. Der Doc verschreibt ein Antibiotikum gegen einen grippalen Infekt. Sechs Pillen. Während der nächsten Tage wird alles noch schlimmer. Das Fieber kommt und geht mit einer steten Regelmäßigkeit, der Husten wird stärker und zu allem Überfluss entstehen schmerzhafte Schwellungen an Engels Gelenken. Die Krönung bilden die Füße, die bald in keine Schuhe mehr passen. Nach der Antibiotikum-Kur geht es meinem Freund alles andere als gut. Also wieder zum Doc. Der schickt ihn gleich weiter zum Orthopäden – wegen der Füße. Der Orthopäde diagnostiziert: Allergische Reaktion auf Doktors Antibiotikum. Da kann er nichts machen, wir müssen warten, bis das Mittel seine Wirkung verliert. Der einzige, der hier verliert, ist mein Freund. Geduld und Zuversicht sind nach rund zwei Wochen am Ende. Eine Woche später: keine Besserung. Im Gegenteil: er kann nur noch unter Schmerzen laufen, der Husten wird wieder stärker, er isst kaum noch. Wieder zurück bei seinem Hausarzt wird er an einen Allergologen überwiesen. Dort sagt man ihm, es handele sich keinesfalls um eine Allergie gegen die Medizin, sondern ganz klar um eine Entzündung – im Lungenbereich! Hätte der Hausarzt den Husten ernst genug genommen, hätte das schon vor Wochen diagnostiziert werden können. Die Ärztin überweist Engelchen zum nächsten Arzt. Seine Lunge soll geröntgt werden. Er tapert also zum nächsten Doktor, der allerdings schickt ihn wieder weg: In seiner Praxis wird schon seit einem halben Jahr nicht mehr geröntgt…
Zumindest eine Salbe gegen die Schwellungen hat er nun bekommen. Am morgigen Montag ist sein Termin beim Radiologen, der ein Photo von seiner Lunge machen soll. Blut hat man ihm auch wieder abgenommen, dabei ist ihm diese Prozedur so verhasst. In wenigen Tagen ist er seit einem Monat zu Hause, kann sich kaum bewegen, schläft nicht mehr durch und verzweifelt. Und ich? Kann ihm nicht helfen. Ich kann ihm sein Kissen aufschütteln, ihn trösten und versuchen, dass er zumindest ein bisschen isst. Aber davon abgesehen bin ich hier ziemlich nutzlos.

Dennoch würde ich lieber bei ihm sein, statt morgen wieder zur Arbeit zu gehen. Abgesehen davon, dass es mir in der Abteilung mal wieder keinen Spaß macht, hatte ich vor wenigen Tagen ein Vorstellungsgespräch – wieder einmal in meiner jetzigen Firma. Ich habe mich auf eine Sachbearbeiterstelle in einer anderen Abteilung beworben. Das Gespräch war am Mittwoch, und es hat mir wirklich gut gefallen! Der Chef ist sehr nett und die Personalreferentin ein Pfundskerl. Wir haben uns zu dritt wirklich gut unterhalten. Bis Ende April soll die Entscheidung fallen und ich rechne mir gute Chancen aus.

Sonst ist eigentlich nichts passiert. Wie auch, wir sind ja nur zu Hause…

 

Kanonenfieber

Kanonen auf der rechten Seite,
Kanonen auf der linken Seite,
Kanonen hinter ihnen.
es kracht und donnert ihnen entgegen;
ein Sturm aus Schüssen und Granaten…

Diese Worte von Alfred Lord Tennyson beschreiben recht genau das Getöse, das gerade jetzt die Nacht durchschneidet. Ein Gefecht jedoch ist es nicht, vermutlich der farbenfrohe Ausklang eines der vielen Volksfeste, die in dieser Stadt so gern gefeiert werden. Ich habe mich gerade ins Bett gelegt, meine rote Bettdecke über mich gezogen und mein Notebook hervorgezogen, um die letzten Tage revue passieren zu lassen. Die weißen Stoffrollos verdecken die Schwärze der Nacht, die normalerweise nur von der Laterne auf der anderen Straßenseite gestört wird.

In der letzten Nacht habe ich schlecht geschlafen. Mein Engel ist krank – und das schon seit zwei Wochen. Nach einer Antibiotikum-Kur hat er gestern erneut seinen Arzt aufgesucht, und der Stümper war so ratlos, dass er ihn buchstäblich in Panik versetzt hat. Er hat meinem Freund Blut abgezapft und bedeutungsschwangere Blicke mit seiner Arzthelferin gewechselt, noch während der Patient dabei war. Schatzi ist tausend Tode gestorben und hatte eine Wahnsinnsangst vor der Diagnose. Ich konnte ihn kaum beruhigen.

