Buch: Moby-Dick

„Moby-Dick“, antwortete ich, als mich Jamie nach einem Geburtstagswunsch fragte. Das dicke Taschenbuch musste ein paar Jahre in meinem Bücherregal ausharren, kurz angelesen und dann doch lieber weggestellt. Ich hatte nicht einmal das erste Kapitel beendet.

Im Mai 2016 gab ich mir dann eine neue Chance. Ismael, der Ich-Erzähler, erhielt in meiner Vorstellung ein attraktiveres Aussehen, als beim letzten Mal und eine angenehme, abenteuerlustige, nicht allzu erfahrene Erzählstimme. Er war gleichzeitig eine Figur mitten in der Geschichte und gleichzeitig immer etwas abseits, näher bei mir, dem Leser. Dadurch hatte ich quasi jemanden an meiner Seite, der nicht so weit weg ist, wie die Geschichte selbst.

Worum geht’s?

Das dürfte eigentlich allen klar sein, Moby Dick ist ein weißer Wal, der Kapitän Ahab bei einer Walfang-Fahrt verstümmelt hat. Ahab ist deswegen mächtig sauer auf Moby Dick und macht nun erbittert Jagd auf ihn.

In Nantucket, DEM Walfangort in den USA, nimmt uns Erzähler Ismael mit an Bord der Pequod, einem Walfangschiff. Er möchte das Handwerk des Walfangs erlernen. Ahab ist natürlich der Kapitän – und was für einer! Kein freundliches Wort hat er für seine Crew übrig, eigentlich interessiert ihn sein Personal auch gar nicht, sind die Männer doch nur notwendiges Mittel zum Zweck. Den Zweck übrigens, den erfährt die Besatzung der Pequod erst, als es längst zu spät ist, umzukehren. Sicher, sie erlegen den einen oder anderen Wal, aber dem Kapitän geht es ganz allein um den großen Weißen. Er schlägt eine goldene Dublone an den Hauptmast und verspricht sie demjenigen, der Moby Dick als erstes erblickt.

Nach und nach erkennt die Mannschaft den Wahnsinn in ihrem düsteren Anführer, aber reicht das für eine Meuterei? Er will einen Wal fangen, und das ist schließlich ihr Job. Dass dieser eine als besonders arglistig und gefährlich gilt, sollte die Männer anspornen, statt sie abzuschrecken. Und so segelt die Pequod rund um die Welt, um Moby Dick zu finden.

Im Grunde ist das schon die ganze Geschichte. Dass sie sich dafür auf (netto) 834 Seiten auswalzt, hat natürlich einen Grund. „Moby-Dick“ ist sozusagen eine Dokumentation über den Walfang am Beispiel der Pequod. Ich erwähnte eingangs, dass Ismael etwas über den Walfang lernen möchte, und er ist so freundlich, uns an seinem Wissen teilhaben zu lassen. So lernen wir nicht nur, wie eine Mannschaft für ein Schiff anheuert, wem so ein Schiff eigentlich gehört, warum Menschenfresser ebenso zu Besatzung gehören wie der Smutje oder ein Zimmermann. Ismael erzählt von den Eigenarten von Walfangschiffen, von Leinen, Krähennestern und dem bemerkenswerten Verhalten von Walfangbesatzungen untereinander, wenn sie einander auf See begegnen. Walfänger sind in der Regel mehrere Jahre, also drei oder vier, auf See, bevor sie ihren Heimathafen wieder anlaufen. Aus diesem Grund tauschen sie unterwegs Nachrichten und sogar Post mit anderen Walfängern aus. Vielleicht hat man ja Glück, und es ist ein Brief von den Lieben daheim dabei. Von all dem erzählt Ismael sehr ausführlich. Ach ja, und von Walen natürlich. Wir wissen jetzt, welche Arten von Walen es gibt und worin sie sich unterscheiden – außen wie innen (Wale haben ein kleines Gehirn, aber ein großes Rückenmark). Welche es zu jagen lohnt und welche eher gemieden werden. Am ertragreichsten ist der Pottwal, denn sein großer Kopf, der „Pott“, enthält fässerweise Walrat, auf das es die Waljäger abgesehen haben. Moby Dick ist übrigens ein Pottwal. Dass Wale Fische seien, sollte man dann aber doch schnell wieder vergessen, aber wir sind ja auch schon über 160 Jahre weiter, als dieses Buch.

Und wie war’s?

„Moby-Dick“ ist 1851 erstmals erschienen. Wenngleich ich die neu übersetzte Fassung gelesen habe, ist die Sprache doch sehr alt. Ich musste zahlreiche Wörter nachschlagen, weil sie alt sind und ich nicht seefest. Der dokumentarische Charakter des Buches unterbricht die eigentliche Geschichte naturgemäß, die streckenweise zu nicht mehr als einem roten Faden degradiert wird. Das war nicht unterhaltsam, sondern im Gegenteil sogar anstrengend und ermüdend. Zwischendrin füllt Melville Kapitel, die sich wie ein altes Lexikon lesen. Für meinen Geschmack zu viel des Guten. Aber war das Buch deswegen schlecht? Es war bisweilen schlecht zu lesen und man muss sich der Tatsache hingeben, dass man nicht alles verstehen kann, aber auch nicht alles verstehen muss. Zweifellos befindet sich jedes Wort dort, wo es sein soll, jede Formulierung gehört gerahmt und das vermittelte Wissen wird nicht zwecklos ausgegossen. Die wichtigsten Figuren erweckt Melville zum Leben – besonders Ahab, der in seinem Inneren so tot ist, wie man nur sein kann. Wenn Ahab spricht, donnern seine Worte über das Deck und die Sprache ist poliert und geschliffen, ganz anders als bei den anderen Figuren.

Kommen wir also zur Wertung:

Die Gestaltung hat mich jetzt nicht vom Hocker gehauen. Wenngleich eine vergleichbare Szene aus diesem Buch auf dem Cover abgebildet ist, sehen wir hier einen schwarzen und nicht den weißen Wal, auf den wir über viele hundert Seiten hinsteuern. Ansonsten kann ich nicht klagen, die Aufmachung zwischen den Buchdeckeln ist tadellos.

Unterhaltung wie auch Struktur haben arg gelitten. Wie oben erwähnt ergeht sich der Autor lange in sehr detailreichen Schilderungen aller möglichen Bestandteile der Walfangschifffahrt, immer wieder durchbrochen von der eigentlichen Handlung, so dass ich „Moby-Dick“ als erzählerische Dokumentation wahrgenommen habe. Über weite Strecken mühsam hat sie mich meistens bedauerlicherweise nicht unterhalten.

Am Ausdruck zu mäkeln käme der Blasphemie gleich! Hochachtung vor Autor und Übersetzer. Und was die Orthographie betrifft, so gehe ich in die Knie – hier wage ich keine Bewertung, weil ich mir bei der alten Sprache nicht anmaße, die korrekte Schreibweise bis ins Letzte beurteilen zu können.

Welches Fazit setzt man nun unter einen der berühmtesten Klassiker, wenn er einen doch nicht unterhalten hat? Ist es ein gutes Buch? Zweifellos. Würde ich es nochmal lesen? Auf keinen Fall! Würde ich es weiterempfehlen? Nur mit einer Warnung, sich entweder blind in dieses umfangreiche Abenteuer zu stürzen und Wikipedia und etwas zu schreiben parat zu haben, oder – mit selber Ausrüstung – bewusst in ein dezidiertes Dokument einer uralten Branche einzutauchen.

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