Unbequemlichkeiten

„Generation silver?“

Die Tage nach der Beerdigung plätscherten mit einer Menge Kleinkram vor sich hin. Wichtiges und Unwichtiges bestimmte meine freien Tage der ersten und zweiten Urlaubswoche. Zwei Mal fuhr ich mit Freunden in die schönste Stadt der Welt, um mir das Wasser-Licht-Konzert auf Planten un Blomen anzuschauen. Beim ersten Besuch fanden wir auf einer der umliegenden Liegewiesen gerade noch einen Platz für die mitgebrachte Liegedecke. Ansonsten war der Platz rappelvoll. Ein paar unverbesserliche Leute standen (!) ganz vorn und verdeckten damit allen anderen einen Großteil der Sicht auf das Spektakel. Wiederholtes Rufen wurde geflissentlich überhört und selbst persönliche Bitten, sich doch hinzusetzen wurden ignoriert mit den Worten: „Sie können sich ja auch hinstellen!“ Und das von der Generation, die verächtlich den Spruch „Die Jugend von heute!!!“ geprägt hat…

„Dunkelgraufahrer?“

Ein weiterer Besuch des Konzerts ein paar Tage später begann wie immer an der U-Bahn-Station beim Tierpark. Ich lief die zugige Treppe hinunter, mir wehte bereits der unverwechselbare U-Bahn-Geruch entgegen, kramte mein Port.. mein Porte… meine Geldbörse hervor und stellte entsetzt fest, dass ich zu wenig Kohle für ein Ticket hatte. Ich fahre nie schwarz, wirklich nie! Hab immer ein Ticket… Aber ich kann ja jetzt nicht wieder weg fahren… sonst verpass ich das Konzert… Also gut… guckt keiner? Ich stecke das Geld, das ich bei mir habe, in den Münzschlitz und kaufe ein Ticket, das etwas kleiner ist als nötig. Ich steige mit schlechtem Gewissen in die U-Bahn. Aber wenn ich ehrlich bin: ich bin noch nie kontrolliert worden, und ich war schon sehr oft in Hamburg unterwegs. Zwei Stationen später passiert das, was kommen musste: drei – ich wiederhole: drei Kontrolleure stürmen meinen Waggon! Ich lasse mir meine Nervosität nicht anmerken, denke mir, dass ich bestimmt noch im Nahbereich und damit mit gültigem Fahrschein unterwegs bin. Eine große dicke Kontrolleurin in dunkelblauer Uniform kommt zu mir und bittet höflich um den Fahrschein. Brav rücke ich ihn heraus, bin die Ruhe selbst… warte geduldig wie auf Kohlen darauf, dass sie ihn mir ENDLICH wieder zurückgibt! Sie sieht mich an und reicht mir den Fahrschein, geht zum nächsten Fahrgast. *Rumms* da fiel der Stein von meinem Herzen. Hoffentlich hat’s niemand gesehen… OK, gleich kommt die nächste Station, dann sind sie weg… Doch da ist ein Fahrgast gänzlich ohne Ticket, der sich nun höflich mit dem Kontrolleur und dann mit allen dreien Kontrolleuren um die 40-Euro-Strafe streitet. Der Zug fährt in die Station ein und die Diskussion dauert an. Verdammt… was wenn ich hier den Nahbereich verlassen würde und sich meine große dicke Dunkelblaue daran erinnert? Hab keine 40 Euro bei mir…

Ich verlasse den Zug. Verlasse den Bahnhof. Gehe an die Oberfläche zurück, atme tief durch und schaue mich nach einem Geldautomaten um. Aber nix. N.I.X. Was mache ich nur?? Denken…! Denken…! Wenn ich gerade erst kontrolliert wurde, wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass mir das gleich wieder passiert?

