Heiß-kalte Nacht

Meine Schuhe versinken bis weit über die Knöchel im Schnee, als ich aus dem Taxi steige und wie ein Storch zur Haustür stakse. Ein paar Stunden hat die Nacht noch, bevor sie vom Licht eines neuen Tages abgelöst wird. Ich wanke die Stufen hinauf, krächze meinen Katern liebgemeinte Worte zu und verschwinde müde unter der Dusche…

Acht Stunden zuvor:
Mein Freund steht bereits unter der Dusche, während ich noch nach Motivation suche, mich von der bequemen Couch zu erheben. Der Winter ist zurück und hat tagsüber ganze Arbeit geleistet. Es schneit ununterbrochen und der Winterdienst hat alle Hände voll zu tun. Es ist acht Uhr abends. In einer halben Stunde werden wir abgeholt. Mein Freund hat mich dazu überredet, ihn und seine Arbeitskollegen in einen Club zu begleiten. Die Diskothek auf der anderen Seite der Stadt ist für sein sehr junges Publikum bekannt und wir haben es in all den inzwischen sieben Jahren, die wir hier leben, nicht einmal betreten und meine Lust, mit dieser Tradition zu brechen, ist gering. Dennoch sind wir pünktlich fertig und sitzen bald im Font eines Ford. Für den Club ist es noch zu früh und wir treffen uns alle bei Jasmin. Zu zwölft verteilen wir uns in ihrem Wohnzimmer und schröpfen den zusammengetragenen Vorrat an Bier, Wodka, Sambuca und Caipi – behutsam natürlich, damit der Abend kein vorschnelles Ende nimmt. Mit diesen Getränken und netten Leuten geht die Zeit schnell vorbei und schon machen wir uns auf den Weg in die winterliche Nacht. Wer nichts getrunken hat, gibt den Fahrer, wer übrig bleibt, nimmt ein Taxi.

Erst vor der Diskothek in der Nähe der Autobahn treffen wir uns alle wieder. Ein bisschen nervös bin ich schon, mein letzter Clubbesuch liegt inzwischen einige Jahre zurück. Wir halten uns einfach an die Profis, lächeln brav in die Kamera und sind flugs drin. An den Wänden hängen Gemälde in verzierten goldfarbenen Rahmen und altmodische Leuchter hängen von den Decken. Schon an der Garderobe ist es wühlig und scheinbar unübersichtlich. Kurz darauf betreten wir den ersten Barbereich und machen da weiter, wo wir in Jasmins Wohnzimmer aufgehört haben: bei kalten Getränken. So präpariert wechseln wir wenige Meter weiter auf den ersten Dancefloor. Laser schneiden die Luft in feine Scheiben und die Beats massieren das Trommelfell. Dann passiert etwas Seltsames: Irgendwie gefällts mir. Entgegen der strikten und bei jeder Gelegenheit wiederholten Ankündigung, keinesfalls und unter überhaupt gar keinen Umständen zu tanzen, wippen meine Füße rhythmisch, meine Schultern beginnen sich wie von Geisterhand zu bewegen und bald hat es mich doch voll erwischt. Schon fallen die Hüllen – na ja, mehr als den warmen Pullover ziehe ich hier nicht aus – und dann gibt es auch kein Halten mehr.

Nach gefühlt kurzer Zeit wechseln wir den Floor und ich finde mich in rustikaler Kulisse wieder. Keine Laser mehr. Und die mitreißenden Beats von eben sind überwiegend deutscher Musik der Achtziger und Neunziger (und ich glaube Sechziger und Siebziger) gewichen. Hier ist es voller, großartig bewegen kann man sich nicht. Die Luft ist so mit Zigarettenqualm geflutet, dass mir das Atmen schwer fällt. Da hilft nur eins: Ich kämpfe mich zur Bar durch und versorge mich mit einem kühlen Getränk. Ab einem gewissen Pegel finde ich die Musik erträglich, gestatte meinen Füßen wieder zu wippen (zu mehr ist auch kein Platz) und genieße die Gesellschaft. Als sich unsere Mitfahrgelegenheit irgendwann auf den Heimweg machen möchte, beschließen mein Freund und ich, noch zu bleiben.

Gegen vier Uhr sammeln wir unsere Klamotten an der Garderobe wieder ein und treten hinaus in die kalte Nachtluft. Meine Stimme ist dank Qualm und Sangeskünsten für heute dahin, mehr als ein kakophonisches Krächzen kann ich meiner Kehle nicht mehr entlocken. Es schneit noch immer heftig und es sieht so aus, als hätte es die ganze Zeit über auch nicht aufgehört. Wir schnappen uns ein Taxi und lassen uns durch den vielen Schnee nach Hause kutschieren. Zufrieden, überrascht, stinkend und müde.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*