Landflucht

Ich bin ja in einer etwas größeren Kleinstadt an der Elbe aufgewachsen, bevor meine Familie die Stadt verließ und auf’s Land zog. Sobald ich die Füße unter meinen eigenen Tisch stellte, kehrte ich dem traditionellen Dorfleben den Rücken. Spröde Traditionen, nur eine einzige geduldete Religion – und natürlich war ich der einzige Schwule.

Familienbesuche sind immer ein Stück weit Rückkehr ins Dorf, wenn auch nur für kurze Zeit. Kein Problem, es sei denn…

Am Samstag wurde mein süßer Schlaf rüde unterbrochen von kölnischen Volksliedern. Ja wirklich. Sie waren Teil einer Radiosendung über Köln, die mich mitten aus ich weiß nicht was holte. Ich hörte bereits die Dusche rauschen, mein Freund war also schon aufgestanden und ich vergrub mich unter meinem Kopfkissen, um den Tag noch ein paar Minuten hinzuhalten.

Nur ungefähr eine Stunde später waren wir schon unterwegs in Engelchens Heimatdorf. Der letzte Besuch ist tatsächlich schon einige Zeit her. Wir mussten uns beeilen, denn der Festumzug zum Erntedankfest sollte pünktlich um halb zwölf beginnen, und mangels Fertigstellung der Ost-West-Autobahn sind wir dorthin in der Regel fast zwei Stunden unterwegs – wenn wir gut durchkommen.

Kamen wir am Samstag natürlich nicht. Schuld war das Outlet-Dorf an der Autobahn, die uns immerhin ein Stückchen mitnimmt. Die Abfahrt zum Outlet war ziemlich begehrt und die beiden sowieso immervollen Fahrspuren komplett verstopft. Nach der Autobahn dann rüde Rentner, die eine Autokaravane hinter ihrem silbergrauen Golf herziehen und die man wegen der tausend Kurven durch die Wälder und Dörfer nicht überholen kann (was manche aber nicht davon abhält, es dennoch zu versuchen).

Wir kamen gerade noch rechtzeitig an, um dem großen Festumzug aus über zwanzig Traktoren beizuwohnen. Die alten und neuen Landmaschinen waren bunt geschmückt mit Maiskolben, Blumen, Getreide und Kürbissen und wurden von Spielmannszügen, Pferden, von Feuerwehren und Polizei begleitet.

So weit, so gut. Als alle Wagen an uns vorüber paradiert waren, bewegten sich die Dorfbewohner in aufkommendem Regen zum Sportplatz, wo zuerst der Bürgermeister eine schnulzig-traditionelle Rede von seinen Zetteln ablas, die wichtigsten Vertreter der Ortspolitik begrüßte, die Landwirte nicht wirklich erwähnte und im Anschluss auch noch an die Dorfpastorin übergab, die – man möchte brechen – eine monotone und selbstverständlich christliche Andacht abhielt, um Gott für die Nahrungsmittelproduktion zu danken, dann noch alle aufforderte, das Vater-Unser zu beten, gemeinsam das erste Lied von den verteilten Handzetteln zu singen und am Ende auch noch Gottes pauschalen Segen entgegenzunehmen. Danke sehr!

Der Rest des Tages gestaltete sich weniger traditionell und dafür zum Glück sehr viel familiärer. Engelchens jüngste Schwester ist volljährig geworden und folgt damit ihren vier Geschwistern im Abstand weniger Jahre. Zu diesem Anlass waren alle Geschwister vereint, es gab einen Geburtstagskuchen, auf dem der Platz für die Kerzen allmählich enger wird…

 

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