Vorbereitungen

Inzwischen ist es wirklich kalt geworden in der Marzipanstadt. Erst am Freitag fuhr ich morgens bei sieben Grad in die Altstadt zur Arbeit. Und da wusste ich: jetzt ist es Zeit für die Winterklamotten! In diesem Moment blicke ich durch die Balkontür auf einen stürmischen und verregneten Sonntagmorgen. Ich bin gerade erst aufgestanden, bin in die Dusche gestiegen und warte jetzt auf einen trockenen Moment, damit ich beim Kiosk gegenüber frische Brötchen kaufen kann. Mit den Brötchen locke ich dann später meinen Engel aus dem Bett – sofern das nicht der ums Haus heulende Wind erledigt…

Meinem Engel geht es gar nicht gut. Seit Wochen ist er krankgeschrieben. Was sich lange angekündigt hatte ist nun passiert, er kann in der Firma nicht mehr arbeiten. Das kommt mir sehr bekannt vor und lässt mich hoffen, dass sich für meinen Schatz wie damals für mich alles zum Guten wenden wird. Derzeit muss er regelmäßig zum Therapeuten, aber der kann ihm nicht wirklich helfen, denn was her muss, ist ein neuer Job…

Um die Familie ging es auch am letzten Wochenende. Wir besuchten meinen großen kleinen Bruder mit seiner Frau und den beiden Kiddies in ihrem neuen Häuschen. Eigentlich war das ja ein geheimes Treffen, aber irgendjemand hat sich (zum Glück) verquatscht und so haben unsere Eltern Wind von unserem Erscheinen bekommen, was natürlich dazu führte, dass sie auch dazukamen. Das war toll, denn ich hatte meine Mum schon so lange nicht gesehen. Sie ahnte vermutlich, dass wir aus einem bestimmten Grund angereist waren, denn schon bald verabschiedeten sich unsere Eltern und ließen uns allein. Na ja, allein trifft es nicht. Denn mit meinem kleinen kleinen Bruder, meiner Schwester, meiner Schwägerin, dem Freund meiner Schwester und den drei Kleinen waren wir immerhin zu zehnt. Wir taten also, wozu wir gekommen waren:

Mein kleiner kleiner Bruder hatte es dann ziemlich eilig, weil er seine Freundin erwartete. Wir erinnern uns an die Aufregung und Besorgnis in der Familie, die dieser Beziehung wegen in den letzten Wochen herrschte. Dies war nun die erste Gelegenheit, mit meinem Bruder direkt über die ganze Geschichte zu reden. Ich war froh, dass er sich darauf einließ (na ja, er hätte ansonsten aus dem fahrenden Wagen springen müssen). Und das Gespräch war wirklich toll! Ich habe den Eindruck, dass er nicht so verbohrt ist, wie ich befürchtet hatte. Er weiß tatsächlich, was er da tut. Er weiß, dass er Fehler macht, fragt sich, warum er sie macht und versucht, daran zu arbeiten. Und was ich jetzt weiß: er ist wirklich bis über beide Ohren verliebt. Ich weiß jetzt, dass er nicht von ihr erpresst wird und dass er überzeugt ist, dass sie ihn genauso liebt wie er sie. Wir haben lange miteinander gesprochen. Ich habe versucht, sowohl die besorgte Familie als auch ihn zu verstehen und vor allem, ihm zu zeigen, warum alle so heftig reagiert haben. Uns wurde beiden so einiges klar, haben gemeinsam herausgefunden, wie sich alles zusammensetzt. Der Druck, der auf ihm lastete, die Attacken gegen die Beziehung, die ihm so wichtig ist und das, was daraus folgte. Ich konnte ihm verständlich machen, warum sich die Familie so große Sorgen gemacht hat und dass sich das mit jeder Reaktion gesteigert hat. Dass so etwas wieder und wieder eskalieren musste, war unausweichlich. Ich glaube, wir beide fühlten uns nach dem Gespräch wirklich gut. Ich konnte endlich mit ihm sprechen und auch mal seine Version anhören, und er hat gemerkt, dass ich ihn nicht verurteile, sondern für ihn da bin. Das einzige Urteil, das ich mir erlaubt habe, sind die Hochzeitspläne. Ich habe ihm erklärt, warum ich nicht gut finde, dass er sich gleich mit 18 Jahren verheiraten will. Die beiden sehen sich nur am Wochenende, leben nicht zusammen und kennen daher die vielen Reibungspunkte voneinander noch gar nicht, die erst zutage treten, wenn man täglich miteinander umgeht und lernen muss, wo man zurücksteckt und wo man sich verwirklicht. Er hat meine Bedenken nicht kommentiert. Ich glaube zwar, dass er sie verstanden hat, dass er aber sein Versprechen seiner Verlobten gegenüber nicht zurückziehen will (und nach dem Hin und Her der letzten Zeit wohl auch nicht mehr kann, ohne endgültig das Gesicht zu verlieren).

So, gerade ist mein Engel aus seinem Wolkenbett gestiegen. Zwischenzeitlich war ich auch drüben beim Kiosk, um Brötchen zu kaufen – aber der hat heute geschlossen! So ein Ärger! Zum Glück haben wir noch Toast…

 

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