Kopenhagen

:: Verkehrsmittel

Die Entscheidung ist noch ganz frisch, als wir dick eingemummelt mit Koffer und Taschen an der Bushaltestelle stehen: wir sparen das Geld für ein rasendes Taxi und fahren mit der 21 zum Bahnhof. Ich glaube, mein Engel ist das erste Mal in der Marzipanstadt Bus gefahren… Am Bahnhof ist noch nicht so viel los. Ein paar Reisende hier und dort, Engels Ex-Freund, der an der Scheibe der Bäckerei vorbeigeht, als wir gerade frühstücken und eine Arbeitskollegin, die gerade ihren Zug nach Neustadt verpasst hat. Unten auf den Gleisen fahren rote Züge ein – manche doppelstöckig, manche einfach – und nehmen die Passagiere mit auf eine Reise. Bald darauf steige ich mit meinem Freund in einen silberfarbenen Zug der Dänischen Eisenbahn und verlasse den neuen Bahnhof mit dem klassisch gewölbten Dach in Richtung Nordosten. Mit der „Prinsesse Benedikte“ überqueren wir bald darauf eine angenehm ruhige Ostsee, stöbern duty free und erreichen das dänische Ufer eine gute halbe Stunde später. Ich schicke meiner Mum eine SMS, um sie mit dem strahlend blauen Himmel neidisch zu machen, der uns hier empfängt. Wenig später würde ich sie gern zurücknehmen, denn je mehr wir uns Kopenhagen nähern, desto dichter werden die Wolken über uns, bis sie eine gleichmäßige graue Decke bilden…

 

:: Ankunft

Der Weihnachtsbaum, der wie schon im letzten Dezember in der Bahnhofshalle steht, ist wieder gigantisch groß. Er reicht bis unter die Decke und ist mit großen Kugeln und Lampen geschmückt. Hier herrscht dichtes Treiben. Menschenmengen strömen von den Zügen in die Stadt und aus der Stadt heraus zu den Zügen. Wir durchqueren die Halle, vorbei an Bücherläden, Kiosken, Post-, Bäckerei- und Ticketshops. Den festlich geschmückten Weg zu unserem Hotel kennen wir natürlich schon von unseren vorherigen beiden Besuchen. Kurz darauf checken wir ein und beziehen unser Zimmer. Zum ersten Mal wird uns ein Zimmer im Hauptgebäude zugewiesen. Mit einem ziemlich altmodischen Aufzug rattern wir in den fünften Stock. Das Zimmer liegt direkt unter dem Dach. Begeisterung ist etwas anderes… diesmal haben wir keinen Balkon und Wände und Fußboden sind so dünn, dass man nebenan das Rascheln der Nachbarn hört. Das Fenster in der Gaube ist fast unerreichbar hoch. Erst als Engelchen mich per Räuberleiter hoch auf das breite Fensterbrett hievt erreiche ich die Griffe zum Öffnen. Na ja, der Ausblick ist schon cool…

Nach dem Auspacken geht unsere Stadttour los. Zunächst laufen wir die Vesterbrogade wieder zurück, vorbei am Bahnhof, vorbei am Hard-Rock-Café neben dem Tivoli bis zum Rathausplatz. Hier ist immer was los. Oftmals gruppieren sich auf dem Platz Demonstranten und Festzüge, gleichzeitig ist er der Übertragungsort für das gläserne Nachrichtenstudio und außerdem das Portal in die Einkaufsstraßen.
Unser Ziel heute ist der Weihnachtsmarkt im Bezirk „Nyhavn“, weshalb wir sogleich durch die lange Einkaufsstraße wandern, an unzähligen Geschäften vorbeigehen, mal hier und mal dort einkehren und dann in der Mitte auf einem wunderschönen Platz in einem Café einen Glühwein zum Aufwärmen schlürfen. Als wir Nyhavn erreichen haben wir auch den „Kongens Nytorv“ hinter uns gelassen, den riesigen runden Platz mit den hell erleuchteten Gebäuden drumherum und der Eisbahn in der Mitte. In diesem Jahr finden wir sogar einen Weihnachtsmarkt, wo wir 2006 aufgrund des miesen Regenwetters vergeblich gesucht hatten. Die vielen kleinen Buden direkt am Bootshafen bieten allerlei Tand aus Holz und Glitzer an, süße Speisen, Mandeln und Crêpes, wie es sich für einen Weihnachtsmarkt gehört. Natürlich ist die neue Kamera unser ständiger Begleiter und wird auf alles gehalten, was nicht niet- und nagelfest ist.

