BUCH: WINTERCHAOT


Gut zu wissen:

Punkteverteilung:

 
  • Autor: Regina Mars
  • Land: Deutschland
  • Sprache: Deutsch
  • Verlag: self publishing
  • Seiten: 326
  • Erzählform: Er-Form
  • ISBN:
  • erschienen: 2017
  • gelesen: 2017
 
  • Einbandgestaltung: 5 von 5
  • Ausdruck: 5 von 5
  • Unterhaltung: 5 von 5
  • Struktur: 5 von 5
  • Gesamtwertung: 5 von 5

 

       

 

Worum geht’s?

In Band vier der Winter-Reihe widmen wir uns Josh. Er ist der Zwillingsbruder von Shirley aus Band drei und von ihren drei Brüdern der jüngste. Josh ist achtzehn Jahre jung und das Nesthäkchen. Seine Brüder und seine Schwester sind inzwischen glücklich verliebt und wohnen mit ihren jeweiligen Partnern zusammen. Nur Josh wohnt noch bei der Mutter. Von all seinen Geschwistern ist er der einzige, der sich für das andere Geschlecht interessiert.

Zu seinem Leidwesen glaubt ihm niemand.

Schlimmer noch: Seine Angebetete gibt ihm einen Korb, weil sie davon ausgeht, dass er sowieso schwul sein muss. Und die Jungs in seiner Klasse haben eine Wette darauf abgeschlossen, wann er sich outet. Das belastet Josh. Als dann der unverschämt gutaussehende Lucian neu in seine Klasse kommt, versuchen seine Mitschüler, die beiden zu verkuppeln. Josh macht dem Neuen recht unsanft deutlich, dass er davon überhaupt nichts hält.

Lucian ist Mitglied einer erfolgreichen Band. Leider wird er oft darauf reduziert. Er ist schwul und macht daraus kein Geheimnis. Das ist ungeheuer mutig, denn er hat furchtbare Erfahrungen mit furchtbar dummen Menschen gemacht. Nach außen gibt er sich cool und unerschütterlich, aber im Inneren verbirgt sich ein Sturm.

Und wie war’s?

Ich habe mich wahnsinnig auf Joshs Geschichte gefreut. Sein Naturell gefiel mir von seinen Geschwistern am besten und ich war mit ihm von Anfang bis Ende auf einer Wellenlänge. Die Figur hat eine so warmherzige Art, braucht und gibt gleichzeitig so viel Liebe, hat einen ausgeprägten Beschützer- und Gerechtigkeitssinn, ist leidenschaftlich, mutig, auch mal hilflos, ein Chaot und ein wacher Geist. Eine tolle Mischung und es hat wirklich Spaß gemacht, von ihm zu lesen.

Die Idee, dass Josh als einziger unter seinen Geschwistern nicht automatisch homosexuell sein könnte, finde ich großartig, nachdem in den ersten drei Bänden die Brüder schwul sind und die Schwester lesbisch ist. Auch wenn es Josh gar nicht gefällt, hatte es natürlich einen besonderen humoristischen Charme, dass ihm niemand glaubt und sogar jeder versucht, ihn vom Gegenteil zu überzeugen.

Jeder außer Josh hat Schwierigkeiten mit der Aussprache von Lucians Namen. Auch ich. Irgendwann hatte ich mich auf eine Variante festgelegt, die sich ungefähr „Lußioh“ ausspricht, mit offenem „O“ und französischer Näselei am Ende. Andere nennen ihn „Luschen“ oder „Lutschen“. Vielleicht spricht man ihn aber auch „Lußiäh“ aus? -> Inzwischen weiß ich, dass er sich englisch ausspricht, als „Luhschiän“. 😁

Zur eigentlichen Geschichte – und hier wird jetzt gespoilert:

Regina Mars schreibt Gay (und Lesbian) Romance. Und wenn ich auch nicht enttäuscht gewesen wäre, hätte Josh am Ende wirklich ein Mädchen an der Hand, sehen wir ihn hinter dem berühmten Sprossenfenster natürlich mit Lucian. Der Weg dahin war steinig und ziemlich lang. Die beiden Jungs versprechen sich – nachdem sie ihr Kriegsbeil erst einmal begraben haben – dass sie voneinander nichts wollen. Lucian glaubt Josh, dass er nicht schwul ist und verspricht, sich nicht in ihn zu verlieben. Sie werden beste Freunde. Eigentlich wird schnell klar, dass sich die beiden ineinander verlieben. Die einzigen, die davon nichts merken, sind Josh und Lucian. Josh, weil er überzeugt davon ist, nicht schwul zu sein und Lucian, weil er sich streng verboten hat, sich in seinen besten Freund zu verlieben. Er hat viel zu viel Angst davor, ihn dadurch zu verlieren. Und so fühlen sich beide zwar extrem zueinander hingezogen, ignorieren aber das Offensichtliche. Die gegenseitigen Beteuerungen, dass alles ganz harmlos zwischen ihnen ist, setzen beide immer wieder auf die falsche Spur. Und obwohl ich üblicherweise etwas allergisch darauf reagiere, wenn Figuren immer wieder an der (für den allwissenden Leser) offensichtlichen Erkenntnis vorbeischlittern, hat es mich hier nicht gestört. Es gelingt der Autorin nämlich, die Geschichte in kleine Einzelabschnitte zu untergliedern, in deren Verlauf sich die beiden zwar immer weiter annähern, aber nicht wahrhaben wollen, dass das, was sie teilen, mehr – viel mehr – als Freundschaft ist.

