Hilflosigkeit

Dieses Gefühl der Hilflosigkeit macht mich ziemlich fertig. Ich sitze hier, kann nichts essen und kann an nichts anderes denken als an ihn. Ich weiß nicht, was ich tun soll. Vielleicht wäre es sinnvoll den Urlaub abzubrechen und wieder zu arbeiten. Ich denke jede Minute des Tages und jedes Mal, wenn ich nachts aufwache an ihn. Er ist irgendwie einfach so verschwunden. Die eMail am Tag nach meinem Geburtstag war das letzte, was ich von ihm gehört bzw. gelesen habe. Seither ist Funkstille. Es ist bereits Wochen her, dass ich seine Stimme hören konnte. Unser letzter Kuss war ein „Tschüss, bis zum nächsten Mal!“, aber wo ist dieses nächste Mal? Wie kann er denn nur einfach alles fallen lassen?

Ich habe ihm eine lange eMail geschrieben. Heute. Vielleicht hilft sie ihm sich an all die wunderbaren Momente zu erinnern. Vielleicht hilft sie ihm zu erkennen, wer er ist. Vielleicht kann sie die Gefühle wiedererwecken, die noch gar nicht so lange her sind… Ich wünsche es mir so sehr.

 

Ende

Das war’s. Der Kampf ist vorbei. Ich habe gerade eine Email erhalten, die mir deutlich macht, dass es nichts mehr gibt, wofür es sich zu kämpfen lohnt. Danke für ein wunderschönes halbes Jahr, danke für Wolke sieben. Es war nicht nötig, mich herunterzustoßen und eiskalt auf dem Boden aufschlagen zu lassen.

Es fällt mir schwer, wirklich irre schwer, jetzt lebwohl zu sagen, mein Engel.

Wow. So auf 180 war ich ewig nicht!!!!!!

 

Denken

Es fällt mir so schwer, ihm nicht tausend eMails oder SMS zu schreiben, es fällt mir schwer, nicht mit ihm zu telefonieren, es fällt mir schwer, ihn nicht zu sehen.

Mir gehen heute so viele Gedanken durch den Kopf. Ich denke an unseren ersten Tag auf den Klippen, an die stürmische Nacht hinter den Strandkörben, an den ersten gemeinsamen Ausritt oder den ersten Saunabesuch. Ich denke an seine Familie, die ich nun wohl verloren habe. Das macht mich traurig. Ich denke an Spanien und daran, dass er der erste Mensch ist, mit dem ich ohne Zögern in ein Flugzeug gestiegen wäre. Ich denke an die Reitveranstaltungen, die wir zusammen besucht haben. An die Pferde auf dem Gestüt. Ich denke an so vieles. Die Filme, die wir uns angesehen haben. Er war einmal beinahe enttäuscht, als ich keine „Jungsfilme“ mehr hatte, wie er es nennt. Ich denke an seine beiden Zimmer, die vielen Photos aus Spanien, die er mir gezeigt hatte und an sein dreieckiges Kissen. Ich denke an die Cocktailbar, die wir am ersten Abend besucht hatten – und am letzten auch. Ich denke an die Sitzbank im Garten seiner Mum. Wir haben sie aus einem großen Holzbalken vor die Lagerfeuerstelle gebaut. Ich denke an die Umzäunung für seine Ponys. Ich denke an ausgedehnte Waldspaziergänge und an die Frau, die traurig auf den Steinen am kalten Waldbach saß. Ich denke an IKEA und an lange Autofahrten und an den Tag, an dem er mich zum ersten mal an der Akademie abholte. Ich denke an all die Dinge, die ich noch nicht von ihm kenne und die vielen Dinge, die er noch nicht von mir kennt.

Ich bin so traurig. Ich sollte weniger denken. Ich habe gerade Urlaub. Eigentlich war er dafür gedacht den Lernstoff aufzuholen, aber mir gehen so viele andere Dinge durch den Kopf. Ich wünschte, wir könnten miteinander reden.

