BUCH: CYRIL AVERY


Gut zu wissen:

Punkteverteilung:

 
  • Autor: John Boyne
  • Land: Irland
  • Verlag: Piper
  • Seiten: 736
  • Erzählform: Ich-Form
  • ISBN: 978-3-492-05853-7
  • gelesen: 09.07.2018 – 01.08.2018
 
  • Einbandgestaltung: 5 von 5
  • Orthographie: 3 von 5
  • Ausdruck: 5 von 5
  • Unterhaltung: 5 von 5
  • Struktur: 5 von 5
  • Gesamtwertung: 4,8 von 5

Titel der Originalausgabe: Cyril Avery
Übersetzt von Werner Löcher-Lawrence

Worum geht’s?


Catherine Goggin ist schwanger und unverheiratet. Sie wird deshalb vom örtlichen Priester unsanft aus ihrem Heimatdorf gejagt. Die Gemeinde ist fromm und natürlich empört über das schamlose Verhalten der jungen Frau.

Im Bus nach Dublin lernt sie Seán kennen. Er ist sehr freundlich und lädt Catherine ein, für ein paar Tage in der Wohnung unterzuschlüpfen, die er sich mit einem Freund teilt – nur so lange, bis sie in Dublin auf eigenen Füßen stehen kann. Dieser Freund ist allerdings nicht sehr angetan von der Idee. Catherines Anwesenheit stört ihn sehr. Aber die arglose Frau erfährt erst später, dass sie das Liebesnest der beiden Männer gestört hat.

‚Bist ein schlaues Kerlchen für deine elf Jahre.‘ ‚Ich bin sieben,‘ erklärte ich ihr und fragte mich ein weiteres Mal, ob meine Adoptiveltern begriffen, dass ich ein Kind war und nicht eine Art kleiner Erwachsener, den man ihnen untergeschoben hatte. ‚Das macht es noch beeindruckender,‘ sagte sie, kehrte in ihre Räucherhöhle zurück und schloss die Tür.

Cyril Avery kommt 1945 auf die Welt und wird natürlich zur Adoption freigegeben. Maude und Charles Avery geben ihm ein Zuhause und immer wieder zu verstehen, dass er gar kein richtiger Avery ist, weil sie ihn ja nur adoptiert haben. Er hat trotzdem eine Kindheit, über die er sich nicht beklagt. Er bekommt genug zu essen, hat ein Dach über dem Kopf und ein eigenes Zimmer, durch dessen Dachfenster er in die Sterne gucken kann. Während Cyril recht unbeachtet vor sich hin wächst, macht er die Bekanntschaft von Julian. Die Faszination, die der Junge auf ihn ausübt, wird zur Obsession, die Cyril sehr lange nicht loslässt.

Und wie war’s?


Auf den über siebenhundert Seiten begleiten wir Cyril Avery durch sein gesamtes Leben. Und das ist manchmal wirklich haarsträubend. Die Faszination für Julian entpuppt sich als Liebe – Cyril ist schwul. Im Irland Mitte des 20. Jahrhunderts ist das nicht möglich, weshalb wir dem jungen Mann bald ins Ausland folgen.

Die Geschichte von Cyril Avery habe ich schon vor knapp zwei Wochen ausgelesen. Ich habe sie als sehr fesselnd empfunden. Wie ein Mensch so viel Leid ertragen kann, ist mir ein Rätsel und zum Glück flicht John Boyne immer wieder etwas Hoffnung und schöne Momente ein, sonst wäre ich feelgood-Junkie womöglich mittendrin ausgestiegen. Zwischendrin gab es Zeiten, in denen mir die Zufälle zu groß und die Konstruktionen zu gewagt waren, ich bekam das Gefühl, ich hätte eine Satire vor mir. Das muss man akzeptieren, wenn man dieses Buch liest. Und Drama, Drama, Drama. Dass Cyril dabei immer wieder auf Julian trifft, fand ich natürlich nicht schlecht, ich hoffte ja darauf, dass Cyrils Gefühle für Julian irgendwann auf Resonanz stoßen würden. Aber dazu hätte er sich ihm vielleicht mitteilen müssen. Als Leser wissen wir, dass Cyril auch seiner leiblichen Mutter ständig wiederbegenet.  Nur wissen die beiden nichts voneinander. Daneben gibt es noch eine Vielzahl von Personen, die in Cyrils Leben wichtig werden. Ich erinnere mich zum Beispiel an Ignac, den Strichjungen in Amsterdam, der grün und blau geschlagen vor dem Haus von Cyril und seinem Mann Bastiaan liegt. Oder an Alice, Cyrils Ehefrau. Smoot, den Wirt, dem wir mehrmals begegnen und Liam, den Sohn, der seinen Vater unbedingt hassen möchte. Sie alle haben großen Einfluss auf Cyrils Leben, und das alles war es, was mir an der Geschichte trotz der vielen Katastrophen so gefallen hat.

Beim Lesen fiel mir auf (oder hatte ich nur das Gefühl?), dass die Zeitsprünge in Cyrils Leben mit fortschreitender Geschichte immer größer werden. Da könnte man vorschnell auf die Idee kommen, der Autor hätte es letzthin etwas eilig gehabt, das Buch zu Ende zu bringen. Tatsächlich halte ich das für Absicht. Wer hat nicht das Gefühl, mit zunehmendem Alter liefe die Zeit immer schneller und schneller? Wo ist die Zeit geblieben?

Die Wertung


Gelesen habe ich die gebundene Ausgabe. Auf der Coverabbildung des Schutzumschlages sehen wir zwei Jungs, die vermutlich Cyril und Julian heißen. An der Gestaltung kann ich insgesamt nichts Schlechtes finden.

Anders bei der Orthographie. Auf 736 Seiten habe ich neun Schreibfehler markiert, wodurch nach den Regeln meiner Bewertung leider nur drei von fünf Punkten übrig bleiben.

Mehr Abzüge musste ich nicht anwenden, denn weder am Ausdruck noch an der Unterhaltung möchte ich herummäkeln. Gut gelungen ist auch die Struktur des Buches. Es ist in drei Teile untergliedert, die jeweils aus Kapiteln bestehen, ein jedes von anständiger Länge, so dass man sich in den Abschnitt vertiefen, aber nach gewisser Zeit auch eine willkommene Pause einlegen kann. Die Grobeinteilung ist gut gewählt. Im ersten Abschnitt geht es um Catherines Verbannung und ihre Schwangerschaft bis zum Tag der unfreiwilligen Niederkunft. Im zweiten Teil widmen wir uns ganz dem turbulenten Leben des Cyril Avery, bis wir im Schlussakt mit ihm nach Hause zurückkehren und seinen Lebensabend verbringen. Bemerkenswert ist, dass mir das Ende der Geschichte ganz wunderbar gefallen hat. Ich schrieb ja kürzlich, dass ich nicht gut in Enden bin. Das liegt daran, dass oft zum Ende hin der Vorhang zu schnell fallen gelassen wird, ich aber noch gar nicht bereit bin, die Geschichte gehen zu lassen. Dieses Ende hat mich vollkommen zufriedengestellt. Wir bekommen die Zeit, uns zu verabschieden und sanft aus der Geschichte aufzusteigen, erschüttert, fasziniert und mit einem Leben voller Erinnerungen – aber zufrieden und bereit.

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