Sonntäglich grüßt die Langeweile

Ich stehe neben meinem Futonbett mit dem dunkelblauen Laken und blicke hinaus über die Dächer meiner Stadt. Das Band meines Bambusrollos hängt richtungslos herunter auf die Fensterbank. Man sollte meinen, vom sechsten Stock aus eine Menge sehen zu können. Tatsächlich jedoch sehe ich nichts. Nichts bis auf die Häuser, die eigentlich immer dort stehen. Farblos. Leblos. Wie der Himmel. Nach dem Sturm, der nun zwei volle Tage über mich hinweggeprescht ist, sind all die dicken grauen Wolken weggeblasen. Der Himmel dahinter wäre sicherlich blau, wenn die Sonne nicht schon in Richtung Montag verschwunden wäre. So bleibt nichts weiter zurück als blankgeputztes Nichts. Kaum einer wagt sich am Sonntagnachmittag vom Kaffetisch hinaus ins Freie,nur hie und dort führt ein Hund seinen Besitzer eilig gassi. Die Fenster der vielen Häuser um mich herum scheinen wie schlafend, kein Licht, keine Energie stört die Langeweile. In der Ferne, immer geradeaus, sehe ich die nächste Stadt. Ihre weißen Hochhäuser bilden die einzige Silhouette gegen das Graubraun der unwinterlichen Gegend. Der Blick dorthin erinnert mich an das, was ich vor weniger als einem halben Jahr verloren habe…

Eigentlich wollte ich nachmittags meine Eltern besuchen, ihnen ein frohes neues Jahr wünschen – doch mein Schlüssel steckt noch immer unberührt in meinem Türschloss. Ich habe ein Bad genommen und meinen Bart abrasiert. Meine Brille geputzt und eine Kleinigkeit gegessen… Aber nun sitze ich doch wieder hier. Warum eigentlich muss ICH ständig zu meinen Eltern fahren? Sie wissen doch auch, wo ich wohne. Vielleicht ist das einfach so mit Eltern, wer weiß das schon?!

 

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