 

Angst

Noch immer wache ich morgens auf und schaue instinktiv auf mein Handy, voll Hoffnung, dass der Spuk ein Ende hat. Ich schaue aus dem Wohnzimmerfenster und sein kleines, schwarzes Auto fährt auf den großen Parkplatz. Meine Phantasie spielt mir Streiche, der schwarze Kleinwagen dort unten gehört jemand anderem. Ich bin sehr traurig, aber ich halte mich wacker. Ich habe die Party gestern Abend ganz bewusst nicht abgesagt und meine Freunde waren da. Aber der Platz neben mir war schrecklich leer. Wir haben Pizza gebacken und ich hatte für alle ein leckeres Dessert zubereitet. Wir haben verschiedene Spiele gespielt, viel gelacht und geplaudert…

Ich vermisse ihn sehr.
Ich vermisse seine Familie…
Sein Lächeln.
Seine Wärme.
Seine Stimme.
Seine Umarmungen.
Seine Geschichten.
Sein Leben.
Ich vermisse das Herz, in dem ich mich so zu Hause fühle.

Ich habe Angst. Nicht um mich, sondern um ihn. Wer sich selbst verleugnet um ein Image aufrecht zu erhalten, damit andere ihn akzeptieren, führt das oberflächlichste und damit gefährlichste Leben, das man wählen kann. Um das Innerste und Ehrlichste zu verbergen, kann nichts und niemand weiter vordringen als bis zur Oberfläche. Und wenn er irgendwann selbst glaubt, die Oberfläche sei sein Kern, dann ist er nicht mehr als eine hohle Hülle ohne Inhalt. Und das ist es, was mir die allergrößte Angst macht.

 

Der Rest ist nur Sand

Ein Philosophieprofessor stand vor seinen Studenten und hatte ein paar Dinge vor sich liegen.

Als der Unterricht begann nahm er ein großes leeres Mayonnaiseglas und füllte es bis zum Rand mit großen Steinen. Anschließend fragte er seine Studenten, ob das Glas voll sei.

Sie stimmten ihm zu.

Der Professor nahm eine Schachtel mit Kieselsteinen, schüttete sie in das Glas und schüttelte es leicht. Die Kieselsteine rollten natürlich in die Zwischenräume der größeren Steine. Dann fragte er seine Studenten erneut, ob das Glas jetzt voll sei.

Sie stimmten wieder zu und lachten.

Der Professor seinerseits nahm eine Schachtel mit Sand und schüttete ihn in das Glas. Natürlich füllte der Sand die letzten Zwischenräume im Glas aus. „Nun“, sagte der Professor zu seinen Studenten, „Ich möchte, dass Sie erkennen, dass dieses Glas wie Ihr Leben ist!

Die Steine sind die wichtigen Dinge im Leben:
Ihre Familie, Ihr Partner, Ihre Gesundheit, Ihre Kinder. Dinge, die – wenn alles andere wegfiele und nur sie übrigblieben – Ihr Leben immer noch erfüllen würden.

Die Kieselsteine sind andere, weniger wichtige Dinge, wie zum Beispiel Ihre Arbeit, Ihre Wohnung, Ihr Haus oder Ihr Auto.

Der Sand symbolisiert die ganz kleinen Dinge im Leben. Wenn Sie den Sand zuerst in das Glas füllen, bleibt kein Raum für die Kieselsteine oder die großen Steine.

So ist es auch in Ihrem Leben: Wenn Sie all Ihre Energie für die kleinen Dinge in Ihrem Leben aufwenden, haben Sie für die großen keine mehr.

Achten Sie daher auf die wichtigen Dinge, nehmen Sie sich Zeit für Ihre Kinder oder Ihren Partner, achten Sie auf Ihre Gesundheit.

Es wird noch genug Zeit geben für Arbeit, Haushalt, Partys usw. Achten Sie zuerst auf die großen Steine – sie sind es, die wirklich zählen.

Der Rest ist nur Sand.“

 

aufgewacht

Jetzt bin ich aufgewacht, und leider war es kein Albtraum. Es ist immer noch düster draußen und die paar Lampen an der Straße scheinen viel weniger zu leuchten als sonst.

Ich kann seine Gründe nachvollziehen. Die derzeitige Konstellation aus Privatleben, Karriere und heimlicher schwuler Beziehung kostet ihn mehr Kraft, als er aufbringen kann. Ich wünschte nur, er hätte sich für die richtige Konstellation entschieden.

