Bilanz

Den Januar und damit das Jahr 2007 ließen wir mit einem Riesengetöse beginnen. Mit zwei Freunden feierten Engelchen und ich den Jahreswechsel an der Alster in Hamburg. Allerdings hatten wir wirklich nicht erwartet, derart gefährliche Szenen mitzuerleben. Es wurde mit Feuerwerkskörpern auf vorbeifahrende Autos geschossen, manch eine alkoholisierte Rakete verirrte sich hin und wieder in die Menschenmengen und wiederum andere wurden direkt unter einem Überstand gezündet und explodierten inmitten der Leute. Es war ein Durcheinander, bei dem der eigentliche Jahreswechsel um Mitternacht unterging. Rückblickend war das fast symptomatisch für das ganze Jahr…

Die erste Katastrophe geschah im Februar: Ich wurde 30! In aller Stille verbrachte ich den Meilenstein ins Alter im engsten Freundeskreis. Bloß kein Aufsehen, bloß nicht zu viel drüber nachdenken. Am Tag darauf hatte ich es überstanden und bis auf zunehmende körperliche Gebrechen macht sich das Alter auch nicht zu sehr bemerkbar…

Der März war eisig. Und weil es nun schon mal so kalt war, packten wir unsere Koffer und fuhren in den Norden. Unser zweiter Besuch in der dänischen Hauptstadt führte uns in dasselbe Hotel wie schon im vergangenen Dezember. Wir genossen den Aufenthalt und sahen uns so viel wie möglich an. Schlösser, Parks, Straßen, nackte Statuen der Antike in einem Museum, die kleine Meerjungfrau und einen Filmschauplatz. Den Tagestrip nach Schweden erwähne ich an dieser Stelle nicht…

Der April schien mangels Aufzeichnung eher ereignislos gewesen zu sein.

Ganz im Gegensatz zum Mai. Wir bezogen unsere neue Wohnung und gaben das feuchte und dunkle Kellerverlies auf. Das neue Zuhause liegt unter dem Dach, ist frisch renoviert und hat einen Garten… na ja, zuerst nicht, dann schon und jetzt irgendwie wieder nicht… Im Herbst wurde das Dach neu gedämmt, dabei wurde Gerät und Material in unserem Garten gelagert, und entsprechend sieht es dort – selbst nach getaner Arbeit nun aus. Anfang 2008 soll dann auch noch ein Balkonturm folgen…

Wir waren allerdings nicht die einzigen, die in unsere neue Wohnung einzogen. Bald nachdem wir alle neuen Möbel zusammengeschraubt und die Wände bemalt hatten erhielten wir pelzigen Familienzuwachs: die beiden Kater Neelix und Cricket waren gerade mal sechs Wochen alt, als wir sie vom Bauernhof adoptierten. Inzwischen stehen sie schon kurz vor der Kastration…

Zunehmender Verkaufsdruck machte sich nicht erst im Mai bei mir bemerkbar. Die Eingewöhnungsphase in der neuen Firma war längst vorbei, inzwischen war ich seit einem Jahr dabei. Schlaflose Nächte, Angstattacken und zunehmende Depressionen machten mir schwer zu schaffen. Immer und immer wieder erwischte ich mich dabei, wie ich mir auf dem Weg zur Arbeit einen Unfall wünschte, nur um nicht dorthin zu müssen…
Es war immer noch Mai, als diary-Autor Claudius das Zeitliche segnete. Traurige Geschichte, aber rührend die Anteilnahme der „Fangemeinde“ im Tagebuchforum.

Im Juni setzte sich der berufliche Druck nicht nur fort, sondern verstärkte sich zusehends. Bald darauf begann ich eine Art Therapie, die mir dabei helfen sollte, die Ursachen herauszufinden und Lösungen zu erkennen.