Mit kalten Füßen und roten Nasen machen wir uns im Dunkeln (na ja, in der Stadt wird es ja nie dunkel…) auf den langen Weg zurück, zunächst ins Hotel, um uns auszuruhen und unseren jetzt schon geschundenen Füßen etwas Erholung zu gönnen. Einige Zeit später hat die Kaltluft uns wieder, jedoch nicht für lange, denn das Hard-Rock-Café ist nicht allzu weit vom Hotel entfernt. Chefkeeper Chris, dunkelhäutig, akrobatisch und quirlig, ist immer noch da. Nur das Personal um ihn herum ist ein anderes. Bedient werden wir heute von Hasse, und fünf Carlsberg später wanken wir zufrieden wieder ins Hotel zurück. Das war erfrischend und der Kater am nächsten Morgen nur ganz klein. Am Frühstück hindert er uns jedenfalls nicht. Der Wecker geht um acht Uhr dreißig. Im kleinen Bad bin ich glücklich über die Fußbodenheizung! Ich ziehe mich aus und steige in die Dusche. Für zehn Minuten vergesse ich den Klimaschutz und lasse das heiße Wasser ungeniert über meine nackte Haut fließen. Ich schließe die Augen, bloß keine Hektik! Dann fällt mir das Frühstück ein, das man nur bis zehn Uhr genießen kann und ich stelle das Wasser ab, rubbele mich mit einem weichen weißen Handtuch trocken und überlasse das feuchtwarme Bad meinem strubbeligen Engel.

Das Hotel ist für sein Biofrühstück bekannt und bald nach der Dusche sitzen wir im gemütlichen Frühstücksraum an einem der runden Tische, bestellen Kaffee (das tut gut!) und genießen!

 

:: Schweden

Heute steht ein Besuch in Schweden auf dem Programm. Schon im März waren wir mit der Bahn von Kopenhagen über die Öresundbrücke nach Malmö in Schweden gefahren. Es hatte geregnet und die Stadt war uns grau und trostlos und keinesfalls sehenswert vorgekommen. Heute geben wir ihr eine zweite Chance. Der Zug fährt teilweise unter der Ostsee hindurch, dabei sind bei der Geschwindigkeit des Zuges die Druckunterschiede so gravierend, dass ich manchmal fast aufgeschrien hätte, wenn der Luftdruck mein Trommelfell wieder und wieder ganz plötzlich bis an den Rand der Erträglichkeit gespannt hat. Ich muss dazu sagen, dass ich als Kleinkind eine Operation in beiden Ohren hatte und deshalb seither etwas empfindlich bin.
Die Fahrt dauerte nicht lang, etwa zwanzig Minuten später stehen wir auf dem Bahnsteig und betreten die Stadt. Heute haben wir zumindest ein Ziel: den „turning torso“ – ein Hochhaus, das sich nach oben um neunzig Grad dreht. Es liegt in nordwestlicher Richtung vom Bahnhof aus und so machen wir uns auf den Weg. Es scheint hier noch kälter zu sein als in Kopenhagen. Bald sehen wir den Turm schon. Er ist immerhin 190 Meter hoch. Die Gegend, durch die wir laufen, wirkt sehr trostlos. Nicht mehr als ein Gewerbegebiet mit viel kaltgrauem Asphalt, einer Baustellenruine und einem Skatepark, der von immerhin drei blonden Typen benutzt wird. Nach einigen Photos von dem beeindruckenden Bauwerk sind die Sehenswürdigkeiten hier auch schon erschöpft und wir tummeln uns zurück ins Zentrum. Das alte Rathaus haben wir im März auch schon gesehen, und weil das Wetter heute wieder so grau – wenn auch trocken – ist, sehen alle Gebäude nicht viel schöner aus als vor neun Monaten. Auf dem Platz vor dem Rathaus poliert ein Mann die Eisbahn, auf der drei Mädchen mit ihren Schlittschuhen Rillen ziehen. Um uns wieder ein wenig aufzuwärmen steuern wir das nächste Café an, in dem wir einen Stadtplan zu Rate ziehen und beschließen, die Fußgängerzone entlang bis in den Schlosspark zu gehen. Gesagt, getan. Tolle Idee! Der Schlosspark ist bestimmt wunderschön – aber nicht im Winter. Es ist kaum zu glauben, aber die Bäume sind alle nackt! Kein Blatt, kein Grün, keine Blüte. Frechheit! Wir beschließen, dass es nichts weiter zu sehen gibt und kehren nach Kopenhagen zurück. Vielleicht sollten wir mal im Sommer nach Schweden fahren…?

 

:: Königliches Zuhause

Wieder in der dänischen Hauptstadt schonen wir unsere Füße nicht allzu lange. Wir wollen was sehen! Unser nächstes Ziel ist Christiania, der selbsterklärte autonome Bezirk der Stadt. Ich weiß nicht sehr viel über die Bewohner, daher schreibe ich an dieser Stelle nur wenig. Wir laufen durch den umzäunten Bereich, vorbei an Holzhäusern, alles etwas windschief und schmuddelig und sehr alternativ. Ich finde es befremdlich und fühle mich unwohl. Photographieren ist hier unerwünscht. Christiania ist etwas abgelegen vom Zentrum und so dauert es eine Weile, bis wir wieder zurück sind. Unterwegs treffen wir auf die Erlöserkirche mit ihrer Wendeltreppe, die außen zur Turmspitze hochführt. Auf der Knippelsbrücke (manch einer kennt sie vielleicht aus „Fräulein Smillas Gespür für Schnee“) machen wir Halt, denn zu unserer Linken bietet sich ein wunderschönes Panorama. Die violett-blauen Wolken über dem Wasser und die modernen Bauten an den Ufern wirken fast futuristisch. Rechts liegt der Schwarze Diamant, der die königliche Bibliothek enthält. Photos sind hier gar nicht so einfach, denn jedes Fahrzeug, das einen Reifen auf die vielbefahrene Brücke setzt, verursacht Vibrationen, die eine scharfe Aufnahme bei den Lichtverhältnissen erschweren.

