Vergängliches

:: vergänglicher monat

heute hat eine ‚alte’ schulfreundin von mir geburtstag. sie wohnt schon seit ein paar jahren nicht mehr in dieser gegend, sondern genießt den winter im süden unserer republik – am bodensee. wenn sie geburtstag hat, ist das ein sicheres zeichen, dass auch der februar schon wieder zuende ist. und dabei kommt es mir vor, als hätte ich gerade erst am brandenburger tor das ende des letzten und den beginn des neuen jahres gefeiert. seither ist aber auch eine ganze menge passiert. ich habe neue menschen kennen gelernt, neue freunde gewonnen, viel zu viel geld ausgegeben, mein leben auf den kopf gestellt und meine zukunft neu geplant. schon nicht schlecht für zwei monate finde ich.

:: vergängliche garderobe

in meinen beruf trägt mann heute immer noch anzug, schlips und kragen. innovatives wie ‚happy friday’, an dem man die kleiderordnung etwas lockern könnte, ist anscheinend (oder scheinbar?) nicht so verbreitet wie es gut wäre. nach einer ganzen weile sind meine meisten kleidungsstücke wie hemden und hosen durch den täglichen gebrauch kaum noch tragbar. hier und dort fransen die ärmel vom verkehrten waschen aus, das portemonnaie in der gesäßtasche sucht den ausgang in der falschen richtung und auch der markenname am gürtelbund hält nicht mehr so fest zu mir wie am anfang.
höchste zeit für einen besuch bei meinem herrenausstatter. in einer spontanen eingebung schwinge ich mich in meinen wagen und fahre in die innenstadt. das ansprechende fachgeschäft hat eine einladend große ladenfläche, kompetente und freundliche verkäufer und ein reichhaltiges sortiment. das geschäft liegt direkt neben meiner firma. wenn ich morgens zur arbeit gehe, bleibe ich nicht selten an den dekorativen schaufenstern stehen, um mir die neueste kollektion anzusehen. heute gehe ich endlich wieder hinein und schnurstracks die treppe hoch, wo die berufskleidung für meinereiner zu finden ist. fachgerecht lassen mich die verkäufer zunächst kurz selbst schauen, ehe einer von ihnen die stufen hochsteigt und mir unterstützung bei der auswahl anbietet. ich habe bereits eine ungefähre vorstellung dessen, was ich haben möchte. zielstrebig beginnt mein verkäufer beim anzug und präsentiert mir eine überschaubare auswahl. bei der anprobe treffe ich meine wahl zugunsten eines anthrazitfarbenen, gestreiften anzuges. die auswahl passender hemden ist nicht schwierig, weil ich auch hier bereits konkrete vorstellungen habe. ich wähle ein schwarzes und ein rotes hemd in meiner kragenweite, die beide sehr gut zu meinem neuen anzug passen. zu dem dunklen outfit brauche ich neue krawatten. ich möchte knallig leuchtende farben, am liebsten orangetöne. aus einer riesenauswahl greife ich insgesamt sieben binder, die meinen vorstellungen am nächsten kommen. wir kombinieren sie mit dem schwarzen hemd und nachdem alle durchprobiert sind, bleiben noch zwei übrig. der verkäufer empfiehlt mir außerdem eine grüne krawatte. mein erster gedanke ist: ‚igitt’, aber als er eine herausfischt und sie an das hemd hält bin ich sofort einverstanden. also kaufe ich drei krawatten. was noch fehlt ist ein passender gürtel. die auswahl ist nicht ganz so ergiebig, und als mein verkäufer in den schwarzen exemplaren sucht, bitte ich um einen ledergürtel, der zu meinen dunkelbraunen lederschuhen passt. es gibt nur einen, der genau die farbe meiner schuhe hat. gekauft. damit ist mein neues outfit komplett. bis auf die hose, die noch um zweieinhalb zentimeter gekürzt wird, wird an der kasse alles in eine tüte gelegt.

schade, dass ich diese berufskleidung nicht von der steuer absetzen kann.

:: vergängliches eisfach

als ich wieder zu hause angekommen bin und meine neu erworbenen schätze noch mal anprobiert habe, macht sich mein magen bemerkbar, der unverständliche dinge in sich hineinmurmelt. ich ziehe gegen den schnellen hunger eine schnelle tiefkühlpizza aus dem eisfach, das mich daraufhin beleidigt anstarrt und sich ähnlich artikuliert wie zuvor mein magen. da steht wohl morgen ein einkauf an, und wenn ich an den kassenbon meines herrenausstatters denke, wird das ein sehr sparsamer einkauf werden…

 

absolut.