Heute Morgen dann das Ergebnis: Es ist eine Entzündung. Super. Das wussten wir gestern schon. Sämtliche Symptome entsprechen genau den Nebenwirkungen des Antibiotikums. Da das Mittel aber bisher bei keinem seiner Patienten Nebenwirkungen hervorgerufen hatte, konnte sich der Arzt nicht vorstellen, dass das wirklich daher kommt… Jetzt soll mein Engel einfach abwarten, ob es von allein besser wird. Dabei kann er sich kaum bewegen, hat immer wieder Fieberschübe und geschwollene Gelenke.

Jetzt ist der Akku meines Notebooks leer und ich setze den Eintrag morgen fort…

Sonntag: Jobtechnisch hat sich wieder ein bisschen was getan bei mir: Gleich nach meinem Urlaub bewarb ich mich um eine Sachbearbeiterstelle, die bei uns ausgeschrieben war. Das Vorstellungsgespräch folgt am neunten April. Wenn ich sie bekomme: super! Wenn nicht, besteht die Chance, dass ein Kollege aus meiner Abteilung den Job bekommt, womit dann wieder eine Stelle frei wird, die ich dann so gut wie sicher hätte.

Heute früh rief mich Nate an. Er war mit seinem Freund gerade in Dänemark. Von der Nordspitze aus hatte er mir vor zwei oder drei Tagen eine SMS geschrieben. Auf dem Schreibtisch meines Engels steht noch ein Photo, dass mich genau dort zeigt. Barfuß, in Shorts und gestreiftem Shirt. Hinter mir Nord- und Ostsee, unter mir runde Kieselsteine am Strand. September 2006. Es kommt mir so lange her vor. Ich sagte Nate, er solle nach unseren Spuren im Sand suchen.

An diesem Wochenende passiert nicht sonderlich viel. Mein Freund hat sich wieder ins Bett gepackt und ich sitze hier, schreibe diese Zeilen zuende und werde mich dann mit Tee und Schokolade vor den Fernseher setzen. Morgen geht dann die Arbeit wieder los.

Rückblende

Puh, geschafft! So eine Woche kann anstrengend sein! Zum Glück lag Ostern in diesem Jahr auf einem Montag…! An meinem ersten Arbeitstag nach meinem zweiwöchigen Urlaub (gefühlter Urlaub zwei Stunden) fand ich ein fast leeres Großraumbüro vor. Fast alle Kollegen taten es mir gleich und legten zu Hause die Füße hoch. Nur Marina war noch da. Ehrlich gesagt, ich konnte noch nie konzentrierter arbeiten! Es war himmlisch ruhig. Dadurch habe ich ziemlich viel geschafft. Seit Dienstag erkennt mich auch die nette Bäckereifachverkäuferin wieder und weiß jetzt, dass ich immer zwei Laugenbrötchen bestelle. 🙂

So viel zum travaillösen Geplänkel der Woche. Am Karfreitag waren Herzchen und ich zu Besuch bei meiner family. Wenige Tage zuvor ist mein Stiefonkel Digger plötzlich gestorben, deswegen war die Stimmung etwas angeschlagen. Dennoch war es superschön, meine Mum und den Rest der Rasselbande wieder zu sehen. Nach dem Kaffeedilemma bei ihrem letzten Besuch bei uns haben sie mir zum Geburtstag eine Kaffeemaschine geschenkt… Besonders lang sind wir diesmal nicht geblieben, was aber nicht unbedingt an uns lag. Sehr traurig über den Tod seines Bruders wollte mein Stiefvater irgendwann seine Ruhe haben, und so haben wir meine Schwester nach Hause gefahren und sind dann selbst in die Marzipanstadt zurück gekehrt.

Drei Tage später, am Ostermontag, fanden wir uns zum zweiten Oster-Familien-Besuch bei Torges Eltern ein. Dieser Besuch dauerte wesentlich länger, obwohl am nächsten Tag die Arbeit wieder losging. Auf der Fahrt kamen uns immer wieder Autos mit Schnee auf dem Dach entgegen, obwohl weit und breit keine Schneeflocke zu sehen war. Doch je näher wir dem Ziel kamen, desto winterlicher wurde es. Als wir in der Küche von Schatzis Eltern saßen und Kuchen mampften, fielen dicke weiße Flocken aus grauen Wolken und der Heimweg fiel mit wesentlich weniger Stundenkilometern sehr viel langsamer aus als sonst.

