Ich sehe schlafende Menschen…

Wenn ich mich morgens auf den Weg ins Büro mache, kommt meistens mein weißes Fahrrad zum Einsatz. Mein Arbeitsweg ist nur etwas über einen Kilometer lang, da lohnt es sich wirklich nicht, mein blaues Auto zu wecken.

Neulich musste ich mein Fahrrad in die Werkstatt bringen, weil es sich an den Marzipan-Radwegen den Vorderreifen aufgerissen hatte. Bei der Gelegenheit konnte ich ihm gleich eine Winter-fit-Kur gönnen und überließ es den zarten Mechanikerhänden bis zum nächsten Tag.

Am nachfolgenden Morgen stieg ich um kurz vor neun Uhr in den Bus, um mich von ihm in die Innenstadt chauffieren zu lassen. Ich hatte noch ein Sechstel meiner Mehrfahrtenkarte übrig, entwertete sie pflichtbewusst und schritt den Gelenkbus in den hinteren Teil ab, wo ich mich auf einen der blauen Sitze setzte. Schräg vor mir auf der anderen Seite saß ein älterer Mann. Er hatte schlafend seinen Kopf gegen die Scheibe gelehnt. Dahinter saß ein blonder Siebzehn- oder Achtzehnjähriger mit weißen Ohrhörern und geschlossenen Augen zusammengesunken in seinem Sitz. Ein Stück weiter hinten ein Mädel, das gleich zwei Sitze beanspruchte, um sich auf dem Weg zur Schule noch ein wenig auszuschlafen. Nur die Rentnerin, die zwei Sitze vor mir saß, wirkte munter und ausgeschlafen und schien sich auf den angebrochenen Tag zu freuen.

Wie kommt es, dass an einem so fortgeschrittenen Morgen so viele schlafende Menschen im Stadtbus sitzen?

Am Abend holte ich mein weißes Fahrrad wieder ab, das den ganzen Tag tapfer auf mich gewartet hatte. Mit funktionierendem Licht, frischen Bremsen und einem prallen Vorderreifen wirkte es munter und ausgeschlafen für den viel zu früh ausgebrochenen Herbst…

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