Guter Bulle, böser Bulle

Mein Handy klingelt zweimal. Es ist der Ton der Kurznachrichten-App und noch ehe ich die Augen geöffnet habe weiß ich, dass mein Freund heute doch entlassen wird!

Seit dem Unfall sind jetzt elf Tage vergangen. Am zweiten Tag wurde mein Freund operiert. In seiner Schulter ist ein Knochenstück abgebrochen, das jetzt mit zwei Schrauben wieder an seinem alten Platz befestigt wurde. Ein großer Zeh ist gebrochen, wie man im Nachhinein noch festgestellt hat. Mit dem wird aber nichts gemacht, außer durch einen Spezialschuh entlastet zu werden. Die Hand auf der anderen Seite der verletzten Schulter ist verstaucht. Seit elf Tagen nimmt mein Freund Schmerz- und Schlafmedikamente. Gestern noch hat man ihm überraschend die Entlassung für diesen Samstag versagt. Frühestens Ostersonntag, hieß es, nachdem man ihm im Laufe der Woche dreimal die Entlassung in Aussicht gestellt hatte. Für seinen fortgeschrittenen Krankenhaus-Koller, an dem sein Bettnachbar nicht ganz unschuldig ist, war das eine Hiobsbotschaft und es ist mir am gesamten Karfreitag nicht gelungen, meinen Freund (und mich selbst) aufzuheitern. Wir hatten noch den Arzt zur Rede stellen wollen, jedoch nur eine Stationsschwester erwischt und mit ein paar unbequemen Fragen gelöchert. Natürlich waren wir besorgt, was bei der Behandlung schiefgegangen sein muss, wodurch man den stationären Aufenthalt jetzt offenbar nochmal verlängern müsste. Aber es sei gar nichts schiefgegangen, sagte die Schwester. Davon wüsste sie. Dann spräche ja nichts gegen die morgendliche Entlassung, bohrten wir weiter. „Aber nur gegen den ausdrücklich Rat des Arztes!“, sagte sie. Worin denn der ärztliche Rat bestand, konnte sie dann aber nicht sagen. Immerhin findet seit über eine Woche keine Behandlung mehr statt, mein Freund hält sich den ganzen Tag außerhalb seines Zimmers in der Klinik auf, kennt jede Topfpflanze und die meisten Patienten beim Namen und hat Mühe, seinem Zimmergenossen aus dem Weg zu gehen. Vielleicht wäre die Berufsgenossenschaft der richtige Ansprechpartner für die Entlassung? Immerhin zahlen die ja jeden weiteren Tag…

Es ist Samstag, und dem Lichteinfall durch die blaue Schlafzimmer-Jalousie nach zu urteilen, wird es ein sonniger Tag. Ich greife nach meinem Handy und lese, was ich insgeheim schon wusste: Er wird heute entlassen! Die Ärzte hätten nur „guter Bulle, böser Bulle“ gespielt… Wenn das witzig sein sollte, kann ich nicht drüber lachen. Nicht mal im Nachhinein. Inzwischen habe ich ihn nach Hause gefahren. Es war eine unheimliche Erleichterung, die Klinik hinter uns zu lassen – bei uns beiden. (Und seltsamerweise mischte sich auch ein bisschen Wehmut dazu, nachdem wir seit fast zwei Wochen zahllose Stunden hier gemeinsam im Ausnahmezustand verbracht haben.) In zwei Tagen beginnt seine Reha, die er zum Glück ambulant absolvieren kann. Und dann ist das Drama in ein paar Wochen hoffentlich nur noch eine böse Erinnerung.

4 Antworten auf „Guter Bulle, böser Bulle“

  1. Wenn die sich wirklich einen Spaß gemacht haben, finde ich das unmöglich. Ich hatte diesen Beitrag übrigens erst gestern in meinem Feedreader, sonst hätte ich sicher schon vorher kommentiert.

  2. Erstmal weiter gute Besserung für deinen Freund.
    Beim Lesen sind mir so einige Gedanken und Bilder durch den Kopf gegangen: Mein Freund hatte vor einigen Jahren einen unverschuldeten Autounfall und landete ebenfalls in einem Krankenhaus. Es war zum Glück nicht so dramatisch wie bei euch. Aber ich kann schon nachvollziehen, wie es dir und deinem Freund ergangen ist.
    Hoffentlich wird nun alles gut und die Reha hat Erfolg.

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