Vergangenheit

Dann wollen wir mal. Lang ist es her, dass ich mich und meinen Tag hier verewigt habe. Inzwischen ist so viel passiert, dass ich wohl kaum mehr alles werde niederschreiben können, ohne jeden einzelnen der Mitlesenden tödlich zu langweilen.

:: Vergangenheit

Ich fange einfach mal vorn an. Als ich mein diary zuletzt sich selbst und Eurer Obhut überließ fand die Beerdigung meines Vaters statt. Es war Donnerstag, der 7. Juli. Inzwischen war mein Dad seit ca. einen Monat tot…
Der Tag war sehr bewegend. Ich kam morgens um 11 Uhr bei meiner ältesten Tante in Hamburg an. Sie wohnt noch immer in dem selben alten Reihenhaus wie vor 20 Jahren, als ich zuletzt dort war. Schon beim Betreten des sandigen Plattenweges überkam mich ein Zögern. Links die Hauseingänge mit den schäbig-transparenten Überdächern, ein paar Schritte weiter öffnet sich rechts die Rotdorn-Hecke und bietet den Eingang zum Spielplatz. Ich blieb einen Moment stehen. Hier also habe ich meine Kindheit verbracht… Hier habe ich früher Raumschiffcockpits aus Sand geformt und bin in hohem Bogen von der Schaukel ins Gras gehüpft, immer ein Stückchen weiter. Der Spielplatz kommt mir kleiner vor als in meiner Erinnerung… Ich gehe weiter. Zwei Eingänge weiter stehen erste Leute… vermutlich Verwandte von mir. Unter ihnen meine Tante Waltraut. Sie wirkt klein und zerbrechlich. Die Gesichtszüge eingefallen und über die Jahre verbittert, die Haare kurz und strubbelig. Die Leute sehen mich kommen, aber kaum jemand nimmt Notiz von mir. Erst als jemand meine Ähnlichkeit zu meinem Vater bemerkt drehen sich alle zu mir um: „Ja guck doch mal, der ist Manfred wie aus dem Gesicht geschnitten…“. Na klar.
Drinnen überkam mich wieder dieser Vergangenheitskram. Ich ging an den Leuten vorbei durch die Eingangstür. Rechts liegt die kleine Küche. Dort auf der dunkelbraunen Arbeitsplatte stand im Sommer vor 25 Jahren ein Plastikbecher mit Orangensaft, den ich durstig ergriff. Der erste Schluck schon fühlte sich seltsam an, dann stach die Wespe zu. Ich ließ den Becher zu Boden fallen und aus meinem geöffneten Mund flog das verängstigte Tier in die Freiheit. Ich erinnere mich, wie mich mein Dad schnappte und mit mir zum Arzt rannte…
Zwei Schritt weiter geradeaus führt die runde Holztreppe ins erste Obergeschoss. Ich erinnere mich an das laute Knarren der Stufen, die schon damals mit Teppichboden bedeckt waren. Ich erinnere mich, wie ich eines nachts aufwachte. Im oberen Flur brannte Licht, aber es war absolut still im Haus, nicht das leiseste Geräusch war zu hören. Ich stand auf und ging langsam die Treppenstufen hinunter. Sie knarrten nicht. Es war still im Haus. Die Tür zum Wohnzimmer, das links von der Treppe und damit am Ende des Flurs lag, war angelehnt. Ich rief „Papa…“, aber ich hörte nicht wie ich rief. Die Tür dort unten öffnete sich lautlos, mein Dad kam heraus und sah mich an. Sein Mund bewegte sich, aber er sagte nichts… meine Tante kam hinzu, auch ihr Mund bewegte sich tonlos… ich bekam Angst und begann zu weinen. Ich erinnere mich daran, dass ich im Führerhaus des kleinen Lasters meines Dads saß, auf dem Weg in die Uniklinik… Erst Tage später hatte ich realisiert, dass ich seit der OP wieder hören konnte…

Ich betrat letztlich das Wohnzimmer. Es erschien mir so wahnsinnig klein im Vergleich zu früher. Auf dem Fußboden spielten zwei kleine Jungs mit Autos, genau dort, wo ich in dem Alter schon mit kleinen Autos gespielt hatte. Es war eine Kaffeetafel aufgebaut, wo sich die Trauerfeier am Ende der Zeremonie abspielen sollte.

:: Die Beerdigung

Der Öjendorfer Friedhof ist riesig. Nicht der größte, den Hamburg zu bieten hat, aber so groß, dass es dort mehrere Bushaltestellen und sogar eigene Busrundfahrten gibt. In Kapelle 3 soll die Zeremonie stattfinden. Hier kommen nun noch viel mehr Verwandte zusammen. Nur an ganz wenige kann ich mich von früher erinnern. An der Tafel am Kapellengebäude steht der Name meines Vaters. Ein komisches Gefühl überkommt mich. Ich bin froh, als wir endlich reingehen können. Es riecht wie damals in meinem Kindergarten, was sicher an dem Linoleumboden liegt. Der Feierraum wird von bunten Fenstern beleuchtet, der Boden ist schwarz, die Holzbänke schlicht. Ganz vorn in der Mitte steht ein einfacher, ahornfarbener Holzsarg. Ich setze mich in die zweite Reihe von vorn. Der Pastor trägt ein weißes Gewand und schaut routiniert mitfühlend drein. Wie lange die Zeremonie gedauert hat, kann ich nicht sagen. Die Frauen um mich herum schluchzten bei den Worten des weißen Mannes über meinen Dad. Meine Augen blieben trocken, obwohl ich versuchte, wenigstens eine Träne für ihn zu vergießen. Aber es ist wie es ist: ich kannte den Mann nicht, der dort in dieser Kiste lag.
Bewegend war der Moment, als sechs schwarz gekleidete Männer die Kapelle betraten, sich beidseitig des Sarges aufstellten, etwas Unverständliches murmelten und meinen Vater dann aus der Kapelle trugen. Drückende Stille. Die Schritte der zwölf schwarzen tragenden Füße hallen von den Wänden wider. Dann folgen wir ihnen ins Freie. Es regnet leicht. Wir scheinen über den halben Friedhof zu laufen, ehe wir an einer Stelle ankommen, an der ein großes Loch in die Erde gebuddelt worden war. Die sechs Männer stellen den Sarg auf den Brettern ab, die darüber liegen. Ein gemeinsames Gebet später wird er in die Erde hinabgelassen. Alle Anwesenden werfen eine Schippe voll Sand ins Grab, einige werfen eine Gerbera hinterher.

Zurück im Haus meiner Tante gibt es Kaffee, Kuchen und einen wirklich heftigen Streit unter zwei der Anwesenden. Der Grund war so lächerlich, dass ich ihn nicht einmal aufschreiben werde. Ich gehöre nicht in diese Familie. Sie leben in einer gänzlich anderen Welt als ich, und ich bin wirklich froh, nicht dazuzugehören. Irgendwann verlasse ich die Runde und mache mich erschöpft auf den Weg nach Hause – zurück in meine Welt.

 

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