Insgesamt hatten wir ein entspanntes Osterwochenende. Was ist sonst noch passiert? Ach ja, eine neue Brille habe ich mir ausgesucht! Ich hatte ja schon festgestellt, dass meine Sehstärke stark nachgelassen hat und so bin ich am Dienstagabend nach Feierabend zum Optiker gegangen. Um drei Viertel Dioptrin hat sich meine Sehkraft verschlechtert! Wusst ichs doch! Bei der Gelegenheit habe ich mir gleich ein neues Gestell ausgesucht – mal was ganz anderes. Am 4. April kann ich die Brille voraussichtlich abholen! *freu*

Jo. Das war’s erst mal. Muss mich jetzt wieder um meinen Engel kümmern, der fiebert so’n bissl vor sich hin seit Tagen und braucht jetzt meine Krankenpfleger-Talente. 🙂

 

Spiegelbilder

Die erste von zwei Wochen Urlaub ist schon rum – viel erlebt habe ich noch nicht. Das liegt nicht nur daran, dass mein Engel noch arbeiten musste, sondern auch am miesen Wetter. Die dicken fetten grauen Wolken sah ich mir zumeist lieber vom Bett aus an, einen Fuß nach draußen zu setzen kam mir schon gar nicht in den Sinn.

Heute Morgen sah es dann endlich ein wenig anders aus: Sonnenschein und Vogelgezwitscher weckten meinen Freund und mich aus dem tiefen Schlaf. Die beiden Kater, die vor Stunden schon aufgestanden waren, schnarchten inzwischen schon wieder in ihren Bettchen.

Gegen Mittag quälten wir uns über die Autobahn nach Hamburg. IKEA ist bei uns ein beliebtes Ausflugsziel, und heute wollten wir neue Bambusrollos für die beiden Wohnzimmerfenster kaufen. Schon auf Höhe der Anschlussstelle Billstedt ging nix mehr. Trotz dreier Spuren höchstens Schneckentempo. Aber was soll’s, wir haben ja Urlaub und jede Urlaubsreise – und sei es auch nur ins Möbelgeschäft – muss wohl im Stau beginnen.

Weil wir zum Frühstücken nicht mehr gekommen waren visierten wir als erstes das IKEA-Restaurant an. Ich wagte mich heute mal an etwas ganz exotisches: einen Grillteller! Schatzi, etwas weniger wagemutig, hielt sich traditionell an die schwedischen Hackbällchen. Der Laden war ziemlich voll, es scheint heute viele Mütter mit ihren – nicht mehr ganz so kleinen – Söhnen zum Möbelkauf gezogen zu haben… So mancher Stammhalter konnte einem wirklich leidtun. Die eigentliche Möbelausstellung sieht nicht großartig anders aus als bei unserem letzten Besuch, und so waren wir schnell durch. In der Warenabteilung schoben wir uns mit einem Einkaufswagen bis zu den Gardinen und Rollos voran. Erster Gang – nix. Weiße Gardinen, Holzjalousien, Leinwände. Nächster Gang: rosa Kissen – häh?! Als wir alle Gänge der Abteilung abgesucht hatten kamen wir zu dem ernüchternden Schluss: es gibt keine dunkelbraunen Bambusrollos bei IKEA in Hamburg-Moorfleet.

Natürlich gingen wir trotzdem um 67 Euro leichter aus dem Laden. Irgendwas findet sich ja immer… Zurück in der Marzipanstadt, nach diversen Schneeregen-Schauern auf der Autobahn, besorgen wir zunächst einen Gutschein für B. Er hatte am letzten Mittwoch Geburtstag und am Samstag haben wir gefeiert. Eine Wunschlaterne wie zu Silvester gab es diesmal zwar nicht, dafür aber zwei leckere Gerichte aus dem Wok.

Dass ausgerechnet heute Eva Herrmann wieder einen geistigen Furz losgelassen hat passt thematisch zu einem Online-Artikel eines bislang namhaften deutschen Magazins. Hier schreibt das Blatt über die letzte DSDS-Episode vom Samstag. Der Vorschlag, die Show in „Deutschland sucht den Supermigranten“ umzutiteln ist nur der Beginn einer Tirade auf dem Rücken der Teilnehmer, die in diesem Jahr vielfältige kulturelle Hintergründe haben. Dass der Afrodeutsche hier 500 Prozent bringen wollte wird vom Autor ebenso spitz hervorgehoben wie der Umstand, dass er nun zurück ins wahre Leben muss, als „Gabelstapler oder Dachdecker“. Von der eigentlichen Aussage mal abgesehen: seit wann ist Gabelstapler ein Beruf?! Auch Thomas Godoj kommt nicht zu kurz und wird vom Magazin als arbeitsloser Deutschpole exponiert. Diese und etliche weitere Tiraden auf die nicht deutschstämmigen Kandidaten haben mich verärgert. Immerhin heißt die Show nicht „Deutschland sucht den deutschen Superstar“.

