Jahresrückblick in 1.000 Worten

:: Musik
Greenday – boulevard of broken dreams
Nada Surf – blonde on blonde
Greenday – Wake me up, when september ends

:: Tausend Worte

Inmitten tausender Menschen, dicht an dicht und so nah bei mir, wie ich es nie zuvor erlebt hatte, zählte ich rückwärts, und mit jeder Zahl, die ich im Jahr 2004 zurückließ, schien es mir besser zu gehen…
Mitternacht am Brandenburger Tor! Die Stunde Null im neuen Jahr! Tränen standen mir in den Augen, als das Jahr 2004 endlich überstanden war!

Von dem Tag an dauerte es nur noch anderthalb Monate, bis der Schmerz verbluteter Liebe im feinen Sand verstrichener Zeit versickert war.

Mitten in meinem Geburtsmonat Februar schaffte ich mit scheinbar letzter Kraft den Wandel und rückte den Fokus wieder in Richtung Zukunft, eine neue Zeit begann. Tempus fugit!

Der Februar 2005 war kalt und extrem winterlich. Schnee lag im Land zwischen den Meeren und anderswo, als ich meinen achtundzwanzigsten Geburtstag im Kreise lieber Freunde feierte. Und auch der März bot bestes Wetter für lauschige Indoor-Aktivitäten. Fernsehen, Kino, neue Musik entdecken, Wellness, Bücher lesen und viel nachdenken. In dieser Zeit gelang es mir nach vier Jahren meine Coming-out-Erlebnisse niederzuschreiben. Ich entdeckte den fabelhaften Gesang von Josh Groban und begann mich für Fotographie zu interessieren. Ich legte mir meine Digitalkamera zu und bin seither kaum zu bremsen. Was nicht bei drei aus dem Weg ist, wird von mir für die Ewigkeit konserviert. Mein diary nutze ich seither auch als Galerie. Das bekam vor allem der April zu spüren. Als der Winter endlich dahinschmolz und die Farben so kräftig wie lange nicht mehr leuchteten durchstreifte ich die Welt so oft ich konnte auf der Suche nach Motiven. Am häufigsten zog es mich nach Hamburg, denn die Stadt bot mir die mehr als willkommene Abwechslung zum tristen Einerlei meines Provinznestes. Zum ersten Mal überhaupt entdeckte ich die Metropole auf eigene Faust und zum ersten Mal stellte ich die Verknüpfung zwischen bekannten und unbekannten Stadtteilen her.

Ganz neue Erfahrungen machte ich auch bei meinem ersten Besuch eines Konzertes gemeinsam mit einer lieben Freundin. So in Hochform lernte ich bald Alexander aus der benachbarten Stadt mit den Hochhäusern kennen. Ich hielt ihn für einen geeigneten Kandidaten, mein Wegbegleiter für die Zukunft zu werden. Aber zu mehr als einem Date kam es nicht. Er ließ die Angelegenheit auf ungeschickte Weise einschlafen. Im Mai stand eines der Highlights dieses Jahres an: Die „federation-convention“ in Bonn. Wie schon im vergangenen Jahr fuhr ich mit zwei Freunden hin, diesmal jedoch mussten wir im Regenmonat Mai die „Freuden“ des Zeltens über uns ergehen lassen.

Wenige Tage später brach dann jedoch der Sommer aus und mit verschiedenen Festivitätentanzte ich ausgelassen durch den Mai. Der Juni begann mit vielen bunten Farben, bis der Sommer eine kleine Pause einlegte. Der Christopher-Street-Day in Hamburg war regnerisch kühl, aber zur Kieler Woche lief die Sonne dann wieder zur Hochform auf! Eine Hitzewelle hüllte das Land ein und Schwimmbäder wie Biergärten hatten Hochkonjunktur.

Dann kam der Anruf mit der Nachricht vom Tode meines Vaters, den ich seit 20 Jahren nicht gesehen hatte und bald darauf sorgte die Trauerfeier für einen ungewollten Trip ganz tief in meine eigene Vergangenheit.
Eine Internet-Liebelei bescherte mir den ersten Faker (bzw. die erste Fakerin). Zum Glück kam ich gut damit zurecht, wenngleich ich stinkwütend darüber war, wie jemand so hinterhältig mit den Gefühlen eines Menschen spielen kann. Der Juli holte aus dem Sommer alles raus, was möglich war und wieder war ich viel unterwegs, wieder in Hamburg. Ich besah mir mehr als einmal die Wasserlichtkonzerte, schaute mir „Meeresfrüchte“ in einem kleinen Hamburger Kino an und genoss die Freiheiten des Lebens. Der August konnte nicht mehr ganz mithalten und so hatte ich denn genügend Zeit, wenigstens kurz dem Jahrestag des Alleinseins zu gedenken.

Und dann kam der September! Der September veränderte mein Leben in ähnlich brachialer Weise wie zuvor der Februar, denn ich lernte den Mann kennen, den ich seither meinen Freund nennen kann. Mein Leben erhielt zum zweiten Mal in diesem Jahr eine neue Richtung. Prioritäten verschoben sich von einem Tag auf den anderen und trotz aller Vorsicht und trotz der Angst vor einer neuen Bindung, die ich wegen der schmerzhaften Erfahrungen nach dem Ende meiner letzten Beziehung mit mir herumtrug, war ich bereit mein Herz für einen neuen Versuch zu öffnen. Der Sommer ging allmählich vorüber, doch der Frühling hatte gerade erst begonnen! In September und Oktober genoss ich das Gefühl, verliebt zu sein, in vollen Zügen. Die Wochenenden wurden das Zentrum meines Lebens und in aller Eile versuchte ich, den Alltag dazwischen hinter mich zu bringen. Vielleicht habe ich mein Herz in diesem Jahr etwas zu sehr angestrengt, denn noch im selben Monat beschloss es, nicht mehr mitzuspielen. Plötzlich auftretende Rhythmusstörungen zwangen mich, kleinere Schritte zu tun und ich begab mich in fachkundig-ärztliche Obhut. Heute geht es mir zum Glück schon wieder besser, ohne einen greifbaren Grund für die Symptome und dementsprechend auch ohne eine Medikation vom Doc erhalten zu haben.