Und ich? Sitze hier am Rechner und warte auf die Fahrgemeinschaft zur Akademie. Ein paar Zusammenbrüche gestern Abend, kein Alkohol und unfähig, ein Telefonat zu führen. Ich versuche dem Schmerz standzuhalten, aber die Dämme sind aufgeweicht und brechen immer wieder durch. Ich will es nicht, ich will nicht wieder so zu Boden gehen wie beim letzten Mal. Ich konzentriere mich, versuche das Positive daran zu sehen, aber – komisch – es gelingt mir nicht.

Als ich erwähnte, dass mein neues Lebensjahr schwierig werden würde, war ich nicht darauf vorbereitet, dass es so schnell so schwierig wird.

 

Schon wieder

Ich erinnere mich noch genau, vor einem Jahr, an meinem 28. Geburtstag, lag ich mit Fiebergrippe im Bett. In diesem Jahr sollte es wohl genau das gleiche werden, doch diesmal habe ich es rechtzeitig bemerkt und konnte mich mit einem Fläschchen Meditonsin aus der Apotheke bewaffnen. Offenbar habe ich gewonnen, denn es geht mir wieder prächtig. Von Fieber, Husten, Schnupfen und Halsschmerzen keine Spur!

Damit ist es also wieder soweit: Ich habe schon wieder Geburtstag – es ist der letzte mit einer „2“ vorweg! Das kommende Lebensjahr wird schwieriger als die meisten vorherigen, aber ich bin sicher, all die Herausforderungen auf die eine oder andere Weise zu meistern.

Am Samstag wird gefeiert mit einer Hand voll Leuten – und mit meinem Engel. In den letzten Tagen hat er rein gar nichts von sich hören lassen. Er ist auf Geschäftsreise, da hat er sicher andere Dinge im Kopf. Bis zum Wochenende werde ich mich wohl grad noch gedulden.

Jetzt gerade stürmt es draußen vor meinem Haus und hier im sechsten Stock pfeift der Wind wütend um die Hausecke. (Vielleicht versucht er aber auch nur, mir ein Geburtstagslied zu singen.) Wenigstens bekomme ich hier oben keine nassen Füße.

Ich hoffe das Wetter zieht euch nicht zu sehr in Mitleidenschaft. Macht es euch drinnen gemütlich und habt einen schönen Donnerstag!

 

Schatten

Es ist Sonntagnachmittag, fast halb drei und draußen vor meinem Wohnzimmerfenster scheint die Sonne. Die Bäume, die ich von hier aus sehen kann, tragen natürlich noch kein Laub, so dass ich freie Sicht auf verschiedene Einrichtungen meiner Stadt habe. Da sehe ich das ehemalige Altenheim, das nun eine Musikschule beheimatet. Weißer Rauch schwebt aus dem Schornstein in den blauen Himmel und der etwas zottelige aber liebenswerte Musiklehrer sitzt sicher grad in seinem Wohnzimmer unter dem Dach und trinkt eine Tasse Tee. Ich sehe die Bundesstraße, die den starken Verkehr an der Stadt vorbeiführt und dahinter einige Bauernhäuser, deren reetgedeckte Dächer die Menschen darunter vor der Kälte des Winters schützen. Weit entfernt sehe ich die große Brücke, die über den Fluss in dieser Gegend führt und die in den kommenden Jahren durch eine neue ersetzt wird. Sogar die Autos darauf kann ich sehen. Noch dahinter stehen ein paar Hochhäuser in der Sonne. Ich frage mich, ob dort grad jemand am Fenster sitzt und zu dem Hochhaus der anderen Stadt herübersieht, in dem ich gerade sitze…

Der Tag verläuft schleppend und ähnelt damit den Tagen der vergangenen Woche. Sonderlich viel passiert hier zur Zeit nicht. Ich glaube, ich fühle mich ziemlich unvollständig, wenn mein Engel so weit von mir weg ist. Ist das normal?? Heute Abend fliegt er einmal über ganz Deutschland zurück nach Hause. Morgen ist er dann schon unterwegs zu seiner nächsten Geschäftsreise. Aber am kommenden Wochenende ist er wieder bei mir. Dann feiern wir meinen Geburtstag zusammen mit einer Hand voll Freunden.

Was mich sonst so bewegt in diesen Tagen sind all die schlechten Nachrichten aus der Welt, insbesondere der Atom-Konflikt mit dem Iran und der europäische Konflikt mit Mohammed, der doch so einfach zu lösen wäre, wenn nicht manche Menschen zu stolz wären, über ihren eigenen engstirnigen Schatten zu springen.