Stochastik war nie mein Lieblingsthema in Mathematik also gehe ich einfach wieder runter und steige in die nächste Bahn. Den nächsten Geldautomaten gibt es bei meiner Umsteigestation am Jungfernstieg. Erleichtert ziehe ich 20 Euro. Und was kommt dabei raus? Ein 20-Euro-Schein natürlich… Klasse, größer ging’s wohl nicht. Na egal. Immer noch mit viel zu kleinem Ticket fahre ich die letzte Station bis zum Stephansplatz. Ich werde mutiger. Wenige Meter von der Station liegt die Parkanlage Planten un Blomen. Diesmal zog es mich auf die andere Uferseite des Gewässers – im wahrsten Sinn des geflügelten Wortes. Die Liegewiese erinnert hier eher an eine grüne Steilküste. Ganz links saßen zwei Jungs, die ich nur aus dem Augenwinkel bemerkte. Ich ließ eine Anstandslücke zwischen ihnen und meiner Decke – ich Idiot! Der eine war so was von heiß! Immer wieder schaute ich auffällig unauffällig zu ihm rüber… bis ich merkte, dass das seinem Freund gar nicht gefiel. Was mache ich also? Werfe auch dem Freund den einen oder anderen Blick zu, damit er sich nicht ausgeschlossen fühlt. Das hat zur Folge, dass sie zu knuddeln anfangen. Na ganz toll! Dann setzt sich auch noch ein älteres Ehepaar zwischen uns und ich verpass die Vorstellung, die ich eigentlich gar nicht sehen will. Na ja, dann seh ich mir eben das Wasser-Licht-Konzert an. Mitten im Konzert kommen dann noch zwei Brasilianer an mir vorbei und setzen sich zu den beiden Turteltäuberichen auf die Decke… die kennen sich offenbar. Komme mir also grad ziemlich allein vor auf meiner sandfarbenen Riesendecke, von der ich herunterrutsche wenn ich nicht aufpasse, weil es hier so steil ist. Immerhin keine Ignoranten, die einem die Sicht versperren können. Und so lausche ich dem fröhlichen Lachen der vier Jungs von links und der Filmmusik aus „James Bond“ und „Chocolat“ von vorn.

Dunkel war’s, der Mond schien helle hinter dem großen Fernsehturm als das Konzert nach einer halben Stunde zuende war. Wo niemand eine Decke ausgebreitet hatte war der Rasen feucht geworden. Nach und nach standen die Leute ringsherum an allen Uferseiten auf, packten ihre sieben Sachen und trotteten schnatternd und fröhlich lachend langsam heimwärts. Natürlich blieb ich noch liegen um einen weiteren Blick auf die vier Jungs zu werfen. Sie teilten sich eine Flasche Prosecco *Klischee olé* und schauten ein ums andere Mal zu mir rüber. Nach einer Weile war es frustrierend (und kalt) und ich zog von dannen. Vorbei am wunderschönen japanischen Garten, der gerade gewässert wurde, erreichte ich wieder die U-Bahn-Station Stephansplatz, stieg die Stufen hinunter, stand am Ticketautomaten und wählte nun aber das richtige Programm. Ich reichte dem Banknoten-Schlitz meinen 20-Euro-Schein. Dann noch mal und noch mal und noch mal… dann gab ich’s auf, stand vor dem Automaten, glotzte ihn entgeistert an und ging dann gefrustet die Steinstufen wieder hoch und zum Eismann an der Ecke… „Zwei Kugeln Joghurteis bitte.“ „1,20 bitte… haben Sie’s nicht kleiner??“ „N.E.I.N. Ich habe es wirklich – nicht – kleiner!“

Während ich auf der steinernen Blumenumrandung vor dem Parkeingang auf meiner Decke saß und mein Eis schleckte warf mir der Eisverkäufer noch den einen oder anderen säuerlichen Blick zu, bevor ich endlich mein Ticket mit dem Kleingeld löste, in den Zug stieg und irgendwann bei meinem kleinen neongelben Auto ankam, dass mich dann ja auch ohne Kleingeld brav wie immer nach Hause fuhr…

 

Vergangenheit

Dann wollen wir mal. Lang ist es her, dass ich mich und meinen Tag hier verewigt habe. Inzwischen ist so viel passiert, dass ich wohl kaum mehr alles werde niederschreiben können, ohne jeden einzelnen der Mitlesenden tödlich zu langweilen.

