Der Wunschbrunnen

Gut zu wissen:

Meine Punkteverteilung:

  • Autor: Michael Estevan
  • Land: Deutschland
  • Verlag: Himmelstürmer
  • Seiten: 262
  • Erzählform: Ich-Form
  • erschienen: 2005
  • ISBN: 9783934825419
  • gelesen: 29.12.2010 – 30.12.2010

 

  • Gestaltung: 2 von 5
  • Orthographie: 1 von 5
  • Ausdruck: 2 von 5
  • Unterhaltung: 5 von 5
  • Struktur: 4 von 5
  • persönlicher Bonus: +1
  • Gesamtwertung: 4,6 von 5

 

 

Schwule Kitschromane gibt es wohl fast ebenso viele wie nicht-schwule. Je nach persönlichem Geschmack kann man damit ziemlich viel Pech haben. Der Wunschbrunnen gehört zu den ganz wenigen, die mich wirklich unterhalten, zu Tränen gerührt und zum Lachen gebracht haben. Und nachdem ich an Tintentod nun zwei Monate gelesen habe, brauche ich einen Quickie für zwischendurch, bevor das neue Jahr mit Weltliteratur beginnen kann.

Also gut, nachdem ich das Buch nun wohl schon zum vierten oder fünften Mal gelesen habe, muss ich doch sagen, dass es… na ja ziemlich trashig ist. Sowohl die Figuren als auch die Szenen sind so ziemlich alle „too much“. Das Buch hat trotz seines übersichtlichen Umfangs zu viele Schreibfehler und der Ausdruck ist wohl eher auf eine unkritische Zielgruppe um die siebzehn Jahre gemünzt (wenn auch nicht durchgängig, denn welcher Siebzehnjährige benutzt schon den Ausdruck „liederlicher Lump“?).

Das Buch besitze ich schon ein paar Jahre (vermutlich seit 2005, auch wenn es mir länger vorkommt), und während ich damals die offensiven Sex- (na, nennen wirs beim Namen: Porno-) -szenen zu schätzen wusste, empfinde ich sie heute, da ich ein klitzekleinwenig reifer geworden bin, eher als hölzern, zu gewollt und somit als hauptsächlich störend. Ich erwähnte ja schon, dass das Buch mit seinen 262 Seiten nicht sehr umfangreich ist. Aber offen gesagt hat der Autor hier ein wenig gemogelt, denn er wiederholt mehrere Sachverhalte, mehrere Gedankengänge mehrmals. Er formuliert sie ein wenig um, sagt aber im Grunde das Selbe. Beim Lesen dachte ich öfter: ‚Das hast Du gerade schon gesagt‘.

Gelungen ist der Anstrich der Locations. Michael Estevan beschreibt sie gerade ausführlich genug, um sich eine gedankliche Skizze machen zu können. Gleichzeitig lässt er aber auch Spielraum, um die Skizze in der eigenen Phantasie mit Leben zu füllen. Das hat bei mir super funktioniert. Die Schulen waren dadurch zum Beispiel jeweils exakte Repliken von Teilen meiner Schule… Ähnlich ist es mit den Figuren, (die natürlich kein Gesicht haben, die meisten Menschen stellen sich die Figuren, über die sie lesen, nämlich recht genau vor, aber in der Regel haben sie kein Gesicht), die er gut beschreibt, also Körperbau, Haarfarbe, Frisur, vielleicht noch die Haltung und den Ausdruck. Nur zu besonderen Anlässen kleidet er sie außerdem auch besonders ein.

Und schließlich – für mich der eigentliche Träger der Geschichte – die Emotion! Ich habe es ja hin und wieder erwähnt, ich steh auf Happy Ends und auf feelgood! Als ich das Buch zum ersten Mal gelesen habe, befand ich mich inmitten eines emotionalen Scherbenhaufens (ah, also tatsächlich 2005). Ich war seinerzeit nach fast jeder (!) Seite in Tränen aufgelöst, was mir durch eine sehr schwere Zeit geholfen hat. Diesen überaus emotionsgeladenen Effekt löst das Buch vermutlich deshalb noch heute bei mir aus, wenn auch nicht mehr ganz so schlimm (ich heule nur noch ungefähr alle zehn Seiten…).