Ich erinnere mich außerdem, dass ich über die Gala in Flensburg berichten wollte. Ich fand sie ganz wunderbar, das Programm war bunt und abwechslungsreich und einige Darstellungen überraschend und eindrucksvoll. Aber allzu viele Worte will ich darüber jetzt nicht machen. Eines der wenigen gelungenen Photos des Abends will ich dennoch präsentieren.

Landessinfonie-Orchester Schleswig-Holstein bei der Dankeschön-Gala zur “Aktion Brückenschlag” anlässlich der Hilfe für die Betroffenen der Hurrikan-Katastrophe von New Orleans

 

Überraschungen

Gerade jetzt sitze ich an meinem silbernen Flachbildschirm im Schein meiner Schreibtischlampe, habe meine breiten, schwarzen Kopfhörer auf und lausche dem inspirierenden Gesang von James Blunt. Ganz entfernt schleudert geräuschvoll meine Waschmaschine. Es ist Freitagabend und ein engelloses Wochenende steht bevor. Gerd ist noch in Salzburg und kehrt erst am Sonntagabend zurück an die Ostküste.

Mir ist gerade etwas kalt, vielleicht sollte ich doch etwas mehr anziehen… Draußen wird es wieder frostig in dieser schwarzen und nebligen Nacht und in aller Frühe darf ich am nächsten Morgen wieder mein kuschliges Bett verlassen und zu neuen Studien in die Landeshauptstadt fahren.

Die letzten Tage hatten ein paar Überraschungen parat. Mein Großvater ist gestorben. Genauer gesagt der Vater meines Stiefvaters. Ich hatte keinen Bezug zu ihm und habe ihn auch seit Jahren nicht gesehen. Im Grunde kannte ich ihn gar nicht und er mich schon gar nicht.

Ich habe eine Nachbarin. Eigentlich habe ich 47 Nachbarn, aber nur eine von ihnen hat mir in dieser Woche ein ganz besonderes Photo geschenkt. Es zeigt meine Mum und meinen Dad… Es ist das einzige Photo von meinem Dad, das ich besitze, jemals besessen habe und je besitzen werde. Dass meine Eltern gemeinsam auf dem Bild zu sehen sind bedeutet, dass es vor mindestens 26 Jahren entstanden sein muss. Auf seiner Beerdigung im vergangenen Jahr habe ich oft gehört, dass ich ihm sehr ähnlich sehe. Wenn ich das Photo so betrachte, dann stimmt das. Nur mein Modegeschmack ist besser. Meine Nachbarin wohnt erst seit wenigen Monaten mir gegenüber und wie es der Zufall so will war sie vor langer Zeit mit meinen Eltern befreundet…

Mit meiner lieben Freundin MK war ich am letzten Sonntag in Kiel unterwegs. Nach dem Besuch bei meinem Engel am Samstag und Sonntagvormittag hatte ich noch einen ganzen Sonntagnachmittag zur Verfügung. Während wir zu dritt am Samstag die Gala in Flensburg genossen, verbrachten MK und ich einen gemütlichen Nachmittag mit einem Spaziergang und einem guten Film.

Der Spaziergang führte uns durch den selbst zu dieser Jahreszeit belebten Schrevenpark mitten in Kiel. Der von großen Bäumen gesäumte See lag zugefroren vor uns und wir wagten ein paar Schritte auf die tragende Eisfläche. Die vielen Fußspuren zeugten davon, dass schon viele andere vor uns diese Idee hatten. Mein Magen knurrte, während sich die Sonne langsam auf die Häuser vor uns hinabsenkte. Wir umrundeten den See, bestaunten bunte Wasservögel und kehrten später beim Pizzamann an der Ecke ein, um uns mit dem duftenden Abendessen den Film „Chocolat“ anzusehen.

Landeshauptstadt Kiel

Heute Abend gab es eine weitere Überraschung: Irmgildes ist zurückgekehrt! Willkommen zurück Irmi! Fast ein Jahr hat es gedauert, aber es gibt Menschen, auf die es sich zu warten lohnt!

Nach einem etwas hektischen Abend werde ich mir jetzt ein Buch schnappen und mich auf die wohlverdient faule Haut legen.

Gute Nacht!