Der Juli wurde heiß. Eine Hitzewelle hatte uns im Schwitzkasten und das Beste an meinem Job war die Klimaanlage. Das gute Wetter kam davon abgesehen aber dem 50. Geburtstag meiner Mum zugute. So konnten wir bequem im Garten feiern. Engelchen und ich übernachteten das erste Mal bei meinen Eltern zu Hause… Unser eigenes Zuhause war derweil fertig eingerichtet und schon sehr wohnlich. Währenddessen hing die alte Wohnung wie eine Klette an uns. Der Keller – so winzig er auch war – stand noch voller Gerümpel, den wir nicht mehr brauchten. Keiner von uns beiden hatte so richtig Lust, die Dinge auszusortieren und sich um die Entsorgung zu kümmern… Dass im selben Monat dann der letzte Harry-Potter-Band erschien, machte die Sache nicht unbedingt einfacher…

Im August gipfelten meine Jobschwierigkeiten in der Beendigung meiner Verkaufstätigkeit. Bis dahin war ich zehn Jahre lang Verkäufer gewesen und musste nun erkennen, dass ich die Anforderungen – nicht nur die meiner Gesundheit – nicht mehr erfüllen konnte. Ich erhielt die Zusage für eine neue Aufgabe ab Oktober mit der Aussicht, meinen Job nach Auslaufen meines Vertrages zu verlieren. Da mein Vertrag aber erst im Mai 2008 ausläuft, machte ich mir zunächst keine großen Sorgen. Damit endete dann auch meine Therapie, denn die Ursache für meine Depressionen war erst einmal beseitigt. Die Auswirkungen hingegen werden wohl noch eine Weile bleiben.

Für Schwule und Lesben ist der alljährliche Christopher-Street-Day (CSD) eigentlich eine Pflichtveranstaltung. Mit viel Krach und schrillen Farben protestiert man gegen Diskriminierung und für mehr Gleichbehandlung. Angesichts zunehmenden Fortschritts der Gesellschaft in Deutschland ist der CSD heute mehr eine große Party als ein Protestmarsch. Wie schon im letzten Jahr war ich auch diesmal nicht dabei. Engelchen ist für die „schwule Subkultur“ nicht zu begeistern, und wenn er auch mit mir hingegangen wäre, so musste er – wie schon im letzten Jahr – an besagtem Tag arbeiten. Und allein hingehen wollte ich dann auch nicht.
Die vielen Ereignisse dieses heißen Monats nahm dann auch meine Nichte Julie zum Anlass, am letzten Tag das Licht dieser Welt zu erblicken. Willkommen im Leben…

Schon zwei Wochen nach ihrer Geburt besuchte sie Engelchen und mich in der Marzipanstadt. Es war September und wir waren gerade aus Berlin zurück. Die Hauptstadt besuchten wir anlässlich seines Geburtstages. Ich hatte Musicalkarten besorgt und ein Hotel gebucht. So verbrachten wir ein interessantes Wochenende mit deutschem Sightseeing und tanzenden Vampiren. Sehr geil.

Der Oktober verlief wieder recht ereignislos. Meine neue Aufgabe konnte ich Mitte des Monats antreten und ich beschäftige mich seither mit der Interpretation und Auslegung verschiedener Gesetzesvorlagen. Klingt trocken, ist es auch. Aber ich muss nicht mehr verkaufen um jeden Preis.

Weiter gehen die Geburtstage in der Familie. Im November feierte sowohl mein Stiefvater als auch meine jüngere Schwester Geburtstag – an einem Wochenende. Große Party im Haus meiner Eltern – aber diesmal ohne Übernachtung.

Fast nahtlos erfolgte der Übergang in den Dezember. Überall herrschte Vorweihnachtsstimmung, die Innenstadt war überlaufen und ich zermarterte mir das Hirn für ein paar Geschenkideen. Dieses Jahr blieb die Kreativität jedoch vollends auf der Strecke. Der Monat war noch jung, da ereignete sich die nächste Katastrophe. Der Vater einer lieben Freundin kam bei einem Verkehrsunfall ums Leben. Die Stimmung war getrübt und das Unglück der Familie nur schwer zu fassen.

Dennoch fuhren Engelchen und ich schon wieder nach Kopenhagen. Die Jahreszeit unterschied sich zwar kaum von der im März – auch bei diesem Besuch waren die Bäume nackt und die Leute dafür sehr angezogen. Dennoch genossen wir die Tage abseits des grauen Alltags in der großzügig geschmückten Metropole.

