Ein olympischer Gedanke

Das Kind hat endlich einen Namen. Mein Freund leidet an einer akuten Sarkoidose. Das ist so etwas Ähnliches wie Tuberkulose, nur ohne Bakterien und ohne, dass man die Ursache kennt. Bekannt ist die Krankheit schon sehr lange, aber wie man sie bekommt ist noch ein Rätsel. Die Anfälligkeit dafür scheint jedoch genetisch zu sein. Eine Behandlung gibt es anscheinend nicht, wir müssen auf die Selbstheilungskräfte vertrauen, die durch die lange Verzögerung der Diagnose schon arg geschwächt sind. Währenddessen werden die Symptome mit Kortison unterdrückt. Nicht unumstritten – zu Recht, denn die Pillen hauen ziemlich rein. Aber meinem Engel scheint es besser zu gehen. Er kann wieder laufen, schläft einigermaßen durch und das Fieber ist auch erst einmal verschwunden. Nach der Kortison-Behandlung können die Symptome allerdings wiederkommen…

Durchhalten!

Was meinen Job angeht gibt es noch nichts Neues. Ich spiele ohne Netz und doppelten Boden, kein Plan B. Aber weil sich ja bis Ende April etwas ergeben sollte, ist die Zeit überschaubar. Das Warten nervt trotzdem ziemlich!

Auch auf eine Paketlieferung aus China warte ich – und zwar schon seit Wochen! Als bekennender Star-Trek-Fan habe ich mir ein paar Miniaturmodelle berühmter Raumschiffe im umstrittenen Olympialand über Ebay ersteigert. Das war vor fünf Wochen! Ich stehe mit dem Verkäufer in sporadischem Mailkontakt, demnach wurde die Sendung schon Ende März verschickt. Aber bisher: nichts! Das ist frustrierend und ich werde nur noch eine weitere Woche warten. Wenn sich dann nichts tut ist Schluss.

Ein Leckerbissen für eingefleischte Trekkies ist auch die 14. „Heroes“- Episode, die ich mit Engelchen gerade gesehen habe: George Takei, der als „Sulu“ in den 1960er- und 70er Jahren das Raumschiff Enterprise steuerte, tritt in einer Gastrolle auf und steigt gegen Ende der Episode in eine Limousine mit dem Kennzeichen NCC 1701! Da ist mir doch glatt ein hysterischer Jubel entfahren…

 

tief durchatmen

Der April hat wettertechnisch alles im Griff. Morgens rückt die Sonne etwas näher an den Frühstückstisch, doch gegen Mittag verlässt sie die warme Kraft und sie haut sich wieder aufs Ohr. Freies Feld für dicke schwere Regenwolken, die alle Farben zu verschlucken scheinen und klatschend große Wassertropfen nach uns werfen. So ist er, der April.

Weniger wechselhaft geht es bei meinem Liebsten vor sich. Langsam entwickelt sich zur Odyssee, was anfangs für einen relativ harmlosen grippalen Infekt gehalten wurde. Ich rekapituliere:
Husten und Fieber zwingen meinen Engel vor Wochen zum Doc. Der Doc hält das für eine Grippe und verordnet Bettruhe. Eine Woche später: die Grippe will nicht enden. Der Doc entnimmt eine Blutprobe und tauscht vielsagende Blicke mit seiner Assistentin. Mein Schatz hat Todesangst, während ich versuche, ihn zu beruhigen. Am nächsten Tag das Ergebnis: „Na ja, ist alles in Ordnung…“. Aber nichts ist in Ordnung. Der Doc verschreibt ein Antibiotikum gegen einen grippalen Infekt. Sechs Pillen. Während der nächsten Tage wird alles noch schlimmer. Das Fieber kommt und geht mit einer steten Regelmäßigkeit, der Husten wird stärker und zu allem Überfluss entstehen schmerzhafte Schwellungen an Engels Gelenken. Die Krönung bilden die Füße, die bald in keine Schuhe mehr passen. Nach der Antibiotikum-Kur geht es meinem Freund alles andere als gut. Also wieder zum Doc. Der schickt ihn gleich weiter zum Orthopäden – wegen der Füße. Der Orthopäde diagnostiziert: Allergische Reaktion auf Doktors Antibiotikum. Da kann er nichts machen, wir müssen warten, bis das Mittel seine Wirkung verliert. Der einzige, der hier verliert, ist mein Freund. Geduld und Zuversicht sind nach rund zwei Wochen am Ende. Eine Woche später: keine Besserung. Im Gegenteil: er kann nur noch unter Schmerzen laufen, der Husten wird wieder stärker, er isst kaum noch. Wieder zurück bei seinem Hausarzt wird er an einen Allergologen überwiesen. Dort sagt man ihm, es handele sich keinesfalls um eine Allergie gegen die Medizin, sondern ganz klar um eine Entzündung – im Lungenbereich! Hätte der Hausarzt den Husten ernst genug genommen, hätte das schon vor Wochen diagnostiziert werden können. Die Ärztin überweist Engelchen zum nächsten Arzt. Seine Lunge soll geröntgt werden. Er tapert also zum nächsten Doktor, der allerdings schickt ihn wieder weg: In seiner Praxis wird schon seit einem halben Jahr nicht mehr geröntgt…
Zumindest eine Salbe gegen die Schwellungen hat er nun bekommen. Am morgigen Montag ist sein Termin beim Radiologen, der ein Photo von seiner Lunge machen soll. Blut hat man ihm auch wieder abgenommen, dabei ist ihm diese Prozedur so verhasst. In wenigen Tagen ist er seit einem Monat zu Hause, kann sich kaum bewegen, schläft nicht mehr durch und verzweifelt. Und ich? Kann ihm nicht helfen. Ich kann ihm sein Kissen aufschütteln, ihn trösten und versuchen, dass er zumindest ein bisschen isst. Aber davon abgesehen bin ich hier ziemlich nutzlos.