:: Vergangenheit

Ich fange einfach mal vorn an. Als ich mein diary zuletzt sich selbst und Eurer Obhut überließ fand die Beerdigung meines Vaters statt. Es war Donnerstag, der 7. Juli. Inzwischen war mein Dad seit ca. einen Monat tot…
Der Tag war sehr bewegend. Ich kam morgens um 11 Uhr bei meiner ältesten Tante in Hamburg an. Sie wohnt noch immer in dem selben alten Reihenhaus wie vor 20 Jahren, als ich zuletzt dort war. Schon beim Betreten des sandigen Plattenweges überkam mich ein Zögern. Links die Hauseingänge mit den schäbig-transparenten Überdächern, ein paar Schritte weiter öffnet sich rechts die Rotdorn-Hecke und bietet den Eingang zum Spielplatz. Ich blieb einen Moment stehen. Hier also habe ich meine Kindheit verbracht… Hier habe ich früher Raumschiffcockpits aus Sand geformt und bin in hohem Bogen von der Schaukel ins Gras gehüpft, immer ein Stückchen weiter. Der Spielplatz kommt mir kleiner vor als in meiner Erinnerung… Ich gehe weiter. Zwei Eingänge weiter stehen erste Leute… vermutlich Verwandte von mir. Unter ihnen meine Tante Waltraut. Sie wirkt klein und zerbrechlich. Die Gesichtszüge eingefallen und über die Jahre verbittert, die Haare kurz und strubbelig. Die Leute sehen mich kommen, aber kaum jemand nimmt Notiz von mir. Erst als jemand meine Ähnlichkeit zu meinem Vater bemerkt drehen sich alle zu mir um: „Ja guck doch mal, der ist Manfred wie aus dem Gesicht geschnitten…“. Na klar.
Drinnen überkam mich wieder dieser Vergangenheitskram. Ich ging an den Leuten vorbei durch die Eingangstür. Rechts liegt die kleine Küche. Dort auf der dunkelbraunen Arbeitsplatte stand im Sommer vor 25 Jahren ein Plastikbecher mit Orangensaft, den ich durstig ergriff. Der erste Schluck schon fühlte sich seltsam an, dann stach die Wespe zu. Ich ließ den Becher zu Boden fallen und aus meinem geöffneten Mund flog das verängstigte Tier in die Freiheit. Ich erinnere mich, wie mich mein Dad schnappte und mit mir zum Arzt rannte…
Zwei Schritt weiter geradeaus führt die runde Holztreppe ins erste Obergeschoss. Ich erinnere mich an das laute Knarren der Stufen, die schon damals mit Teppichboden bedeckt waren. Ich erinnere mich, wie ich eines nachts aufwachte. Im oberen Flur brannte Licht, aber es war absolut still im Haus, nicht das leiseste Geräusch war zu hören. Ich stand auf und ging langsam die Treppenstufen hinunter. Sie knarrten nicht. Es war still im Haus. Die Tür zum Wohnzimmer, das links von der Treppe und damit am Ende des Flurs lag, war angelehnt. Ich rief „Papa…“, aber ich hörte nicht wie ich rief. Die Tür dort unten öffnete sich lautlos, mein Dad kam heraus und sah mich an. Sein Mund bewegte sich, aber er sagte nichts… meine Tante kam hinzu, auch ihr Mund bewegte sich tonlos… ich bekam Angst und begann zu weinen. Ich erinnere mich daran, dass ich im Führerhaus des kleinen Lasters meines Dads saß, auf dem Weg in die Uniklinik… Erst Tage später hatte ich realisiert, dass ich seit der OP wieder hören konnte…

Ich betrat letztlich das Wohnzimmer. Es erschien mir so wahnsinnig klein im Vergleich zu früher. Auf dem Fußboden spielten zwei kleine Jungs mit Autos, genau dort, wo ich in dem Alter schon mit kleinen Autos gespielt hatte. Es war eine Kaffeetafel aufgebaut, wo sich die Trauerfeier am Ende der Zeremonie abspielen sollte.