Kurz vor Weihnachten rissen die schlechten Nachrichten nicht ab. Mein Stiefvater war im Krankenhaus und die Behandlung war derart stümperhaft und unprofessionell, dass er sich nur einen Tag nach Einlieferung lieber selbst entließ. Drei weitere Patienten folgten seinem Beispiel und ließen sich in ein anderes Hospital verlegen. Was ihm nun tatsächlich fehlte weiß bislang niemand… Heiligabend verbrachten Engelchen und ich besinnlich mit den beiden Katern unter dem heimischen Weihnachtsbaum. Vor der Bescherung sorgte der knallrote Fonduetopf für gemütliche Atmosphäre und gefüllte Mägen. Wir ließen uns viel Zeit beim Essen, denn die Bescherung selbst nimmt nicht mehr so viel Zeit in Anspruch, wie es in Kindertagen noch der Fall gewesen war.

Weihnachten war gerade gegessen und die nächsten Hiobsbotschaften standen schon bereit. Mein Bruder wurde in der Nacht zum zweiten Feiertag ins Krankenhaus eingeliefert. Eine eigentlich relativ harmlose Blinddarmentzündung entpuppte sich als Entzündungsherd, der die umliegenden Organe befallen hatte. Mein Bruder wurde noch in derselben Nacht operiert und in den Tagen darauf unter Beobachtung mit Medikamenten versorgt.

Kurz darauf der nächste Trauerfall im Freundeskreis. Bens Mum ist gestorben. Ich kannte sie nicht und mit Ben selbst habe ich nach dem Ende unserer gemeinsamen Schulzeit nur sporadischen Kontakt, dennoch verdunkelte es den Dezember noch ein gutes Stück mehr und ich war froh, dass das Jahr nun sein Ende fand.

2008 ist ein Schaltjahr. Ein Tag mehr Zeit für glückliche Zeiten. Ich bin gespannt…

 

Kopenhagen

:: Verkehrsmittel

Die Entscheidung ist noch ganz frisch, als wir dick eingemummelt mit Koffer und Taschen an der Bushaltestelle stehen: wir sparen das Geld für ein rasendes Taxi und fahren mit der 21 zum Bahnhof. Ich glaube, mein Engel ist das erste Mal in der Marzipanstadt Bus gefahren… Am Bahnhof ist noch nicht so viel los. Ein paar Reisende hier und dort, Engels Ex-Freund, der an der Scheibe der Bäckerei vorbeigeht, als wir gerade frühstücken und eine Arbeitskollegin, die gerade ihren Zug nach Neustadt verpasst hat. Unten auf den Gleisen fahren rote Züge ein – manche doppelstöckig, manche einfach – und nehmen die Passagiere mit auf eine Reise. Bald darauf steige ich mit meinem Freund in einen silberfarbenen Zug der Dänischen Eisenbahn und verlasse den neuen Bahnhof mit dem klassisch gewölbten Dach in Richtung Nordosten. Mit der „Prinsesse Benedikte“ überqueren wir bald darauf eine angenehm ruhige Ostsee, stöbern duty free und erreichen das dänische Ufer eine gute halbe Stunde später. Ich schicke meiner Mum eine SMS, um sie mit dem strahlend blauen Himmel neidisch zu machen, der uns hier empfängt. Wenig später würde ich sie gern zurücknehmen, denn je mehr wir uns Kopenhagen nähern, desto dichter werden die Wolken über uns, bis sie eine gleichmäßige graue Decke bilden…

 

:: Ankunft

Der Weihnachtsbaum, der wie schon im letzten Dezember in der Bahnhofshalle steht, ist wieder gigantisch groß. Er reicht bis unter die Decke und ist mit großen Kugeln und Lampen geschmückt. Hier herrscht dichtes Treiben. Menschenmengen strömen von den Zügen in die Stadt und aus der Stadt heraus zu den Zügen. Wir durchqueren die Halle, vorbei an Bücherläden, Kiosken, Post-, Bäckerei- und Ticketshops. Den festlich geschmückten Weg zu unserem Hotel kennen wir natürlich schon von unseren vorherigen beiden Besuchen. Kurz darauf checken wir ein und beziehen unser Zimmer. Zum ersten Mal wird uns ein Zimmer im Hauptgebäude zugewiesen. Mit einem ziemlich altmodischen Aufzug rattern wir in den fünften Stock. Das Zimmer liegt direkt unter dem Dach. Begeisterung ist etwas anderes… diesmal haben wir keinen Balkon und Wände und Fußboden sind so dünn, dass man nebenan das Rascheln der Nachbarn hört. Das Fenster in der Gaube ist fast unerreichbar hoch. Erst als Engelchen mich per Räuberleiter hoch auf das breite Fensterbrett hievt erreiche ich die Griffe zum Öffnen. Na ja, der Ausblick ist schon cool…

