Das Gleichgewicht der Welt

Abbildung mit freundlicher Genehmigung des Verlages.

Gut zu wissen:

Meine Punkteverteilung:

  • Autor: Rohinton Mistry
  • Land: Indien
  • Verlag: Fischer
  • Seiten: 863
  • Erzählform: Er-Form
  • erschienen: 1995
  • ISBN: 9783596145836
  • gelesen: 13.09.2010 – 09.10.2010
  • Einbandgestaltung: 5 von 5
  • Orthographie: 5 von 5
  • Ausdruck: 5 von 5
  • Unterhaltung: 5 von 5
  • Struktur: 5 von 5
  • ø Lesevergnügen: 4 von 5
  • Gesamtwertung: 5,0 von 5

Originaltitel: The fine balance
Originalverlag: Wolfgang Krüger, Frankfurt am Main
Originalverlag: McClelland & Stewart, Toronto
Aus dem Englischen von Matthias Müller

 

Das war mal ein Wechselspiel der Gefühle! Dieser Geschichte kann man nicht trauen, in einem Moment bettet sie mich auf Rosen und gaukelt mir Geborgenheit und Frieden vor, im nächsten übergießt sie die Rosen mit Kerosin und zündet sie an – während ich noch draufliege!

Aber die Dramaturgie überlasse ich lieber Rohinton Mistry, der sie in diesem meisterhaften Buch wie ein Metronom zwischen Gut und Böse hin und her schwingen lässt. Diese Dramaturgie war für mich gleichermaßen Antrieb, das Buch zu lesen wie auch es nicht zu lesen, je nachdem, in welche Richtung sich das Pendel gerade bewegte.

Alles beginnt 1975 mit dem jungen Studenten Maneck, der mit der indischen Eisenbahn zu Mrs. Dina Dalal reist, einer alten Schulfreundin seiner Mutter. Auf der Reise lernt Maneck die beiden Schneider Ishvar und Om kennen, die auf dem Weg zu einem Vorstellungsgespräch sind – bei Mrs. Dalal.

Wir lernen Dinas Leben kennen, als sie noch ein kleines Mädchen ist und Vater und Mutter verliert. Sie wächst bei ihrem älteren Bruder auf, der das dickköpfige Mädchen mit strenger Hand erzieht. Als es für Dina Zeit zum Heiraten wird, sucht sie sich ihren Ehemann selbst aus – sehr zum Verdruss ihres Bruders. Doch das Schicksal beraubt Dina bald ihres Glücks und sie schlägt sich allein durch. Mit Stolz und Würde setzt sie alles daran, der Abhängigkeit von ihrem Bruder zu trotzen und versagt sich damit selbst ein Leben in materiellem Wohlstand. In Zeiten politischer Turbulenzen lebt sie stattdessen in ständiger Gefahr, von der Willkür des Staates ruiniert zu werden.

Das Leben von Ishvar und seinem Neffen Om ist weit weniger wohlbehütet verlaufen. Die Familie gehörte seinerzeit der untersten Kaste an, sie waren Gerber. Rohinton Mistry schildert eindringlich, welch entsetzlichen Angriffen die Familie von Ishvar ausgesetzt war, die eine höhere Kaste straffrei an der niedrigeren verüben konnte. Ishvar und Om sind die einzigen Überlebenden der Familie, die das Gerberhandwerk aufgeben und sich ermutigen, Schneider zu werden.

Der Leidensweg der beiden ist ausgeprägt. Während der junge Om seinen Rachedurst nach dem Mord an seiner Familie nur schwer unterdrücken kann, versucht Ishvar ausgleichend stets das Gute in den Menschen und in ihrer eigenen Situation zu sehen.

Und so verweben sich die Leben von Maneck, Dina, Ishvar und Om. Stets gejagt von Katastrophe zu Schicksalsschlag bildet diese provisorische Familie die Hoffnung, immerwährend bemüht, die Verzweiflung auszubalancieren…

Mit einem Übermaß an Leid und Ungerechtigkeit fiel es der Geschichte anfangs schwer, zu mir durchzudringen und mich zu fesseln. Erst als ein wenig Glück in die Waagschale geworfen wurde, wuchs der Reiz, das Buch zu lesen. Die Figuren sind dabei so lebendig, dass ich sie beim Lesen deutlich vor mir sehen konnte. Ihr Leid berührte mich zusehends zutiefst und ich freute mich mit ihnen, wenn ihnen Gutes widerfuhr. Endete ein Kapitel in guter Stimmung, wagte ich kaum, die Geschichte fortzusetzen, aus Furcht vor dem unweigerlich drohenden Unheil. Mit fortschreitender Lektüre vervollständigen sich die Lebensgeschichten der beteiligten Personen und erhöht sich die Intensität, mit der das Buch mich als Leser berührt. Das gelingt Rohinton Mistry außerordentlich gut durch das verlässliche Auf und Ab des Schicksals jeder seiner Figuren.

Trotz des beachtlichen Umfangs von fast 900 Buchseiten geht der Leser unterwegs nicht verloren, denn der Autor fädelt unaufdringlich Erinnerungen an frühere Erlebnisse in die Geschichte ein und verwebt sie so zu einem ebenso stimmigen wie vielfältigen Gesamtbild, was in dem Buch durch eine äußerst treffende Analogie veranschaulicht wird.

Nach dem Ausgang der Geschichte bin ich sehr traurig und kann mich dem Gefühl nicht entziehen, dass dem Leid und dem Unrecht mehr Gleichgewicht zuteilwurde als dem Guten, Wahren und Schönen. Was bleibt sind Erinnerungen an wundervolle Menschen und an zerbrechliche Träume, aus denen nie wirklich mehr werden konnte.

 

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