Reise in meine Vergangenheit

Heute früh bin ich gegen 8:47 Uhr aufgewacht. Die Sonne scheint durch mein Bambusrollo und ich erkenne blanken blauen Himmel. Ich fühle mich wach und fit, strecke mich zu meiner ganzen Größe und springe mit einem zufriedenen Lächeln aus dem Bett. Woran liegt das? An dem kurzweiligen gestrigen Abend? An dem lichtdurchfluteten Morgen? An der glücklichen Wendung der Geschichte des Buches, das ich vor dem Schlafengehen noch gelesen habe?

Leicht und beschwingt federe ich über den glatten Fußboden, öffne die knarrende Tür zum Flur, wuschele mir kindisch durchs Haar und fühle mich einfach… entspannt und ausgeruht. Ein herrliches Gefühl! Auch mein Wohnzimmer ist eingetaucht in das gleißende Licht der aufgehenden Sonne. So frisch und unverbraucht. Die Dächer der vielen Häuser sind noch mit Reif bedeckt, hier und dort werden Rollos hochgezogen, vereinzelt steuern Radfahrer auf die Stadtmitte zu, um in einer unserer Bäckereien frisch duftende Brötchen zu kaufen. Ein einziges Flugzeug hinterlässt einen leisen Dunststreifen am blauen Morgenhimmel, scheinbar gefolgt von ein paar Vögeln. Die perfekte Idylle eines Sonntagmorgens…

Auf dem Flur steht neben der Kommode mein alter Seesack. Im Dezember erhielt ich einen Schrieb vom Kreiswehrersatzamt, in dem mir aufgetragen wurde, meine zur Aufbewahrung überlassenen Kleidungs- und Ausrüstungsgegenstände am 19. Januar abzugeben – das ist kommenden Mittwoch. Dann endet altersbedingt mein Reservistenstatus. Ich hieve den schweren olivgrünen Sack auf meinen blauen Sessel im Wohnzimmer und öffne ihn. Obenauf liegen meine dunkelblauen Laufschuhe, die durch die jahrelange Aufbewahrung etwas an Form eingebüßt haben. Ich halte sie in der Hand und denke daran, wie viele Kilometer diese Schuhe schon zurückgelegt haben.

Das nächste, was ich aus dem Sack ziehe, ist mein blaues Barett. Ich freue mich, es zu sehen und komme nicht umhin, es einfach mal aufzusetzen. Als ich mich im Spiegel betrachte stelle ich fest, dass es farblich nicht zu meinem Schlafanzug passt und nehme es wieder ab.

Oh und die Feldjacke! Sie hätte ein Bügeleisen nötig weil sie so furchtbar zerknautscht ist. Mein Name prangt noch über der Brusttasche.

Ich lege sie beiseite und ziehe ein Schiffchen aus dem Sack. Ich frage mich, zu welchem Anlass ich diese Kopfbedeckung getragen hatte, als mir auffällt, dass es nicht zur Bundeswehr gehört, sondern aus meiner Zeit bei der Jugendfeuerwehr stammt. Lachend werfe ich es auf einen anderen Stapel. Das nächste Schiffchen ist olivgrün und lässt keinen Zweifel, dass es zur Bundeswehr gehört. Ich trug es während der Grundausbildung. Mann waren wir froh, als wir endlich das schicke blaue Barett erhielten und das kleidlose Schiffchen tief in die hinterste Spindecke abschieben konnten!

Ich nehme ein Paar Lederhandschuhe aus dem Stahlhelm, der als nächstes den Seesack verlässt. Schwer ist er und auch ihn setze ich gleich auf. Ist mein Kopf dicker geworden?? Nein, eigentlich ist der Helm genauso unbequem wie früher. Ich erinnere mich, wie wir im Gelände zur Tarnung jede Menge Grünzeug daran befestigen mussten. Erinnerte eher an Blumenbinden.

Wieder muss ich lachen, denn diese komischen Hosenträger habe ich niemals getragen. Meine Hosen hielten auch so. A propos, müssten hier nicht ein paar Feldhosen drin sein?? Ich wühle durch die Reste, kann aber keine der olivgrünen Hosen finden. Ich bin aber sicher, dass da welche hätten drin sein müssen denn ich habe doch… ich gehe an meinen Kleiderschrank und ziehe einen Bügel hervor, auf dem der dicke BW-Pulli hängt und finde tatsächlich eine ganze Feldhose darunter. Ich trug sie vor ein paar Jahren, als für Dreharbeiten unser Filmteam eine gigantische Konstruktion für Scheinwerfer anfertigte. Für diese Bauarbeiten waren die Hosen ideal und auch die Kampfstiefel gaben mir sicheren Tritt. Diese ziehe ich als nächstes hervor und frage mich, wie alt der Schmutz in den Profilrillen der Sohle wohl sein mag… Dabei fällt mir ein, dass ich ein dickes Paar Bundeswehr-Socken noch in meiner Kommode im Schlafzimmer habe. Ich hole sie und werfe sie zu den anderen.

Jetzt ist der Seesack leer. In sich zusammengesunken liegt er auf dem Sessel und all sein Inhalt liegt rund herum. Obwohl ich den Kram fast neun Jahre nur von Dachboden zu Dachboden geschleppt habe macht sich ein schwermütiges Gefühl breit. Es war eine schöne Zeit gewesen, die Truppe war in Ordnung und in den Klamotten habe ich einiges erlebt. Da muss ich grad daran denken, was unser Zugführer in der Grundausbildung damals zu uns sagte: „Die Bundeswehr ist kein Abenteuerurlaub!“ Vielleicht kann ich das nach neun Jahren nicht mehr beurteilen, aber rückblickend finde ich schon, dass es eine Art Abenteuerurlaub gewesen ist…

Ich packe den ganzen Kram, an dem so viele Erinnerungen haften, wieder in den Seesack, den ich verschnüre und zurück in den Flur stelle und mache mir ein anständiges Frühstück. Die Sonnenstrahlen wärmen meinen Oberkörper, während ich am Küchentisch sitze, das Buch von gestern Abend weiterlese und urgemütlich in diesen leicht nostalgischen Tag starte.

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*