Nachdem also die erste freie Woche einigermaßen ereignisfrei verstrichen ist, bin ich gespannt auf den zweiten Teil…

 

Das zerbrochene Fenster

Wer Fan von viel Filmblut ist, schnulzige Musical-Lovesongs liebt, Johnny Depp nicht widerstehen kann und die düsteren und meist farblosen Filme von Tim Burton mag, für den ist „Sweeney Todd“ sicher ein unterhaltsamer Film. Zu dem Schluss kam ich gestern Abend, als ich mit meinem Engel aus dem städtischen Kino kam. Ich hingegen hätte mir die zehn Euro sparen sollen. Auf dem Weg zurück zu meinem kleinen, neongelben Auto zählte ich auf, was mir alles nicht gefallen hat. Am Wagen angekommen blickte ich durch das hintere rechte Fenster in den Innenraum – blöd, dass keine Fensterscheibe mehr drin war! „Scheiße!“ rief ich, als ich die eingeschlagene Scheibe begutachtete. Glassplitter bedeckten die Rückbank im Schein der Straßenlaterne wie Diamanten und die leere Pappschachtel, die vorher noch unter dem Beifahrersitz gelegen hatte, lag immer noch leer auf dem Sitz. Was nun? Notruf wär vielleicht etwas übertrieben. Die Telefonnummer der Polizeiwache hatte ich nicht, also fuhren wir direkt dorthin. Die Reste der zertrümmerten Scheibe rieselten bei jeder Unebenheit der Fahrbahn geräuschvoll herunter in den rückwärtigen Innenraum und kalter Wind zog herein. Zum Glück war es trocken!

Eine freundliche Polizei-Obermeisterin nahm meine Anzeige entgegen. Sie sagte, es wäre schon der vierte Auto-Einbruch in dieser Nacht. Da ich mich von so etwas in der Regel nicht aus der Ruhe bringen lasse, war ich – zumindest äußerlich – ganz entspannt. Immerhin bin ich versichert. Die Polizistin sah sich den Schaden an und konfiszierte die Pappschachtel zur Untersuchung auf Fingerabdrücke. Es dauerte dann eine Weile, bis die Formulare ausgefüllt waren. Ich durfte mein Autogramm drunter setzen und dann konnten wir nach Hause. Ich entfernte die Reste der zersplitterten Scheibe, damit sie nicht auf die Straße fielen. Zu Hause klebten wir das Fenster dann mit Pappe und Folie ab, um den Innenraum gegen Regen und Tiere zu schützen.

Heute früh war Engelchen mit dem Patienten in der Werkstatt und mittlerweile ist der Wagen wieder heil. Der Schaden beträgt 150 Tacken – wie schön, das ist genau der Betrag meiner Selbstbeteiligung. Ich darf also alles komplett selber zahlen! Danke sehr! Und nur, weil ein paar hirnlose Schwachmaten eine leere Pappschachtel stehlen wollten! Ich könnte jemandem die Finger brechen, denn von der Lauferei abgesehen kann ich im Moment auf 150 Euro nicht verzichten.

Ein nicht sehr gelungener Abend. Da bleib ich doch heute einfach zu Hause.

 

one week

:: Eine Woche, zwei Absagen und die Wunschliste

Mit verstrubbeltem Haar und verpennten Augen mampfe ich grad mein Marmeladen-Toast und warte auf die Post. Von den beiden Katern abgesehen bin ich heute allein zu Haus. Draußen holt Sturmtief „Emma“ nochmal tief Luft und hier drinnen müssten die Spuren der Arbeitswoche beseitigt werden. Aber sachte, sage ich mir. Eins nach dem andern.

Während ich heute darauf warte, dass die Post uns eine DVD vorbeibringt, gab der Briefkasten in dieser Woche nicht gerade gute Neuigkeiten her. Ich habe mich bei zwei Firmen beworben, und beide haben mir in dieser Woche einen Korb gegeben. Gleichzeitig habe ich mich in meiner jetzigen Firma um eine ganz neue Stelle beworben. Eine unserer Abteilungen gerät ziemlich ins Schwimmen, und weil das die Ergebnisse mittlerweile stark beeinträchtigt erfährt die Geschäftsleitung über kurz oder lang davon. Und so habe ich einfach eine Bewerbung hochgegeben und vorgeschlagen, mich dort als Trainee aufzunehmen, mich auszubilden und dabei auf meine Unterstützung zurückzugreifen. Parallel habe ich den Abteilungsleiter gefragt, was er davon hält – und er ist dafür.

Gestern habe ich dann noch meinen jetzigen Chef ins Boot geholt, dem die Unzulänglichkeiten der anderen Abteilung ziemlich auf den Sack gehen. Ich erzählte ihm, was ich vorhabe. Da ich weiß, was er von meiner Arbeit hält, bin ich sicher, dass auch er an ein paar Fäden ziehen wird. So rechne ich mir vorsichtig ein paar Chancen aus, dass dieses eigentlich eher hoffnungslose Unterfangen Früchte tragen kann.

