Stillbruch

Dieses Wochenende ist fast vorüber, die Marzipanstadt ist bereits von Dunkelheit umhüllt. Die nächste Arbeitswoche steht schon in den Startlöchern, seitdem Engelchen und ich gerade aus dem kleinen Kino in der Königstraße traten.

Bevor es vorbei ist, lasse ich das Wochenende nochmal revue passieren. Das lohnt sich diesmal, denn wir haben nicht die ganze Zeit lesend auf der Couch verbracht.

Gestern, zum Beispiel, da waren wir mal wieder im Möbelhaus. Wir könnten inzwischen eigentlich auch blind durch die Ausstellung laufen, und trotzdem finden wir immer wieder etwas, das wir unserer neuen Wohnung hinzufügen können. Und sei es nur ein Bild. Die üblichen IKEA-Bilder hatten es uns bisher nicht so angetan. Abstrakte Schmetterlinge, Standard-Aufnahmen von Paris, London oder der Marzipanstadt fanden wir langweilig. In einer Sonderaktion fanden wir dann aber doch eine ansprechende Fotografie: ein platinblonder (vermutlich) Mann, dessen Hände in den metallenen Handschuhen einer schwarzen Ritterrüstung stecken und die er sich vor das Gesicht hält. Das Bild ist fast komplett schwarz und ziert nun unsere ansonsten ziemlich weiße Wohnung. Es ist das bisher einzige Bild, das an der Wand hängt.

Ebenfalls gestern waren wir zu Tinas Geburtstagsparty eingeladen. Die erste Hälfte davon fand in ihrem kleinen Garten statt, wo wir uns um die schwelende Grillkohle scharten, immer enger, je größer der Schatten der untergehenden Sonne wurde. Später, im Wohnzimmer, wärmten wir unsere kalten Füße und füllten uns die Bäuche mit Grillwurst und leckeren Salaten. Und Bier. Und Erdbeersekt. Hicks.

Heute dann, nach dem Aufstehen, trafen wir uns mit Rose und Ryan zum Frühstück in der Altstadt. Das Wetter war wunderbar. Tausende von Narzissen blühten und die Sonne lachte den ganzen Tag vom blauen Himmel. Man kann dem Frühling wirklich nicht vorwerfen, sich keine Mühe zu geben.

Als wir gerade aus dem Kino kamen, bedrückt und erschüttert, hatte die Temperatur ein paar Grade abgenommen. „Unter dem Sand“ hieß der Film, der im Mai 1945 in Dänemark spielt. Die Deutschen haben während des Krieges über zwei Millionen Minen im Strandsand der dänischen Nordseeküsten verbuddelt. Nach Deutschlands Kapitulation hat Dänemark die Besatzungstruppen gefangen genommen. Sie werden jetzt gezwungen, all diese Minen im dänischen Sand mit bloßen Händen aufzuspüren und zu entschärfen. Die Division, die wir in diesem Film begleiten, besteht aus Jugendlichen, die das Deutsche Reich zu Soldaten gemacht hat. Ihre Himmelfahrtsmission wird überwacht von einem Feldwebel der dänischen Armee. Er hasst die Deutschen, genau wie wohl jeder Däne zu der Zeit hat er keinerlei Mitleid mit den todgeweihten Männern. Bis er etwas sehr wichtiges erkennt: Diese Jungs sind im Grunde Opfer. Kinder, aus denen man Soldaten gemacht hat. Und Kinder nehmen die Welt so an, wie man sie ihnen vorgibt.

Ein sehr gut produzierter Film mit hervorragenden Schauspielern, guter Musik und einer erwartungsgemäß erschütternden Geschichte. Gut, dass wir nicht so bald durch dänischen Strandsand laufen werden, auch wenn über fünfhunderttausend Jungs und Männer mit dem Leben dafür bezahlt haben, alle deutschen Minen wieder auszubuddeln.

 

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