Unbequemlichkeiten

„Generation silver?“

Die Tage nach der Beerdigung plätscherten mit einer Menge Kleinkram vor sich hin. Wichtiges und Unwichtiges bestimmte meine freien Tage der ersten und zweiten Urlaubswoche. Zwei Mal fuhr ich mit Freunden in die schönste Stadt der Welt, um mir das Wasser-Licht-Konzert auf Planten un Blomen anzuschauen. Beim ersten Besuch fanden wir auf einer der umliegenden Liegewiesen gerade noch einen Platz für die mitgebrachte Liegedecke. Ansonsten war der Platz rappelvoll. Ein paar unverbesserliche Leute standen (!) ganz vorn und verdeckten damit allen anderen einen Großteil der Sicht auf das Spektakel. Wiederholtes Rufen wurde geflissentlich überhört und selbst persönliche Bitten, sich doch hinzusetzen wurden ignoriert mit den Worten: „Sie können sich ja auch hinstellen!“ Und das von der Generation, die verächtlich den Spruch „Die Jugend von heute!!!“ geprägt hat…

„Dunkelgraufahrer?“

Ein weiterer Besuch des Konzerts ein paar Tage später begann wie immer an der U-Bahn-Station beim Tierpark. Ich lief die zugige Treppe hinunter, mir wehte bereits der unverwechselbare U-Bahn-Geruch entgegen, kramte mein Port.. mein Porte… meine Geldbörse hervor und stellte entsetzt fest, dass ich zu wenig Kohle für ein Ticket hatte. Ich fahre nie schwarz, wirklich nie! Hab immer ein Ticket… Aber ich kann ja jetzt nicht wieder weg fahren… sonst verpass ich das Konzert… Also gut… guckt keiner? Ich stecke das Geld, das ich bei mir habe, in den Münzschlitz und kaufe ein Ticket, das etwas kleiner ist als nötig. Ich steige mit schlechtem Gewissen in die U-Bahn. Aber wenn ich ehrlich bin: ich bin noch nie kontrolliert worden, und ich war schon sehr oft in Hamburg unterwegs. Zwei Stationen später passiert das, was kommen musste: drei – ich wiederhole: drei Kontrolleure stürmen meinen Waggon! Ich lasse mir meine Nervosität nicht anmerken, denke mir, dass ich bestimmt noch im Nahbereich und damit mit gültigem Fahrschein unterwegs bin. Eine große dicke Kontrolleurin in dunkelblauer Uniform kommt zu mir und bittet höflich um den Fahrschein. Brav rücke ich ihn heraus, bin die Ruhe selbst… warte geduldig wie auf Kohlen darauf, dass sie ihn mir ENDLICH wieder zurückgibt! Sie sieht mich an und reicht mir den Fahrschein, geht zum nächsten Fahrgast. *Rumms* da fiel der Stein von meinem Herzen. Hoffentlich hat’s niemand gesehen… OK, gleich kommt die nächste Station, dann sind sie weg… Doch da ist ein Fahrgast gänzlich ohne Ticket, der sich nun höflich mit dem Kontrolleur und dann mit allen dreien Kontrolleuren um die 40-Euro-Strafe streitet. Der Zug fährt in die Station ein und die Diskussion dauert an. Verdammt… was wenn ich hier den Nahbereich verlassen würde und sich meine große dicke Dunkelblaue daran erinnert? Hab keine 40 Euro bei mir…

Ich verlasse den Zug. Verlasse den Bahnhof. Gehe an die Oberfläche zurück, atme tief durch und schaue mich nach einem Geldautomaten um. Aber nix. N.I.X. Was mache ich nur?? Denken…! Denken…! Wenn ich gerade erst kontrolliert wurde, wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass mir das gleich wieder passiert?