:: Die Beerdigung

Der Öjendorfer Friedhof ist riesig. Nicht der größte, den Hamburg zu bieten hat, aber so groß, dass es dort mehrere Bushaltestellen und sogar eigene Busrundfahrten gibt. In Kapelle 3 soll die Zeremonie stattfinden. Hier kommen nun noch viel mehr Verwandte zusammen. Nur an ganz wenige kann ich mich von früher erinnern. An der Tafel am Kapellengebäude steht der Name meines Vaters. Ein komisches Gefühl überkommt mich. Ich bin froh, als wir endlich reingehen können. Es riecht wie damals in meinem Kindergarten, was sicher an dem Linoleumboden liegt. Der Feierraum wird von bunten Fenstern beleuchtet, der Boden ist schwarz, die Holzbänke schlicht. Ganz vorn in der Mitte steht ein einfacher, ahornfarbener Holzsarg. Ich setze mich in die zweite Reihe von vorn. Der Pastor trägt ein weißes Gewand und schaut routiniert mitfühlend drein. Wie lange die Zeremonie gedauert hat, kann ich nicht sagen. Die Frauen um mich herum schluchzten bei den Worten des weißen Mannes über meinen Dad. Meine Augen blieben trocken, obwohl ich versuchte, wenigstens eine Träne für ihn zu vergießen. Aber es ist wie es ist: ich kannte den Mann nicht, der dort in dieser Kiste lag.
Bewegend war der Moment, als sechs schwarz gekleidete Männer die Kapelle betraten, sich beidseitig des Sarges aufstellten, etwas Unverständliches murmelten und meinen Vater dann aus der Kapelle trugen. Drückende Stille. Die Schritte der zwölf schwarzen tragenden Füße hallen von den Wänden wider. Dann folgen wir ihnen ins Freie. Es regnet leicht. Wir scheinen über den halben Friedhof zu laufen, ehe wir an einer Stelle ankommen, an der ein großes Loch in die Erde gebuddelt worden war. Die sechs Männer stellen den Sarg auf den Brettern ab, die darüber liegen. Ein gemeinsames Gebet später wird er in die Erde hinabgelassen. Alle Anwesenden werfen eine Schippe voll Sand ins Grab, einige werfen eine Gerbera hinterher.

Zurück im Haus meiner Tante gibt es Kaffee, Kuchen und einen wirklich heftigen Streit unter zwei der Anwesenden. Der Grund war so lächerlich, dass ich ihn nicht einmal aufschreiben werde. Ich gehöre nicht in diese Familie. Sie leben in einer gänzlich anderen Welt als ich, und ich bin wirklich froh, nicht dazuzugehören. Irgendwann verlasse ich die Runde und mache mich erschöpft auf den Weg nach Hause – zurück in meine Welt.

 

Frühsport

:: morgenstund hat gold im mund

zum 10.709. mal in meinem leben begann der tag damit, dass es heute früh hell wurde. als frischluft-liebhaber hatte ich gestern abend das fenster offen gelassen. laut kalender haben wir sommer, daher habe ich wirklich nicht viel an wenn ich schlafen gehe. die vielen träume der vergangenen nacht haben mich wohl ganz schön durchgerüttelt, jedenfalls ist meine bettdecke von meinem doch ziemlich breiten bett gefallen. gemerkt habe ich das erst, als ich sie kurz vor dem weckerklingeln wieder über meine ohren ziehen wollte und der griff ins leere ging. da fiel mir dann auch auf, dass mir ganz schön kalt war, denn auch die sonne wollt’ sich heute noch nicht so recht blicken lassen.

dass mein wecker mich heute trotz urlaub hätte wecken müssen (wenn ich ihm nicht zuvor gekommen wäre) hatte einen besonderen grund: es ist mittwoch. gut, das allein reicht vielleicht nicht, aber mittwochs ist mein jogging-tag. einmal in der woche raffe ich mich auf um mit zwei freunden in einem benachbarten waldstück zu laufen. sonst tun wir das nur nachmittags, weil ich ja arbeiten muss, aber heute wollten wir die jungfräulich-frische waldluft am morgen genießen. gesagt getan. ich bin also über meine bettdecke am laminatboden über den flur ins bad getapert, hab nachgesehen, ob mein muskelkater vom wochenende noch da ist und dann eine schöne heiße dusche genossen.