:: absolut sonntag

heute ist so ein typischer sonntag, an dem ich nicht viel mehr tue als zu hause rumzuhängen, fernzusehen und mir die zeit mit jeder menge kleinkram zu vertreiben. so habe ich den sonnenaufgang relaxenderweise im bett verbracht, mir ein buch geschnappt und ein paar zeilen gelesen, bevor ich mir ein eher dürftiges frühstück gegönnt habe. die dusche danach tat so richtig gut und ich fühlte mich dem klaren wetter da draußen mit dem winterblauen himmel entsprechend frisch. der griff nach staubsauger und bügeleisen war dann ein anflug von putzwut, die ich zum glück schon nach kurzer Zeit wieder unter kontrolle bringen konnte. während mein videorecorder eine meiner lieblingsserien aufzeichnete, durchstöberte ich das internet auf der suche nach interessantem und neuem und surfte einfach mal ziellos durch die gegend.

:: absolut frühling

schön wär’s. aber noch hat der winter alles fest im griff. schon seit tagen liegt auch im land zwischen den meeren schnee und nach einer änderung sieht es nicht unbedingt aus. heute nachmittag hat es wieder einen kräftigen schneeschauer gegeben, der zum glück nicht lange dauerte. ich kann nur vermuten, dass es draußen sehr kalt ist, denn heute habe ich meine bude noch nicht verlassen – wofür auch?
ach, frühling wär jetzt genau das richtige. zartes grün an den bäumen und sträuchern, sonnenstrahlen, so jung und voller eifer dabei, die frische luft zu erwärmen. kleine blumen, die ihre köpfe zaghaft aus dem dampfenden erdreich stecken um nachzusehen, ob der winter vorüber ist und vögel, die nach der langen pause ein neues repertoire an songs vorstellen. alles scheint einen frischen duft zu verströmen, den wir mit tiefen atemzügen in unsere von der heizungsluft geplagten lungen füllen…
weil das leider noch nicht so weit ist, werde ich mich am kommenden mittwoch mit zwei freunden in einem nahegelegenen thermalbad entspannen, eine tropische dusche genießen und den alltagsstress in einer meditationssauna ausschwitzen. man muss sich eben zu helfen wissen.

:: absolut wodka

an einem der regelmäßigen „sex and the city“-abende mit meiner freundin fiel mir in einer episode ein werbeplakat nach dem stil der wodka-marke „absolut“ auf, das einen nackten mann mit einer wodka-flasche vor den kronjuwelen zeigt. der mann ist einer der darsteller der serie (die figur heißt smith jerrod) und er ist einfach –wow- ! ich war mir sicher, das plakat oder die anzeige schon mal gesehen zu haben und immer, wenn ich daran dachte, blätterte ich ein paar zeitschriften durch. ich fand nichts. die internet-suchmaschinen gaben auch nicht viel her. bis heute!
ich fand die abbildung zwei mal. weil aber auch das kein beweis dafür war, dass die anzeige außerhalb der serie existierte, blätterte ich ausdauernd all meine men’s health-magazine von vorn bis hinten durch (während nebenbei natürlich wieder meine lieblingsserien liefen). als ich ungefähr zehn zeitschriften durchgeblättert hatte, kam mir der gedanke, dass ich die werbung in einer men’s health von 2001 kaum finden würde, weil die ausschlaggebende sechste staffel von sex and the city erst ein Jahr später gedreht wurde… schade. im allwissenden internet erfuhr ich dann, dass die firma ‚absolut’ wohl die kampagne finanziert habe, die anzeige aber nicht außerhalb der serie eingesetzt hätte, sei es nun, weil sie nicht die rechte an der illustration besaßen oder weil die kampagne in der serie ausreichte. ob das so stimmt, weiß ich nicht und ich versuche weiter dahinter zu kommen, denn ich bin wie gesagt sicher, diese werbung schon mal gesehen zu haben. vielleicht weiß ja jemand von euch was genaues?