Nach dem Auspacken geht unsere Stadttour los. Zunächst laufen wir die Vesterbrogade wieder zurück, vorbei am Bahnhof, vorbei am Hard-Rock-Café neben dem Tivoli bis zum Rathausplatz. Hier ist immer was los. Oftmals gruppieren sich auf dem Platz Demonstranten und Festzüge, gleichzeitig ist er der Übertragungsort für das gläserne Nachrichtenstudio und außerdem das Portal in die Einkaufsstraßen.
Unser Ziel heute ist der Weihnachtsmarkt im Bezirk „Nyhavn“, weshalb wir sogleich durch die lange Einkaufsstraße wandern, an unzähligen Geschäften vorbeigehen, mal hier und mal dort einkehren und dann in der Mitte auf einem wunderschönen Platz in einem Café einen Glühwein zum Aufwärmen schlürfen. Als wir Nyhavn erreichen haben wir auch den „Kongens Nytorv“ hinter uns gelassen, den riesigen runden Platz mit den hell erleuchteten Gebäuden drumherum und der Eisbahn in der Mitte. In diesem Jahr finden wir sogar einen Weihnachtsmarkt, wo wir 2006 aufgrund des miesen Regenwetters vergeblich gesucht hatten. Die vielen kleinen Buden direkt am Bootshafen bieten allerlei Tand aus Holz und Glitzer an, süße Speisen, Mandeln und Crêpes, wie es sich für einen Weihnachtsmarkt gehört. Natürlich ist die neue Kamera unser ständiger Begleiter und wird auf alles gehalten, was nicht niet- und nagelfest ist.

Mit kalten Füßen und roten Nasen machen wir uns im Dunkeln (na ja, in der Stadt wird es ja nie dunkel…) auf den langen Weg zurück, zunächst ins Hotel, um uns auszuruhen und unseren jetzt schon geschundenen Füßen etwas Erholung zu gönnen. Einige Zeit später hat die Kaltluft uns wieder, jedoch nicht für lange, denn das Hard-Rock-Café ist nicht allzu weit vom Hotel entfernt. Chefkeeper Chris, dunkelhäutig, akrobatisch und quirlig, ist immer noch da. Nur das Personal um ihn herum ist ein anderes. Bedient werden wir heute von Hasse, und fünf Carlsberg später wanken wir zufrieden wieder ins Hotel zurück. Das war erfrischend und der Kater am nächsten Morgen nur ganz klein. Am Frühstück hindert er uns jedenfalls nicht. Der Wecker geht um acht Uhr dreißig. Im kleinen Bad bin ich glücklich über die Fußbodenheizung! Ich ziehe mich aus und steige in die Dusche. Für zehn Minuten vergesse ich den Klimaschutz und lasse das heiße Wasser ungeniert über meine nackte Haut fließen. Ich schließe die Augen, bloß keine Hektik! Dann fällt mir das Frühstück ein, das man nur bis zehn Uhr genießen kann und ich stelle das Wasser ab, rubbele mich mit einem weichen weißen Handtuch trocken und überlasse das feuchtwarme Bad meinem strubbeligen Engel.

Das Hotel ist für sein Biofrühstück bekannt und bald nach der Dusche sitzen wir im gemütlichen Frühstücksraum an einem der runden Tische, bestellen Kaffee (das tut gut!) und genießen!

