BUCH: FUNKENLIEBE

Coverabbildung_Funkenliebe
Abbildung mit freundlicher Genehmigung der Autorin
 


Gut zu wissen:

Punkteverteilung:

 
  • geschrieben von: Diana Wintermeer
  • Land: Frankreich
  • Sprache: Deutsch
  • Verlag: selbst
  • Seiten: 485
  • Erzählform: Ich-Form
  • ISBN: 978-1-719925211
  • erschienen: 2018
  • gelesen: 2020
 
  • Einbandgestaltung: 3 von 5
  • Ausdruck: 5 von 5
  • Unterhaltung: 5 von 5
  • Struktur: 5 von 5
  • Gesamtwertung: 5 von 5

 

Worum geht’s?

Étienne fährt mit seinem Fahrrad versehentlich die gleichaltrige Lulu über den Haufen. Durch diese Begegnung lernt er ihre Familie kennen. Die gemeinhin als „Zigeuner“ verunglimpften Leute haben erst kürzlich mit ihren Booten in Étiennes kleiner Stadt in der französischen Provence festgemacht. Er bemerkt, dass nicht alle Stadtbewohner angetan davon sind, dass sich Fremde an ihrem Strand breitmachen.
Am Tag nach dem kleinen Unfall erhält Étienne Besuch von Lulus Cousin Río. Zuerst zicken sich die beiden fremden Jungs etwas  an, aber dann siegt Étiennes Neugier und er zeigt Río, dass er eigentlich ein ganz cooler Typ ist und die beiden freunden sich an. Étienne lernt, dass sie sich „Manouches“ nennen, während das Wort „Zigeuner“ meistens abwertend gebraucht wird. Er wird von Lulu eingeladen, das Frühlingsfest mit den Manouches zu feiern und verbringt einen tollen Abend, auch wenn er versucht, sich nicht anmerken zu lassen, dass er ihn lieber an Ríos Seite verbringen würde. Das scheint ihm nicht zu gelingen, denn sowohl Lulu als auch Río bemerken die heimlichen Blicke, die Étienne seinem Freund zuwirft. Nach dem Fest zeigt Río ihm, dass er da offene Türen einrennt …

Und wie war‘s?

„Funkenliebe“ ist nach „Meeresprinz“, „Honigsommer“, „Die Farbe des Lichts“ und „Wie man die Sterne zählt“ (noch unrezensiert) schon der fünfte Roman, den ich von Diana Wintermeer gelesen habe, und bisher war jedes weitere Buch besser als das vorherige. Das war hier nicht anders. Als ich dieses Buch beendet hatte, musste ich es sofort noch einmal lesen – etwas, das ich mir zwar oft vornehme, aber nur ganz selten auch tue bzw. durchhalte. Ich musste das Buch aber noch einmal lesen, denn nach vier Büchern wusste ich ja schon, dass irgendwas tragisches passieren und das paradiesische Glück der beiden Protagonisten bedrohen würde, dass es sogar zerstörerisch sein könnte. Und angesichts der potenziellen Anlagen für Fremdenhass und Gewalt hatte ich fortwährend große Angst um die Jungs und um die Manouches.
Nachdem ich das unvermeidliche Unheil durchlitten hatte und zum Glück feststellen durfte, dass es nicht ganz so furchtbar war, wie in meinen Ängsten, musste ich das Buch mit diesem Wissen noch einmal lesen, um das Glück darin richtig zulassen zu können. 

Étienne versteht zuerst nicht, warum er Gefühle für einen Jungen entwickelt. Ihm ist völlig klar, dass die Manouches spätestens nach dem Sommer weiterziehen würden, und mit ihnen natürlich auch Río. Trotzdem kann er sich nicht dagegen wehren, dass er sich verliebt. Aber die Liebe ist stets überschattet von Verlustangst, vor dem unvermeidlichen dunklen Tag, an dem sie sich würden trennen müssen. Diese Verlustangst konnte ich absolut nachempfinden und deshalb der Geschichte mein Herz zunächst nur so weit öffnen, dass sie mich nicht allzu sehr würde verletzen können (und sie hätte es dennoch gekonnt).

