Von Sinnen

Es ist Sonntagnachmittag. Mühevoll quält sich die Sonne durch die unordentliche Wolkendecke, aus der es noch vor einer knappen Stunde geregnet hat. Es ist fast windstill. Ich sitze auf meinem zerwühlten Bett, umzingelt von zwei schlafenden Katern, während draußen Autos zischend über die nasse Straße fahren.

Gerade habe ich ein Buch beiseite gelegt. Das Lesezeichen markiert Seite 95. Die Geschichte fesselt mich bis jetzt nicht besonders. Viele liebevoll erzählte Handlungen, die alle miteinander verwoben sind und sicher irgendwann zusammengeführt werden. Enttäuschte Liebschaften, verbitterte Kriegszeugen und die krebsleidende Mutter. All das erreicht mich zurzeit nicht.

Heute schnürt sich wieder so ein metallener Reifen um meine Brust, der sich enger und enger zu ziehen scheint. Wie Zeit, die immer schneller verrinnt und Dinge zurücklässt, die nicht weiter aufgeschoben werden wollen. Während ich meine beste Freundin vor Kurzem nach zu langer Zeit wiedergesehen habe und einen lieben Freund pflichtschuldig angerufen habe, entferne ich mich schon wieder von meiner Familie. Lange nicht gesehen, lange nichts gehört. Dabei vermisse ich meine Mum und stelle mir schmerzlich vor, wie sie mich vermisst. Und dann ist da immer die Sorge um ihre Gesundheit, die mich niemals loslässt…

Ich stehe im Freien, barfuß, und schaue zum Himmel hinauf und überlege nur für den Bruchteil einer Sekunde, ob ich womöglich gerade träume. Über den ganzen Himmel spannt sich eine Eisschicht, wie wenn man im Winter auf dem Grund eines Sees steht und nach oben auf die Unterseite der Eisdecke sieht. Über der Eisschicht scheint die Sonne und heftiger Wind wirbelt tanzendes Schmelzwasser auf dem Eis hin und her. Wie stark der Wind dort oben sein muss… Was wohl passiert, wenn das Eis zerbricht? Da, jetzt bilden sich kleine Risse und sternenförmige Löcher, durch das gleißendes Sonnenlicht dringt. Der Wind versetzt das Eis in heftige Vibrationen. Schon brechen gewaltige Scherben aus der Decke. Das ganze Gebilde stürzt ein und Eisbomben, glänzend, kalt und scharfkantig wie zerbrochene Fensterscheiben stürzen herab. Eine riesige, spitze Scherbe fällt auf mich zu. Ich versuche ihr auszuweichen, aber ich bin zu langsam und schrecke schwer atmend aus dem Schlaf…

Gestern war ich auf einer Hörspielmesse. Meine letzten Hörspiele sind ganz sicher im Nachlass meines Vaters verwertet worden. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er sie jemals weggeworfen hat. Ich weiß noch heute, wo ich sie zuletzt hingelegt habe, damals, bei meinem letzten Besuch. In das Regal, neben dem der verhasste weiße Elektrowecker stand, der frühmorgens mit lautem Brummen meinen Schlaf und den meines Vaters beendete. Meist war es noch stockfinster draußen und außerhalb der Bettdecke empfindlich kalt. Ich wünschte mir, mein Dad müsste nicht aufstehen. Es gab für mich damals nichts Wichtigeres und zugleich Schöneres, als nachts, wenn alles still und friedlich war, meine kleinen Ärmchen tröstend um meinen immer traurigen Vater zu schlingen.

Hörspiele waren zu jener Zeit eine sichere Rückzugsmöglichkeit und der Beweis, dass es in der Welt nicht nur Angst und Traurigkeit gab. Egal, ob es um die nette Hexe von nebenan, den sprechenden Elefanten oder einen kleinen Drachen ging. Selbst die Schallplatte, die ich zu besonderen Anlässen die Geschichte von Pinocchio erzählen ließ, hatte ein gutes Ende. Wenn ich in diese Welten eintauchte, konnte nichts passieren.

Das scheint unheimlich vielen Menschen noch heute so zu gehen. Die Messe am gestrigen Tag war ziemlich gut besucht. Aus den meisten Kindern von damals sind erwachsene Menschen geworden. Manche von ihnen bringen eigene Kinder mit und lassen sie teilhaben an der Magie fremder Welten, die sie seit so vielen Jahren verzaubert. Die Messe selbst war nur klein. Der Hauptraum nicht viel größer als ein typischer Eingangsbereich, und im Vorführraum für Live-Hörspiele hatten vor wenigen Stunden dem dunklen, klebrigen Geruch nach Menschen geraucht, getrunken und getanzt.

Nach nur einer Minute sind mein Freund und ich das erste Mal rum und suchen verwirrt weitere Messeausläufer. Aber das war tatsächlich schon alles. Aussteller hatten ihre Hörspiele in Regale einsortiert und Buttons und Aufkleber bereitgelegt. Bei den meisten CDs und Kassetten handelte es sich um Kriminalgeschichten. Nur wenige erzählten bunte Geschichten von Hexen, Elefanten und Drachen. In dem engen Messeshop drängten sich zahllose Besucher, um nach ihren Lieblingsschnäppchen zu stöbern.

Bis zum späten Nachmittag verbrachten wir einen halben Tag damit, zu stöbern, herumzulaufen und uns auszuruhen. Für mich war die Veranstaltung nur mäßig interessant. Von den allermeisten Hörspielangeboten hatte ich weniger als gar keine Ahnung. Mich hätten eher Informationen zur Technik oder zu berühmten Sprechern interessiert. Letztlich war es ein Ausflug, den ich des Ausflugs wegen mit meinem Engel genossen habe. Abends, zu Hause, waren wir dann beide ziemlich erledigt…

 

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