 

tempus fugit

manchmal brauchen menschen eine pause. und auch wenn nach dieser pause scheinbar alles wie vorher ist, so wird einem doch nach gewisser zeit klar, dass sich vieles verändert und erneuert hat. dinge, die alt und selbstverständlich geworden waren, werden aus einer neuen perspektive betrachtet. dabei spielt es keine rolle, wie lange diese pause dauert, ob einen monat, ein jahr oder auch nur eine stunde. die zeit läuft weiter, auch wenn wir einfach mal stehen bleiben, damit die welt ein stück an uns vorbeiziehen kann. auf diese weise können wir ganz neue ziele entdecken. das können wir nicht, wenn wir stets mit der zunehmenden geschwindigkeit der welt schritt halten, denn dann verändert sich um uns herum nichts, außer, dass wir irgendwann vor erschöpfung umfallen.

so eine pause habe ich in der letzten zeit eingelegt. Ich beobachtete die vorüberziehende welt eine weile und erkannte, dass mein leben eine neue richtung brauchte, dass ich mir neue ziele stecken kann und alte strukturen einreißen muss. auch wenn veränderungen für mein empfinden oftmals schwierig sind oder in gewisser hinsicht auch schmerzhaft sein können, erkenne ich, wie wichtig sie sind, auf unserem weg zu nachhaltigem glück und zufriedenheit.

 

Ernüchterndes

Nach der Party gestern Nacht erwache ich nach nur wenigen Stunden Schlaf heute früh um acht Uhr. Mein brillenloser Blick schweift durch das bereits erleuchtete Schlafzimmer, ganz links beginnend, wo neben mir an der Wand eingerahmt ein Gruppenphoto hängt. Das einzige Fenster rechts daneben ist durch mein berühmtes Bambusrollo verhüllt und die Wand daneben wird durch ein einziges Bild geziert, das genau in der Mitte mir gegenüber hängt, während ich im Bett liege. Die dritte Wand in diesem Raum enthält neben der Tür einen Kosmopolitan-Kalender und einen anderen Kalender mit anderen nett abgelichteten Schwarz-Weiß-Männern. Überall liegen meine Klamotten verstreut und der Wäscheständer ächzt unter seinem Gewicht. Ich liege einfach so dar. Lasse den Blick kreisen. Sehe zerwühlt aus. Schlafe einfach wieder ein.

Es ist kurz vor zwölf, als ich die Augen das nächste Mal öffne und ohne den Blick wieder auf Wanderschaft zu schicken schwinge ich mich aus den Federn und verschwinde dringend im Bad.

Als ich eine halbe Stunde später frisch geduscht in die Küche komme bin ich froh, dass ich das Chaos direkt nach der Party beseitigt habe; es gibt nichts schlimmeres, als morgens in eine Küche zu kommen und keinen Platz fürs Frühstück zu finden – das gilt auch, wenn das Frühstück um zwölf Uhr mittags stattfindet.
Im Kühlschrank steht der Rest der Schwarzwälder Kirschtorte, die eine Freundin gebacken hat. Aber ich bin grad erst aufgestanden und habe noch keine Lust, auf so vielen Kalorien rumzukauen. Ich öffne die Schranktür neben der Abzugshaube und greife nach dem Müslipaket. Dann entscheide ich mich doch für das Schwarzbrot und schiebe das Müsli wieder zurück. Ich habe heute eine reiche Auswahl an Getränken, da hätten wir Apfelsaft, O-Saft, Ananas, Maracuja, Pfirsich, Ginger Ale, Tonic Water sowie diverse Spirituosen, die ich geistreicherweise nicht anrühre. Statt dessen werfe ich zum Frühstück die letzte Tablette aus dem Antibiotikumvorrat mit einem frischen Glas Leitungswasser ein.

Der weitere Sonntagsverlauf war eher untypisch. Statt wie sonst eher melancholisch rumzusitzen und eine ganze Menge Nichts zu tun, erwartete ich für den Abend lieben Besuch. Sie war zwar auch gestern schon da, aber von guten Dingen kann man nie genug haben. Außerdem gehörte ihr die Hälfte der Schwarzwälder…

Ich verfolgte nachmittags zwei meiner Lieblingsserien, probierte die neuen DVD-Rohlinge in meinem neuen DVD-Brenner aus und war letztlich ziemlich ernüchtert wegen des eher schlechten Resultats. Vielleicht sollte ich beim nächsten Mal doch nicht die billigsten Rohlinge kaufen. So archivierte ich die erste Staffel des amerikanischen Ablegers einer britischen Schwulenserie auf zwei DVDs – noch mal zum Mitlesen: erste Staffel – amerikanischer Ableger – britische Schwulenserie. Bin ich ein Serienfreak? Und ob!