Und das nochmalige Lesen hat erstaunlich gut funktioniert. Die Geschichte, die ich ja nun schon kannte, hat alle Emotionen neu gezündet, diesmal aber noch intensiver, weil ich alles uneingeschränkt zulassen konnte. „Funkenliebe“ entfacht eine starke Sehnsucht in einem überschaubaren Setting, das zum Verweilen und Wohlfühlen einlädt.

Die Wertung:

Gestaltung
Auf der Coverabbildung sehen wir zwei junge Männer, von denen der blonde sicherlich Étienne und der dunkelhaarige Río sein soll. Mich hat das Cover nicht hundertprozentig angesprochen – vor dem Lesen hatte es mir zu wenig Aussagekraft, um mich neugierig zu machen, nach dem Lesen empfinde ich, dass aus der Pose der eher zurückhaltende Étienne und der heißblütige Río zwar erkennbar sind, Río in Ermangelung einer passenden Illustration aber ziemlich von dem Bild abweicht, das die Autorin in ihrer Geschichte heraufbeschwört.

Ausdruck
Der Ausdruck in diesem Buch hat mir gut gefallen. Die Figuren heben sich voneinander ab. Die Sätze sind grundsätzlich ausformuliert und sprachlich sauber.

Struktur
Die Geschichte ist geradlinig und spielt sich in einem überschaubaren geographischen Rahmen und im Zeitraum von einem Jahr ab, wobei die Musik im Sommer spielt. Es gibt nur wenige personelle Verflechtungen. So spielen Étiennes Eltern und sein Bruder Jaques zu Beginn durchaus noch wichtige Rollen, treten aber im Verlauf der Geschichte fast vollständig in den Hintergrund. Auch Lulu tritt später nicht mehr so richtig in Erscheinung. Nachdem die Liebe zwischen Étienne und Río so richtig Feuer gefangen hat, blenden wir die Welt um sie herum quasi aus. Gestört hat mich das aber nicht. Strukturell konnte ich mich also in „Funkenliebe“ problemlos zurechtfinden.

Unterhaltung
Die Unterhaltung nimmt ja in meiner Bewertung von Büchern immer den Hauptteil ein. Und „Funkenliebe“ war derart und auf so positive Weise unterhaltend, dass damit kleine Schwachstellen zweifellos mehr als wett gemacht werden. Ich habe mitgefiebert, mitgelitten, mich gefreut, die Stimmung genossen und vor allem – was ich ja so gern tue – mich über beide Ohren mitverliebt. Ich habe die Emotionen genossen, die Sehnsucht, aber auch das Tempo der Geschichte. Und während ich zunächst noch dachte, die offenen Erzählstränge am Ende könnten mich stören, empfinde ich sie nun sogar als Glücksfall, weil ich noch viele Punkte habe, auf denen ich weiter herumdenken kann.

Alles in allem verdient „Funkenliebe“ deutlich seinen Platz in meinem Regal der absoluten Lesehighlights.

Noch mehr Gedanken zu dem Buch:
Étiennes Beziehung zu seinen Eltern
Die Eltern erhalten zu Beginn der Geschichte noch etwas Raum. Wir lernen Étiennes Mutter als warmherzige und fürsorgliche Frau kennen, während sein Vater eher brummig ist und von der Freundschaft seines Sohnes mit einem „Zigeuner“ überhaupt nichts hält. Aber er ändert seine Meinung, nachdem er die Manouches und vor allem Río kennengelernt hat. Die beiden sind uns als Leser also durchaus nicht unsympathisch. Étiennes Beziehung zu seiner Familie ist allerdings die eines typischen pubertierenden Teenagers, er ist also überwiegend genervt von ihnen.

Daher mag es kommen, dass er sich ihnen während der Geschichte nicht öffnet, nicht einmal, als ihm sein Vater – wenn auch im Auftrag seiner Mutter – seinen Segen gibt für das, was auch immer zwischen ihm und Río stattfindet. Diese offene Einladung, sich nicht vor ihnen verstecken zu müssen, schlägt Étienne aus und ich dachte nur: warum?! Ich habe verstanden, dass er seine Gefühle zu jenem Zeitpunkt noch nicht einzuordnen wusste und vor allem, dass er sich der Nachhaltigkeit seiner Beziehung zu Río noch vollkommen unsicher war. Aber aus meiner Perspektive war das ein Angebot, das wohl nur sehr wenige Menschen erhalten und deshalb fand ich es schade, dass Étienne das zurückgewiesen hat. Ich bin überzeugt, dass er das später noch nachgeholt hat und dass seine Eltern ohnehin den Durchblick hatten – immerhin hat selbst Étiennes kleiner Bruder im Vorschulalter geschnallt, was Sache ist.