Stochastik war nie mein Lieblingsthema in Mathematik also gehe ich einfach wieder runter und steige in die nächste Bahn. Den nächsten Geldautomaten gibt es bei meiner Umsteigestation am Jungfernstieg. Erleichtert ziehe ich 20 Euro. Und was kommt dabei raus? Ein 20-Euro-Schein natürlich… Klasse, größer ging’s wohl nicht. Na egal. Immer noch mit viel zu kleinem Ticket fahre ich die letzte Station bis zum Stephansplatz. Ich werde mutiger. Wenige Meter von der Station liegt die Parkanlage Planten un Blomen. Diesmal zog es mich auf die andere Uferseite des Gewässers – im wahrsten Sinn des geflügelten Wortes. Die Liegewiese erinnert hier eher an eine grüne Steilküste. Ganz links saßen zwei Jungs, die ich nur aus dem Augenwinkel bemerkte. Ich ließ eine Anstandslücke zwischen ihnen und meiner Decke – ich Idiot! Der eine war so was von heiß! Immer wieder schaute ich auffällig unauffällig zu ihm rüber… bis ich merkte, dass das seinem Freund gar nicht gefiel. Was mache ich also? Werfe auch dem Freund den einen oder anderen Blick zu, damit er sich nicht ausgeschlossen fühlt. Das hat zur Folge, dass sie zu knuddeln anfangen. Na ganz toll! Dann setzt sich auch noch ein älteres Ehepaar zwischen uns und ich verpass die Vorstellung, die ich eigentlich gar nicht sehen will. Na ja, dann seh ich mir eben das Wasser-Licht-Konzert an. Mitten im Konzert kommen dann noch zwei Brasilianer an mir vorbei und setzen sich zu den beiden Turteltäuberichen auf die Decke… die kennen sich offenbar. Komme mir also grad ziemlich allein vor auf meiner sandfarbenen Riesendecke, von der ich herunterrutsche wenn ich nicht aufpasse, weil es hier so steil ist. Immerhin keine Ignoranten, die einem die Sicht versperren können. Und so lausche ich dem fröhlichen Lachen der vier Jungs von links und der Filmmusik aus „James Bond“ und „Chocolat“ von vorn.

Dunkel war’s, der Mond schien helle hinter dem großen Fernsehturm als das Konzert nach einer halben Stunde zuende war. Wo niemand eine Decke ausgebreitet hatte war der Rasen feucht geworden. Nach und nach standen die Leute ringsherum an allen Uferseiten auf, packten ihre sieben Sachen und trotteten schnatternd und fröhlich lachend langsam heimwärts. Natürlich blieb ich noch liegen um einen weiteren Blick auf die vier Jungs zu werfen. Sie teilten sich eine Flasche Prosecco *Klischee olé* und schauten ein ums andere Mal zu mir rüber. Nach einer Weile war es frustrierend (und kalt) und ich zog von dannen. Vorbei am wunderschönen japanischen Garten, der gerade gewässert wurde, erreichte ich wieder die U-Bahn-Station Stephansplatz, stieg die Stufen hinunter, stand am Ticketautomaten und wählte nun aber das richtige Programm. Ich reichte dem Banknoten-Schlitz meinen 20-Euro-Schein. Dann noch mal und noch mal und noch mal… dann gab ich’s auf, stand vor dem Automaten, glotzte ihn entgeistert an und ging dann gefrustet die Steinstufen wieder hoch und zum Eismann an der Ecke… „Zwei Kugeln Joghurteis bitte.“ „1,20 bitte… haben Sie’s nicht kleiner??“ „N.E.I.N. Ich habe es wirklich – nicht – kleiner!“

Während ich auf der steinernen Blumenumrandung vor dem Parkeingang auf meiner Decke saß und mein Eis schleckte warf mir der Eisverkäufer noch den einen oder anderen säuerlichen Blick zu, bevor ich endlich mein Ticket mit dem Kleingeld löste, in den Zug stieg und irgendwann bei meinem kleinen neongelben Auto ankam, dass mich dann ja auch ohne Kleingeld brav wie immer nach Hause fuhr…

 

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