 

:: Schweden

Heute steht ein Besuch in Schweden auf dem Programm. Schon im März waren wir mit der Bahn von Kopenhagen über die Öresundbrücke nach Malmö in Schweden gefahren. Es hatte geregnet und die Stadt war uns grau und trostlos und keinesfalls sehenswert vorgekommen. Heute geben wir ihr eine zweite Chance. Der Zug fährt teilweise unter der Ostsee hindurch, dabei sind bei der Geschwindigkeit des Zuges die Druckunterschiede so gravierend, dass ich manchmal fast aufgeschrien hätte, wenn der Luftdruck mein Trommelfell wieder und wieder ganz plötzlich bis an den Rand der Erträglichkeit gespannt hat. Ich muss dazu sagen, dass ich als Kleinkind eine Operation in beiden Ohren hatte und deshalb seither etwas empfindlich bin.
Die Fahrt dauerte nicht lang, etwa zwanzig Minuten später stehen wir auf dem Bahnsteig und betreten die Stadt. Heute haben wir zumindest ein Ziel: den „turning torso“ – ein Hochhaus, das sich nach oben um neunzig Grad dreht. Es liegt in nordwestlicher Richtung vom Bahnhof aus und so machen wir uns auf den Weg. Es scheint hier noch kälter zu sein als in Kopenhagen. Bald sehen wir den Turm schon. Er ist immerhin 190 Meter hoch. Die Gegend, durch die wir laufen, wirkt sehr trostlos. Nicht mehr als ein Gewerbegebiet mit viel kaltgrauem Asphalt, einer Baustellenruine und einem Skatepark, der von immerhin drei blonden Typen benutzt wird. Nach einigen Photos von dem beeindruckenden Bauwerk sind die Sehenswürdigkeiten hier auch schon erschöpft und wir tummeln uns zurück ins Zentrum. Das alte Rathaus haben wir im März auch schon gesehen, und weil das Wetter heute wieder so grau – wenn auch trocken – ist, sehen alle Gebäude nicht viel schöner aus als vor neun Monaten. Auf dem Platz vor dem Rathaus poliert ein Mann die Eisbahn, auf der drei Mädchen mit ihren Schlittschuhen Rillen ziehen. Um uns wieder ein wenig aufzuwärmen steuern wir das nächste Café an, in dem wir einen Stadtplan zu Rate ziehen und beschließen, die Fußgängerzone entlang bis in den Schlosspark zu gehen. Gesagt, getan. Tolle Idee! Der Schlosspark ist bestimmt wunderschön – aber nicht im Winter. Es ist kaum zu glauben, aber die Bäume sind alle nackt! Kein Blatt, kein Grün, keine Blüte. Frechheit! Wir beschließen, dass es nichts weiter zu sehen gibt und kehren nach Kopenhagen zurück. Vielleicht sollten wir mal im Sommer nach Schweden fahren…?

 

:: Königliches Zuhause

Wieder in der dänischen Hauptstadt schonen wir unsere Füße nicht allzu lange. Wir wollen was sehen! Unser nächstes Ziel ist Christiania, der selbsterklärte autonome Bezirk der Stadt. Ich weiß nicht sehr viel über die Bewohner, daher schreibe ich an dieser Stelle nur wenig. Wir laufen durch den umzäunten Bereich, vorbei an Holzhäusern, alles etwas windschief und schmuddelig und sehr alternativ. Ich finde es befremdlich und fühle mich unwohl. Photographieren ist hier unerwünscht. Christiania ist etwas abgelegen vom Zentrum und so dauert es eine Weile, bis wir wieder zurück sind. Unterwegs treffen wir auf die Erlöserkirche mit ihrer Wendeltreppe, die außen zur Turmspitze hochführt. Auf der Knippelsbrücke (manch einer kennt sie vielleicht aus „Fräulein Smillas Gespür für Schnee“) machen wir Halt, denn zu unserer Linken bietet sich ein wunderschönes Panorama. Die violett-blauen Wolken über dem Wasser und die modernen Bauten an den Ufern wirken fast futuristisch. Rechts liegt der Schwarze Diamant, der die königliche Bibliothek enthält. Photos sind hier gar nicht so einfach, denn jedes Fahrzeug, das einen Reifen auf die vielbefahrene Brücke setzt, verursacht Vibrationen, die eine scharfe Aufnahme bei den Lichtverhältnissen erschweren.