Danièle
Étiennes Nachbar und Schulkamerad stellt sich uns zunächst als jemand vor, der sich von Vorurteilen anderer leiten lässt. Seine Familie, das erfahren wir von Étienne, hat nicht viel Geld und so gehören sie anscheinend zu jenen eher intoleranten Menschen, die Angst davor haben, dass ihnen jemand ihr spärliches Auskommen wegnehmen könnte. Danièle tickt auch erstmal ziemlich aus, als er seinen Freund Étienne und den fremden Jungen Río beim Küssen erwischt. Doch später verguckt er sich in Lulu, verteidigt sie sogar, als sie angegriffen wird. Aber er kann mit den Gefühlen und den Kämpfen, die er dafür austragen müsste, nicht umgehen und kehrt sie ins Negative um, überzeugt sich davon, dass es Hexerei sein muss, mit der die „Zigeuner“ ihm und vor allem Étienne den Kopf verdreht haben. Danièle ist für mich die tragischste Figur in dieser Geschichte, denn er hat eigentlich nur verloren. (Tragischer noch als Thierry, denn der ist zumindest überzeugt von seinem kranken Hass.)

Refugium
Das paradiesische Fleckchen Strand, das sich Río und Étienne für ihre Zweisamkeit aussuchen, hat sich schön angefühlt, vergleichbar mit der Insel im See, auf die sich Sam und Alex in „Honigsommer“ zurückgezogen haben. Im Gegensatz zu diesen beiden kommen wir mit Étienne und seinem Freund aber nochmal zurück, auch wenn wir nur noch komprimiert teilhaben können.

Katastrophen
Ich hatte ja schon erwähnt, dass ich beim ersten Lesen große Angst vor der Katastrophe hatte. Inzwischen war ich auch auf der Webseite der Autorin. Dort schreibt sie:

In meinen Büchern wird Schmerz immer ein zentrales Motiv sein. Er macht meine Geschichten (so hoffe ich) ein Stück weit lehrreich, was, wie ich finde, sehr wichtig ist.

Ich hasse Katastrophen. Aber selbst ich muss zugeben, dass sie „Funkenliebe“ so unendlich viel intensiver gemacht hat und die Gefühle durch sie so viel wahrer und wertvoller werden. Am schlimmsten ist vermutlich auch eher meine Angst selbst, die mich das ganze Buch hindurch leiden lässt. Dabei macht zum Beispiel das Drama in „Funkenliebe“ nicht einmal fünf Prozent der Geschichte aus.

Wunschkonzert
Nach dem Ende der Geschichte wünschte ich, die Autorin würde sie zusätzlich aus Ríos Sicht veröffentlichen. Normalerweise mag ich das nicht besonders, denn die Geschichte ist ja schon bekannt und wir haben ja in den meisten Geschichten schon alles mitbekommen. Aber Río ist selbst am Ende noch geheimnisvoll für mich und hat so viel zu geben. „Funkenliebe“ lassen wir uns von Étienne erzählen, aus seiner Perspektive und seiner Wahrnehmung. Ich würde gern erfahren, wie Río das alles wahrgenommen hat. Immerhin ist er erfahrener und offener als Étienne, hat einen komplett anderen Hintergrund und ganz andere Konfliktfelder als sein Freund. Wie fühlt es sich für ihn an, bei Étienne zu übernachten und dessen Eltern vorzuspielen, er wäre nur ein Freund? Wie ist das Gespräch mit Jaques abgelaufen? Wie hat er sich gefühlt, als er das Tape aufgenommen hat? Und vor allem, was ist alles in den 168 Tagen passiert, in denen er von Étienne getrennt war? Auch die verabredete Szene zum Glockenschlag um Mitternacht würde ich gern nochmal aus Ríos weniger schüchterner Perspektive lesen.

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