Mythos Klimawandel?

Den 5. Mai werde ich so schnell wohl nicht vergessen. Der Dienstag verlief relativ normal, wenngleich ich müder war als gewöhnlich. Um 17:45 Uhr entschied ich mich, Feierabend zu machen. Dunkle Wolken zogen auf.

Da ich zwei Tage zuvor noch mit der oben erwähnten Grippe im gelegen hatte, hatte ich am Morgen mein Fahrrad noch zu Hause gelassen und den Bus genommen. Nachdem ich mich umgezogen hatte, wollte ich das Firmen-Gebäude verlassen und stellte mich am Ausgang in eine Menschentraube, die sich wegen des mächtigen Regengusses untergestellt hatte. Ich wusste nicht genau, wann einer der Busse fuhr, die ich zur Auswahl hatte. Daher lief ich in den Regen hinaus – zu Hause haben wir schließlich Handtücher.

An der ersten Haltestelle auf der anderen Straßenseite konnte ich lesen, dass der nächste in Frage kommende Bus noch 24 Minuten auf sich warten ließ. Ich rannte also durch den Regen in die Parallelstraße. Die dortige Haltestelle versprach einen Bus in elf Minuten. Ich stellte mich so nah wie möglich an die rückwärtige Wand der Haltestelle, um mich vor dem Regen zu schützen.

Der ließ aber nicht nach. Im Gegenteil, er wurde immer heftiger! Das Wasser sammelte sich zu einem kleinen Strom und lief den Bürgersteig entlang. Es kroch auf meine Schuhe zu, die ich nicht noch weiter zurückziehen konnte.

Und dann ging’s los: Bevor ich wusste, wie mir geschah, war ich von oben bis unten komplett durchnässt. Ein Orkan raste plötzlich durch die Häuserschluchten und peitschte die Regenmassen frontal in die Bushaltestelle. Und nicht nur dorthin! Die großen Regentropfen wurden so verwirbelt, dass sich eine weiße Wasserwand bildete, die heftiger und schneller wurde! Die Haltestelle aus Stahl und Plexiglas begann heftig zu vibrieren und zu wackeln! Ich erwartete, dass der Unterstand, der mich gerade noch vor dem Regen geschützt hatte, vom Orkan jeden Moment in Stücke gerissen würde! Gleichzeitig schlugen um mich und die anderen Schutz Suchenden Dachziegel ein und zerplatzten mit lautem Getöse auf der Straße und dem Gehweg. Das war der Moment, in dem wir die Haltestelle aufgaben und in das Gebäude flüchteten, das hinter uns stand und dessen Hauseingang zu unserem Glück offen stand.

Das Wasser lief nur so aus unserer Kleidung heraus und draußen zog sprichwörtlich die Welt an uns vorüber! Ehrlich, ich habe so etwas noch niemals zuvor erlebt! Ich war geschockt und nicht mal in der Lage, mein Handy für ein Video hervorzuholen. Die elektronische Anzeigetafel hielt dem Unwetter stand und zeigte an, dass unser Bus noch vier Minuten entfernt war. Ich bezweifelte, dass sich an der Situation da draußen bis dahin etwas ändern würde.

Es war leichtsinnig von uns, dass wir dennoch aus dem sicheren Unterschlupf rannten, um in den Bus zu steigen, als er eintraf. Warum musste er auch ausgerechnet pünktlich auftauchen?! Wir kamen glücklicherweise sicher ins Innere. Der Fahrer winkte uns eilig durch, ohne unsere Fahrscheine zu kontrollieren.

Hundert Meter weiter war die Fahrbahn blockiert. Auf der linken Fahrbahnseite stand ein blaues Dixi-Klo, auf der rechten lag ein Fahrrad. Der Busfahrer hatte keine besonders große Lust, da raus zu gehen, um den Drahtesel von der Straße zu entfernen. Stattdessen manövrierte er seinen Gelenkbus vorsichtig über das Fahrrad und vorbei an dem Klo. Nach weiteren hundert Metern konnten wir in eine andere Straße blicken, in der gerade eine gewaltige Linde ein Auto unter sich begraben hatte. Der Bus schwamm mehr als er fuhr. Aus seiner Decke tropfte Wasser in den Innenraum, das vermutlich durch das Lüftungssystem eingedrungen war.

Als ich keine zehn Minuten später zu Hause ausstieg, hatten Wind und Regen plötzlich nachgelassen. Ich entledigte mich vor meiner Wohnungstür all meiner Kleidung und hängte sie zum Trocknen ins Bad. Als ich kurz darauf, noch mit einem Badehandtuch um die Hüften, die Nachrichten las, erfuhr ich von der Unwetterwarnung für die Marzipanstadt.

Die Ereignisse hatten sich herumgesprochen. Mein Freund rief mich von der Arbeit aus an und fragte, ob ich in Ordnung wäre. Kurz darauf erhielt ich eine SMS aus dem Erzgebirge, wo ein ehemaliger Arbeitskollege von mir wohnt, der sich nach meinem Befinden anlässlich des Unwetters erkundigte. Während ich nun zu Hause im Trocknen saß, zog es weiter und verwüstete in Mecklenburg eine Kleinstadt. Später erfuhr ich, dass das Unwetter auf seinem Weg insgesamt fünf nachweisbare Tornados hervorgebracht hatte.

Da hatte ich anscheinend nochmal Glück gehabt…

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