Odysseus

Meine heutigen Erlebnisse kurz nach dem Verlassen des viel zu warmen Bettes kann ich noch nicht ganz einordnen… Entweder hatte ich wahnsinnig viel Glück oder eben sehr viel Pech. Aber von vorn.

Das Aufstehen an sich klappte – wie schon seit Tagen (oder sind es schon Wochen?) – nicht so richtig gut. Und so kroch ich wieder einmal schlaftrunken und über einen schnurrenden, weißen Kater stolpernd aus dem Bett. Soweit so gut, nichts Besonderes. Natürlich kein Frühstück sondern gleich ins Bad, während Engelchen noch schlummerte und vermutlich von Eiswürfeln träumte. Raus aus dem Bad, rein in den Anzug und noch schnell den Biomüll aus der Küche mitnehmen. Katerchen zum Abschied streicheln, Schuhe an, Tür zu und Schlüssel vom Schlüsselbrett nehmen. NEIN! Falsche Reihenfolge!

Also rasch geklingelt, denn zum Glück ist mein Freund ja zu Hause. Nichts passiert. Klopf klopf. Nichts passiert. Also krame ich mein Handy hervor und rufe sein Handy an, das neben seinem Bett auf dem Tischchen liegt. Ich habe ein ganz schlechtes Gewissen, als er sich meldet und ich jammernd vor der Tür stehe. Kurz darauf gewährt er mir verschlafen Einlass.

Nicht sehr lange danach zerre ich mein Bike aus dem Fahrradkeller. Ich schiebe es an Nachbars BMW vorbei die Auffahrt zur Straße hinauf und freue mich, dass gerade kein Auto kommt. Ich schwinge mich also auf meinen Drahtesel, um den Radweg auf der anderen Seite zu erreichen. Ich strampele und strampele, und nichts rührt sich. Ein Blick zwischen meine Beine sagt mir, dass die Kette nicht da ist, wo sie hingehört. Also schiebe ich auf die andere Seite, denn inzwischen nähern sich Kraftfahrzeuge aus beiden Richtungen. Ich lächle den Rentner verlegen an, der die Szene beobachtet und mache mich grollend daran, die Kette wieder auf die Zahnräder zu legen. Ein herrlicher Schmierkram. Nach kurzer Zeit gelingt es mir. Jetzt bloß nicht das weiße Hemd berühren… Die Fahrt beginnt. An der ersten Kreuzung habe ich die Grünphase gerade verpasst und ich denke: „Das wird nicht mein Tag…“.

Als ich weiterfahren darf bin ich noch nicht mal auf der anderen Straßenseite angekommen, als eine Kamikaze-Taube im Tiefflug frontal auf mich zuhält. Ihren „aus-dem-Weg!“-Schrei habe ich nicht einmal kommen hören. In allerletzter Sekunde werfe ich mich auf meinen Lenker, gerate gefährlich ins Schlingern und weiche der Taube aus. Kopfschüttelnd fahre ich weiter.

Baustellen. Seitdem ich in der Marzipanstadt wohne, wird die Roeckstraße von Baustellen heimgesucht. Nicht immer die selbe natürlich. Mal hier und mal dort ist etwas gesperrt, umgeleitet und aufgerissen. An der ersten dieser Baustellen ist der Radweg gesperrt und man muss sich den Gehweg mit den Fußgängern teilen. Als ich bemerkte, dass ein Radfahrer auf diesem Weg gerade von vorn kam, blieb ich stehen, denn für zwei von uns ist da kein Platz. Von rechts nähert sich mit hoher Geschwindigkeit eine Radfahrerin mit einem verbeulten Fahrradkorb. Es wäre zum Totalcrash gekommen, wenn ich nicht „VORSICHT!“ geschrien hätte. Ohne Pardon nahm die Frau mit dem Korb wieder Fahrt auf und troddelte dann gemächlich vor mir her.

Nächste Baustelle, nur hundert Meter weiter, ein Bagger hebt irgendwas aus. Frau mit Korb vor mir radelt (immer noch gemächlich) an der Baustelle vorbei. Als ich die Baustelle erreiche, verliert der Bagger einen Gesteinsbrocken, der krachend vor meinem Bike zerspringt. Ich überlege kurz, ob ich einfach nach Hause zurückfahren und mich wieder ins Bett legen sollte.

Wegen meiner kettenverschmierten Finger lasse ich die Stadtbäckerei heute links liegen und fahre direkt in die Firma. Ich schließe mein Rad an, betrete das Gebäude, steige in den Aufzug und drücke auf „3“. Nichts passiert. Ich drücke nochmal. Nichts passiert. Der Aufzug ist kaputt und so stapfe ich – mich fragend, was ich verbrochen habe – vom Keller in den dritten Stock, um eine halbe Stunde später mit sauberen Fingern die Treppen wieder herabzusteigen, zum Bäcker zu laufen und dann die Treppen wieder hochzukraxeln und vor lauter Anstrengung zu vergessen, mich wieder einzustempeln.

Der Rest des Tages lief verhältnismäßig glatt, wenn man von dem rücksichtslosen Vespa- Geisterfahrer auf dem Radweg nach Hause absieht. A propos: Jetzt turnt gerade der Vermieter unten rum. Das Wespen-Spray ist jetzt besorgt, leider kann man das nur spätabends oder frühmorgens anwenden, also, da müsse man dann mal sehen…, sagte seine Frau. Ich sage dazu lieber erst mal: gar nichts.

 

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