Zuschauer des Lebens

Manchmal kommt es mir vor, als würde sich mein Leben nur im Kreis drehen. Jeden Abend sitze ich über der Tastatur, starre auf meinen Bildschirm und rechts von mir, weniger als zweihundert Meter, leuchten die Flutlichter auf das Fußballfeld herunter. Jeden Abend das selbe Bild. Es ist kurz nach acht und in 30 bis 45 Minuten werden dort die Lichter ausgehen und die Kicker heimfahren. Kommt es Euch auch manchmal so vor, als wärt Ihr nur Zuschauer des Lebens? Als würdet Ihr irgendwo sitzen und das Treiben um Euch herum völlig unbeteiligt beobachten? Mir geht das abends so.

Tagsüber bin ich mitten drin im Trubel. Um mich herum viele Menschen, eine Fülle von Gesprächspartnern und –themen, Situationen aller Art, in die man sich in Sekundenschnelle hineinversetzt.

Und abends dann die Stille und die Dunkelheit. Als hätte jemand den Stecker gezogen. Nur ich bin noch da und betrachte den Rest der Welt wie ein Echo des gerade vergangenen Tages.

Kaum zu glauben, dass an anderen Orten der Erde in diesem Moment die selbe Sonne scheint, die bei uns heute hinter einem dichten Nebelschleier verborgen war. Dass andernorts genau jetzt Trubel und Geschäftigkeit herrschen, während hier die Nacht ihren mächtigen schwarzen Mantel über alles gelegt hat.

Das klingt irgendwie unglücklich…

Am gestrigen Nachmittag hatte ich frei. Als ich von der Arbeit heimkehrte und mich sozusagen im Vorbeigehen mit einer Schale Müsli stärkte, warf ich meine Arbeitskleidung in eine Ecke, riss alle Fenster in meiner Wohnung im sechsten Stock auf und genoss die frische Luft, die hereinströmte. Ich drehte meine Stereoanlage auf, tanzte beschwingt von Raum zu Raum und fühlte mich gut. Ich begann, etwas rumzuräumen, gönnte meinem Grünzeug mal wieder ne Kanne voll Wasser und überlegte, was ich abends würde essen können.

Schon um 15 Uhr war die Power dann erschöpft. Ich stellte die Stereoanlage aus, schloss die Fenster wieder und ließ mich zufrieden auf mein Futonbett fallen. Mein rechter Fuß hing vom Bett herunter und stand wegen der geringen Höhe auf dem Fußboden. Manchmal ist es am schönsten, einfach nur dazuliegen und den Blick über die Zimmerdecke schweifend die Gedanken treiben zu lassen.

Ich habe ein neues Buch gekauft, das bereits neben meinem knallgelben Kopfkissen liegt. Es ist grün und der Titel ist in goldenen Lettern aufgedruckt. Es ist kein Roman und ich muss ganz gewiss keine Sorge haben, dass hier jemand umkommt.
Ich beginne die Einleitung zu lesen, vertiefe mich im ersten und zweiten Kapitel und lasse dann die Worte auf mich wirken. Ich lege das Buch auf meinen Bauch, um über bestimmte Passagen nachzudenken und versuche, das Geschriebene auf mein eigenes Leben zu übertragen. Während ich so daliege, völlig entspannt, nachdenkend, entgleitet mein Bewusstsein langsam ins Traumland…

Als ich drei Stunden später die Augen wieder öffne ist es dunkel um mich herum. Ich fühle mich wie gerädert und als ich mich mühsam aufrichte, fällt das Buch zu Boden. Ich taste danach, hebe es auf und lege es wieder neben mein Kopfkissen, bevor ich ins Bad gehe, um mich einigermaßen frisch zu machen. Immer noch denke ich über die Worte des tibetanischen Mannes in den ersten beiden Kapitel meines neuen Buches nach.

Den Abend verbrachte ich neben den Flutlichtern damit, meinen Füllfederhalter und ein Blatt Papier herauszusuchen, um damit auf traditionelle Weise einen Brief an einen lieben Menschen zu verfassen. Aus einem Blatt Papier wurden sechs, bevor ich entschied, dass das für den Anfang würde reichen müssen.

Ebenfalls am Mittwochnachmittag erfuhr ich, dass mein neu bestellter PC bereits einen Tag früher als geplant verschickt wurde, so dass ich ihn statt am Freitag also am heutigen Donnerstag erwarten konnte. Inzwischen ist es 21 Uhr und ich denke, er wird heute wohl eher nicht mehr geliefert, es bleibt demnach bei Freitag.

Heute erfuhr ich, dass meine derzeitige Lieblingsfernsehserie nach der aktuell vierten Staffel eingestellt wird. Das war natürlich keine schöne Nachricht, dennoch gelang es mir, etwas Positives darin zu sehen, und schon war ich nicht mehr so unglücklich darüber.

Wie so oft war ich auch hier sehr gern ein Zuschauer.

 

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