Sport-Outfit

ein biofrühstück und ein glas eiskaffee weckten dann die noch schlafenden geister und so konnte der tag beginnen. nachdem ich in meine sportklamotten gestiegen war suchte ich meine wasserflasche. sie lag noch im wagen, also schnappte ich mir meinen wohnungsschlüssel, ließ den fahrstuhl unbeachtet und lief die sechs stockwerke hinunter. ein zwischenstopp am briefkasten – nur werbung! als ich gerade aus dem haus stürmte kamen meine beiden freunde bereits um die ecke. ich entsorgte die werbung im müllcontainer, holte meine wasserflasche aus der mittelkonsole meines neongelben kleinwagens und dann konnte es losgehen. das waldstück liegt eine ortschaft entfernt, also fuhren wir wie immer mit dem wagen dorthin (man muss das mit dem laufen ja nicht übertreiben…). zehn minuten und ein rechtzeitig bemerkter blitzkasten später kamen wir an. nahmen einen letzten schluck aus der pulle und fingen quatschend an zu laufen. unsere runden sind nicht so furchtbar groß, es soll ja auch spaß machen. mitten auf dem weg räumte ein mann (war es der förster?) irgendwelches astwerk vom weg, warf uns ein „moin, moin“ zu und wir hechelten vorbei. einmal um den see, der ziemlich trübes wasser enthält, bis zurück zum ausgangspunkt und dann noch eine kleine auslaufrunde. das sollte dann auch schon reichen. keuchend und schwitzend liefen wir langsam zum wagen zurück, leerten schluck für schluck unsere wasserflaschen und fuhren dann wieder nach hause. wie jeden mittwoch verabredeten wir uns zum abendessen und wie gewohnt einigten wir uns auf irgendwas asiatisches im wok bei mir. herrlich diese kontinuität!

nach dem lauf war natürlich eine weitere dusche fällig – sehr erfrischend! die spuren vom frühstück und vom restlichen typischen singlehaushalt beseitigte ich mit einem abwasch, das ging schneller als ich dachte. den rest des nachmittages werde ich ganz locker entspannen und mich dann auf den abend freuen. morgen findet dann die beerdigung in hamburg statt, aber bisher verdränge ich das noch, denn es macht mir bauchschmerzen. gestern war ich bei einem anwalt, er hat mir geraten, erst mal abzuwarten, bis irgendwer irgendwelche ansprüche an mich stellt. erst dann könne man reagieren. was die bestattungskosten angeht, konnte er mich zumindest ein wenig beruhigen. ich bin gespannt…

 

Tod und Geburten

:: wie die zeit vergeht…

erst in dieser woche wird die beisetzung meines dads in hamburg stattfinden. donnerstag ist der angesetzte termin. ich weiß nicht, warum das so lange gedauert hat. heute werde ich mir einen anwalt nehmen, der mich bei der frage um die bestattungskosten unterstützen soll.

am samstag bin ich zu zwei freunden nach nrw gefahren. es ist fast ein jahr her, dass ich zuletzt dort war. die eltern bewirtschaften einen öko-landwirtschaftlichen betrieb mit ganz vielen ziegen. einmal im jahr veranstalten sie ein großes frühstück für die region und seit drei oder vier jahren helfe ich bei den vorbereitungen und bei der ausrichtung.

als ich am samstag nach drei stunden fahrt über die sonnige autobahn auf dem hof mit dem großen gelben haus eintrudelte, zog ich mir arbeitskleidung an. es gab noch viel zu tun. das wetter sah ganz gut aus, so dass wir die vielen tische und bänke nicht wie im letzten jahr in den scheunen aufstellten, sondern auf dem platz, der von schuppen und scheunen umringt ist. kleine blumengestecke für die tischdekoration und den buffet-wagen herrichten, wegweiser in der gegend verteilen, scheunen ausfegen und einiges mehr. in diesem jahr schienen mehr helfer als sonst dort zu sein. bis zum letzten jahr war ich stets mit meinem freund hingefahren, diesmal war ich natürlich allein dort. aber dank der hilfe von farina, inga, jana, dörte und praktikant dennis hatten wir alles im griff. dennis ist ein aufgeweckter bursche. er ist, was gemeinhin als „problemkind“ bezeichnet wird. ohne schulbildung und aus „problematischem“ umfeld. auf dem hof macht der fünfzehnjährige ein zwölfmonatiges praktikum und scheint darin so richtig aufzublühen. er fühlt sich sichtlich wohl, hat verantwortliche aufgaben und kommt mit den tieren hervorragend zurecht. er genießt vertrauen und ansehen auf dem hof. ich habe bemerkt, wie ungern er sich abends auf sein klappriges fahrrad setzt und zu seinen eltern zurück fährt, was er stets so weit wie möglich hinauszögert. von der nachbarin der hofpächter hat er ein altes mofa geschenkt bekommen, das in einem der schuppen die jahre verbracht hat. die hercules, baujahr 1977, scheint schon beim angucken auseinander zu fallen, das hinterrad fehlt und rost scheint das einzige zu sein, was das gerät noch zusammen hält. mit ansteckender begeisterung widmet sich dennis der „restaurierung“ und hat bereits große pläne, er scheint schon den sound des motors zu spüren und stellt mutige voraussagen auf, in denen er mit dem mofa knatternd den hügel hinauffährt. er hat ein unglaublich einnehmendes und freundliches wesen. erinnert ihr euch an den ziegen-peter aus „heidi“? ganz ehrlich, wer braucht da schulbildung?!

