Männer

Es ist schon fast Mittag, aber die Schlafzimmer-Rollos, durch die heute die Sonne scheint, als hätte sie Nachholbedarf wegen der verregneten Woche, sind noch heruntergelassen, selbst, nachdem ich mich vollständig angezogen habe. Um unsere Wohnung herum steht nach wie vor ein Baugerüst und Arbeiter sind uns wieder auf’s Dach gestiegen. Es soll ja angeblich auch noch ein Balkon angebaut werden, aber so richtig tut sich da nichts… Seit Wochen versperren unsere Rollos in der ganzen Wohnung die Sicht nach draußen – und natürlich nach innen. Jeder Exhibitionismus hat seine Grenzen… Einerseits müssen wir die Tristesse des Herbst-Winter-Übergangs damit nicht sehen, wenn wir zu Hause sind, andererseits bildet das gedämpfte Licht in der Wohnung eine ganz eigene Trübsinnigkeit…

Hab ich erwähnt, dass ich jetzt Urlaub habe? Mein Engel muss noch einen Tag arbeiten, aber ab morgen kann er sich auch entspannt zurücklehnen. Morgen besuchen wir seine family in der Heimat, Montag packen wir unsere Koffer und am Dienstag fahren wir mit der Bahn nach Kopenhagen – wieder einmal. Erst am Freitag kommen wir zurück, mit hoffentlich vielen Photos und neuen Eindrücken aus der schönen Stadt. Wir freuen uns auf den großen Weihnachtsmarkt im Tivoli, auf ein gutes Bier im Hardrock-Café, auf das gemütliche Hotelzimmer und alles andere, was uns erwartet. Sogar auf die Zugfahrt freuen wir uns und hoffen, dass die Ostsee nicht so aufgewühlt ist, wenn wir mit der Fähre von Puttgarden nach Rødby übersetzen.

Natürlich können wir unsere beiden Katerchen nicht mitnehmen, deshalb geben wir sie in die fürsorglichen Hände einer Freundin in der Marzipanstadt. Wir lassen die beiden Wollbälle damit zum ersten Mal für mehr als einen Tag allein… Ein mulmiges Gefühl hab ich ja schon dabei – vielleicht sind sie traurig, wenn wir weggehen und abends nicht wiederkommen… Vor zwei Wochen haben wir die beiden schonmal zu unserer Freundin gebracht, damit sie sich beschnuppern und die Wohnung entdecken können. Es hat ihnen ganz gut gefallen, die Wohnung ist größer und überall liegt Teppichboden, das ist ja sooo weich unter den Pfoten!! Sie wissen übrigens noch nicht, dass sie bald kastriert werden… Die Armen!

Nächste Woche verlässt ein junger Kollege aus meiner Abteilung die Firma. Bei uns herrscht gerade eine Wahnsinn-Fluktuation, einer nach dem anderen kündigt. Komisch… Ich find’s schade, denn er war einer der nettesten Kollegen. Ich hab mich wegen meines Urlaubs schon gestern von ihm verabschiedet. Verabschiedungen liegen mir nicht besonders, ist immer ein bisschen krampfig. Er hatte in der Firma keine Perspektive und entschied, dass sein Studium zu teuer war, um jetzt zu versauern. Ich kann’s verstehen.

Vorgestern war ich mit meiner Abteilung in einem Theaterstück. Unsere Marzipanstadt ist eine alte Hansestadt und das Theater ist ein Schiff. „Männer und andere Irrtümer“ hieß die One-Woman-Show und die aberwitzige Satire über den Alltag von Männlein und Weiblein ließ wirklich kein Klischee aus. Jedes einzelne wurde sorgfältig auf die Spitze getrieben, in manchen erkannte man (und Frau) sich wieder und bei anderen dachte man nur: „Das könnte mir niiiee passieren…“. Die Frau auf der Bühne spielte zwei Stunden lang im Schlafanzug vor einem einfachen Bühnenbild und verkörperte dabei etliche Variationen von Männern und Frauen aus jeder Sozialschicht derart überzeugend, dass ich mich ein um’s andere Mal an Menschen aus meinem Leben erinnert fühlte. Ziemlich gutes Stück, also wer die Gelegenheit hat: ansehen!

 

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