BUCH: SEIN SCHÖNSTER SOMMER (ANTHOLOGIE)


Gut zu wissen:

Punkteverteilung:

 
  • Herausgeber: Jana Walther
  • Autoren: siehe unten
  • Land: Deutschland
  • Sprache: Deutsch
  • Seiten: 348
  • erschienen: 2017
  • gelesen: 2017
 
  • Einbandgestaltung: 4 von 5
  • Ausdruck: 4 von 5
  • Unterhaltung: 4 von 5
  • Struktur: 5 von 5
  • Gesamtwertung: 4,1 von 5

Wenn Anthologie draufsteht, darf man sich nicht wundern, wenn eine Anthologie drin ist. Ich hab’s nicht wahrgenommen, muss ich zugeben, sondern einfach zugegriffen, nicht zuletzt, weil Jana Walther draufstand. Der Titel gefiel mir, „Sein schönster Sommer“, das klingt doch nach Sommersehnsucht und nach Feelgood.

Also: Wir haben es mit einer Kurzgeschichtensammlung zu tun, und als solche will ich dieses Buch dann auch bewerten. Dazu betrachte ich zunächst jede der Geschichten für sich und am Ende dann die Sammlung als Ganzes.


Sommer am See
von Elisa Schwarz

Jan ist beliebt – bei den Mädels und bei seinen Kumpels. Dabei kann er mit den aufdringlichen Avancen von Lisa, Annika und anderen gar nichts anfangen. Aber das weiß keiner. Seinen Freunden hat er sich nicht anvertraut. Was würden die auch von ihm denken? An einem Sommertag am Badesee fällt ihm Levin auf. Der Junge ist ganz allein da, hat keine Freunde und gilt allgemein als Außenseiter. Als er von einer Gruppe junger Männer schikaniert und als schwule Sau beschimpft wird, mischt sich Jan ein und zieht damit die Schikanen auf sich. Plötzlich stehen ihm seine Freunde zur Seite und schaffen es, die Männer zu vertreiben. Jan hätte nicht erwartet, dass seine Kumpels für Levin einstehen würden. Jan und Levin kommen sich näher und verbringen einen tollen Sommer miteinander.

Das war eine tolle Geschichte zum Auftakt. Hier hatte ich noch nicht bemerkt, dass es sich um Kurzgeschichten handelt. Das Sommergefühl kam hier schon gut rüber und das Mitverlieben finde ich sowieso immer schön. Dazu kam der unerwartete Beistand von Jans Freunden und ihre tollen Reaktionen darauf, dass Jan schwul ist.


Zwei in einem Boot
von Levi Frost

Im Laufe der zweiten Geschichte dämmerte mir allmählich, dass sie mit „Sommer am See“ gar nichts zu tun hat. Der Autor heißt auch noch fast so, wie einer der Jungs aus der ersten Geschichte. Da fiel der sprichwörtliche Groschen bei mir wirklich nur pfennigweise, aber dann hatte auch ich kapiert, was Sache ist. Meiner ersten Och-nööö!-Reaktion habe ich zum Glück nicht nachgegeben und weitergelesen (außerdem fand ich den Autorennamen sexy).

Hier geht es um Tom und James. Die beiden waren mal ein Paar, aber ihre Beziehung hat nicht gehalten. Auf Toms Initiative treffen sie sich jetzt. Tom möchte es noch einmal mit James versuchen, aber James ist noch nicht überzeugt, dass sie es diesmal besser hinbekommen. 

In dieser Kurzgeschichte regnet es viel. Aber auch hier kommt ein Sommerfeeling rüber (und es passt außerdem gut zum diesjährigen Sommer). Ganz anders als in der ersten Geschichte geht es hier nicht ums Verlieben, nicht ums Outen, sondern um zwei Jungs, die einander vermissen, wenn sie ehrlich sind. Sie sind schon einmal gescheitert und das steht zwischen ihnen. Hier geht es um die Überzeugungsarbeit, die Tom leisten muss, um James zurückzugewinnen. Auch diese Geschichte war schön zu lesen.


Zwei Zelte
von Justin C. Skylark

Als ich diese Geschichte zu lesen begann, dachte ich, sie nicht zu mögen. Ich hoffe, der Autor nimmt es mir nicht übel, falls er das liest, aber ich mag den Namen leider nicht – ich vermute, es ist ein Künstlername, und der ist für meinen Geschmack zu plakativ. Davon gibt es ein paar in diesem Genre und sie haben mich bisher davon abgehalten, ihre Bücher zu kaufen. Ich weiß, das ist oberflächlich und voreingenommen.

