Winter vorm Balkon

Als ich das kuschlige Bett mit dem kuschligen Engel heute früh verlassen musste, hatte ich meinen Wecker schon auf den späteren Bus vertröstet. Die kleinen Kater hatte ich gegen vier Uhr ausgesperrt – ihre Nacht ist irgendwie andauernd früher zuende als meine – und als ich vier Stunden später im Schlafanzug und mit winzig kleinen Augen aus dem Schlafzimmer kam begrüßten sie mich mit einem Miau-Konzert und verlangten nach frischem Wasser, leckerem Futter und viel Liebe. Da ich glaubte, wegen ihnen noch totmüde zu sein, zischte ich nur, um ihnen zu bedeuten, dass sie Schatzi nicht wecken sollten. Dann verschwand ich unter der heißen Dusche. Normalerweise sehen sie gern zu, wenn ich dusche, weil sie das viele Wasser total fasziniert (doch, es sind kleine Kater…), aber heute wollte ich keines der Fellknäuel sehen, die mich mitten in der Nacht um meinen Schönheitsschlaf gebracht haben. Also warteten sie geduldig grinsend vor der Tür und waren immer noch da, als ich wieder herauskam – nicht viel weniger müde als zuvor. Dann gab ich ihnen das bestellte Wasser, füllte die Futternäpfe und war ihnen schon nicht mehr böse, als sie zufrieden schnurrten und mich unschuldig anguckten… Es sind kleine Monster, aber sie sind so verdammt süß!

Weil ich schon so spät dran war, beeilte ich mich, um zumindest den frühen der beiden späten Busse zu erwischen. Ich zog mich an, rubbelte noch etwas Gel ins Haar, küsste meinen schlafenden Engel und verschwand die Treppe runter. Es hat einen entscheidenden Vorteil, wenn man spät dran ist: man muss nicht lange auf den Bus warten. Ich hatte die Haltestelle gerade erreicht, da saß ich auch schon neben einer Omi auf dem Weg zur Arbeit und fragte mich, wie diese alten Damen es schaffen, so früh am Tag (es war immerhin erst kurz vor neun!! *räusper*) schon so munter zu sein (nicht alle freilich, manche stöhnen und ächzen, obwohl sie nicht zur Arbeit müssen).

Seit Mitte Oktober fragt mich die nette Bäckereifachverkäuferin immer und immer wieder, was es denn sein darf. Seit Mitte Oktober kaufe ich an jedem verdammten Arbeitsmorgen zwei Laugenbrötchen. Und sonst nichts. Da sie es sich nicht merken kann (Oder will? Oder darf?) ist es schon zu einem Ritual geworden, bevor ich die Straße im Zentrum überquere und kurz darauf meine Jacke über meinen türkisgrauen Bürostuhl hänge. Im Gegensatz zu gestern habe ich heute an ein entscheidendes Utensil gedacht: Taschentücher! Irgendwo habe ich mir schon wieder einen verdammten Schnupfen angelacht und mein Kopf fühlt sich an, als wäre er auf die doppelte Größe angeschwollen. Mehr schlecht als recht erledige ich meine Aufgaben am Vormittag und als er endlich vorüber ist treffe ich wieder die nette Bäckereifachverkäuferin, die sich nicht merken kann, dass ich mittags immer etwas „zum Hieressen“ bestelle. Während des Essens begleite ich Kim, den Helden meiner aktuellen Lektüre, ein weiteres Kapitel durch Märchenmond. Allmählich macht das Buch sogar Spaß. Immerhin reitet man nicht jeden Tag auf dem Rücken eines goldenen Drachen!

Der Nachmittag verging etwas schneller. Ich erledigte ein paar kleinere Aufgaben für eine Kollegin, bei denen ich nicht viel nachdenken musste. Nachdenken war bei den geschwollenen Nebenhöhlen einfach nicht drin.

Die alte Dame, die bald darauf am Abend im Bus auf den Platz neben mir geplumpst war, fragte mich an jeder Haltestelle, ob wir denn den Stadtpark schon erreicht hätten. Als sie vier Stationen später ausstieg musste ich mich unwillkürlich fragen, was sie im Dunkeln um diese Zeit im Winter im Stadtpark zu suchen hat… Ich malte mir romantische Geschichten aus, wie sie vor hundert Jahren ihrem Liebsten dort zum ersten Mal begegnet war und sie gemeinsam einen Schneemann bauten, damit er später seine durchnässte Kleidung bei ihr über den Ofen zum Trocknen hängen konnte (der Kerl, nicht der Schneemann!)… Oder aber wie sie im Sommer jeden Tag im Stadtpark die Tauben füttert und nun jeden Abend nachsieht, ob die Tauben schon wieder da sind.

Nur dass immer noch Winter ist…

Wäre kein Winter – sondern Sommer – wäre einiges anders. Die Tage wären erfüllt vom Duft der Blumen und Bäume, Cafés würden ihr Mobiliar wieder herausstellen und leicht bekleidete Menschen würden Vanilleeis schlecken. Und Engelchen und ich würden unseren neuen Balkon ausprobieren, der noch keine Tür hat… Seit einer Woche haben wir vor unserem Esszimmer einen Balkon aus Metall. Sehr wohnlich sieht er freilich nicht aus. Da fehlen Pflanzen, Holz und ein Katzennetz, damit sich die beiden Racker nicht aus dem zweiten Stock in die Tiefe stürzen, wenn weiter unten eine Maus vorbeirennt. Dann noch ein gedeckter Frühstückstisch und frische Morgensonne und der Tag wäre perfekt.

Aber noch ist Winter vor unserem Balkon, und ungeduldig betrachte ich ihn vom Fenster aus, während ich darauf warte, dass mein Liebster von der Arbeit heimkommt…

 

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