‚Der Wunschbrunnen‘ gehört somit zu meinen persönlichen Favoriten und läuft eigentlich ein bisschen außer Konkurrenz. Empfehlen kann ich das Buch jedem, der gerade an schmerzhaftem Liebeskummer leidet, denn in dieser Situation sind Schreibfehler oder mangelhafter Ausdruck ziemlich egal und ausgiebiger Sex zwischen zwei frisch verliebten Jungs auch nicht der Untergang. Da das Ende happier nicht sein könnte, besteht sogar die Möglichkeit, neue Hoffnung zu schöpfen (auch das hat bei mir bestens funktioniert). Wer gerade vor dem Coming Out steht, lernt mit diesem Buch eine rosarote, aber überhaupt nicht tuntige Welt mit ein paar dunklen Flecken kennen, lernt aber vor allem eines: Wenn man fällt, muss jemand da sein, der einen auffangen kann…

 

Inhalt:

Es geht um den eben siebzehnjährigen Cedric, einen talentierten Jungen aus wohlhabendem Hause, der mit seinen Eltern von der Großstadt aufs Land in eine eindrucksvolle Villa zieht. Für Cedric ist das eine ziemliche Umstellung. Er muss die Schule wechseln und kann nicht mehr bei seinen Großeltern auf dem Klavier üben. Aber das macht nichts, denn den Flügel bekommt er kurzerhand geschenkt. Die Villa hat genügend Zimmer, aus einem wird dann eben ein kleiner Konzertsaal…

Gleich am ersten Schultag begegnet Cedric im Schulbus einem Wahnsinnstypen: Sandro! Liebe auf den ersten Blick! Und er ist sich ziemlich sicher, dass Sandro ihm zugelächelt hat. Fortan ist die tägliche Busfahrt das Schönste am ganzen Schulalltag. Einmal geht Cedric ihm heimlich nach, um herauszufinden, auf welche Schule sein Traumtyp geht – denn bislang haben sie noch kein Wort miteinander gewechselt. Cedric lebt sich gut ein und punktet in der Schule sogleich mit einem Klavierkonzert im Musikunterricht. Alle sind begeistert, als er daraufhin zu einem Privatkonzert zu sich in die Villa einlädt. Soviel Talent macht in dem kleinen Ort schnell die Runde, und Cedric wird bald zu einem Konzert in die Stadthalle eingeladen. Und wer sitzt dort im Publikum und himmelt ihn an? Richtig: Sandro!

Nach einer der glücklichen Busfahrten fasst sich Cedric ein Herz und gesteht Sandro seine Liebe. Dieser ist ziemlich verdattert und gibt seinem Verehrer einen unsanften Korb. Der hält aber nicht lange an, denn bald schon gibt Sandro dem entzückten Cedric zu verstehen, dass sie ja vielleicht mal was anfangen könnten, so rein sexuell natürlich, und dass im Leben niemand davon erfahren darf, nicht mal, dass sie sich überhaupt kennen. Für Cedric ist das immerhin ein Anfang und er stimmt zu. Also treffen sie sich von nun an meistens im Wald, wo es dann ziemlich zur Sache geht. Daran, wie verschmust Sandro ist, erkennt Cedric bald, dass da doch mehr ist als nur Sex. Sandro streitet das aber nach wie vor strikt ab.

Irgendwann kommen Sandros Freunde ihm auf die Schliche, weil der neugierige Mirko, Sandros bester Freund, ihn beobachtet hat. Er trommelt die Truppe zusammen und gemeinsam erwischen sie die Turteltauben im wahrsten Sinne des Wortes mit heruntergelassenen Hosen im Wald. Ziemlich eindeutig, und für Sandro schlichtweg der Weltuntergang. Ab sofort will er mit Cedric nichts mehr zu tun haben und plötzlich hat er auch noch eine Freundin. Cedrics rosarote Welt bricht zusammen, als er seinen Traumtypen an den Lippen eines blonden Püppchens sieht. Mirko entschuldigt sich daraufhin bei Cedric. Er wollte Sandro nur eins auswischen, weil er seinen besten Freund hintergangen hat. Es nervt ihn total an, dass Sandro jetzt so eine Show abzieht. Gemeinsam schmieden Sandros Freunde, die jetzt auch Cedrics Freunde sind, einen Plan, wie sie die beiden wieder zusammenbringen können…

 

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