Auch das Tivoli kommt in diesem Jahr nicht um einen Besuch von uns beiden herum. Der Freizeitpark mitten in der Stadt geizt aber auch nicht mit festlichem Lichterglanz! Ein eigener Weihnachtsmarkt, Kinder mit glänzenden Augen und vor Vergnügen kreischende Achterbahnfahrer prägen unseren Ausflug in eine wahre Oase. Nirgends in der Stadt sieht es weihnachtlicher aus als hier!

 

:: Abreisetag

Am letzten Tag unseres Aufenthaltes checken wir nach dem Frühstück aus, verstauen unser Gepäck in einem Bahnhofsschließfach und haben noch viel Zeit, denn der Zug nach Hause fährt erst um halb sechs Uhr abends. Also machen wir uns auf den Weg in eine Richtung, die wir bislang noch nie eingeschlagen haben. Wir folgen der Hauptstraße nach Nordwesten, fort von den Gebieten, die wir schon kennen. Die Straßen werden breiter, die Gebäude spärlicher und älter. Irgendwann erreichen wir auch hier einen Park, der im Sommer sicher traumhaft schön ist.

Schön sind zu dieser Jahreszeit nur die nackten Statuen praller Männlichkeit und die Trauerweide am See, in deren Ästen ein Reiher auf Tiefkühlfisch wartet. Nachdem wir uns von der anatomischen Korrektheit der Skulpturen überzeugt haben laufen wir weiter, ahnungslos, wohin uns die kleinen Straßen durch die Kälte führen. Umso überraschter sind wir, als wir plötzlich aus einer Seitenstraße kommend mitten in der uns so gut bekannten Einkaufsstraße landen… Wir schlendern erneut an Geschäften vorbei (und hinein) bis zum Rathausplatz. Dort kann ich meinen Engel nicht überreden, mit mir in ein „schwulenfreundliches“ Café zu gehen und so laufen wir weiter, scheinbar schon wieder in entlegene Winkel der Stadt. Nach einiger Zeit kommen wir schon wieder aus einer kleinen Seitenstraße – schon wieder in die Einkaufsstraße! Und wir wollten wirklich mal was anderes sehen…

Zu fortgeschrittener Tageszeit laufen wir noch ein letztes Mal die Vesterbrogade hinauf, Richtung Hotel, zu dessen Zimmern wir seit heute Morgen keinen Schlüssel mehr haben. Kurz vor dem Hotel hat „Emmery‘s“ einen kleinen Laden. Von dort kommt das Brot für das Biofrühstück des Hotels und so kaufen wir als leckeres Andenken ein Brot für Zuhause, bevor wir zum Bahnhof gehen, das Gepäck aus dem Schließfach befreien und mit dem Zug in die Dunkelheit fahren. Zum Glück haben wir mein Notebook und eine Serien-DVD dabei, so wird die Zeit nicht lang und wir kommen ein paar Episoden voran. Als ich irgendwann einer Dame in Bahn-Dienstkleidung die Tickets zeigen will und etwas auf Englisch zu ihr sage, entgegnet sie kopfschüttelnd: „No no, Träsch! Träsch!“ Schatzi bricht in Gelächter aus und flüstert mir zu, dass sie den Müll einsammeln möchte… Verwirrt reiche ich der Reinigungsfrau von der Deutschen Bahn den kleinen Müllbeutel…

 

:: Home sweet home?

Zurück in der Marzipanstadt entscheiden wir uns schon wieder für den Bus und stehen spätabends am ZOB. Wir merken sofort den Unterschied zu Kopenhagen. Angetrunken torkeln brüllend ein paar Paviane durch die Gegend, blonde Püppchen im Arm, die sich wohl kaum an dem erfreuen, was ihre willenlosen Begleiter im Kopf haben… Wir sind froh, als zwanzig Minuten darauf der Bus ankommt. Drei Stationen später wird der Fahrer von einer Frau mittleren Alters angeschrien und beschimpft, weil er an der letzten Station nicht angehalten hat und sie die ganze Strecke hinter dem Bus herrennen musste. Das Wortgefecht zwischen den beiden ist unangenehm laut und wir sind wiederum froh, als wir endlich zu Hause ankommen. Zum Glück haben wir noch zwei Tage zum Erholen…

 

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