BUCH: „DIE GESCHICHTE DER BIENEN“

Die Geschichte der Bienen von Maja Lunde – Abbildung mit freundlicher Genehmigung des Verlages.


Gut zu wissen:

Punkteverteilung:

 
  • Autor: Maja Lunde
  • Land: Deutschland
  • Sprache: Deutsch
  • Verlag: btb
  • Seiten: 512
  • Erzählform: Ich-Form
  • ISBN: 978-3442756841
  • erschienen: 2017
  • gelesen: 2017
 
  • Einbandgestaltung: 5 von 5
  • Orthografie: 5 von 5
  • Ausdruck: 5 von 5
  • Unterhaltung: 2 von 5
  • Struktur: 5 von 5
  • Gesamtwertung: 3,5 von 5

Worum geht’s?


„Die Geschichte der Bienen“ erzählt Maja Lunde in düsteren Bildern einer Zukunft, in der es keine Bienen mehr gibt. Im Jahr 2098 liegt die Zivilisation am Boden, denn mit dem Verschwinden der Bienen werden die Pflanzen nicht mehr auf natürliche Weise bestäubt. Nutz- und Futterpflanzen gedeihen schon seit vielen Jahren nicht mehr, Früchte bleiben aus, Vieh kann nicht mehr versorgt werden. Die Wirtschaft geht zugrunde, den Menschen fehlt es an Einkommen und an Nahrung. Tao ist die Mutter des kleinen Wei-Wen. Wie viele Frauen arbeitet sie in China als Bestäuberin.

Angereichert wird diese Dystopie durch zwei weitere Zeitlinien. Eine spielt in der Mitte des 19. Jahrhunderts. William leidet an schweren Depressionen. Er kann nicht arbeiten, was seine Familie allmählich in den Ruin treibt. Erst ein Buch über Imkerei weckt seine Leidenschaft.

2007 treffen wir auf George. Er ist bereits seit vielen Jahren Imker und versucht, seinen Sohn Tom für seine Arbeit zu begeistern. Erfolglos. Tom hat ganz andere Pläne, er will studieren. Sein Vater hat dafür kein Verständnis, er will den Fortbestand des Familienunternehmens sichern. In dieser Zeitebene erfahren wir vom Bienensterben, das zu der düsteren Zukunft von Tao führt.

 

Und wie war’s?


Auf dieses Buch habe ich mich sehr gefreut. Ich habe zwar keinen besonderen Bezug zu Bienen, aber das Cover und die Aufmachung des Buches haben mich angesprochen. Davon, dass die Geschichte in drei Zeitebenen erzählt wird, versprach ich mir abwechslungsreiche Unterhaltung aus verschiedenen Perspektiven.

Aber schon bald folgte die Ernüchterung. Die drei Geschichten, die kapitelweise abwechselnd erzählt werden, langweilten mich. Die von William war geprägt von seiner Depression, der wachsenden Armut seiner Familie, seiner resignierten Frau und seinem desinteressierten Sohn. George versucht verzweifelt, seine konservativen Werte durchzusetzen, um seinen Sohn für den Betrieb zu gewinnen. Aber er stößt ihn damit nur von sich und seine Frau wird dadurch auch nicht gerade zu seiner besten Freundin. Die Stimmung in diesen beiden Zeitebenen ist also ziemlich mies. In der Zukunft spielen Tao, ihr Mann Kuan und ihr gemeinsamer Sohn Wei-Wen die Hauptrollen. Aber es reicht nicht, dass die Menschheit hier ohnehin zugrunde geht, die Drei müssen auch noch eine persönliche Katastrophe erleiden: Bei einem Ausflug stößt dem kleinen Wei-Wen etwas zu.  Was es ist, erfahren wir lange nicht, nur, dass er plötzlich nicht mehr atmen kann und vom Rettungsdienst in eine unbekannte Klinik gebracht wird. Seine Eltern sehen ihn für einige Zeit nicht wieder und wissen nicht, was mit ihm ist. Niemand will ihnen Antworten geben. Schließlich macht sich Tao allein auf den Weg nach Peking, um ihren Sohn dort zu finden.

Insgesamt macht „Die Geschichte der Bienen“ leider überhaupt keinen Spaß. Das wäre in Ordnung, wenn sie denn lehrreich wäre. Aber wir lernen erschreckend wenig über Bienen, erfahren gerade mal etwas über verschiedene Modelle der Bienenstöcke, wir wissen, dass es eine Königin gibt und dass alle Bienen spezielle Aufgaben haben. Wir lernen, dass Bienen von Natur aus gern schwärmen und der Imker das gar nicht gern hat. Ich wusste nicht, dass man Bienenvölker anscheinend mit dem Truck über weite Strecken befördert, um sie Obstfelder bestäuben zu lassen. Insgesamt aber blieb das vermittelte Wissen auch nur sehr oberflächlich. Also kaum Unterhaltung, kaum Wissensvermittlung. Das Schicksal des kleinen Wei-Wen scheint zwar bemerkenswert, aber genau wie die Eltern erfährt auch der Leser lange Zeit nicht, was denn eigentlich genau passiert ist. Dass der Ort, an dem „es“ geschah, von der Regierung abgesperrt und erforscht wird, hält zumindest die Spannung aufrecht, wenigstens in dieser Zeitebene.