In den letzten Tagen ist mir etwas klar geworden. Jeden Tag stand ich an meinem Wohnzimmerfenster und blickte hinaus auf die Welt. Vom sechsten Stock aus hat man einen guten Überblick. Vor über vier Jahren wählte ich diese kleine stille grüne Stadt als Wohnort aus. Meine Freunde waren nicht weit weg, ich konnte hier arbeiten, ich hatte meine Ruhe und viel Zeit zum Nachdenken. Kurz darauf mein Coming Out, mein Freund und dreieinhalb Jahre Beziehung, meine Familie und meine Freunde. Ich war glücklich und hatte nicht die geringsten Intentionen woanders hinzuwollen.
Und jetzt? Blicke ich hinaus auf die kleine stille grüne Stadt und denke, dass ich bestimmt irgendwann wiederkommen werde, so in 30 bis 40 Jahren etwa. Dann kann ich eines der beiden Altenheime beziehen, die ich von meinem Fenster aus sehen kann und die zusammen mit dem Rathaus die wohl wichtigsten Einrichtungen dieser Stadt darstellen.
Aber heute möchte ich dorthin, wo das Leben pulsiert, ich möchte ein Teil des Lebens sein, denn ich habe es so satt, immer nur zuzuschauen. Ich werde das alles hier hinter mir lassen, die Gegend, in der ich aufwuchs, in der ich arbeite, die Stadt mit den weißen Hochhäusern…

Die meisten meiner Freunde studieren inzwischen und haben sich in alle Himmelsrichtungen verstreut, um sich zu Gelegenheiten wie meinem Geburtstag wieder hier zu versammeln. Oder sie sind mit dem Studium so gut wie fertig und müssen nun sehen, wo sie abbleiben. Also was hält mich noch hier?
Ich werde in diesem Jahr eine berufliche Fortbildung anstreben und nach deren Abschluss meine Fühler in Richtung Hamburg ausstrecken. Ist es normal, das mir das irgendwie Angst einjagt? Es wäre so komplett anders als alles, was bisher war.

Ich hoffe, ich werde das durchziehen. Dann bin ich hier endlich weg.

 

Fortschritt

Heute geht es mir schon etwas besser, mir tut nicht mehr jede Bewegung weh und mir ist nicht mehr heiß und kalt gleichzeitig. Das ist ein Fortschritt und das ist gut so, denn bis zu meiner Party am Samstag sollte ich doch ganz gern wieder genesen sein.

Es kann ja soooo langweilig sein. Hab mich warm angezogen und mal die Fenster weit aufgerissen. Seit ein paar Tagen habe ich mich nicht rasiert, weil meine Haut empfindlich gereizt ist. Das sieht vielleicht aus!
Wenn ich mir das Wetter draußen ansehe, bin ich heilfroh, dass ich das Haus heute nicht verlassen muss. Alles ist grau, es regnet und ist ziemlich windig. Von hier aus kann ich grad noch das ehemalige Altenheim unseres kleinen Städtchens sehen, das in ca. 300 m Luftlinie von hier liegt. Dahinter ist nur noch eine Wand aus Nieselregen, die den Rest dieser Welt vor mir verbirgt.

Gestern Abend habe ich meinen Aufenthaltsort vom Bett im Schlafzimmer auf die Couch im Wohnzimmer verlegt und den Fernseher eingeschaltet. Eine Freundin erwähnte zuvor, dass eine meiner Lieblingsserien nach mehrmonatiger Pause fortgesetzt wird. Dabei fiel mir auf, dass ich noch nie eine Folge allein gesehen habe… Meinem Geburtstagsgast hatte ich ja aus gesundheitlichen Gründen absagen müssen.
Ich fürchte, der heutige Tag wird auch nicht unbedingt spannender als der letzte. Ich fürchte, ich muss neue Getränke kaufen, der Doc meinte, ich müsse viel trinken und das hab ich gestern getan… jetzt hab ich nix mehr und Leitungswasser ist nicht grad die Krönung.