Am Donnerstag machte ich schon mittags Feierabend. Die Sonne schien vom blauen Himmel, die Luft war klar und in der Marzipanstadt herrschte reges Treiben. Mit meinem Bike radelte ich nach Hause. Durch das alte Stadttor, um den Kreisverkehr und unter den Bäumen einer langen Straße entlang, die dringend einen neuen Radweg braucht. Zu Hause stieg ich aus meinem Anzug, machte mich kurz frisch und schlüpfte in bequemere Klamotten. Dann schwang ich mich erneut auf mein Rad und machte mich auf den Weg zum Arbeitsamt. Als gewohnter Bus- und Autofahrer empfand ich den Weg als ziemlich weit. Mal ging es bergan und mal bergab. Über große, mehrspurige Brücken, an tausend Ampeln an verkehrsreichen Kreuzungen vorbei verschwand der blaue Himmel allmählich unter dicken grauen Wolken. Kaum war die Sonne nicht mehr zu sehen wurde es kälter und ich war mir sicher, gleich würde ich nass werden. Ich stieg noch etwas kräftiger in die Pedale. Beim Arbeitsamt würde ich mich ja ausruhen könne, während ich warte.

Außer Atem kam ich beim Amtsgebäude an, schloss mein Rad am Ständer fest und ging hinein. „Empfang“ stand auf dem Schild mit Pfeil und so bog ich rechts ab und stellte mich ans Ende der kurzen Warteschlange. Zwei Minuten später war ich auch schon dran und eine nette, kräftige Frau nahm freundlich meine Personalien auf. Sie erklärte mir, dass man mich morgen anrufen würde und ich dann diesen Fragebogen ausgefüllt bereithalten solle. Ich war etwas verwirrt, denn als ich mich telefonisch erkundigte, was ich tun müsse, um mich arbeitssuchend zu melden, hatte ich die Wahl. Ich könnte es entweder telefonisch machen oder persönlich. Ich hasse telefonieren und spreche viel lieber direkt mit den Leuten – erst recht, wenn ich nicht weiß, womit ich es zu tun habe. Die nette Empfangsdame erklärte mir, dass ich sowieso hätte herkommen müssen, weil sie meinen Personalausweis bräuchte, aber der Rest passiere erst einmal telefonisch.

Fünf Minuten später saß ich schon wieder auf dem Rad. Ausruhen war nicht drin. Zu Hause stieg ich dann erstmal unter die Dusche…

Am Freitag rief mich dann morgens eine Dame vom Arbeitsamts-Callcenter in der Firma an und brav beantwortete ich ihr alle Fragen. Jetzt habe ich einen Termin bei meinem Sachbearbeiter Mitte März.

Ich hoffe natürlich, dass alles noch gut ausgeht und ich in meiner Firma bleiben kann. Eine gesicherte Zukunft hätte für mich einen gewissen Charme…

 

Die schwule Messe

Der Sturm von Freitag auf Samstag hat der Marzipanstadt nur geringfügige Schäden zugefügt. Als ich am Samstagvormittag das Haus verlasse liegen hier und dort abgerissene Zweige der umstehenden Bäume und Nachbars Müllsäcke müssen ihren Inhalt auf der Straße verteilt haben. Ansonsten entschädigt der gewaschene Himmel für den Lärm des heulenden Windes in der Nacht.

Ich fahre meinen Engel zur Arbeit, fülle den Tank meines neongelben Kleinwagens und mache mich bald darauf auf den Weg nach Hamburg. Die erste „schwule Messe“ veranlasst mich, den heutigen Tag nicht zu Hause zu sitzen sondern etwas zu unternehmen – wenn auch auf eigene Faust. Und so rase ich mit fast 180 Sachen über die Autobahn. Mein kleines Stadtauto quietscht dabei fast vor Freude. Mein erstes Ziel war die U-Bahn-Station „Horner Rennbahn“. Hier parken wir immer den kleinen Flitzer und fahren dann mit öffentlichen Verkehrsmitteln weiter. Also löse ich ein Tagesticket für acht Euro sechzig und fahre im Untergrund zunächst bis zum Hauptbahnhof. Aus dem Internet weiß ich, dass die Messe nicht in den zentralen Messehallen stattfindet, und erst später soll ich den Grund dafür erfahren. Mein Weg führt mich mangels Plakatierung zunächst in die „Lange Reihe“. Das schwule Viertel war früher oft Ziel meiner Besuche in der Stadt gewesen. Was ist ein „schwules Viertel“? Genau genommen nimmt es nicht unbedingt ein Viertel der Stadt ein. Aber wenn eine Straße ein Motto hat, dann ist es hier in Regenbogenlettern geschrieben. Nahezu jedes Geschäft – sei es nun ein Kiosk, eines der vielen Restaurants oder schlicht der Tandladen mit Buddhas und Keksen – hat eine Regenbogenflagge im Schaufenster. Auch die Filiale einer schwulen Erotikkette findet man hier seit wenigen Jahren. Die wissen sicher, wie ich zur Messe komme. Nach einem kurzen Einkaufsbummel frage ich den jungen Verkäufer. Es überrascht mich, dass er mir nicht aus dem Stand sagen kann, wo ich lang muss. Dennoch nimmt er sich die Zeit und recherchiert für mich im Internet, bevor er mir den Weg auf einem kleinen gelben Post-it notiert.

