Medizin

:: Frühlingsanfang

Nachdem ich seit letztem Mittwoch ein paar freie Tage hatte bin ich heute das erste Mal wieder in die Innenstadt gelaufen. Mir fiel gleich auf, dass überall viel weniger Schnee lag und stattdessen von den schmutzig-weißen Haufen kleine Bächlein in die Gullis rannen. Als ich an der schmalen Hauptstraße durch die Stadt lief, kam es mir unglaublich warm vor. Wir hatten ungefähr vier oder fünf Grad, aber das war immerhin schon zehn Grad wärmer als in der letzten Woche. Wie auch „Rain“ treffend bemerkte, ließ sich am Nachmittag vielerorts die frische Frühlingssonne blicken und ich habe schon die ersten Blumen gesehen, wie sie ihre zartgrünen Köpfe aus der Erde reckten. Es ist längst Zeit für sie.

:: Emergency Room

Am Vormittag habe ich das wichtige Kundengespräch wahrgenommen. Mit der verschnupften Nase muss ich einen leicht französischen Dialekt gehabt haben, aber das ging schon. Ich fühlte mich zwar nicht blendend, aber es war OK. Das Gespräch war erfolgreich, für den Kunden und für mich.

Nach der Mittagspause versuchte ich Ordnung in das Chaos auf meinem Schreibtisch zu bringen. Meine Kollegin hatte nun ihrerseits ein Kundengespräch, und als sie anschließend mit dem älteren Herren durch den Flur kam, gab es dort ein unschönes Geräusch und gleich darauf ein schmerzerfülltes Zischen. Ich sah nach, was passiert war und da stand der Mann, stützte sich an der weißen Wand ab, hinter der der Kopierraum verborgen ist, und sah furchtbar schmerzverzerrt aus. Er zischte immer wieder Worte wie „Hüfte“ und „gebrochen“ und ich schob ihm schnell einen Stuhl zu, auf den er sich setzte. Er sah aus, als hätte er gerade unglaubliche Schmerzen. Er brauchte einen Moment um sich zu sammeln und mein Chef rief einen Krankenwagen. Der kommt allerdings aus der Stadt mit den Hochhäusern, das sind nach wie vor zehn Kilometer. Dem armen Mann stand kalter Schweiß auf der Stirn und er war weiß wie die Wand. Wir versorgten ihn mit frischem Wasser und ich hoffte, er würde nicht in einen gefährlichen Schockzustand fallen, denn mit der gebrochenen Hüfte hätten wir seine Beine kaum hochlegen können. Es schien eine Ewigkeit zu dauern, bis der Krankenwagen eintraf. Die Rettungssanitäter sprachen kurz mit dem Mann und entschieden kurzerhand zusätzlich den Notarzt anzufordern. Bis zu dessen Eintreffen legten sie ihm eine Infusion und ich sollte die Flasche mit der Kochsalzlösung halten. Die Sanitäter erklärten dem Patienten, was sie mit ihm vorhätten, während der tapfere Mann, der offenbar ein künstliches Hüftgelenk besaß, das nun im Eimer ist, sich nur um seinen Hund sorgte, der noch in der Wohnung auf sein Herrchen wartete. Mein Chef fing mit zwei Kolleginnen inzwischen die Kunden im Vorraum zu unserer Bankfiliale ab und schloss den Vorhang, um den Helfern und dem Patienten die nötige Ruhe zu geben. Als der Notarzt mit seinem grellfarbenen Turbovolvo eintraf erhielt der Mann intravenös eine ansehnliche Portion Schmerzmittel. Nach einer ganzen Weile konnten sie ihn auf die Vakuummatratze verfrachten, ohne zu riskieren, dass er vor Schmerzen das Bewusstsein verlor. Mit der Vakuummatratze konnten sie den Mann so fixieren, dass er sich nicht mehr bewegen konnte, denn jede Bewegung rief starke Schmerzen hervor. Immer noch hielt ich die Infusionsflasche und hielt mich wacker, auch als sein Blut langsam zehn bis 15 Zentimeter den durchsichtigen Schlauch nach oben wanderte. Ich beobachtete die Helfer und bemerkte erleichtert, dass sie das mitbekamen. Da sie nichts dagegen unternahmen musste ich annehmen, dass das normal ist.

Nach rund einer Dreiviertelstunde war das Spektakel zuende. Der Mann wurde auf der Trage nach draußen in den Krankenwagen geschoben und die Kunden durften wieder in die Filiale kommen. Für seinen Hund war inzwischen ein Nachbar bestellt worden und so blieb uns nur, dem armen Mann alles Gute zu wünschen und unsere Arbeit fortzusetzen.

:: Apotheke

Lächerlich ist dagegen mein nerviger Schnupfen, für den ich kurz nach dem Zwischenfall in die nahegelegene Apotheke lief. Der kleine Spaziergang tat gut und die Luft war wirklich angenehm. Jetzt habe ich also ein Mittelchen, dass meine Nasenschleimhäute entlasten soll, während der Schnupfen andauert. Die Apothekerin meinte, ich könne davon unter Umständen etwas müde werden – und sie hat recht. Nicht zuletzt aus diesem Grund habe ich jetzt genug geschrieben…

Ist es nicht Ironie, dass dies mein Eintrag Nummer 112 ist…?

 

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