Talking Dirty

Gut zu wissen:

Meine Punkteverteilung:

  • Autor: Marischa Sommer
  • Land: Deutschland
  • Verlag: Knaur Taschenbuch Verlag
  • Seiten: 249
  • Erzählform: Ich-Form
  • erschienen: 2011
  • ISBN: 9783426784457
  • gelesen: 2011 (28.08. – 25.09.)
  • Einbandgestaltung: 4 von 5
  • Orthographie: 4 von 5
  • Ausdruck: 4 von 5
  • Unterhaltung: 4 von 5
  • Struktur: 5 von 5
  • Gesamtwertung: 4,1 von 5

„Mein Job bei der Sex-Hotline“ – so ist der Roman von Newcomerin Marischa Sommer untertitelt. Als schwuler Mann hatte ich das Buch zunächst abgestempelt, ohne auch nur einen Buchstaben gelesen zu haben. Ein Sex-Erfahrungsbericht von einer Frau – interessiert mich nicht. Ich stellte mir (ganz kurz nur) intimanatomische Nachhilfe weiblicher Feuchtgebiete vor, die absolut nicht mein Revier sind.

Mein Freund ist da anscheinend weniger schreckhaft, denn er hat das Buch vor mir gelesen und meinte, das würde mir vielleicht auch gefallen…

In ihrer Erzählung hat Marischa gerade ihr Studium beendet. Weil sie sich nicht rechtzeitig auf „das Leben danach“ vorbereitet hat, steht sie jetzt ohne Einkommen da. Sie ist gerade auf der Heimreise – hinter sich ein anstrengendes Familienweihnachten, vor sich eine ungewisse Zukunft – als sie Katharina begegnet. Sie ist ungefähr in Marischas Alter und die beiden verstehen sich auf Anhieb. Bald erzählt Katharina von ihrer Arbeit bei einer Flirt-Line und bietet der klammen Marischa an, doch mal vorbeizukommen. Nur mal zum Gucken.

Wie der Titel ja schon verrät, bleibt es nicht beim Gucken. Marischa lernt die Hotline hinter den Kulissen kennen, wo Frauen wie Katharina den Angestellten, die von zu hause aus mit den Kunden telefonieren, als Administratoren und Ansprechpartner zur Verfügung stehen, Informationen über die Vorlieben von Stammkunden sammeln und die Mädels da draußen durch ihre bloße sonore Anwesenheit unterstützen. Wenige Tage später ist Marischa eines von diesen Mädels und wählt sich in ihrer WG zum ersten Mal in die Flirt-Line ein.

Das Vorspiel macht also deutlich, was auch der Klappentext schon hergibt: Marischa ist jung und braucht das Geld. Sie lernt die teils exotischen Wünsche verschiedener Männer kennen, meist anstößig, oft abstoßend und manchmal einfach nur widerwärtig. Und so erzählt sie von Joachim und John, von Amadeus oder Albrecht, vom ganz Kleenen oder dem bizarren Alles-Schlucker. Sie nimmt kein Feigenblatt vor den Mund, als sie anfangs noch unsicher, dann belustigt, dann routiniert und schließlich genervt von ihren Erlebnissen mit den Männern erzählt.

Von den nur knapp 250 Seiten darf man sich nicht täuschen lassen, denn so popcorn, wie der Titel klingt und das Cover aussieht, liest sich der Roman von Marischa Sommer nicht. Der Einstieg fiel mir etwas schwer, was aber wohl an dem Stempel lag, den ich dem Buch schon vorab aufgedrückt hatte. Als ich erst mal drin war, flutschte das Ganze dann aber schon besser. Katharina wird als sehr lebenslustige Nebenperson dargestellt und bildet zu Beginn einen lebhaften Kontrapunkt zur melancholischen Gedankenwelt der Erzählerin. Sie begleitet Marischa und den Leser im Verlauf der Geschichte immer mal wieder. Ich habe sie als regelmäßiges Aufatmen empfunden, wenn sich Marischas Welt zunehmend um abstruse Männer-Fantasien und leidige Besuche beim Sozialamt dreht.

Der Roman ist in einem unauffälligen Stil geschrieben. Die Sprache ist gefeilt, aber nicht poliert, die Erzählung sehr persönlich, aber mit einer Distanz, an der sich die Erzählerin festhält. Alles ganz normal. Das hat mir nicht immer gefallen, gerade am letzten Drittel, nachdem die Abstrusitäten schon kurioser und die Geschichten schon mal interessanter gewesen waren, habe ich mich lange aufgehalten. Wirklich unterhalten hat mich das Buch da leider nicht mehr.

Was mir sehr wohl gefallen hat, ist die neugierige Energie, mit der Marischa der neuen Ausweglosigkeit ihres post-studentischen Lebens die Stirn bietet. Mein Herz klopfte vor Aufregung, als sie im Büro der Flirt-Line ihrer neuen Freundin Katharina zum ersten Mal bei der Arbeit zusieht. Mit zitternden Fingern blätterte ich die Seiten um, als Marischa zum ersten Mal live bei einem Gespräch mit einem Kunden dabei ist. Die Nervosität kommt hervorragend rüber. Als sie den vielgepriesenen John unerwartet in der Leitung hat, bin ich gespannt, was er zu bieten hat – und werde nicht enttäuscht.

Mit „Talking Dirty“ hat Marischa Sommer ein gewagtes Debüt mit funktionierenden Emotionen geschrieben. Um den Leser bei der Stange zu halten, hätte die Geschichte ein bisschen kürzer sein können.

 

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