Ich werde also heute viel fernsehen, lesen, vielleicht mal wieder ein PC-Spiel einwerfen und was zu trinken einkaufen.

Na denn: Auf die Gesundheit!

 

Wart Ihr schonmal…

… krank am eigenen Geburtstag? Also ich noch nicht, bis heute. Das böse böse Grippewesen hat mich gebissen!

Ich fühl mich grad wie ausgek… und werde deshalb nicht viel schreiben, auch wenn ich wohlweislich ziemlich im Verzug bin. Gerade komme ich vom Doc, der hat mich für den Rest der Woche aus dem Verkehr gezogen, naja, ich kann so unmöglich arbeiten.

In den letzten Tagen ist reichlich viel passiert eigentlich – nur Kleinigkeiten vielleicht, aber irgendwie hatte ich nie die Muße, mich an einen Eintrag zu setzen. Vielleicht liegt das daran, dass es mir zur Zeit einfach sehr gut geht (von der gesundheitlichen Lage grad mal abgesehen). Schon früher ist mir aufgefallen, dass hier mehr Einträge zu finden sind, in denen es um Probleme und schwierige Situationen geht, dass gute Erlebnisse aber seltener niedergeschrieben werden. Das sollte in meinem diary grundsätzlich ausgewogen sein , aber wie man sieht…

Aber der nächste Eintrag kommt bestimmt (hab ja jetzt viel Zeit…).

Danke noch an alle, die einen lieben Geburtstagsgruß auf die eine oder andere Weise dagelassen haben, das hat mich sehr gefreut!

So, Euer Lacarian verschwindet jetzt unter der Bettdecke und genießt seinen 28. Geburtstag.

 

Zuschauer des Lebens

Manchmal kommt es mir vor, als würde sich mein Leben nur im Kreis drehen. Jeden Abend sitze ich über der Tastatur, starre auf meinen Bildschirm und rechts von mir, weniger als zweihundert Meter, leuchten die Flutlichter auf das Fußballfeld herunter. Jeden Abend das selbe Bild. Es ist kurz nach acht und in 30 bis 45 Minuten werden dort die Lichter ausgehen und die Kicker heimfahren. Kommt es Euch auch manchmal so vor, als wärt Ihr nur Zuschauer des Lebens? Als würdet Ihr irgendwo sitzen und das Treiben um Euch herum völlig unbeteiligt beobachten? Mir geht das abends so.

Tagsüber bin ich mitten drin im Trubel. Um mich herum viele Menschen, eine Fülle von Gesprächspartnern und –themen, Situationen aller Art, in die man sich in Sekundenschnelle hineinversetzt.

Und abends dann die Stille und die Dunkelheit. Als hätte jemand den Stecker gezogen. Nur ich bin noch da und betrachte den Rest der Welt wie ein Echo des gerade vergangenen Tages.

Kaum zu glauben, dass an anderen Orten der Erde in diesem Moment die selbe Sonne scheint, die bei uns heute hinter einem dichten Nebelschleier verborgen war. Dass andernorts genau jetzt Trubel und Geschäftigkeit herrschen, während hier die Nacht ihren mächtigen schwarzen Mantel über alles gelegt hat.

Das klingt irgendwie unglücklich…

Am gestrigen Nachmittag hatte ich frei. Als ich von der Arbeit heimkehrte und mich sozusagen im Vorbeigehen mit einer Schale Müsli stärkte, warf ich meine Arbeitskleidung in eine Ecke, riss alle Fenster in meiner Wohnung im sechsten Stock auf und genoss die frische Luft, die hereinströmte. Ich drehte meine Stereoanlage auf, tanzte beschwingt von Raum zu Raum und fühlte mich gut. Ich begann, etwas rumzuräumen, gönnte meinem Grünzeug mal wieder ne Kanne voll Wasser und überlegte, was ich abends würde essen können.

Schon um 15 Uhr war die Power dann erschöpft. Ich stellte die Stereoanlage aus, schloss die Fenster wieder und ließ mich zufrieden auf mein Futonbett fallen. Mein rechter Fuß hing vom Bett herunter und stand wegen der geringen Höhe auf dem Fußboden. Manchmal ist es am schönsten, einfach nur dazuliegen und den Blick über die Zimmerdecke schweifend die Gedanken treiben zu lassen.