Meiner Voreingenommenheit zum Trotz habe ich „Zwei Zelte“ gelesen und war am Ende froh darüber. Mir gefiel das Setting, in dem Mats sein Zelt aufschlägt und seine Ruhe haben will. Er ist ziemlich genervt, als ein Typ namens Sebastian sein Zelt direkt nebenan aufschlägt. Der Kerl scheint es außerdem darauf anzulegen, Mats tierisch auf den Sack zu gehen und so weist er ihn tagelang ab. Bis Sebastian eines Tages nicht zum Lager zurückkommt und Mats überraschend besorgt um seinen ungeliebten Nachbarn ist…

Ich muss zugeben, dass mir die Geschichte richtig gut gefallen hat. Gestört hat mich mittendrin nur, dass Mats ausgerechnet ein Buch von Jana Walther liest. Ich mag das Buch auch, darum geht’s nicht. Aber mit Plakativität kann ich anscheinend nicht gut umgehen.


Sein schönster Sommer
von Kai Brodersen

Hier finden wir den Titel dieser Anthologie wieder. Trotzdem hatte ich mit dieser Geschichte so meine Schwierigkeiten. Benedikt hat Krebs und beginnt gerade erst mit der Chemotherapie. Dabei lernt er Oliver kennen, der in seinen Gedanken anfangs nur „der Hässliche“ ist. Die beiden freunden sich an. Oliver hilft ihm, sich zurechtzufinden und aus Freundschaft wird schnell mehr.

Krebsgeschichten oder generell Geschichten, bei denen es vorrangig um schwere Krankheiten geht, zählen selten zu meinen Lieblingen. So geht es mir auch mit dieser Geschichte. Sie ist unbestritten gut geschrieben, nicht platt, sie macht sich nicht über Krebs lustig, sie ist nicht wehleidig und sie verspricht auch kein Happy End. Technisch will ich also nicht meckern. Unter seinem schönsten Sommer stelle ich mir aber lieber etwas anderes vor.


Wenn er tanzen will
von Lena M. Brand

Hm. Bei dieser Geschichte erinnere ich mich mehr an das tolle Gefühl, das sie bei mir erzeugt hat, als an den Inhalt.

Paul besucht ein Festival Ende der Neunziger. Dort begegnet er Kai. Die beiden freunden sich an und erkennen ineinander sowas wie Seelenverwandte. Sie verstehen sich super und vertrauen einander ihre Geheimnisse an. Sie sind glücklich in der Gegenwart des anderen. Während Paul wohl mehr empfindet, ist Kai froh, dass sie gute Freunde sind. Ob da mehr draus wird?

Diese Geschichte hat mir mit am besten gefallen. Ich mochte das Wesen der Protagonisten, den Frieden, der sie umgab, das Gefühl, das bis zu mir durchdrang. Dieser Sommer hätte meinetwegen ewig weitergehen können. Der Titel ist toll gewählt und bildet den Rahmen von Anfang bis Ende. Wirklich schön.


Der Garten
von J. Walther

Jana Walther und ihre Gärten! Das ist schon eine Liebesgeschichte für sich. In dieser hier nimmt uns die Autorin mit in die Vergangenheit. Kurz nach dem ersten Weltkrieg vielleicht? Die Geschichte ist stumm. Der Protagonist entdeckt einen Flüchtling, der verwundet in einer Scheune untergeschlüpft ist. Er versorgt den Jungen und verwandelt Angst in Dankbarkeit und Freundschaft, vielleicht sogar Liebe. Die beiden sprechen nicht und so erfahren wir auch nicht ihre Namen. Hier geht es nur um das Gefühl, seine verschiedenen Stadien und seine Kraft.

Die Autorin hat ein gutes Gespür für Umgebungen. Der Garten, die Scheune, Gras, Bäume, Sand, Wasser – all das konnte ich sehen, spüren und riechen. Dazu die stumme Verständigung der beiden Jungen, die entstehende Freundschaft, schließlich die Vertrautheit und die Lücke, die Vorfreude. Eine gefühlvolle Geschichte.


Bloody summer
von Björn Petrov

Aus dem Nachwort weiß ich, dass die Herausgeberin gern auch exotischere Geschichten in dieser Anthologie haben wollte, Fantasy oder auch Science Fiction. Das hat Björn Petrov mit seiner Kurzgeschichte erfüllt. Dennoch hat sie mir leider nicht so gut gefallen. Hier fehlte mir das Gefühl, das der Sommer in einer Sammlung schwuler Kurzgeschichten bei mir auslösen soll. „Sommer III“ ist in dieser Geschichte der Name eines unwirtlichen Planeten, auf dem der Protagonist schwer arbeiten muss. Mehr als ein halbes Jahr begleiten wir ihn dabei und beobachten seine stille Leidenschaft für Danos, einen Mann, der unsterblich ist, seine Gefühle lieber für sich behält und die schwere Arbeit klaglos erledigt. Weil er unsterblich ist,  erhält er keine Medikamente wie die anderen Soldaten. Der Protagonist und Erzähler kümmert sich deshalb um Danos, wobei sie sich näher kommen.

