Nasse Stiefel

Als ich die Augen öffne, über meinen Freund krabbele und hinter die Jalousie unseres kleinen Schlafzimmers linse, lege ich mich schnell wieder unter die Bettdecke, denn draußen ist es stürmisch und regnerisch. Aber weil es schon halb zehn ist kann ich nicht mehr einschlafen. Die Laken sind verrutscht, das Kissen ist zerknautscht und mein Engel schläft noch tief und fest. Also schwinge ich meinen Hintern aus dem Bett, schließe die Tür hinter mir so leise wie möglich und steige in die Dusche.

Der Wind rüttelt schon wieder an unserem Häuschen, als ich Wasser für Cappuccino aufsetze und den Backofen für frische Brötchen vorheize. Als sich der Duft im ganzen Haus verbreitet, weckt das meinen Engel, und mit kleinen Augen und hellblauen Puschen kommt er angelaufen.

Nach dem gemütlichen Frühstück entschließen wir uns zu einem Ausflug an den Strand. Ja ich weiß, es regnet und stürmt noch immer, aber was soll’s. Sonnenbräune ist uns sowieso fremd. Also packen wir unser Regenzeug ins Auto und machen uns auf den Weg ins 50 km entfernte Blavand. Unterwegs zählen wir die uns entgegen kommenden Peugeots, weil die Strecke nicht so wahnsinnig spannend ist. Das Navigationssystem schickt uns heute über merkwürdige Feldwege und mehr als einmal müssen wir uns über die Anweisungen hinwegsetzen.

Als wir Blavand erreichen ist das Wetter nicht unbedingt besser geworden. Trotzdem ist die Einkaufsstraße voller Touristen, und nur mit Schrittgeschwindigkeit kommen wir hindurch. Einen Kilometer später erreichen wir einen geeigneten Parkplatz, stellen unser Auto ab und zwängen uns in die Gummistiefel. Ich streife mir zusätzlich die Regenklamotten über, und so gewappnet stiefeln wir los.

Als wir auf der Düne stehen, bläst uns ein kräftiger Sturm entgegen und aufgescheuchter Sand peitscht uns in die Gesichter. Dicke, dunkelgraue Wolken haben das Meer vor uns aufgewühlt und spülen schaumige Wellen an den Strand. Dennoch ist der Strand nicht leer. Hier und dort lassen sich wetterfeste Leute den Alltag fortpusten, manch einer lässt gar Drachen steigen. Das kleine Mädchen ganz in Rosa freut’s.

 

Wir schießen Unmengen an Fotos, bis unsere Linsen durch die Gischt des Meeres ganz belegt sind. Viele Motive gibt es hier zwar nicht, aber die Wucht der Natur ist so eindrucksvoll, dass wir wieder draufhalten.

Als wir mutiger werden – und weil wir Gummistiefel tragen – wagen wir uns bis ins Wasser vor, um dem Spektakel noch näher zu sein. Am Horizont erkennen wir zwei große Schiffe und ich frage mich, ob der Besatzung wohl schlecht geworden ist. Die Wellen umspülen unsere Beine – und meinem Freund in die Stiefel. Ab jetzt muss er quietschend durch die Gegend laufen…

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*