Kurz danach sitze ich wieder in der U-Bahn. Der Weg ist noch ziemlich weit, ich muss mit der U2 bis zum äußersten Ende des U-Bahn-Netzes fahren und dort in einen Bus umsteigen.
Der Busfahrer ist ziemlich unfreundlich als ich ihn frage, ob mein Tagesticket, das ich ursprünglich für die U-Bahnen gelöst hatte, auch für den Bus gilt. Er gibt einen Grunzlaut von sich, deutet mit seiner grauen langen Mähne ein Nicken an und widmet sich dann wieder seiner Cola-Dose… Der Bus schaukelt durch dörfliches Gebiet, so weit abseits der City befinde ich mich. Links und rechts stehen Schafe auf den Weiden, direkt dahinter Wohnburgen in grau und weiß.
Die Busfahrt dauert nicht sehr lang und bald stehe ich vor dem Messegebäude in Schnelsen-Nord. Nicht sehr eindrucksvoll, aber es geht ja um die inneren Qualitäten. Ich überquere die befahrene Straße an der Ampel, visiere den rückwärtigen Eingang an und betrete das Gebäude durch eine gläserne Drehtür. Rechts vom Eingang nimmt eine ältere Dame mit Haarknoten den Gästen die Jacken ab. Ich weiß nicht genau, wieso ich meine anbehalte. Links ist die Kasse und lächelnde Jungs begrüßen die Neuankömmlinge, bevor sie neun Euro Eintritt kassieren. Dahinter gibt es Sekt oder O-Saft und ein alter Losverkäufer hypnotisiert mich, so dass ich ihm sechs Losröllchen abkaufe…

Ich befinde mich noch im Erdgeschoss. Hier gibt es nur zwei Messestände, an dem einen steht eine große, muskulöse Comicfigur ohne Personal. Ich bin ziemlich beladen mit meiner Umhängetasche, meiner Kameratasche und meiner dicken Winterjacke als ich die Treppe in das Messestockwerk hinaufsteige. Mir wird ziemlich schnell ziemlich warm, so dass ich mich meiner Jacke entledige und mir wünsche, ich hätte sie doch der Dame an der Garderobe gegeben. Zunächst bin ich extrem überfordert und stehe an der Treppe, während ich mich zu orientieren versuche. Überall laufen schwule Pärchen herum, manche blutjung, manche schon älter und ich wünsche mir sofort meinen Engel herbei, um ihn an die Hand zu nehmen und gemeinsam mit ihm in die Stimmung einzutauchen. Da das nicht geht biege ich zuerst rechts ab. Eine Frau an einem Messestand drückt mir lächelnd einen Flyer für mexikanische Taschen in die Hand, kurz dahinter werden die „VIII. Gay Games Cologne 2010“ beworben. Ein Möbelhaus stellt Betten aus, die ich mit England vor 200 Jahren assoziiere. Nicht mein Geschmack. Für die Hochzeitsmeile, die sich an die Betten anschließt, ist es noch zu früh. Hier kann man Schmuck bewundern, Trauringe, einen Hochzeitsplaner um Rat fragen und seinem oder seiner Liebsten süße Sauereien vom Erotikbäcker mitbringen. Die Pflegeserie für den (schwulen) Mann ist das nächste Thema. Auf dem Tresen liegt eine Preisliste aus, aber ich wage es nicht draufzuschauen. Wenngleich der Stand durchaus sein Publikum findet glaube ich nicht, dass Schwule eine andere Gesichtspflege brauchen als andere Männer und lasse den Stand daher wo er ist. Der Zeitschriftenstand interessiert mich schon eher. „Blu“ ist ein neues Format, ebenso wie „Frontal“. Dummerweise liegen die Preise oftmals nicht weit unter zehn Euro, und so verzichte ich heute auf ein Exemplar. Stattdessen plausche ich mit dem Personal und frage endlich, wieso die Messe so weit außerhalb liegt. Er verweist auf die geringe Größe der Messe und auf die enormen Ausmaße der Messehallen in der City. Diese Veranstaltung, so erklärte er mir, würde in den gigantischen Dimensionen untergehen.

Da ich die Größe dieser Messe noch nicht erfasst habe vertraue ich seinem Urteil einfach mal. Zu meiner LINKEn präsentiert sich eine Partei den Wählern von morgen – und das ist wörtlich zu nehmen, denn am Sonntag wird in Hamburg gewählt. Weiter vorn befindet sich der Pride-Stand. Alles scheint hier regenbogenfarben zu sein. Gürtel, Schlüsselanhänger, Anstecker, Taschen, Handtücher, Flaggen und mehr. Nur die roten Schleifen sind nicht bunt sondern rot.