Ich habe ein neues Buch gekauft, das bereits neben meinem knallgelben Kopfkissen liegt. Es ist grün und der Titel ist in goldenen Lettern aufgedruckt. Es ist kein Roman und ich muss ganz gewiss keine Sorge haben, dass hier jemand umkommt.
Ich beginne die Einleitung zu lesen, vertiefe mich im ersten und zweiten Kapitel und lasse dann die Worte auf mich wirken. Ich lege das Buch auf meinen Bauch, um über bestimmte Passagen nachzudenken und versuche, das Geschriebene auf mein eigenes Leben zu übertragen. Während ich so daliege, völlig entspannt, nachdenkend, entgleitet mein Bewusstsein langsam ins Traumland…

Als ich drei Stunden später die Augen wieder öffne ist es dunkel um mich herum. Ich fühle mich wie gerädert und als ich mich mühsam aufrichte, fällt das Buch zu Boden. Ich taste danach, hebe es auf und lege es wieder neben mein Kopfkissen, bevor ich ins Bad gehe, um mich einigermaßen frisch zu machen. Immer noch denke ich über die Worte des tibetanischen Mannes in den ersten beiden Kapitel meines neuen Buches nach.

Den Abend verbrachte ich neben den Flutlichtern damit, meinen Füllfederhalter und ein Blatt Papier herauszusuchen, um damit auf traditionelle Weise einen Brief an einen lieben Menschen zu verfassen. Aus einem Blatt Papier wurden sechs, bevor ich entschied, dass das für den Anfang würde reichen müssen.

Ebenfalls am Mittwochnachmittag erfuhr ich, dass mein neu bestellter PC bereits einen Tag früher als geplant verschickt wurde, so dass ich ihn statt am Freitag also am heutigen Donnerstag erwarten konnte. Inzwischen ist es 21 Uhr und ich denke, er wird heute wohl eher nicht mehr geliefert, es bleibt demnach bei Freitag.

Heute erfuhr ich, dass meine derzeitige Lieblingsfernsehserie nach der aktuell vierten Staffel eingestellt wird. Das war natürlich keine schöne Nachricht, dennoch gelang es mir, etwas Positives darin zu sehen, und schon war ich nicht mehr so unglücklich darüber.

Wie so oft war ich auch hier sehr gern ein Zuschauer.

 

blau-rot-grüner Alltag

Als ich heute Morgen langsam die Augen aufschlug, tief verbuddelt in meiner warmen Bettdecke, ging mir als erstes Billys Tod durch den Kopf. Billy war die Hauptfigur des Romans, den ich heute Abend zuende lesen werde. Ich dachte über das Kapitel nach, das mich in der vergangenen Nacht so runtergezogen hatte. Unwillkürlich sah ich die Bilder vor meinem geistigen Auge und die schreckliche Szene spielte sich wieder und wieder ab. Dabei spürte ich die gleiche Traurigkeit und das Entsetzen, das mich auch beim Lesen packte. Durch das ausgelöschte Leben der Romanfigur scheint auch der Inhalt der vergangenen Leseabende gestaltlos zu werden.

Ich habe schon viele Bücher gelesen, aber noch nie hat mich eines so sehr in seinen Bann gezogen. Der Roman ist geschrieben aus der Perspektive von Harlan – Billys Freund und Ehemann – und sein Verlust geht mir erstaunlich nah.

Aber genug davon.

Der Morgenhimmel direkt nach dem heutigen Aufstehen war blitzblank. Kein Wölkchen trübte das strahlende Blassblau und am Horizont konnte ich die ersten Sonnenstrahlen entdecken. Die Luft war klar und eiskalt wie russischer Wodka. Ich zog mich warm an, bevor ich das Haus verließ und marschierte durch unsere kleine Stadt zur Arbeit. Mein Arbeitsplatz liegt direkt in der Stadtmitte am Marktplatz, in dessen Zentrum unsere Kirche seit dem Jahr 1775 majestätisch in den blauen Himmel ragt.
Mit dem Viertel-Vor-Acht-Gong betrat ich die Firma zeitgleich mit dem Praktikanten, der seit gestern bei uns in den Arbeitsalltag schnuppert. So ein Praktikant nimmt viel Zeit und Mühe in Anspruch, wenn man es richtig macht, leider dankt der Knabe das in keiner Weise. Er ist so desinteressiert, dass es wirklich keinen Spaß macht, ihm irgendwas zu zeigen. Aber was erwartet man auch von einem 14-jährigen?!
Wie üblich zum Monatsbeginn war zum Glück auch sonst viel zu tun, so dass der Tag einigermaßen schnell vorüberglitt. Am späten Nachmittag besuchte mich eine meiner besten Freundinnen in der Firma. Wir hatten uns in diesem Jahr noch nicht so recht gesehen, weil sie mitten im Abschlussprüfungsstress ihres Maschinenbaustudiums steckt. Ich freute mich sie zu sehen – und über das dunkelrote Kirschkuchenstück, dass sie mir aus der Bäckerei mitbrachte.