Dass mein Engel im November auf Geschäftsreise nach Paris musste, war sicher keine Erholung für mich. Denn im November stand Frankreich förmlich in Flammen. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich in dem Land der Unmut desintegrierter Randgruppen und über Wochen wurden tausende von Fahrzeugen in Brand gesteckt. Die Krawalle von Frankreichin und um Paris sowie diverser gallischer Großstädte beunruhigten mich sehr.

Mein Wunsch, mein Leben an die Ostküste Schleswig-Holsteins zu verlagern, wuchs im November so stark an, dass ich begann mich dort regional bei Firmen zu bewerben. Leider verliefen die ersten Anfragen wenig erfolgreich, was sich auch Anfang Dezember nicht änderte. Während ein Erfolgserlebnis nach dem anderen bei meinem derzeitigen Arbeitgeber meinen Enthusiasmus für einen Wechsel plötzlich bremsten, erhielt ich von der übersichtlichen Anzahl in Frage kommender Unternehmen meine Bewerbungsunterlagen mit besten Wünsche für mein weiteres Leben zurück.

Im Lauf des ablaufenden Jahres haben mich enorm viele Dinge beschäftigt. Ich begann mit dem Schreiben dieses diarys um meine Gedanken zu sortieren und aus schwierigen Situationen zu lernen, wenn sich der Nebel mieser Tage gelegt hat. Im Lauf der Zeit habe ich unter anderem im diary viele Menschen kennen gelernt, einige Favoriten sind mir wieder entschwunden, andere sind mir seit der ersten Stunde treu geblieben und einige liebe Leser sind neu hinzugekommen. All meinen sichtbaren und unsichtbaren Favoriten (und natürlich auch allen anderen Lesern) wünsche ich eine besinnliche Weihnachtszeit und ein erfolgreiches und eloquentes neues Jahr.

 

Eine Schneeflocke

Aus schweren grauen Wolken fallen Millionen feiner Schneeflocken zur Erde. Eine jede ohne bestimmte Richtung, sich wiegend im kalten Nordwind. Niemand weiß, wo sie landen werden oder was aus ihnen wird. In wildem Gestöber fliegen sie durcheinander und spielen ein Verwirrspiel aus Ordnung und Chaos. Jede einzelne Flocke, jeder wunderschöne Eiskristall verliert sich im Getummel eines Wintertanzes – bis er zu Boden fällt und nichts von seiner klaren Schönheit übrig bleibt. Millionen von wunderschönen Schneeflocken rieseln aus den Wolken, aber immer ist eine von ihnen die schönste. Bei noch so vielen Eiskristallen können wir doch nur einer einzigen zur Zeit wirklich unsere volle Aufmerksamkeit schenken.

 

Vor drei Monaten

:: an einem Samstag

Mit meiner linken Hand schiebe ich die Zweige beiseite, die mir im Weg hängen. Ich klettere durch das Dickicht, rechts von mir der Wald mit Bäumen, dicht an dicht und undurchdringlich, links von mir die Klippen, die mit jedem meiner Schritte dem Himmel näher zu kommen scheinen. Der Boden ist weich und nur dumpf hallen meine hastigen Schritte von ihm wider. Gerade klettere ich über einen umgestürzten Baum als ich einen Moment innehalte um einen schnellen Blick nach vorn zu werfen. Da geht er voran und mein Herz macht einen großen Schritt, so groß, dass meine Lippen ein Lächeln formen.

Vor gerade mal 30 Minuten war ich aus meinem neongelben Kleinwagen gestiegen, zitternd aber nicht frierend, taumelnd aber nicht schwindlig, zögernd aber nicht ängstlich. Da standen wir und grinsten uns an.

Ich kann die Sonne nicht sehen, die irgendwo hinter dem dichten Wald am Himmel steht und funkelnde Diamanten auf der Wasseroberfläche verteilt. Ich sitze am Rand der Klippen und lasse meine Füße herunterbaumeln. Den Anblick dieser Bucht an diesem Spätsommertag werde ich immer in Erinnerung behalten. Fast habe ich das Gefühl, die ganze Welt würde sich um den kleinen Flecken Erde drehen, auf dem wir hier sitzen. Ich bin glücklich.

Diamanten funkeln auch am schwarzen Nachthimmel, der die weiße Gischt des aufgewühlten Meeres verdunkelt. Gegen den Wind stapfen wir durch den weichen Sand in der klaren Nacht und nur wenig später sitzen wir hinter unserer eigenen Burg, die das Meer und den Wind und die Dunkelheit fernhält. Über mir sehe ich Milliarden Sterne, vor mir sehe ich den Leuchtturm, der sein Licht Nacht für Nacht in die Dunkelheit schickt, um mich herum spüre ich Wärme und Geborgenheit und in meinem Herzen spüre ich das Glück der ganzen Welt.

An einem Samstag vor drei Monaten.