Der Fliegenfänger

Abbildung mit freundlicher Genehmigung des Verlages.

Gut zu wissen:

Meine Punkteverteilung:

  • Originaltitel: The wrong boy
  • Autor: Willy Russell
  • Aus dem Englischen von Sabine Hübner
  • Land: England
  • Verlag: Heyne
  • Seiten: 525
  • Erzählform: Ich-Form
  • erschienen: 2000
  • ISBN: 9783453864283
  • gelesen: 20.09.2009 – 27.09.2009
  • Einbandgestaltung: 5 von 5
  • Orthographie: 5 von 5
  • Ausdruck: 2 von 5
  • Unterhaltung: 3 von 5
  • Struktur: 4 von 5
  • Lesevergnügen: 3 von 5
  • Gesamtwertung: 3,2 von 5

Raymond Marks lebt allein mit seiner Mutter in dem englischen Vorort ‚Failsworth‘ bei Manchester, nachdem diese seinen entrückten Vater vor die Tür gesetzt hat. Als junger Teenager hat Raymond natürlich lauter Flausen im Kopf und „erfindet“ an einer abgelegenen Stelle des örtlichen Kanals ein pubertäres Spiel, das er und über ein Dutzend seiner männlichen Klassenkameraden als „Fliegenfangen“ bezeichnet. Der eigentlich harmlose Spaß fliegt auf, als es während eines dieser Spiele zu einem Unfall kommt und peinliche Fragen gestellt werden. Der Schuldirektor bauscht den „Vorfall“ riesig auf und wirft Raymond kurzerhand von der Schule. Natürlich spricht sich das herum und alle im Dorf meiden ihn, niemand darf mehr mit dem „Sittenstrolch“ spielen. Fortan hat Raymond den Ruf weg und wird folglich sofort beschuldigt und von den Bewohnern praktisch verurteilt, als ein kleines Mädchen aus der Nachbarschaft vergewaltigt wird. Seine Mutter ist hoffnungslos überfordert und daher empfänglich für „gut gemeinte“ Ratschläge von Verwandten, von Seelenklempnern und Lehrern. Und so bahnt sich Raymond seinen beschwerlichen Weg durch die Pubertät, stets zur falschen Zeit am falschen Ort und immer im Spießrutenlauf mit dem Leben.

Der Roman von Willy Russell ist von besonderer Art. Wenn mich jemand fragt, wie mir die Geschichte gefallen hat, fallen mir Attribute ein wie: ‚interessant‘, ‚merkwürdig‘, ‚ganz schön anders‘, ‚total nervig‘ und ‚irgendwie gut‘.

Das Buch war ein Cover- und Titel-Kauf. Das Coverbild fand ich vielversprechend, es sah nach einer Jugendgeschichte aus, nach Erwachsenwerden, nicht zu abstrakt. Gutes Motiv. Der Titel ist eingängig, rhythmisch, kurz und machte mich neugierig.

Jedes Kapitel hat eine anständige Länge – also nicht gerade kurz, aber auch nicht viel zu lang. Jedes Kapitel wird aus Sicht des Protagonisten Raymond in Briefform an sein Idol geschickt, den geheimnisvollen Morrissey, seinerzeit Bandleader von „The Smiths“. Diese Erzählform war sehr gewöhnungsbedürftig! Dass Raymond in seinen Briefen sein Idol wieder und wieder mit Namen anspricht (teilweise mehrmals pro Satz), war nervig. Mit der Zeit hat man sich aber an den etwas merkwürdigen Sprachstil der Figur gewöhnt. Dann kamen noch Songs hinzu – und ich gestehe: Ich bin vollkommen unmusikalisch. Wenn in einem Roman plötzlich ein Songtext ganze Kapitel füllt (und ich die Melodie nicht kenne), dann lese ich ein seitenlanges Gedicht. Das passt zwar inhaltlich sehr gut und ist stilistisch sicher förderlich, aber ich fand es einfach nur nervtötend. Wenn das Gedicht / der Songtext dann von einem kleinen Mädchen handelt, das von seinem Vater sexuell missbraucht wird und dieses Gedicht sage und schreibe 26 Seiten lang ist, dann war das für mich ein Grund, das Buch abzubrechen!

Vorübergehend.

Aber irgendwie ging mir die Geschichte nicht aus dem Kopf, und mein Ehrgeiz tat ein Übriges, so dass ich das Buch am nächsten Tag wieder zur Hand nahm. Es war zum Glück das letzte Gedicht Schrägstrich Songtext in dieser Form. Und nachdem ich der Geschichte eine zweite Chance gegeben hatte, wurde sie besser. Mehr noch, ich konnte sie kaum mehr beiseite legen und las abends im Schein meiner Nachttischlampe gegen die Zeit an.

Trotz des großen Fesselungsvermögens nach Wiederaufnahme hat die Bewertung des Unterhaltungswertes durch den großen Nervfaktor stark gelitten. Verwicklungen, himmelschreiende Ungerechtigkeiten, Ohnmacht, Unverständnis, Liebe, Freundschaft, Betrug und tiefe Aufrichtigkeit sind die Träger einer Geschichte, für die man ein gutes Nervenkostüm und Durchhaltevermögen braucht.

 

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