Auch wenn also der Roman nicht auf Spaß aus ist, aber auch kein Lehrbuch sein will, eines ist „Die Geschichte der Bienen“ auf jeden Fall: Ein düsteres Plädoyer für einen besseren Umgang der Menschen mit ihrer Umwelt. Für das Bienensterben – das weiß man in der von Maja Lunde erzählten Zukunft – ist der Klimawandel mit seinen zunehmend trockenen und nassen Unwettern ebenso verantwortlich wie der weltweite Einsatz von Insektenvernichtungsmitteln. Das ständige Bestreben des Menschen, die Natur selbst zu kontrollieren und zu zähmen, führt schlussendlich zu ihrer Vernichtung.

Die Autorin verwendet viel Zeit darauf, die Personen und ihre Umgebung genau zu beschreiben, anhand von Gerüchen, Geräuschen und vor allem Farben – insbesondere übrigens der Farbe gelb, die in diesem Buch über zwanzig Mal erwähnt wird. Auffällig fand ich, dass in den Kapiteln der ersten Zeitebene (William) die Farbe gelb am häufigsten auftrat – genau wie die Bienen. In  Georges Zeitlinie, wo das Bienensterben bereits begonnen hat, halbiert sich das Aufkommen der Farbe gelb. Den gleichen Effekt kann der aufmerksame Leser in der zukünftigen Zeitebene von Tao feststellen. Hier kommt die Farbe gelb fast kaum noch vor.

Während der ersten ungefähr drei Viertel des Buches langweilte ich mich also so sehr, dass ich begann, das Auftreten der Farbe gelb mitzuzählen und zu hoffen, dass sie eine Bedeutung hat (was sie dann ja anscheinend auch hat). Erst dann nahm die Geschichte allmählich an Fahrt auf. Taos Suche nach ihrem Sohn wurde interessanter, Williams Anstrengungen schienen sich auszuzahlen und das Bienensterben hatte Georges Bienenfarm erreicht. Ein Umbruch, in jeder der drei Zeitebenen – endlich passierte etwas. Und das ließ dann bis zum Ende auch nicht nach, mehr noch: Die Zeitlinien verbanden sich. Jetzt endlich erfährt der Leser, warum die drei Geschichten erzählt werden. 

 

Die Wertung:


Letzten Endes hat das die Bewertung der Unterhaltung nicht mehr wirklich retten können. Was bleibt, ist das Gefühl, mich während des größten Teils des Buches gelangweilt zu haben. Ich wollte das Buch zwischendurch schon abbrechen. Dass sich das in der Endbewertung nicht ablesen lässt, liegt an den vielen Punkten der übrigen Bewertungsbestandteile. Die Aufmachung hat mich dazu verleitet, das Buch überhaupt zu lesen. Das Cover finde ich ansprechend, der Titel ist schön. Nimmt man den Schutzumschlag der gebundenen Ausgabe ab, erhält man ein rapsgelbes Buch mit einer schwarzen Biene. Selbst das Lesebändchen ist knallgelb. Das Buch ist also gelb, wenn man es aufschlägt und es ist gelb, wenn man es schließlich wieder schließt. Schriftgröße, Schriftart, Seitenränder: Alles in Ordnung.

Orthographisch kann ich nich meckern. Mir sind nur zwei Schreibfehler aufgefallen. Um die Bewertung zu trüben, hätten es bei rund fünfhundert Seiten mindestens fünf Fehler sein müssen.

Der Ausdruck ist zumeist ansprechend. Ich hatte zuweilen das Gefühl, dass er absichtlich in Ansätzen auch literarisch anspruchsvoll sein sollte. Tatsächlich sind die Sätze ünerwiegend ausgefeilt und sprachlich sauber, es ist aber nicht so, dass man sich anstrengen muss, um das Buch zu verstehen. Langer Rede kurzer Sinn: Der Ausdruck erleidet keinen Punktabzug.

Fast besser als der Ausdruck ist die Struktur. Drei Zeitebenen können unter Umständen dafür sorgen, dass man als Leser im Gefüge verloren geht. Das passiert Maja Lunde jedoch nicht. Sie macht es dem Leser schon dadurch etwas einfacher, dass sie jede Buchseite mit dem Namen desjenigen versehen hat, von dessen Zeitebene sie gerade erzählt. Je weiter der Leser voranschreitet, desto mehr holt sie ihn mit knappen Rückblenden wieder ab und ruft damit Dinge wieder auf, die früher passiert sind. Und am Ende schafft sie es, die drei Zeitebenen sauber zu einer logischen Abfolge zu verweben. Das waren dann tatsächlich Momente der Überraschung, als man erfährt, warum sie gerade diese ausgewählt hat.

Und so schafft es „Die Geschichte der Bienen“ bei mir leider nur auf insgesamt dreieinhalb Punkte. Für mein Empfinden erfüllt der Roman über weite Strecken einfach nicht, was ein Roman meiner Meinung nach tun sollte: unterhalten. Wer das weiß und sich trotzdem daran macht, die 512 Seiten zu lesen, darf sich immerhin auf ein anständiges Ende freuen.

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*