Dennoch würde ich lieber bei ihm sein, statt morgen wieder zur Arbeit zu gehen. Abgesehen davon, dass es mir in der Abteilung mal wieder keinen Spaß macht, hatte ich vor wenigen Tagen ein Vorstellungsgespräch – wieder einmal in meiner jetzigen Firma. Ich habe mich auf eine Sachbearbeiterstelle in einer anderen Abteilung beworben. Das Gespräch war am Mittwoch, und es hat mir wirklich gut gefallen! Der Chef ist sehr nett und die Personalreferentin ein Pfundskerl. Wir haben uns zu dritt wirklich gut unterhalten. Bis Ende April soll die Entscheidung fallen und ich rechne mir gute Chancen aus.

Sonst ist eigentlich nichts passiert. Wie auch, wir sind ja nur zu Hause…

 

Kanonenfieber

Kanonen auf der rechten Seite,
Kanonen auf der linken Seite,
Kanonen hinter ihnen.
es kracht und donnert ihnen entgegen;
ein Sturm aus Schüssen und Granaten…

Diese Worte von Alfred Lord Tennyson beschreiben recht genau das Getöse, das gerade jetzt die Nacht durchschneidet. Ein Gefecht jedoch ist es nicht, vermutlich der farbenfrohe Ausklang eines der vielen Volksfeste, die in dieser Stadt so gern gefeiert werden. Ich habe mich gerade ins Bett gelegt, meine rote Bettdecke über mich gezogen und mein Notebook hervorgezogen, um die letzten Tage revue passieren zu lassen. Die weißen Stoffrollos verdecken die Schwärze der Nacht, die normalerweise nur von der Laterne auf der anderen Straßenseite gestört wird.

In der letzten Nacht habe ich schlecht geschlafen. Mein Engel ist krank – und das schon seit zwei Wochen. Nach einer Antibiotikum-Kur hat er gestern erneut seinen Arzt aufgesucht, und der Stümper war so ratlos, dass er ihn buchstäblich in Panik versetzt hat. Er hat meinem Freund Blut abgezapft und bedeutungsschwangere Blicke mit seiner Arzthelferin gewechselt, noch während der Patient dabei war. Schatzi ist tausend Tode gestorben und hatte eine Wahnsinnsangst vor der Diagnose. Ich konnte ihn kaum beruhigen.

Heute Morgen dann das Ergebnis: Es ist eine Entzündung. Super. Das wussten wir gestern schon. Sämtliche Symptome entsprechen genau den Nebenwirkungen des Antibiotikums. Da das Mittel aber bisher bei keinem seiner Patienten Nebenwirkungen hervorgerufen hatte, konnte sich der Arzt nicht vorstellen, dass das wirklich daher kommt… Jetzt soll mein Engel einfach abwarten, ob es von allein besser wird. Dabei kann er sich kaum bewegen, hat immer wieder Fieberschübe und geschwollene Gelenke.

Jetzt ist der Akku meines Notebooks leer und ich setze den Eintrag morgen fort…

Sonntag: Jobtechnisch hat sich wieder ein bisschen was getan bei mir: Gleich nach meinem Urlaub bewarb ich mich um eine Sachbearbeiterstelle, die bei uns ausgeschrieben war. Das Vorstellungsgespräch folgt am neunten April. Wenn ich sie bekomme: super! Wenn nicht, besteht die Chance, dass ein Kollege aus meiner Abteilung den Job bekommt, womit dann wieder eine Stelle frei wird, die ich dann so gut wie sicher hätte.

Heute früh rief mich Nate an. Er war mit seinem Freund gerade in Dänemark. Von der Nordspitze aus hatte er mir vor zwei oder drei Tagen eine SMS geschrieben. Auf dem Schreibtisch meines Engels steht noch ein Photo, dass mich genau dort zeigt. Barfuß, in Shorts und gestreiftem Shirt. Hinter mir Nord- und Ostsee, unter mir runde Kieselsteine am Strand. September 2006. Es kommt mir so lange her vor. Ich sagte Nate, er solle nach unseren Spuren im Sand suchen.

An diesem Wochenende passiert nicht sonderlich viel. Mein Freund hat sich wieder ins Bett gepackt und ich sitze hier, schreibe diese Zeilen zuende und werde mich dann mit Tee und Schokolade vor den Fernseher setzen. Morgen geht dann die Arbeit wieder los.