Eine Welt dazwischen

Abbildung mit freundlicher Genehmigung des Verlages.

Gut zu wissen:

Meine Punkteverteilung:

  • Autor: Aline Sax (web)
  • Land: Belgien / USA
  • Verlag: Arena Verlag GmbH
  • Seiten: 336
  • Erzählform: Ich-Form
  • erschienen: 2006
  • ISBN:
    Taschenbuch: 9783401500430
    Hardcover: 9783401060910
  • gelesen: 2009 + 2017
  • Gestaltung: 5 von 5
  • Orthographie: 5 von 5
  • Ausdruck: 5 von 5
  • Unterhaltung: 5 von 5
  • Struktur: 5 von 5
  • Gesamtwertung: 5,0 von 5

Titel der Originalausgabe: Wij twee jongens
erschienen bei Clavis Uitgeverij, Amsterdam,
aus dem Niederländischen von Stefan Häring und Verena Kiefer

Band 1: Eine Welt dazwischen
Band 2: In einem Leben wie diesem

Dieses wunderbare Buch habe ich vor acht Jahren das erste Mal gelesen. Das letzte Buch, das ich las, war DIE LETZTEN TAGE DER NACHT, das Ende des 19. Jahrhunderts spielt. In „EINE WELT DAZWISCHEN“ bricht  Familie de Belder im Jahr 1910 auf, um von Belgien nach Amerika auszuwandern. Das 20. Jahrhundert hat gerade begonnen, elektrisches Licht ist noch neu und in der alten Welt leiden die  Menschen Hunger. Wir begleiten die fünf Familienmitglieder auf ihre Reise, die sie zunächst nach Antwerpen führt. Von dort aus wollen sie mit einem Dampfer über den Ozean nach New York. In Amerika, so erzählt man sich, gibt es alles im Überfluss – vor allem Land. In Amerika ist alles möglich.

! AB HIER WERDEN WICHTIGE DINGE VERRATEN !

In Antwerpen wartet der erste Schicksalsschlag: Charlotte, das jüngste Familienmitglied, darf nicht an Bord, sie leidet an einer Lungenentzündung. Charlotte bleibt mit ihrer Mutter in Belgien zurück, während die Zwillinge Adrian und Alexander mit ihrem Vater nach New York reisen.

Adrian ist schließlich der einzige der Familie de Belder, der New Yorker Boden betritt. Sein Vater kommt nicht durch die medizinische Kontrolle auf Ellis Island und Adrians Zwillingsbruder Alexander wird nach einer Prügelei als Anarchist ausgewiesen. Allein, mittellos und ohne Sprachkenntnisse, ohne Familie und vor allem ohne seine andere Hälfte, sitzt Adrian in New York fest. Ein Rückfahrticket kann er sich nicht leisten.

Aber Adrian hat Glück. Nach wenigen Tagen wird ein junger Mann namens Jack auf ihn aufmerksam, der als Hotelportier arbeitet. Er lässt Adrian bei sich wohnen. Aus irgendeinem Grund kann er sich eine eigene Wohnung leisten, in der sonst niemand wohnt. Adrian freundet sich mit Jack an, mehr noch: Er verliebt sich unsterblich in ihn. Jack geht es nicht anders, auch wenn er auf dem Gebiet erfahrener ist als sein neuer Freund. Er führt Adrian in seine Welt ein, in eine versteckte, aber frivole, fröhliche und gleichzeitig bedrohte Welt. Die Liebe zwischen den beiden Jungen wächst.

Ein halbes Jahr später erhält Adrian einen Brief von seinem Zwillingsbruder. Er kommt nach Amerika! Adrian ist außer sich vor Freude, bis ihm einfällt, dass er Alexander auf keinen Fall von seiner Liebe zu Jack erzählen kann. Er stellt die beiden dennoch einander vor. Sie besuchen den Freizeitpark Coney Island. Leider kann Jack den vorlauten und unfreundlichen Alexander ebensowenig ausstehen, wie Alexander den überheblichen Jack leiden kann. Beide haben das Gefühl, dass der andere ihnen Adrian wegnehmen will. Am Ende muss sich Adrian für einen von ihnen entscheiden: für den geliebten Zwilling, der der wichtigste Mensch in seinem alten Leben war, oder den geliebten Freund, der sein einziger Bezugspunkt in der neuen Welt ist. Egal, welche Wahl Adrian trifft: Sie wird sehr, sehr schmerzhaft.

Und wie war’s?

Ich hatte vergessen, wie traurig die Geschichte eigentlich ist. Als Leser werden wir hier mit Verlusten konfrontiert, die für einen Menschen nur schwer zu ertragen sind. Adrian gerät in Situationen, die aus heutiger Sicht fast unvorstellbar sind. Ich musste dabei an die heutigen Einwanderer und Flüchtlinge denken, die auf dem Weg ins „gelobte Land“ vielleicht auch wie Vieh behandelt werden, wo Familien plötzlich auseinandergerissen werden.

Diese Geschichte hat mich schon 2009 nicht mehr losgelassen und nach dem ersten Lesen war ich sehr begierig, den zweiten Band zu lesen.

Zur Bewertung:

Die Aufmachung des Buches ist schlicht. Auf dem Cover sieht man nicht mehr als einen Dampfer. Das wird wohl die „Kroonland“ sein, die in dieser Geschichte mir Hunderten von Auswanderern von Antwerpen nach New York übersetzt. Beim Hardcover ist der Schutzumschlag aus stumpfem Papier genauso gestaltet. Das Buch darunter ist nur cremefarben, ohne Abbildung.

Auf 336 Seiten sind mir weniger als drei Schreibfehler aufgefallen, daher bleibt der Orthografie die volle Punktzahl erhalten. Auch beim Ausdruck habe ich nichts abgezogen. Aline Sax bzw. die Übersetzer Stefan Häring und Verena Kiefer haben die Geschichte in einem glaubwürdigen und ansprechenden Stil geschrieben.

Die Unterhaltung als wesentlicher Träger einer Geschichte kommt hier keinesfalls zu kurz. Zu Beginn kann man es gar nicht erwarten, Antwerpen zu erreichen und an Bord des Schiffes zu kommen. Die Überfahrt selbst ist nur für Adrian und seine Familie langweilig, aber die Autorin schafft es, dass selbst das für den Leser unterhaltsam ist. Und in New York kommt man gar nicht mehr zur Ruhe. Zunächst muss sich Adrian mit den erlittenen Verlusten abfinden, dann muss er sehen wo er bleibt. Dann hat er von jetzt auf gleich einen Job, der anstrengender und stressiger ist, als daheim auf dem Hof. Er sagt, er arbeite in der Hölle. Dann lernt er Jack kennen, dann New York, er wird beraubt, bedroht, verliebt sich, muss erneut mit einem Verlust klarkommen. Ein Baby stirbt, er lernt die schwule Subkultur kennen und und und…

Trotz all dieser Ereignisse bleibt es ein Jugendbuch, bei dem der Leser unterwegs nicht verloren geht. Selbst, als Ich-Erzähler Adrian in New York zuerst völlig orientierungslos ist, hat die Autorin die Geschichte gut im Griff.

Ich hätte das Buch definitiv auf volle fünf Punkte aufgerundet, wenn es das nicht ganz von allein geschafft hätte. Absolute und uneingeschränkte Unbedingt-kaufen-und-lesen-Empfehlung!

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