Auch das Tivoli kommt in diesem Jahr nicht um einen Besuch von uns beiden herum. Der Freizeitpark mitten in der Stadt geizt aber auch nicht mit festlichem Lichterglanz! Ein eigener Weihnachtsmarkt, Kinder mit glänzenden Augen und vor Vergnügen kreischende Achterbahnfahrer prägen unseren Ausflug in eine wahre Oase. Nirgends in der Stadt sieht es weihnachtlicher aus als hier!

 

:: Abreisetag

Am letzten Tag unseres Aufenthaltes checken wir nach dem Frühstück aus, verstauen unser Gepäck in einem Bahnhofsschließfach und haben noch viel Zeit, denn der Zug nach Hause fährt erst um halb sechs Uhr abends. Also machen wir uns auf den Weg in eine Richtung, die wir bislang noch nie eingeschlagen haben. Wir folgen der Hauptstraße nach Nordwesten, fort von den Gebieten, die wir schon kennen. Die Straßen werden breiter, die Gebäude spärlicher und älter. Irgendwann erreichen wir auch hier einen Park, der im Sommer sicher traumhaft schön ist.

Schön sind zu dieser Jahreszeit nur die nackten Statuen praller Männlichkeit und die Trauerweide am See, in deren Ästen ein Reiher auf Tiefkühlfisch wartet. Nachdem wir uns von der anatomischen Korrektheit der Skulpturen überzeugt haben laufen wir weiter, ahnungslos, wohin uns die kleinen Straßen durch die Kälte führen. Umso überraschter sind wir, als wir plötzlich aus einer Seitenstraße kommend mitten in der uns so gut bekannten Einkaufsstraße landen… Wir schlendern erneut an Geschäften vorbei (und hinein) bis zum Rathausplatz. Dort kann ich meinen Engel nicht überreden, mit mir in ein „schwulenfreundliches“ Café zu gehen und so laufen wir weiter, scheinbar schon wieder in entlegene Winkel der Stadt. Nach einiger Zeit kommen wir schon wieder aus einer kleinen Seitenstraße – schon wieder in die Einkaufsstraße! Und wir wollten wirklich mal was anderes sehen…

Zu fortgeschrittener Tageszeit laufen wir noch ein letztes Mal die Vesterbrogade hinauf, Richtung Hotel, zu dessen Zimmern wir seit heute Morgen keinen Schlüssel mehr haben. Kurz vor dem Hotel hat „Emmery‘s“ einen kleinen Laden. Von dort kommt das Brot für das Biofrühstück des Hotels und so kaufen wir als leckeres Andenken ein Brot für Zuhause, bevor wir zum Bahnhof gehen, das Gepäck aus dem Schließfach befreien und mit dem Zug in die Dunkelheit fahren. Zum Glück haben wir mein Notebook und eine Serien-DVD dabei, so wird die Zeit nicht lang und wir kommen ein paar Episoden voran. Als ich irgendwann einer Dame in Bahn-Dienstkleidung die Tickets zeigen will und etwas auf Englisch zu ihr sage, entgegnet sie kopfschüttelnd: „No no, Träsch! Träsch!“ Schatzi bricht in Gelächter aus und flüstert mir zu, dass sie den Müll einsammeln möchte… Verwirrt reiche ich der Reinigungsfrau von der Deutschen Bahn den kleinen Müllbeutel…

 

:: Home sweet home?

Zurück in der Marzipanstadt entscheiden wir uns schon wieder für den Bus und stehen spätabends am ZOB. Wir merken sofort den Unterschied zu Kopenhagen. Angetrunken torkeln brüllend ein paar Paviane durch die Gegend, blonde Püppchen im Arm, die sich wohl kaum an dem erfreuen, was ihre willenlosen Begleiter im Kopf haben… Wir sind froh, als zwanzig Minuten darauf der Bus ankommt. Drei Stationen später wird der Fahrer von einer Frau mittleren Alters angeschrien und beschimpft, weil er an der letzten Station nicht angehalten hat und sie die ganze Strecke hinter dem Bus herrennen musste. Das Wortgefecht zwischen den beiden ist unangenehm laut und wir sind wiederum froh, als wir endlich zu Hause ankommen. Zum Glück haben wir noch zwei Tage zum Erholen…

 