Der Sommer hier macht leider keinen Spaß. Die Geschichte ist in Tagebucheinträgen erzählt, in denen der Erzähler sein tägliches Leid klagt. Der Planet ist aber auch unmenschlich. Er hat mehrere Sonnen und es wird niemals Nacht. Jeder Tag ist Sommer, aber von der staubigen, brennenden Art.  Mal was anderes, aber leider nicht schön für mich.


Sommer 96 – Wen kümmert Fußball?
von Dima von Seelenburg

Ja, auch diesen Autorennamen empfinde ich als plakativ. Ein alleinstehendes Buch hätte ich wohl auf meinem Tablet weitergewischt. Aber auch diese Geschichte hat mir gut gefallen – sogar sehr gut. Die meisten von uns erinnern sich noch an jenen Sommer 1996, an das Sommermärchen und seinen Feelgood-Fußball.

In jenem Sommer fährt Julian mit seinen Eltern nach Frankreich in den Urlaub, während seine Kumpels an der Ostsee zelten gehen. In Frankreich macht er schnell die Bekanntschaft von Didier, einem Surfer, der aussieht, wie Surfer nunmal aussehen. Die beiden verstehen sich auf Anhieb auf eine stille, friedliche Art. Bald wird beiden klar, dass sie verknallt sind und sie verbringen einen traumhaft schönen Urlaubssommer miteinander.

Auch, wenn der Fußball hier dem Titel nicht ganz gerecht wird und nur sporadisch im Hintergrund stattfindet, hat mich diese Geschichte gut unterhalten und sich auch noch richtig gut angefühlt. Sie erinnert mich daran, wie sehr ich früher im Urlaub mit meinen Eltern gehofft hatte, einem Jungen wie Didier zu begegnen und genau so einen Sommer zu verleben. So ein Erlebnis blieb mir zwar damals verwehrt, aber genau wie diese Geschichte hätte es sich angefühlt, da bin ich sicher.


Treffpunkt Siegessäule
von Carmilla DeWinter

Interessant. Diese Geschichte spielt in Berlin auf dem CSD. Protagonisten sind Jerry und Ta’eesch, ein Amor(etto) und ein Incubus. Beide ernähren sich von menschlichen Energien, die sie erzeugen, indem sie deren Lust aufeinander entfachen, klassisch mit Pfeil und Bogen. Sie naschen auch gern und kosten von dem Sex, den sie hervorrufen. Die beiden mögen sich scheinbar nicht und starten eine Wette darum, wer am Ende des Abends die meiste Energie gewonnen hat.

Joar, gut, interessant… Ich fand die Geschichte nicht übel, aber so richtig von den Socken gehauen hat sie mich auch nicht. Zwei Fantasy-Jungs in einer so realen Umgebung wie Berlin, das passte für mich nicht ganz zusammen. Die Liebesgeschichte gefiel mir auch nicht so hundertprozentig, da fehlte mir die Romantik, das Verliebtsein.


Lakeview Summer
von Paul Senftenberg

Bei dieser Kurzgeschichte handelt es sich um ein Drehbuch. An den Stil muss man sich erst gewöhnen.

In dieser Geschichte geht es um sechs Jungs, zwei von ihnen sind ein Paar, zwei sind nur Freunde und zwei kennen sich noch gar nicht. Sie alle führt es zu einer Frühstückspension (na gut, das Pärchen wohnt schon dort). Hier spielen sich drei verschiedene Geschichten ab, die mit der Pension am See einen Ankerpunkt haben.

Diese abwechslungsreiche, überwiegend leichtfüßige Kurzgeschichte hat mir gut gefallen. Das lag nicht zuletzt an der Location, die eine traumhafte Kulisse abgibt und an den drei unterschiedlichen Paarkonstellationen.


Die Anthologie zu lesen hat mir Spaß gemacht. Emotionen sind in fast jeder ihrer Kurzgeschichten aufgeblitzt und die konnte ich gut verarbeiten. Dass sich jede Geschichte um den Sommer dreht, war eine gute Idee von Jana Walther, denn das Sommerfeeling kam fast überall gut rüber.

2 Antworten auf „BUCH: SEIN SCHÖNSTER SOMMER (ANTHOLOGIE)“

  1. Diese schöne Rezension sehe ich leider erst jetzt. Die ausgewogene und positive Einschätzung freut mich sehr! Und jemanden zu überzeugen, der es nicht so mit Kurzgeschichten hat (deswegen hatte ich auch kein Rezensionsexemplar angeboten ;-)) ist natürlich ein besonderes Highlight 🙂 Vielen Dank!
    (Dima ist übrigens ein Mann)

    1. Mir hat das Buch gefallen, Dir die Rezi – alles in Butter! 😃 Oh, Dima ist ein Autor und keine Autorin. Schlecht recherchiert von mir! 😖Ich entschuldige mich und habe das sofort korrigiert. Dann merkt‘s keiner. 😬

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