Auf der Messe sind natürlich alle Farben vertreten. Die nächste ist blau. Eine Firma macht hier Werbung für ihr Gleitgel und in einer Badewanne sitzt ein (vermutlich) nackter Typ in blauem Gel und lächelt sein Publikum an. Viel gibt es hier nicht zu sehen und so gehe ich weiter. „FSK 18“ steht am Eingang des nächsten Bereiches und ein bulliger Kerl in Uniform steht Wache. Für unter 18 gehe ich wirklich nicht mehr durch und so komme ich unbehelligt hinein. Sehr groß ist der Bereich nicht, zwei Messestände und dahinter die „Raucherlounge“, die mich so gar nicht reizt. Hinter dem ersten Stand stehen ein junger Typ in Uniform und ein anderer junger Typ in einer orangefarbenen Gefängniskluft, der zudem an Händen und Füßen in Ketten gelegt ist. Besonders unglücklich sieht er darüber nicht aus… Im Hintergrund läuft ein Film und erst etwas später stelle ich fest, dass mir die beiden Darsteller persönlich gegenüberstehen. Angezogen hab ich sie gar nicht erkannt… Ich betrachte die Auslage genauer und gebe dem Gefangenen dann etwas Geld. Nach dem Einkauf fragt er mich dann nach einem Autogramm. Als ich ihn fragend ansehe deutet er mit einer gefesselten Hand auf zwei Stapel mit Photos und sagt: „Na ja, Tom ist hier, ich bin hier…“. Da dämmert mir, dass er glaubt, ich müsse ihn kennen und er ist es, der mir ein Autogramm geben will. Da es kostenlos ist, nehme ich eines. Er heißt anscheinend „Andy“, wenn ich das richtig entziffere. An dem zweiten Stand werden eher praktische Accessoires ausgestellt, für die unser Schlafzimmer aber nicht groß genug ist.

Es wird immer wärmer und ich habe das Gefühl, dass meine Tasche schwerer und schwerer wird, während ich noch kein einziges Photo geschossen habe. Ich gehe an dem Stand einer schwulen Sportgruppe vorbei, an dem zwei Jungs gerade Tischtennis spielen. An den Wänden hängen Werbephotos mit nackten Läufern, nackten Fußballern und nackten Schwimmern – so wie in der Antike… Wieso glaubt eigentlich jeder, dass Schwule unbedingt nackt sein müssen, wann immer sie können…?! Obwohl…

Nach dem Stand eines Anbieters für Frischlufttelefone, einem Crêpes-Stand und einer TV-Bühne liegt auch schon die letzte Messestraße vor mir. Hamburger Hotels, schwule Photographie (stilvoll, aber für meinen Geschmack nicht sehr ausdrucksstark und viel zu wenig umfangreich) und ein Ostseebad trennen mich noch von der Messe-Cafeteria. Erschöpft lasse ich mich auf einen der Holzstühle an der Fensterfront sinken und hänge meine Jacke über die Lehne. Als ich dann die Speisekarte studiere bin ich auch schon nicht mehr hungrig, denn was die für eine Currywurst haben wollen… also da muss die Currywurst schon ganz schön riesig sein, und das ist sie nicht, denn der Pornostar, der neben mir sitzt, hat so eine auf dem Teller, und sie ist so winzig, dass ich ihn wohl nie wieder ernst nehmen kann…!

Damit mein Engel auch etwas von meinem Besuch auf der schwulen Messe hat, kaufe ich am Weinstand eine Flasche „Gaywine rouge“. Ein schwules Winzerpaar aus Süddeutschland stellt hier seine Weine aus. Das Schwulste an dem Wein ist wohl das Etikett, aber was soll ich sagen: Ich hab den Wein trotzdem gekauft.

Im Großen und Ganzen bin ich etwas enttäuscht von der Veranstaltung. Ich weiß nicht, was ich erwartet habe. Die Palette schwuler Themen war schon recht umfangreich. Ich glaube es gab zu wenig zum Ausprobieren und entschieden zu wenig um sich einfach mal auszuruhen. Die Stände waren alle so klein, dass man sofort angesprochen wurde, wenn man nur mal kurz zu lange stehenblieb. Das nahm einem wertvolle Zeit zum Stöbern und ich fühlte mich immer von einem Stand zum nächsten gehetzt und war flugs komplett durch die Ausstellung. Aber das Schlimmste war wohl, dass ich ohne meinen Engel dort war und die Eindrücke mit niemandem teilen konnte, während um mich herum alle paarweise herumliefen.

