Neue Wege

:: Licht. Bis zum Ende der Sackgasse

Ich hab’s überstanden. Der Wecker piepste gegen sieben Uhr heute früh. Eine unruhige Nacht war vergangen, in der ich mich immer wieder entspannen musste. Ich wusste nicht so genau, wie ich das Gespräch mit dem Personalchef beginnen sollte. In meiner Phantasie spielten sich viele Szenarien ab, ein Ergebnis jedoch konnte ich mir nicht so recht ausmalen.

Um kurz nach acht fuhr ich Engelchen zur Arbeit. Trotz all meiner Ermahnung, mich zu entspannen, wurde ich nervöser, je näher der Termin rückte. Es war neun Uhr, als ich mich zu einem Frühstück in die Stadtbäckerei setzte. Viel Betrieb war hier noch nicht. Auf der Raucherseite des Cafés hörte ich die rauhe Stimme einer älteren Frau, die mit ihren Freundinnen schnatterte und ihren Mann zum Teufel jagte, der sie durch die große Fensterscheibe beobachtete. Fortan war sie nur noch damit beschäftigt, ihren Freundinnen laut krächzend zu berichten, wie nervig es ist, dass er ihr ständig hinterherspioniert, mit wem sie spricht, wen sie anruft. Er solle sich um seinen eigenen Kram kümmern, sie könne ja wohl machen, was sie will. Die arme Frau, ich glaube, das war ihr Tageshighlight…

Nach zwei Brötchen, die ich mit Mühe und Not herunterbekam, und einem Kaffee hatte ich noch 20 Minuten Zeit. Die Firma lag auf der anderen Straßenseite. Ich zog meine aktuelle Lektüre aus meiner Umhängetasche und begann zu lesen. Das war immerhin eine kleine Ablenkung und die Krähe aus der Raucherecke war bald vergessen. Alle paar Augenblicke lugte ich auf die Zeitanzeige meines Handys und ging schließlich zehn Minuten vor dem Termin über die Straße. Da ich seit meiner Einstellung vor über einem Jahr nicht mehr in der Personalabteilung gewesen war, musste ich mit den Weg dorthin erklären lassen. War aber dann ganz einfach.

Oben angekommen unterhielt ich mich wartend mit einer Sachbearbeiterin der Perso. Das war ein nettes Gespräch zum Auflockern. Mit zwei Minuten Verspätung kam dann der Personalchef aus seinem Büro, begrüßte mich freundlich und bat mich hinein. „Lacarian, was haben Sie nur mit mir vor?!“ sagte er seufzend, während er sich mir gegenübersetzte und mich ansah. Vor ihm lag meine Personalakte. Ich erklärte ihm, welcher Art meine Schwierigkeiten seien, dass ich mir die Anforderungen bei meinem Antritt vor etwas über einem Jahr ganz anders vorgestellt hatte und dass ich meinen eigenen, hohen Ansprüchen an gute Arbeit nicht mehr gerecht werde, ohne mich weiter gesundheitlich zu gefährden. Ich erzählte ihm, was ich mir vorstelle und drückte gleichzeitig meine Hoffnung aus, meinen Dienst weiterhin in der Firma tun zu dürfen.

Er erklärte mir daraufhin, wie schwierig es zur Zeit sei, meinen Vorstellungen einer Sachbearbeiter-Stelle gerecht zu werden, da sich der Bedarf der Firma gerade entgegengesetzt entwickelt. Natürlich wusste ich das schon. Umso erstaunter war ich, als er mir eine – wie er sagte – anspruchsvolle, jedoch noch nicht ins Detail feststehende Herausforderung in einem befristeten Projektteam anbot. Und zwar ab Anfang Oktober. Befristet jedoch bis zum Auslaufen meines Arbeitsvertrages Ende Mai 2008.

Da diese Option eine Chance für mich ist, früher als erhofft dem Verkauf zu entfliehen und ich gleichzeitig weiß, dass ich bis Ende Mai 2008 Zeit habe, mir etwas neues zu suchen, bin ich von dieser Möglichkeit mehr als angetan. Es wird viel Arbeit auf mich zukommen. Aber das macht nichts, denn ich arbeite gern – nur nicht mehr als Verkäufer, denn letzthin ähnelt dieser Job doch eher dem eines Vertreters, und das bin einfach nicht ich.

Das Beste daran ist: mein Gehalt wird sich durch die neue Aufgabe nicht verändern. Ich hatte fest damit gerechnet, dass ich auf mindestens 400 Euro würde verzichten müssen, aber weil meine neue Aufgabe nach Worten des Personalchefs so „anspruchsvoll“ ist, wird er die Bezahlung nicht verändern.

So gesehen ist es der Anfang vom Ende. Oder zumindest etwas Licht auf einem Weg, der nun höchstwahrscheinlich eine berufliche Sackgasse sein wird. Aber lieber eine Sackgasse mit Licht als ein Abgrund im Dunkeln. Ich werde die verbleibende Zeit nun nutzen, mich nach einem neuen Weg umzusehen.

 

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