BUCH: DER TRAFIKANT

Der Trafikant von Robert Seethaler, erhältlich beim Verlag Kein & Aber


Gut zu wissen:

Punkteverteilung:

 
  • Autor: Robert Seethaler
  • Land: Österreich
  • Sprache: Deutsch
  • Verlag: Kein & Aber
  • Seiten: 256
  • Erzählform: Er-Form
  • ISBN: 978-3-0369-5909-2
  • erschienen: 2013
  • gelesen: 09.12.2017 – 10.12.2017
 
  • Einbandgestaltung: 4 von 5
  • Orthografie: 5 von 5
  • Ausdruck: 5 von 5
  • Unterhaltung: 5 von 5
  • Struktur: 5 von 5
  • Gesamtwertung: 4,95 von 5

Worum geht’s?


Franz ist 17 Jahre alt, als er von der österreichischen Pampa in die Hauptstadt geschickt wird, um in der Trafik zu arbeiten. Die Trafik ist ein  kleiner Zeitschriften- und Tabakwarenladen, der von Otto Trsnjek kurz nach dem Ende des ersten Weltkriegs, im Buch also vor achtzehn Jahren, eröffnet wurde.

1937 kommt Franz also nach Wien. Nicht nur die Umgebung verlangt viel Anpassungsbereitschaft von dem jungen Mann. Die Zeit ist geprägt von politischen Umbrüchen und dem fortgeschrittenen Nationalsozialismus. Relativ schnell entwickelt sich ein breiter Judenhass, der Gewalt und Verrat hervorbringt. In dieser Zeit macht Franz Bekanntschaft von Sigmund Freud. Der gealterte Professor ist treuer und hochgeschätzter Kunde der Trafik. Mit seiner naiven und jugendlichen Art gewinnt Franz das Interesse des Psychologen und die beiden ungleichen Männer freunden sich an.

Innerhalb eines guten Jahres reift Franz vom unwissenden Teenager zu einem fast erwachsenen jungen Mann heran. Den Beruf des Trafikanten stellt er nicht in Frage. Zweifel hat er eher an den politischen Geschehnissen, die immer gefährlicher werden.

Und wie war’s?


Ich wusste nichts über dieses Buch, das mir mein Freund zu lesen empfohlen hat. Unter dem Begriff des Trafikanten hatte ich mir zuerst einen Straßenbahnfahrer vorgestellt, auf keinen Fall wäre ich auf einen Zeitungskiosk gekommen.
 
Die Geschichte ist trotz zahlreicher Ereignisse unaufgeregt geschrieben. Dennoch ist die Bedrohung, die die Nazis entfalten, deutlich spürbar. Manches wird gar nicht geschrieben, aber es wird trotzdem recht klar, welch himmelschreiende Ungerechtigkeiten im Hintergrund passieren.
 
Die Trafik als solche wächst einem als Leser tatsächlich ans Herz. Ich hab sie mir als nicht unbedingt hübsch vorgestellt, sie ist tatsächlich einigermaßen staubig und in die Jahre gekommen. Aber dort sind wir zuhause. Franz lernt die Liebe kennen und den Schmerz, den sie verursachen kann. Seine Freundschaft mit Herrn Freud machte mir Spaß. Was der Professor in diesem Buch von sich gibt, hat mir gefallen.
 
Wer viel redet, hat meistens nichts zu sagen.
 
Oder:
 
Manchmal muss man Menschen eben stören, wenn man sie erreichen will.
 
Auch Franz, der anfänglich so unwissende Junge, hat später durchaus begriffen, was vor sich geht. In Bezug auf die Presse meint er:
 

Erinnert wird nämlich meistens sowieso nicht die Wahrheit, sondern nur das, was laut genug herausgebrüllt oder eben fett genug abgedruckt wird.

Die Wertung:


Dieses Buch und seine Geschichte haben mir gut gefallen. Das Cover ist gut, aber für mein Empfinden nicht überragend. Am auffälligsten an dem Äußeren des Buches ist der Schnitt, der das gleiche Hellblau trägt wie der Name des Autoren.

Mir sind auf den 256 Buchseiten keine Schreibfehler aufgefallen, daher kein Abzug in dieser Wertung. Der Ausdruck war literarisch ansprechend. Anfangs dachte ich noch, ich müsse mich auf ein Buch voller Bandwurmsätze mit zahlreichen Aufzählungen einstellen, aber das war dann doch nicht so. Die Geschichte war sehr gut lesbar.

Der Unterhaltung habe ich die Höchstwertung verliehen. Da war ich mir nicht ganz sicher, muss ich gestehen, denn in meiner Wahrnehmung kam die oben genannte Unaufgeregtheit teilweise als erzählerisch flach rüber. Es fehlten die erzählerischen Spitzen. Letztlich habe ich mich dennoch gegen einen Punktabzug entschieden und mich daran erinnert, dass ich den Trafikanten kaum aus der Hand legen konnte und (bis auf die ersten Seiten vor dem Zubettgehen) in einem Rutsch durchgelesen habe.

Besonders möchte ich die Strukturwertung hervorheben. Obwohl das Buch mit 256 Seiten einen sehr überschaubaren Umfang hat, passiert doch erstaunlich viel. Da ist es umso besser, wenn der Autor dann und wann Bröckchen aus der Vergangenheit einstreut, und man sich nochmal zurückerinnern kann, selbst, wenn es nur Kleinigkeiten sind.

Wenn „Der Trafikant“ auch nicht zu einem meiner Lieblingsbücher gehört – was eher der Thematik als dem Buch selbst geschuldet ist – verdient es Anerkennung für eine exzellente schriftstellerische Leistung und für eine  gut erzählte Geschichte, die nicht viele Seiten benötigt.

 

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