Bio-Büffet

die vorbereitungen für das große frühstück am sonntag wurden von dunklen wolken überschattet, die mit kräftigen regenschauern daherkamen. doch wie schon im letzten jahr verzogen sich diese pünktlich zur eröffnung. schnell die tische und bänke trocken wischen und dann konnte es losgehen.

das buffet sorgte mit zahlreichen hofeigenen köstlichkeiten für wohlige stimmung bei den über 100 gästen, die sich genüsslich in die sonne setzten. bis um zwei uhr konnten die leute vom buffet zehren. nach einer führung über den ganzen hof und die gegend gab’s am nachmittag kaffee und kuchen. es war wie immer ein voller erfolg.

in den jahren zuvor war an diesem punkt für mich schluss, denn am montag darauf wartete stets meine eigene arbeit auf mich. in diesem jahr jedoch habe ich urlaub und konnte ganz in ruhe alles wieder mit abbauen. am abend gab es dann ein gutes abendessen in gemütlicher runde mit der familie und dem praktikanten am lagerfeuer. alle waren ziemlich erschöpft und so ließen wir den abend mit dem feuer langsam ausklingen. in der nacht habe ich ausgezeichnet geschlafen und bestimmt hundert verschiedene dinge geträumt, die ich aber fast alle schon wieder vergessen habe.

am montagmorgen erledigten wir die restlichen arbeiten. das hofpersonal verrichtete die täglichen aufgaben und ich konnte mich um liegengebliebenes kümmern. gegen mittag liefen wir zu einer der ziegenweiden. es ist lämmerzeit und um den überblick zu bewahren, müssen die tiere katalogisiert werden. ich durfte die zuchtpapiere ausfüllen, während dennis und die pächter gaby und cadé die ziegen mit einem nummernbändchen an den läufen bestückten. einige der ziegen hatten schon ihre lämmer, andere trugen sie noch aus. all das taten wir unter den wachsamen augen von bock „eugen“.

„Eugen“

als wir eben mit allem fertig waren, änderte sich der status einer ziege, die ich auf den papieren gerade als „tragend“ notiert hatte, denn als wir schließlich gehen wollten, legte sie sich nieder und lammte. weil die ziegen das in der regel jedoch allein können, gingen wir zum hof zurück. eine stunde später erschienen passanten am gelben haus und berichteten aufgeregt, dass eine ziege ein kleines lamm bekommen hätte…
am frühen abend lief ich mit dennis zurück zu der wiese. er hat ein geschultes gehör, erkannte am meckern einer ziege, dass da wohl noch weitere lämmer hinzugekommen waren. und tatsächlich lag ganz am oberen ende der wiese eine ziege am zaun und leckte ein neugeborenes ab. und dann wurde ich zeuge der geburt eines weiteren kleinen bockes, der gesund und munter den mutterleib verließ. dummerweise hatten wir nichts zu schreiben mitgenommen und mussten uns jetzt merken, welche ziege mit welcher nummer wie viele lämmer welchen geschlechts geboren hatte. als wir am haus zurück waren, trug ich drei bisher tragende ziegen in den status „gelammt“ um. es waren insgesamt fünf böcke und ein zicklein hinzugekommen.

Ein Lamm ist geboren!

den rest des abends verbrachten wir in gemütlicher runde ohne größere anstrengungen. es begann zu dämmern, im radio war schon den ganzen nachmittag hindurch ein heftiges unwetter angekündigt worden, das uns veranlasste, alles, was nicht niet- und nagelfest war, unter dach zu räumen. letztlich blieb es bei etwas regen und starkem wind, von unwetter hingegen keine spur. zum glück!

dann war es soweit: der zeitpunkt meiner abreise rückte näher. gern wäre ich noch um einiges länger geblieben, aber ich muss mich wie erwähnt um einen rechtsbeistand kümmern und am donnerstag auf die beerdigung. und so verabschiedete ich mich – etwas geknickt, dass gaby und dennis grad unterwegs waren – und fuhr meine drei stunden bei durchgängig prasselndem regen zurück nach hause.