Wenige Minuten später verpasste ich meinen Bus zurück zur U-Bahnstation, musste aber nur zehn Minuten auf den nächsten warten. Ich begutachtete meine Beute und fing langsam an zu frieren, weil es draußen nicht annähernd so heiß war wie drinnen. Der Busfahrer war netter als der von der Herfahrt. Als ich in der U-Bahn saß stellte ich fest, dass ich bis zu meiner Station durchfahren konnte. 18 Haltestellen ließ ich hinter mir ehe ich ausstieg und zum kleinen Auto zurücklief. Ich war gerade auf dem Autobahnzubringer, als mein Handy klingelte. Engelchen hatte schon Feierabend gemacht und war den ganzen Weg von der Arbeit nach Hause zu Fuß gelaufen wie früher. Es war schön, ihn wenigstens am Ohr zu haben. Eigentlich hatte ich ihn abholen wollen, aber so tankte ich nur noch den Wagen wieder nach und fuhr dann eilig zu ihm nach Hause, um meine Einkäufe zu präsentieren und die vielen Eindrücke zu verarbeiten. Wenngleich sich der lange Weg zur Messe nicht unbedingt gelohnt hat bin ich sehr froh, den Tag nicht wie üblich faul vor dem Rechner verbracht zu haben, während ich für gewöhnlich darauf warte, dass mein Engel Feierabend hat. So gesehen war es ein durchaus gelungener Samstag.

 

Kastraten

Sonntag. Es ist acht Uhr und die beiden Kater bekommen jetzt ihre letzte Mahlzeit vor der nüchternen 24-Stunden-Phase, welche die Kastration am folgenden Tag einleitet. Ich schlage die Augen auf. Vor den weißen Stoffrollos hat sich bereits Tageslicht ausgebreitet – und es scheint mir in den Kopf zu stechen, direkt oberhalb des rechten Auges… Es schmerzt ziemlich! Ich stehe also auf, um die verwunderten Kater zu füttern, als plötzlich auch noch mein Magen rebelliert. Na toll, denke ich, lasse die beiden Racker an ihren gefüllten Futternäpfen sitzen und lege mich wieder neben meinen Engel ins warme Bett.

Eine Stunde später – die Kater liegen schlafend in ihren eigenen Bettchen – schlage ich erneut die Augen auf, und mein Kopf scheint zu zerbersten! Auch mein Magen macht sich unangenehm bemerkbar. Verdammt, heute sollte lieber Besuch aus Hamburg kommen. Ich ringe mit mir, ob ich absage oder nicht. Aber die Vorstellung, so netten Besuch nach so langer Zeit mit diesen Kopfschmerzen zu empfangen ist eine schlimmere Vorstellung als die SMS, die ich kurz darauf schreibe und das Treffen absage. Engelchen neben mir ahnt noch nichts und schlummert friedlich, als ich erneut aufstehe und von Katern verfolgt in die Küche schlurfe. Vor ihren erstaunten Augen stelle ich die Futternäpfe in den Schrank, lasse sie dann perplex zurück und ziehe meine Bettdecke wieder ganz weit nach oben.

Mit fortschreitendem Tag werden die Kopfschmerzen ein wenig besser und bald kann ich auch schon wieder etwas essen. Wir hatten heute Abend eigentlich etwas aus dem Wok zaubern wollen, und weil die Zutaten schon aufgetaut sind stellen wir den Herd an. Dann die Überraschung, als ich die Packungen mit dem Hühnerbrustfilet öffne: in der einen war die Plastikverpackung offen und ein Filet klebte unappetitlich an der Pappschachtel! Igitt! Ich bin da sehr empfindlich – besonders mit geschundenem Magen – und so befördere ich die ganze Packung in den Müll. Nun bleibt also nur eine Packung übrig. Zum Glück habe ich den Besuch absagen müssen, sonst hätten wir zu wenig Essen für alle drei gehabt!

Mein Engel wurde abends langsam nervös. Die Kastration unserer beiden Katerchen am Montagmorgen würde ein einschneidendes Erlebnis werden. Die beiden Kleinen waren lediglich verwundert, dass wir die Futternäpfe seit dem Morgen noch nicht wieder aus dem Schrank geholt haben…

Gegen vier Uhr heute früh beschäftigten sich die Kater mit allem möglichen. Mit Rolloschnüren, mit Spielzeug, mit sich selbst – nur um das Loch, das sie in ihren Mägen zu spüren glaubten, mit irgendeiner Ablenkung zu stopfen. Dass sie mich damit mehrfach aus dem warmen Bett scheuchten, spielte für sie eine untergeordnete Rolle. Als ich dann später sowieso aufstehen musste war mein Engel auch schon wach. Nicht mehr lange und er würde sich mit den beiden auf den Weg machen…

Inzwischen ist der Abend angebrochen, die beiden Kastrierten waren den ganzen Nachmittag hindurch taumelig und schläfrig, während die Narkose nur langsam verflog. Wir mussten arg aufpassen, damit sie nicht auf irgendwelche Möbel kletterten, von denen sie herunterstürzen konnten. Sie wirkten so hilflos und tolpatschig, plumpsten nach jedem dritten Schritt um und versuchten zu ergründen, wieso es hintenrum plötzlich so luftig ist. Jetzt erholen sie sich langsam. Während der Weiße schon wieder recht fit aussieht, braucht Neelix etwas länger.

Morgen ist dann hoffentlich alles wieder gut.