Die Sonne ging schon fast unter, als ich warm eingepackt den Heimweg zum Feierabend antrat. Der Himmel war immer noch blau und es waren viele Leute in den Straßen unterwegs, die das schöne Wetter für einen Spaziergang nutzten.

Als ich das Haus um halb sieben dann das nächste mal verließ, um meine Wocheneinkäufe zu erledigen, war es bereits dunkel geworden und Sterne funkelten nun auf dem schwarzen Samt, hier und da blinkten die Leuchtfeuer stumm vorbeifliegender Passagierflugzeuge. Die Flutlichter des nahegelegenen Bolzplatzes erhellten das abendliche Fußballspiel des städtischen Vereins und mehrere Autos fuhren ihre Besitzer durch die engen beleuchteten Straßen in ihren Feierabend.
Meine Einkäufe waren recht schnell erledigt, der Speiseplan für diese Woche eher zurückhaltend angesichts der Ausgaben, die ich mir in diesem noch so jungen Jahr bereits geleistet habe und so war ich bald wieder zu Hause. In meinem Postkasten fand ich neben der üblichen Werbung eine Postkarte aus San José, Kalifornien, die meine Nachbarin mir aus ihrem Urlaub geschickt hatte.
Was mein eMail-Eingang hingegen hergab, war alles andere als erfreulich. Die übliche Werbung war durch meinen Spam-Filter herausgepickt worden, aber eine unverschämte Rechnung hatte er durchgelassen, und dazu muss ich hier etwas ausholen:

Nach der Trennung von meinem Freund und der damit verbundenen Aufgabe der gemeinsamen Wohnung im vergangenen Herbst beantragte ich bei der Freenet einen neuen Internet-Zugang. Wie alle Online-Anbieter lockte auch der grüne von ihnen mit tollen Angeboten. Nach der Bestellung erhielt ich schon bald die benötigten Zugangsdaten, für den Zugang fehlte jedoch die Hardware, die ebenfalls gestellt werden sollte. Auf eine eMail, in der ich eine Woche später nachfragte, erhielt ich leider keine Antwort. Eine weitere Woche und eine weitere eMail später wieder nichts. Von Hardware keine Spur. Ich schrieb in der darauffolgenden Zeit noch eine eMail und einen Brief, war inzwischen einen ganzen Monat ohne Internet – Entzugserscheinungen konnte ich nur wegen des laufenden Umzugs unterdrücken. Per Telefax an Freenets 0190-Nummer stellte ich ihnen ein Ultimatum, dass sie jedoch unkommentiert verstreichen ließen, so dass ich letztlich doch wieder zum rosa Riesen zurückkehrte. Im Dezember dann erhielt ich eine eMail von Freenet, in der man mich bat, meinen bestehenden DSL-Auftrag (und sie meinten den in der alten Wohnung) zu kündigen, damit man einen neuen für mich beauftragen könne. Der Anschluss war seit zwei Monaten tot. Sie gaben mir zwei Wochen Zeit, danach würde man meinen Auftrag als erledigt ansehen. Ich ließ also kopfschüttelnd die zwei Wochen verstreichen in der Gewissheit, nie wieder eine grüne eMail zu bekommen.

Heute erhielt ich zwei grüne eMails. In der ersten stand der unverschämte Rechnungsbetrag von über 56 Euro für diverse Leistungen und in der zweiten entschuldigte man sich, dass die versprochenen 100 Euro Begrüßungsgeld erst in der nächsten Rechnung berücksichtigt werden könnten.

Was soll man dazu noch sagen? Immerhin habe ich dann doch noch eine liebe eMail von einer inzwischen lieben Freundin bekommen. Danke dafür!

Alles in allem also ein durchwachsener Dienstag. Ganz normaler Alltag eben.