Public Viewing

„So sehen Sieger aus“ – diesen Ausdruck liebenswerten Optimismus konnte man gestern auf zahlreichen Shirts lesen, wenn man durch die Marzipanstadt lief. Die Niederländer sollten sich mit den Deutschen auf dem Rasen messen. Nachdem die Oranjes zuvor überraschend an den Dänen gescheitert waren, musste gestern ein Sieg her, um nicht den frühzeitigen Heimweg antreten zu müssen. Das Spektakel zum Anlass nehmend verabredete ich mich mit einer Freundin. Zuerst gingen wir schlemmen bei unserem Lieblings-Chinarestaurant. Es war auch höchste Eisenbahn, die neuesten Neuigkeiten auszutauschen (beim gemeinsamen Badminton kommt kam ja kaum zum Quatschen).

Gut gesättigt wurden wir von meinem Engel abgeholt und liefen zu dritt die Engelsgrube hinunter zur Trave, um uns in einem der Hafenschuppen einen Sitzplatz beim Public Viewing zu ergattern. Der Schuppen (der größer ist, als seine Bezeichnung vermuten lässt), war schon ziemlich voll, obwohl bis zum besagten Spiel noch über eine Stunde Zeit war. Die provisorische Tribüne war schon komplett besetzt, so dass wir uns auf den Steinboden setzen mussten, der immerhin mit einer Art Teppich ausgelegt war. Es war schon richtig laut, überall wurde gebrüllt, Vuvuzeelas rüsselten durch die aufgeheizte Dunkelheit und konkurrierten mit einigen Presslufttröten. Nach einer Stunde hatte ich bereits sämtliche Sitz-, Knie- und Hockpositionen ausprobiert, aber keine Variante gefunden, die in der Enge nicht nach fünf Minuten extrem unbequem wurde. Aber was soll’s, wir wollen mal nicht meckern.

Dann wurde das Spiel endlich angepfiffen und die ersten zehn Sekunden liefen. Dann fror das Bild ein und verschwand. Entrüstete Pfiffe, wütende Schreie, die ersten erhoben sich von ihren Plätzen, bereit, den Veranstalter zu lynchen, der glücklicherweise weitere zehn bis zwanzig Sekunden später die Bildverbindung wieder herstellte. Das war knapp und die Menge beruhigte sich langsam wieder. Liedgesang erfüllte den Schuppen kurz darauf, der wohl anfeuernd wirken sollte, auf mich allerdings eher eine bedrohliche Wirkung hatte. Nichts gegen Musik, aber Sieg-Rufe, bei denen der eine oder andere rechte Arm einen verdächtigen Winkel nach oben annimmt, fand ich alles andere als witzig. Dann plötzlich Jubelschreie – aber ein Tor war nicht der Grund, nein, Niederländer Robben blutete aus einer Platzwunde am Kopf…

Nach einer weitgehend unentspannten ersten Halbzeit ergatterten wir Sitzplätze auf der Tribüne. Gut für unsere geschundenen Knochen, schlecht für mich, denn ich hatte den Platz ganz links, direkt neben den Stehplätzen, die sich nach und nach wieder füllten. Die Leute auf den Stehplätzen waren noch betrunkener und unruhiger als die auf den Steinplätzen, so dass die zweite Halbzeit nicht entspannter ablief als die erste.

Dass unsere Mannschaft einen Sieg gegen die Holländer einfuhr, war immerhin ein Trost. Ich war einfach nur froh, dem Moloch entfliehen zu können. Das war dann aber auch wieder nicht so einfach. Die siegestaumelnden Fans ergossen sich aus dem Schuppen auf die vierspurige Straße, den Verkehr ignorierend, durch lautes Gehupe in ihrem Jubel bestätigt. Flugs traf die Polizei ein und sperrte kurzerhand den Straßenzug für den Verkehr, um dem Ausbruch der Freude den notwendigen Platz zu gewähren. Als dann Böller durch die Menge flogen, suchten wir drei endgültig das Weite.

Insgesamt ein stressiger Abend, bei dem man neben dem Fußballspiel ständig wachsam sein musste, was gerade um einen herum passierte. Die Menge war gar zu aufgeheizt, Alkohol und Testosteron im Überfluss, das ganze gepaart mit einer aggressiven Gruppendynamik, die immer kurz vor dem Ausbruch stand und zum Teil bedrohliche Züge annahm. Für mich also keinesfalls wiederholungswürdig. EM sehr gern, aber das mach ich lieber zu hause.

Wenn das jetzt gar zu spießig oder humorlos rüberkam, hab ich noch zwei:

Welches Tier schießt keine Tore? Robben!

Was macht der Niederländer, wenn er die EM gewonnen hat? Er macht die PlayStation aus und geht zu Bett!

 

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