Sherry Lady

Eine alte Freundin aus meinen Tagen nahe der Stadt mit den Hochhäusern heißt Viola. Viola ist eine ältere Dame mit einer bewegten Geschichte voller persönlicher Schicksale, unzähliger Erinnerungen und Erfahrungen. Erfahrungen, die sie nur zu gern mit anderen teilt, Erinnerungen, die sie mit Worten schmückt, um sie in den Köpfen ihrer Zuhörer zu konservieren.

Vor ein paar Jahren jedoch wurde sie bei einem Verkehrsunfall schwer verletzt und die Zahl ihrer über die Republik verteilten Zuhörer sank einerseits aus Gründen eingeschränkter Mobilität, andererseits durch zunehmende, wenn auch in gewisser Weise liebenswürdige Schrulligkeit.

Ihre liebsten Freunde versammelt sie wenn möglich auf ihrer roten Couch in ihrem cremefarbenen Wohnzimmer im siebten Stock eines Hochhauses zweifelhafter Nachbarschaft. Auch mein Liebster und ich wurden von ihr auf diese Weise konserviert und gerade heute Abend rief sie an, um uns den versprochenen Versand des Ergebnisses anzukündigen. Wie so oft seit ihrer zunehmenden Einsamkeit wehte eine Sherryfahne durch den Draht. Sicher war dies der Grund, weshalb ich sie wohlweißlich mit dem Anrufbeantworter sprechen ließ, anstatt selbst das Publikum eines anstrengenden Monologes mit vom Alkohol geschnürter Zunge zu werden.

Das klingt sicher nicht gerade wie Worte tiefer Freundschaft. Tatsächlich ist Viola eine der liebenswertesten älteren Damen, die ich kenne. Seit jedoch der Alkohol zu einem häufigen Begleiter wurde, der die zunehmende Einsamkeit sicher ein wenig betäubt, sind die Telefongespräche zu fortgeschrittener Stunde nur mäßig erbaulich. Meine Schwierigkeit an ihrer Art Monolog ist, dass ich selten mehr zu dem Gespräch beisteuern kann als ein gelegentliches „Ah“ und „Oh“ oder ein „Tatsächlich?“, nur um zu zeigen, dass ich noch anwesend bin.

Morgen Abend werde ich sie anrufen, um ihr von meinem ersten Tag in der neuen Abteilung mit der noch immer unbekannten neuen Aufgabe zu erzählen. Von den neuen Arbeitszeiten, den neuen Kollegen und davon, wie es ist, mit dem Bus durch die Marzipanstadt zu fahren.

Erst am heutigen Nachmittag habe ich mir den Fahrplan an der nahegelegenen Haltestelle näher angesehen und herausgefunden, dass mich mein Bus morgen früh für einen Euro fünfzig um sieben Uhr siebenunddreißig in die Innenstadt bringen wird.

Der Abschied von den bisherigen Kollegen fiel auf einen Freitag überraschender Betriebsamkeit, aus meinen beiden letzten Kundenterminen wurden plötzlich vier und so blieb kaum mehr Zeit für rührende Abschiedsszenen – und ich bin nicht traurig drum, denn Gefühlsduseleien im Job liegen mir nicht. Und doch ist es ein leicht beklemmendes Gefühl zu wissen, dass am morgigen Montag die Kollegen dort weitermachen, wo ich nach zehn Jahren alles hingeworfen habe.

Morgen fange ich neu an.

 

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