Männer

Es ist schon fast Mittag, aber die Schlafzimmer-Rollos, durch die heute die Sonne scheint, als hätte sie Nachholbedarf wegen der verregneten Woche, sind noch heruntergelassen, selbst, nachdem ich mich vollständig angezogen habe. Um unsere Wohnung herum steht nach wie vor ein Baugerüst und Arbeiter sind uns wieder auf’s Dach gestiegen. Es soll ja angeblich auch noch ein Balkon angebaut werden, aber so richtig tut sich da nichts… Seit Wochen versperren unsere Rollos in der ganzen Wohnung die Sicht nach draußen – und natürlich nach innen. Jeder Exhibitionismus hat seine Grenzen… Einerseits müssen wir die Tristesse des Herbst-Winter-Übergangs damit nicht sehen, wenn wir zu Hause sind, andererseits bildet das gedämpfte Licht in der Wohnung eine ganz eigene Trübsinnigkeit…

Hab ich erwähnt, dass ich jetzt Urlaub habe? Mein Engel muss noch einen Tag arbeiten, aber ab morgen kann er sich auch entspannt zurücklehnen. Morgen besuchen wir seine family in der Heimat, Montag packen wir unsere Koffer und am Dienstag fahren wir mit der Bahn nach Kopenhagen – wieder einmal. Erst am Freitag kommen wir zurück, mit hoffentlich vielen Photos und neuen Eindrücken aus der schönen Stadt. Wir freuen uns auf den großen Weihnachtsmarkt im Tivoli, auf ein gutes Bier im Hardrock-Café, auf das gemütliche Hotelzimmer und alles andere, was uns erwartet. Sogar auf die Zugfahrt freuen wir uns und hoffen, dass die Ostsee nicht so aufgewühlt ist, wenn wir mit der Fähre von Puttgarden nach Rødby übersetzen.

Natürlich können wir unsere beiden Katerchen nicht mitnehmen, deshalb geben wir sie in die fürsorglichen Hände einer Freundin in der Marzipanstadt. Wir lassen die beiden Wollbälle damit zum ersten Mal für mehr als einen Tag allein… Ein mulmiges Gefühl hab ich ja schon dabei – vielleicht sind sie traurig, wenn wir weggehen und abends nicht wiederkommen… Vor zwei Wochen haben wir die beiden schonmal zu unserer Freundin gebracht, damit sie sich beschnuppern und die Wohnung entdecken können. Es hat ihnen ganz gut gefallen, die Wohnung ist größer und überall liegt Teppichboden, das ist ja sooo weich unter den Pfoten!! Sie wissen übrigens noch nicht, dass sie bald kastriert werden… Die Armen!

Nächste Woche verlässt ein junger Kollege aus meiner Abteilung die Firma. Bei uns herrscht gerade eine Wahnsinn-Fluktuation, einer nach dem anderen kündigt. Komisch… Ich find’s schade, denn er war einer der nettesten Kollegen. Ich hab mich wegen meines Urlaubs schon gestern von ihm verabschiedet. Verabschiedungen liegen mir nicht besonders, ist immer ein bisschen krampfig. Er hatte in der Firma keine Perspektive und entschied, dass sein Studium zu teuer war, um jetzt zu versauern. Ich kann’s verstehen.

Vorgestern war ich mit meiner Abteilung in einem Theaterstück. Unsere Marzipanstadt ist eine alte Hansestadt und das Theater ist ein Schiff. „Männer und andere Irrtümer“ hieß die One-Woman-Show und die aberwitzige Satire über den Alltag von Männlein und Weiblein ließ wirklich kein Klischee aus. Jedes einzelne wurde sorgfältig auf die Spitze getrieben, in manchen erkannte man (und Frau) sich wieder und bei anderen dachte man nur: „Das könnte mir niiiee passieren…“. Die Frau auf der Bühne spielte zwei Stunden lang im Schlafanzug vor einem einfachen Bühnenbild und verkörperte dabei etliche Variationen von Männern und Frauen aus jeder Sozialschicht derart überzeugend, dass ich mich ein um’s andere Mal an Menschen aus meinem Leben erinnert fühlte. Ziemlich gutes Stück, also wer die Gelegenheit hat: ansehen!