Kanonenfieber

Kanonen auf der rechten Seite,
Kanonen auf der linken Seite,
Kanonen hinter ihnen.
es kracht und donnert ihnen entgegen;
ein Sturm aus Schüssen und Granaten…

Diese Worte von Alfred Lord Tennyson beschreiben recht genau das Getöse, das gerade jetzt die Nacht durchschneidet. Ein Gefecht jedoch ist es nicht, vermutlich der farbenfrohe Ausklang eines der vielen Volksfeste, die in dieser Stadt so gern gefeiert werden. Ich habe mich gerade ins Bett gelegt, meine rote Bettdecke über mich gezogen und mein Notebook hervorgezogen, um die letzten Tage revue passieren zu lassen. Die weißen Stoffrollos verdecken die Schwärze der Nacht, die normalerweise nur von der Laterne auf der anderen Straßenseite gestört wird.

In der letzten Nacht habe ich schlecht geschlafen. Mein Engel ist krank – und das schon seit zwei Wochen. Nach einer Antibiotikum-Kur hat er gestern erneut seinen Arzt aufgesucht, und der Stümper war so ratlos, dass er ihn buchstäblich in Panik versetzt hat. Er hat meinem Freund Blut abgezapft und bedeutungsschwangere Blicke mit seiner Arzthelferin gewechselt, noch während der Patient dabei war. Schatzi ist tausend Tode gestorben und hatte eine Wahnsinnsangst vor der Diagnose. Ich konnte ihn kaum beruhigen.

Heute Morgen dann das Ergebnis: Es ist eine Entzündung. Super. Das wussten wir gestern schon. Sämtliche Symptome entsprechen genau den Nebenwirkungen des Antibiotikums. Da das Mittel aber bisher bei keinem seiner Patienten Nebenwirkungen hervorgerufen hatte, konnte sich der Arzt nicht vorstellen, dass das wirklich daher kommt… Jetzt soll mein Engel einfach abwarten, ob es von allein besser wird. Dabei kann er sich kaum bewegen, hat immer wieder Fieberschübe und geschwollene Gelenke.

Jetzt ist der Akku meines Notebooks leer und ich setze den Eintrag morgen fort…

Sonntag: Jobtechnisch hat sich wieder ein bisschen was getan bei mir: Gleich nach meinem Urlaub bewarb ich mich um eine Sachbearbeiterstelle, die bei uns ausgeschrieben war. Das Vorstellungsgespräch folgt am neunten April. Wenn ich sie bekomme: super! Wenn nicht, besteht die Chance, dass ein Kollege aus meiner Abteilung den Job bekommt, womit dann wieder eine Stelle frei wird, die ich dann so gut wie sicher hätte.

Heute früh rief mich Nate an. Er war mit seinem Freund gerade in Dänemark. Von der Nordspitze aus hatte er mir vor zwei oder drei Tagen eine SMS geschrieben. Auf dem Schreibtisch meines Engels steht noch ein Photo, dass mich genau dort zeigt. Barfuß, in Shorts und gestreiftem Shirt. Hinter mir Nord- und Ostsee, unter mir runde Kieselsteine am Strand. September 2006. Es kommt mir so lange her vor. Ich sagte Nate, er solle nach unseren Spuren im Sand suchen.

An diesem Wochenende passiert nicht sonderlich viel. Mein Freund hat sich wieder ins Bett gepackt und ich sitze hier, schreibe diese Zeilen zuende und werde mich dann mit Tee und Schokolade vor den Fernseher setzen. Morgen geht dann die Arbeit wieder los.

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