Joshs Geschichte enthält – trotz ihres Umfangs – wenig explizit vollzogenen Sex. Kein Wunder, immerhin brauchen die beiden lange, um sich das überhaupt zu erlauben. Am intensivsten gespürt habe ich auch tatsächlich nicht den eigentlichen Sex am Ende, sondern die Nähe und Vertrautheit der beiden weit davor. Als sie sich umarmen und Josh einfach minutenlang das Gefühl genießt, von seinem besten Freund im Arm gehalten zu werden – Hammer! Das vertrauliche Gespräch auf dem eisigen Hochsitz – großartig. Diese Intimität, die eigentlich keine sein sollte, wirkte auf mich am besten. Der Sex am Ende war zwar für die beiden eine Erlösung (und auf absurde Weise lustig), kam für mich aber nicht an das Gefühl heran, das sie davor teilten.

Die Wette hat mir tatsächlich ein bisschen Angst gemacht. Eigentlich nicht die Wette an sich, sondern der Plot. Oft habe ich schon gelesen oder gesehen, dass so eine fiese Wette eine beginnende Romanze zerstört oder zumindest weit zurückwirft. Ich war unglaublich erleichtert, dass die Autorin das zwangsläufige Auffliegen dieser Wette nicht zu einem Riesendrama für die beiden Jungs ausgewalzt hat. Natürlich fühlte sich Josh vor den Kopf gestoßen und zweifelte an den Motiven seines besten Freundes. Aber er behielt einen klaren Kopf, rannte nicht davon und gab Lucian die Möglichkeit, ihm zu erklären, wie es sich wirklich zugetragen hat. Ehrlichkeit und Offenbarung waren hier die dominierenden Gefühle und das tat richtig gut.

Noch ein paar Worte zu den Nebenfiguren in Joshs Geschichte. Für den Leser dieser Reihe versteht es sich von selbst, dass Joshs Geschwister nebst Anhängen ihre Rollen auch im letzten Band spielen, obwohl sie nicht mehr in dem windschiefen Haus im Fleischhauerviertel wohnen. Für den Leser war es genauso seltsam, dass das Haus zeitweise so still und leer war, wie für Josh. Ein besonderes Ereignis wirft sein Licht voraus: Nils und Henry aus Band eins (Aufgetaut) planen ihre Hochzeit. Diese Planung zieht sich wie ein (weiterer) roter Faden durch dieses Buch und mündet in einer berührenden Zeremonie, der wir glücklicherweise kurz beiwohnen dürfen.

Die Schauplätze haben mir gefallen. Neben dem Haus der Familie Winter halten wir uns an einem Badesee auf, auf einem Hochsitz, wir fahren mit der Bahn nach Bermsbüttel, gehen auf eine Party, machen eine Wanderung durch Wälder und Hügel und Josh nimmt uns sogar mit in seinen Malkeller. Wir lernen Lucians Eltern kennen. Übrigens ist der Vater total in Ordnung. Das ist bemerkenswert, weil Regina Mars die bisherigen Vaterfiguren meistens als ziemliche Arschlöcher geschrieben hat. So einen gibt es in Joshs Buch zwar auch, aber der ist nur eine Randfigur. Lucians Omi ist übrigens cooler als alle anderen zusammen! Die fand ich toll.

Die Wertung:

Bei der Coverabbildung bleibt die Autorin der Reihe treu. Bisher hat es noch jedes Liebespaar hinter das winterliche Sprossenfenster geschafft. Nachdem ich Josh ja schon seit dem ersten Band kannte, hab ich mich riesig gefreut, ihn zum ersten mal wirklich sehen zu können. Kein Grund, der Gestaltung irgendeinen Punkt wegzunehmen.
Der Ausdruck war so gut, wie in den vorherigen Bänden. Die Geschichte besteht zum überwiegenden Teil aus wörtlicher Rede oder den Gedanken der Protagonisten.

Die Geschichte um Josh und Lucian wurde mir nie langweilig. Ich habe jede Seite genossen. Als Testleser habe ich einen entscheiden Vor- und einen entscheiden Nachteil. Vorteilig ist natürlich, dass ich die Geschichte vor der Veröffentlichung lesen durfte. Nachteilig ist, dass stets ein gewisser Zeitdruck besteht, der durch ein geplantes Veröffentlichungsdatum vorgegeben ist. Dadurch haste ich beim ersten Lesen durch die Geschichte und muss darauf achten, sie trotzdem zu genießen und ihr die verdiente Aufmerksamkeit zu schenken.

Strukturell kann ich wieder nicht klagen. Die Geschichte ist ja nicht so komplex, dass man irgendwann den Anschluss verlieren könnte. Da sie aber umfangreicher ist als die Vorgänger, helfen kleine Erinnerungs-Einschübe, die Ereignisse in ihrer Gesamtheit lebendig zu erhalten, bis das Buch endet.

Nun ist sie vorbei, die Winter-Reihe. So froh ich darüber bin, dass es sie gibt, so schwer fällt mir auch das Loslassen. Immerhin wissen wir, dass alle in guten Händen sind. Was wollen wir mehr?!

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